Nicht aufregen! Notizen machen!

Was machen, wenn selbst in den Nachrichten keine Gewissheit mehr herrscht. Dort wimmelt es von Formulierungen, die nur eines als gesichert vermitteln: die Spekulation. Alles ist umstritten, dieses ist wohl so, oder einfach nur vermeintlich, so von einer ungesicherten Quelle verbreitet, natürlich kann niemand irgend etwas verifizieren. Und hinzu kommt, dass zwischen den offiziellen Statements derer, die da vermeintlich für die gemeinsame Sache unterwegs sind und dem, was sie hinter verschlossenen Türen beraten, Welten liegen. Niemand weiß genaues. Das aber mit Inbrunst.

Da gibt es dennoch die einen, die das alles für bare Münze nehmen, sich offiziell des Lebens freuen und nur ganz selten, mit der einen oder dem anderen Vertrauten, unter dem Stempel der Verschwiegenheit, Zweifel anmelden. Nach außen hin sind sie sich jedoch sicher. Bloß nicht den Anschein erwecken, dass da irgend etwas aus der eigenen Anschauung nicht koscher sein könnte. Das wäre lebensgefährlich. Denn es führte dazu, dass man nicht mehr dazugehört. Zur verschworenen Gemeinschaft der intakten Illusion.

Und es existieren andere, die ihrerseits bei jeder Spekulation, die sie erreicht, einen anderen Zweifel hegen. Nämlich den, dass das Verwegene nicht weit genug geht. Dass alles, was die Feindbilder angeht, noch schlimmer,  weitaus schlimmer ist, als gedacht und dass die eigenen Verfehlungen nichts anderes sind als das vergebliche Bemühen der feindlichen Propaganda, das eigene Nest zu beschmutzen. Sie sind die Gewinner der Stunde und die mentalen Krieger bis zur bitteren Neige. Sie gehören zu denen, denen Konfuzius riet, wenn sie sich aufmachten auf ihren Kriegspfad, sollten sie nicht vergessen, vorher zwei Gräber auszuheben: eines für den Feind und eines für sich selbst. Dass sie in der gegenwärtigen medialen Übermittlung Heldenstatus genießen, lässt eine Prognose zu: gut ausgehen wird es mit ihnen nicht.

Und dann gib es noch die, denen von Anfang an die laut tönenden, durch spekulative Formulierungen vermittelten Gewissheiten suspekt waren. Sie versuchten, mit dem, was sie gelernt hatten, das ganze Tamtam zu dechiffrieren und sie kamen sehr schnell zu dem Schluss, dass da ein Spiel gespielt wird, dass mit den eignen Interessen und mit mit den offiziell deklarierten Zielen nicht viel gemein hat. Dass da eine Agenda herrscht, die nicht denen dient, um die es vermeintlich geht. Weder um die völlig zu Unrecht Überfallenen noch um die überall da unten, für die doch so viel getan werde. Sondern um die, die immer nur eine Agenda haben, die so tradiert wie primitiv ist: Geld verdienen, möglichst viel, egal zu welchem Preis, Hauptsache, man zahlt ihn nicht selbst.

Dass ausgerechnet diese dritte Gruppe zum Hauptfeind deklariert wurde, ist letztendlich der Beweis für ihre richtige Einschätzung. Wer so mobilisiert gegen eine auf logisches Denken und eine friedlich formulierte Kritik, der ha sich selbst entlarvt. Inquisition gegen Demokratie? Ja, so sieht es aus. Schauen Sie genau hin!

Und dass die Kritik an der Kritik immer banaler wird, dass da sowohl von den Funktionären wie den Messengern mit Attributen um sich geworfen wird, die die Kritik als das Werk schlechter Laune, grenzenloser Dummheit oder die bezahlte Propaganda des Feindes bezeichnet, ist ein weiteres Indiz. Von den vermeintlichen Nachrichten bis zum gehypten „politischen Kabarett“, die Liste der Delinquenten ist lang. 

Um Talleyrand zu zitieren, einen, der alle Stürme überlebt hat: Nicht aufregen! Notizen machen!  

