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Der einsame Olaf?

Es ist nicht mehr viel Spielraum für die Spekulation, dass doch noch die Vernunft einkehrt und sich vor allem die deutsche Politik ihrer tatsächlichen Interessenlage besinnt. Zu sehr ist man im Netz des Bellizismus verfangen, zu viele Mittel sind aus dem Bereich der zivilen Entwicklung entzogen und in den Rüstungskomplex gebuttert worden. Und es soll noch mehr sein. Während die von amerikanischer Desinformation infiltrierten Kohorten wollüstig in Richtung eines kollektiven Infernos jaulen, steht da manchmal noch ein Kanzler, einsam und zaudernd, weil ihm wohl bewusst ist, wo das alles enden muss, wenn es so weiter geht, wie bisher. Aber was will er machen? Der transatlantische Patron hat ihn in mehrfacher Hinsicht in der Hand, Schergen aus den eigenen Reihen suchen sich durch Eskalation zu profilieren und der sektiererische Koalitionspartner ist von der Vorstellung eines Kommerses im Russenblut seit je besoffen. 

Für den Rest, der teils ungläubig, teils geschockt und desillusioniert das Schauspiel betrachtet, helfen auch keine Fakten mehr, weil die Meute, die auf den Krieg hinarbeitet, angefangen von den Söldnern innerhalb der Parteien bis hin zum Prostitutionsgewerbe im Journalismus, regelrecht imprägniert ist gegen die Wahrheit. Allein die Statements und Auftritte bei der so genannten Friedenskonferenz in der Schweiz dokumentieren ohne Wenn und Aber, worum es geht. Ranghohe Amerikaner schwärmten von den Lithium-Vorkommen im Donbas und den strategischen Ressourcen in Russland und die Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten wies explizit darauf hin, dass man in diesem Krieg nicht aus humanitären oder demokratischen Prinzipien Partei sei, sondern aus geostrategischem Interesse. Wer, von denen, die noch bei klarem Verstand sind, glaubt da noch an das ganze Geschwafel von westlichen Werten? Wer aus strategischem Interesse einer Nation wie der Ukraine allein biologisch die Zukunft nimmt, ist ein Abgesandter des Sensenmannes, nicht mehr und nicht weniger. 

Und da mag er nun, zumindest in einer gedachten Theaterinszenierung, die ihm als Menschen noch einen Tribut zollt, stehen, der einsame Olaf, wie der junge Corleone im Paten, und ringt verzweifelt mit den Händen und deklamiert den berühmten Satz: „Ich dachte, ich wäre da raus, aber nein, dann ziehen sie dich wieder rein!“ Und wir, als von dunklen Gefühlen überwältigtes Publikum, sind wir bereits soweit, dass wir die die dargebotene Tragödie nur noch beweinen können?

Vielleicht ist das gedachte Theaterstück auch eine viel zu humane Konzession an den tragischen Helden? Der ja nicht gezaudert hat, die größte Demütigung, der jemals ein deutscher Kanzler ausgesetzt war, hinweg zu lächeln und so zu tun, als befände sich alles in bester Ordnung? Denn die Sprengung von Nord Stream II, die von den tatsächlichen Verrätern und Terroristen an der bundesrepublikanischen Gesellschaft als Bagatelle abgetan wird, ist als Akt das Ende des westlichen Bündnisses. Das Ende des Verhältnisses zu den USA und das Ende der NATO. Wann dieses Ende kommt, steht noch dahin, aber der Akt einer Zerstörung kritischer Infrastruktur innerhalb eines Bündnisses ist dessen Ende. Und wenn das dokumentiert wird und allen bewusst ist, dann brennt die Hütte in der Zone der untergehenden Sonne. Deshalb wird so lange und so weit wie möglich das Feuer im Osten mit immer neuem Brennstoff bedacht. Das Szenario wird indessen immer biblischer. Der Brudermord hat bereits stattgefunden. 

Feiger Mord und politische Courage?

