Analogie? Déjà-vu? Nur ein altes Dokument?

„Meines Wissens ist das Brüningregime die erste Studie, und, sozusagen, das Modell gewesen zu einer Regierungsart, die seither in vielen Ländern Europas Nachahmung gefunden hat: Der Semi-Diktatur im Namen der Demokratie und zur Abwehr der echten Diktatur. Wer sich der Mühe unterziehen würde, die Regierungszeit Brünings eingehend zu studieren, würde hier schon alle die Elemente vorgebildet finden, die diese Regierungsweise im Effekt fast unentrinnbar zur Vorschule dessen machen, was sie eigentlich bekämpfen soll: die Entmutigung der eigenen Anhänger; die Aushöhlung der eigenen Position; die Gewöhnung an Unfreiheit; die ideelle Wehrlosigkeit gegen die feindliche Propaganda; die Abgabe der Initiative an den Gegner; und schließlich das Versagen in dem Augenblick, wo alles sich zu einer nackten Machtfrage zuspitzt.“

Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, S. 86f.

Aktuelle Kriegspropaganda und Dantes Inferno

In gewisser Weise macht es keinen Sinn mehr, sich zu echauffieren. Über eine Entwicklung, die vor zwanzig Jahren mit dem amerikanischen Irak-Krieg begann. Da kam man auf die glorreiche Idee, Berichte über den Krieg nur von denen zuzulassen, die von den eigenen Streitkräften, d.h. einer aktiven Kriegspartei, instruiert wurden. Gerade die amerikanische Armee wusste, wie negativ es sich auswirken kann, wenn unparteiische Kriegsreporter berichteten, was sie sahen. Hätte es solche, und man verzeihe mir die Formulierung, hätte es solche Helden nicht im Vietnam-Krieg gegeben, wer weiß, wie lange das Morden und das Abladen von Agent Orange noch angedauert hätte. Die neue Form der von der eigenen Kriegspartei geführten Reporter nannte man eingebetteten Journalismus (imbedded Reporting). Dass es sich dabei um nichts anderes als Propaganda handelte, war den Initiatoren egal. Ganz im Gegenteil, die Kriegspropaganda war das Ziel. 

Damals, wie gesagt, vor zwanzig Jahren, kam ein Aufschrei aus den Redaktionen aller Zeitungen des freien Westens. Vor allem in Deutschland schüttelte man den Kopf. Aber, auch das sollten wir uns noch einmal vor Augen halten, da gab es auch einen Bundeskanzler, der sich an diesem Krieg nicht beteiligte, weil er wusste, dass sein Anlass auf einer Lüge basierte. Dass die dann ca. eine Millionen Tote verursachte, wurde von Politikern der Kriegspartei danach immer noch als sachgemäß bezeichnet. Nur mal so, zur Vergegenwärtigung.

Sieht man sich die Berichterstattung sowohl über den Krieg in der Ukraine als auch in Gaza an, dann wird deutlich, dass sich die von den aktiven Kriegsparteien favorisierte eingebettete Art der „Information“ zumindest in einem Großteil der Medien durchgesetzt hat. Da sind Journalistinnen und Journalisten unterwegs, die offen bekennen, dass sie Partei sind. Teilweise tragen sie sogar die Uniformen einer Kriegspartei und rauschen auf deren Panzern an die Front. Und bitte,  verzeihen Sie mir auch diese Analogie, der Gedanke entspringt meinem Entsetzen über diese Formen der Verlotterung eines einstmals ehrwürdigen Berufsstandes, ein Josef Goebbels würde diese Entwicklung mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen. 

Gesellschaftlich, so scheint es, tragen zumindest viele politische Mandatsträger diese Perversion durch parteiische Propaganda mit und blasen in das gleiche Horn. Man sehe sich nur an, wie selbst die exponiertesten und dreistetesten Propagandisten einer Kriegspartei noch mit den Ehrungen der Republik geschmückt werden. Was wir in dieser Hinsicht mit anschauen müssen, ist eine kaum erträgliche Dokumentation demokratischen Verfalls. Dass das die Akteure nicht merken, sondern noch davon überzeugt sind, dass sie richtig handeln, zeugt von dem tatsächlichen Zustand des Modells Demokratie.