Das Inferno des Totalitarismus

Eugen Ruge. Metropol. Roman

Der im russischen Soswa/Swerdlowsk geborene deutsche Schriftsteller Eugen Ruge entstammt einer Familie gestandener Kommunisten. In seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2011), der ein großer Erfolg war und auch prominent verfilmt wurde, hat er dieser Familie einen Epitaph gewidmet. Mit allem, was dazu gehört. Er schildert dort den trotz eines von Brüchen und Enttäuschungen durchsetzten Lebens festen Glauben an die gute Sache. Obwohl ihr Leben durch Verfolgung, Flucht und Exil geprägt war, und obwohl dann diejenigen, die diese Odyssee überlebt haben, in einem Land gestrandet waren, in dem sich vieles von dem wiederholte, das zu den zahlreichen, schamhaft verdeckten Narben geführt hatte, wollten sie von ihrem Grundbekenntnis nicht weichen.

Eugen Ruge hat diese Geschichte nicht losgelassen. In dem Roman „Metropol“ (2019) hat er nahezu ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung von „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ die Familienchronik noch einmal belebt. Das Hotel Metropol, ebenso sagenumwoben wie mysteriös wie das Hotels Lux im Moskau der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, wurden viele kommunistische Funktionäre und Exilanten aus aller Herren Länder Zeitzeugen und Opfer dessen, was im Rahmen der Säuberungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion geschah und unter der Chiffre der Moskauer Prozesse in die Geschichte eingehen sollte. 

Analog zu Arthur Koestlers Roman „Sonnenfinsternis“, in dem er die psycho-pathologischen Prozesse ehemals prominenter Revolutionäre unter den Bedingungen von Haft und mentaler Folter beschrieb, seziert Ruge am Beispiel seiner Großmutter und der mit ihr verbundenen Familienmitglieder und Freunde das, was sie durchmachten, als sie aus ihrer Funktion in einer Sektion der Kommunistischen Internationale entfernt und im Hotel Metropol einquartiert wurden. Ruge schildert anhand der Verhaltensmuster, der Paranoia, die damit beginnt, anhand von protokollarischen Kleinigkeiten das eigene Schicksal deuten zu wollen und anhand von verschiedenen Vertretern des allmächtigen Apparats, wie brutal sich die Stalinisierung Bahn brach und dass sie alles vernichtete, was sich dem entgegenstellte. Es reichte vom ganz normalen Wahnsinn bis zum Kopfschuss. 

Überall lauerten vermeintliche Verräter, die gestern noch Helden der Revolution gewesen waren, Richter und Staatsanwälte begannen, ihre Effizienz daran zu bemessen, wieviele Todesurteile sie an einem Tag durchdrücken konnten und die Opfer saßen wie die Kaninchen vor der Schlange, wagten nicht mit den anderen Betroffenen über ihr Schicksal zu sprechen und hofften auf einen milden Ausgang, was den meisten allerdings nicht vergönnt war.

Eugen Ruge beschreibt in einem Nachwort, wie lange und wie akribisch er recherchiert hat, um der Sache etwas auf den Grund zu kommen. Da es sich bei den Deutschen um eine geheim operierende Abteilung der Kommunistischen Internationale handelte, wurde zum Beispiel selbst in der Sowjetunion nicht über den Standort jener Abteilung, die aufgelöst und deren meiste Mitglieder einfach liquidiert wurden, Buch geführt.

Bei dem Roman „Metropol“ handelt es sich um eines jener Glanzstücke von Literatur, deren Konsum der Leserschaft aufgrund der dort umrissenen Abgründe nicht gut bekommt, aber dennoch notwendig ist. „Metropol“ zeigt, wo die menschliche Kreatur landet, wenn sie sich dem Geist des Totalitarismus einmal hingegeben hat. Egal wo, egal unter welcher Flagge! Der Totalitarismus macht aus dem menschlichen Geist ein Inferno. Und niemand kommt mehr heraus! 

  • Herausgeber  :  Rowohlt Taschenbuch; 3. Edition (23. März 2021)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  432 Seiten
  • ISBN-10  :  3499000970
  • ISBN-13  :  978-3499000973