Wenn ein Menschenleben durch fremde Gewalt vernichtet wird, greifen Politiker, sollte es in das eigene politische Portfolio passen, gerne zu der Formulierung, es handele sich um einen feigen, brutalen und/oder hinterhältigen Mord. Wie gesagt, wenn es passt! Ich habe mich in solchen Situationen immer gefragt, ob es mutige Morde überhaupt geben kann? Lange habe ich diese Frage verneint, bis mir der Tyrannenmord in den Sinn kam. Dieses Gedankenspiel ist sogar im Grundgesetz beschrieben. Ja, darüber kann man streiten. Aber ansonsten? Zumindest kommt niemand auf die Idee, bei einem gewöhnlichen Mord von einer mutigen Tat zu sprechen.

Aber, wie es so ist, vieles hat sich in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen, das unsinnig ist und trotzdem gerne benutzt wird. Nähme man das alles ernst,  dann würde vieles anders verlaufen. Und, wenn wir schon dabei sind, von Mut zu sprechen, wie verhält es sich mit einer Bundesregierung, die miterlebt, dass eine wesentliche Ader der kritischen Infrastruktur wie die Nord Stream Pipeline, vernichtet wird, und man alles daran setzt, um die Ursache im Verborgenen zu lassen? Man erinnere sich: der Angriff auf das World Trade Center im Jahr 2001 wurde nicht nur als ein Angriff auf die kritische Infrastruktur der USA angesehen, sondern es führte sogar zur Ausrufung des NATO-Bündnisfalls und zu einem 20 Jahre dauernden Krieg in Afghanistan, der nebenbei, völkerrechtlich nicht legitimiert war. 

Nähme man dieses Handlungsmuster, das, rückblickend betrachtet, an Absurdität nicht zu überbieten ist, und wendete es auf Nord Stream an, dann ist nicht auszudenken, was passieren müsste. Der NATO-Bündnisfall müsste ausgerufen werden, weil tatsächlich ein massiver, verheerender Angriff auf die kritische Infrastruktur stattgefunden hat. Und, vieles spricht dafür, es käme zu einem Bündnisfall innerhalb des Bündnisses. Da tanzt der Teufel natürlich auf dem Tisch und singt mit galliger Stimme zynische Lieder. Was für ein Irrsinn.

In diesem Zusammenhang sollte Vorsicht geboten sein, die Kategorie „Mut“ in diesem Kontext gegenüber der Bundesregierung zu bemühen. Die Verantwortlichen werden wissen, wie prekär die Lage ist, wenn öffentlich wird,  wie innerhalb des eigenen Bündnisses agiert wird.  Dass in diesem Kontext das Gebrüll gegenüber Russland besonders laut ist, muss, dieses Urteil liegt auf der Hand, als eine Übersprungshandlung gewertet werden. Das wissen die Beteiligten. Und deshalb halten sie auch an dem Narrativ fest, das sie täglich, ununterbrochen und bis zum Erbrechen verbreiten. Dass die so geheiligte NATO als verlängerter Arm einer zunehmend aggressiver werdenden USA (sofern eine Steigerung im Hinblick auf die Zeit nach dem II. Weltkrieg überhaupt noch möglich ist) im Wissen um Russlands rote Linien den Krieg mit verursacht haben und seitdem immer weiter eskaliert, gehört ebenso zu den Wahrheiten, die in Bezug auf die Selbstverortung existenziell sind.

Vielleicht ist das Schweigen im Hinblick auf diese Faktenlage sogar so etwas wie eine mutige Aktion. Die Akteure wähnen sich vielleicht sogar als politisch couragiert. Allerdings mit dem Risiko, dass, sollte endlich herauskommen, wer in diesem Spiel welche Rolle spielt und gespielt hat, es zu einer Entladung kommt, die sich niemand vorzustellen vermag. Wenn herauskommt, dass die Bundesrepublik Deutschland nichts anderes ist als ein Protektorat der USA, das als Einsatz im Spiel um die Weltherrschaft auf dem Tisch liegt und das mental komplett auf den Hund gekommen ist? Selbstachtung? Selbstbewusstsein? Mut? Behauptungswille? Das wäre ja alles nicht auszudenken! Wohin würde das führen?  