Und, nur als kleiner Hinweis in Bezug auf andere Zeiten, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie die Darstellung kriegerischer Konflikte aussehen könnte, ohne auf dem Panzer einer Partei zu sitzen, sei ein Griff ins Bücherregal erlaubt:

Peter Scholl-Latour, Der Tod im Reisfeld,

oder ebenfalls informativ und unter die Haut gehend, 

Christopher J. Koch, Das Verschwinden des Michael Langford.

Wenn Sie dann noch glauben, Sie hätten es bei den gegenwärtigen Konflikten mit etwas anderem zu tun, als mit Propaganda, dann lesen Sie Dantes Inferno. Das verschafft bestimmt Erleichterung! 

Besser, anders, schlechter – über den Verlauf der Zukunft

Sage niemand, aus dem Zeitgeist ließe sich nichts ablesen! Und behaupte niemand, der Verweis auf die Sprachhülsen, die für jedermann sichtbar auf der Straße liegen, sei nichts anderes als ein Dokument einer negativen Weltsicht. Nein, was ist, das ist und was gesagt werden muss, muss gesagt werden. Wie wäre es mit dem Vergleich dessen, sagen wir einmal, die Menschen hier, auf den Plätzen der westlichen Zivilisation, vor zwanzig, dreißig Jahren noch über die Zukunft redeten. 

Da war man in der Regel davon überzeugt, dass alles besser würde. Und irgendwann, als man so langsam merkte, dass dieser Konsens nicht mehr so ganz dem entsprach, was alle hofften, tauchten die ersten Sonderlinge auf, die sagten, es würde nicht besser, sondern anders. Da schmunzelten noch viele über die schrägen Vögel, die so etwas behaupteten. Und dann stellten die meisten Menschen fest, dass es tatsächlich nicht mehr besser wurde, aber anders. 

Aber damit konnte man noch leben. Und die Zeit verging, und eine Krise löste die andere ab. Da kam es vor, dass die Altersversorgung des einen oder anderen an einem Tag verbrannte,  da wurden plötzlich Arbeitsplätze gefährdet, weil sich auf der Welt so etwas wie Sanktionen als Mittel, eigene Interessen durchzusetzen, etablierte. Da brachen Kriege aus, für die natürlich niemand verantwortlich war, und Menschen flohen aus ihrer Heimat, die nach Menschenfleisch roch. Und es wurde geputscht und bombardiert, Vergeltung geübt und immer wieder blockiert. 

Dann kam eine Seuche und Mann begann, sich gegenseitig zu unterstellen, dass die Ursachen sowohl unter dem Mikroskop als auch in den Köpfen lag. Und irgendwann, wenn man sich fragte, wie wohl die Zukunft aussehen könnte, begannen die Leute zu antworten, dass sie befürchteten, dass alles noch viel schlimmer wurde. Nichts schien mehr dafür zu sprechen, dass es nur anders, geschweige denn sogar besser werden würde. Und selbst bei der Feststellung dieses Wandels konnte man feststellen, dass man sich mehr und mehr misstraute. 

Da wurde dann mal schnell unterstellt, dass denjenigen, die nichts Schlimmes ahnend diese Feststellung machten, der Verlust des Verstandes, eine Agententätigkeit für feindliche Mächte oder generell eine Gesellschaftsfeindlichkeit unterstellt wurde. Und viele von denen, die wachen Auges durch das Leben gingen, begannen, ihre Beobachtungen für sich selbst zu behalten.

Insgeheim hofften sie vielleicht, dass die Lauten, die von den besten Verhältnissen aller Zeiten sprachen, mit ihren Illusionsschiffen ordentlich havarieren würden. D.h., sie hofften, dass alles so richtig schlecht würde. So schlecht, dass allen plötzlich die Augen geöffnet würden und sie sich versammelten, um für eine bessere, gemeinsame Zukunft zu streiten, in der die ganze Zwietracht und Missgunst der Vergangenheit angehörten. Doch, und das war sehr ernüchternd, dann tauchten tatsächlich Zeitgenossen auf, die einwarfen, sie hielten auch das für eine Illusion.