Kritische Infrastruktur und Tarifautonomie

Wenn es nicht so schrill wäre. Wenn es nicht so dreist wäre. Wenn da nicht das Gefühl vorherrschte, alles machen zu können. Jenseits der Logik, jenseits der Vernunft, jenseits dessen, was von den Gutgläubigen als gesunder Menschenverstand bezeichnet wird. Unter dem Schutzschirm des großen Lautsprechers, der das erzwungene Auditorium traktiert, als handele es sich um einen Freibrief zur Körperverletzung und der seelischen Grausamkeit. Deshalb machen sie es. Weil sie es können. Wie lange, das ist und bleibt die Frage. Denn, auch das wissen wir, nichts ist von Dauer. Und alles wird vom Wind der Zeit hinfortgeblasen.

Täglich bekommen wir Futter. Für diesen Umstand. Dass sie meinen, sie dürften alles, ohne an eine Grenze zu stoßen. Ein aktuelles Beispiel ist die Thematisierung der kritischen Infrastruktur. Natürlich sprechen die Vertreter der Freien Demokraten, die sich bereits mit ihrer offenen Waffenlobby einen sichern Platz für eine zukünftige Anklage erworben haben, nicht von dem terroristischen Akt der Zerstörung von Nord Stream 2. Denn dort ist der größte Anschlag auf die kritische Infrastruktur der Bundesrepublik Deutschland seit ihrer Existenz verübt worden. In diesem Fall schweigen die so besorgten Hüter des Staates. Nein, diesmal geht es um die Bundesbahn.

Und mit der Bundesbahn als ein allgemein zu beobachtendes Leck in der öffentlichen Infrastruktur, das entstanden ist durch so genannte Privatisierung, das entstanden ist durch unterlassene Wartung und nicht getätigte Investitionen und das entstanden ist durch reihenweise überfordertes und gleichzeitig hoch dotiertes Management. Nein, sie meinen selbstverständlich die streikenden Eisenbahner. Genauer gesagt die Lokführer. Mit einem Gewerkschaftsvorsitzenden, der quasi als Unikat unter ansonsten weichgespülten Erfüllungsgehilfen des Neoliberalismus in der Vitrine steht. Wer einen Eindruck davon bekommen will, welche Aufgabe Gewerkschaften in der Vergangenheit hatten, der besehe sich diesen Mann. Er kämpft mit harten Bandagen für die Interessen der bei ihm Organisierten. Dass das den neoliberalen Waffendealern, Rentenbörsianern und Infrastrukturschützern ein Dorn im Auge ist, verwundert nicht. Deshalb der Gag mit dem Angriff auf die Tarifautonomie.

Auch dieser Fall zeigt, dass nicht nur der eine oder andere Fall dokumentiert, wie verlottert bestimmte Parlamentariergruppen unterwegs sind. Nein, er macht deutlich, dass es neben all dem Dilettantismus und belanglosem Gerede eine ganz klare Kontur gibt. Es existiert eine geostrategische Verpflichtung, die so groß ist, dass sie aus eigener Kraft nur dann erfüllt werden kann, wenn neben den entfernten, aber immer näher kommenden heißen Kriegen auch der Krieg im eigenen Land, der der Reichen gegen die Bedürftigen, der der Begüterten gegen die Mittellosen mit Vehemenz geführt werden soll. Dafür steht die genannte Partei wie keine andere, obwohl sie nicht die einzige ist. 

Insofern kann die Standhaftigkeit der Lokführergewerkschaft, ob man die konkreten Ziele teilt oder nicht, auch als ein Zeichen gelesen werden, das Aufschluss darüber gibt, wie man diesen Herrschaften am besten begegnen kann. Unabhängig davon, welchen semantischen Unsinn sie aus der Jauchepumpe holen. Wenn ihnen die kritische Infrastruktur am Herzen liegt, dann sind sie im Soll! Nicht die Lokführer. Aber wer von der eigenen Armseligkeit ablenken will und wer sich im Schutze der Meinungsindustrie zu wissen glaubt, der fühlt sich unangreifbar. 

Organisation. Klare Ziele. Entschlossenheit. Standhaftigkeit. Und Kampfbereitschaft. Das sind die Attribute, um die es geht.