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Der Grenzbeamte von Del Rio

Hunderte Meilen, große Städte wie Dallas, Austin und San Antonio lagen bereits hinter uns und nun ging es nach Bracketville. Dort hatte Andrea Ende der Achtziger für ein Jahr als Lehrerin gearbeitet und nach fünfzehn Jahren wollte sie wieder einmal ihre Schule in Bracketville und die ehemaligen Kollegen besuchen. Damals war sie im Rahmen einer Art Unterstützungsprogramms der Bundesregierung für die marode Volksbildung entlang des Rio Grande dorthin verschlagen worden, hatte tatsächlich die wildesten Geschichten erlebt, von doppelköpfigen Schlangen und Eifersuchtsschießereien in Klassenzimmern bis hin zu Lebensbedingungen, die euphemistisch als Abenteuer pur zu beschreiben waren.

Doch wir schrieben nun das Jahr 2004 und konnten Zeugen einer atemberaubenden Entwicklung werden. Die großen Städte hatten uns bereits beeindruckt, zeugten sie doch von großer Modernität, einer spürbaren positiven Sozialdynamik und verrieten sie kaum noch etwas von den desolaten Zuständen, die aus den damaligen Beschreibungen Andreas, die übrigens sehr erfolgreich in der Frankfurter Rundschau gedruckt worden waren, noch aus den Filmen um Drogenkartelle und abgedrehte Desperados, die ein Szenario staubigen Schurkentums, abrissreifer Häuser und nicht funktionierender Wasserleitungen schufen.

Als wir im wirklich fernab gelegenen Bracketville ankamen, nahmen wir zunächst ein Zimmer in einem alten Militärfort, das zum Hotel umfunktioniert worden war und fuhren danach zur Schule. Obwohl bereits sechs Uhr abends, waren alle Lehrer noch anwesend und die ehemalige Kollegin wurde mit einem großen Hallo empfangen. Die Schule machte einen hervorragenden Eindruck, sowohl baulich, von der technischen Ausstattung her und besonders was die pädagogische Arbeit mit den Kindern anbetraf. Andrea war außer sich, denn sie konnte kaum glauben, was sie sah und sich in den letzten fünfzehn Jahren alles zum Guten verändert hatte.

Die Lehrer erzählten, dass ein großer Ruck durch Bracketville und die ganze Region gegangen sei und immer größeres bürgerschaftliches Engagement dazu beigetragen habe, die Bildungssituation so positiv zu verändern. Ansässige Unternehmen belieferten Schulen mit technischem Equipment, schrieben Preise aus, viele Bürger übernähmen Patenschaften für schwierige Schülerinnen und Schüler oder vergäben Stipendien. Es ei wie ein Wunder, aber die ganze Region profitiere von einem großen Umdenken der Gesellschaft in Bezug auf die Bildung. Auch die Regierung habe umgedacht, die nicht mehr zu haltende Position, man befinde sich in den USA und es gäbe nur eine Unterrichtssprache, und die sei Englisch, sei fallen gelassen worden. Man setze auf Bilingualität und habe sogar hispanische Gymnasien erlaubt, was zur Herausbildung eines hispano-amerikanischen Mittelstands geführt habe, der sich als Turbo für die wirtschaftliche Entwicklung und die positiven Wirkungen der North American Free Trade Association auf amerikanischer wie mexikanischer Seite geführt hätte.

Tief beeindruckt verabschiedeten wir uns aus der Schule und Andrea verabredete sich mit einigen Lehrern für den folgenden Tag. Wir fuhren zurück zum Fort, wo auch ein Restaurant war und genossen nach einem Gewitter einen halbwegs kühlen Abend am Rande der Wüste.

Am nächsten Tag ging Andrea ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nach, während wir anderen uns die Zeit mit Lesen und Schwimmen vertrieben. Für den Abend hatten wir geplant, im nahe gelegenen Del Rio über die Grenze nach Mexico zu gehen und dort den Grenzort anzusehen.

Am späten Nachmittag kam Andrea zurück und es war bereits dunkel, als wir uns auf den Weg nach Del Rio machten. Wir waren ungefähr eine halbe Stunde unterwegs und hatten bereits einige Schlangen überfahren, als wir die roten Lichter einer Patrouille der Border Control sahen. Solche Kontrollen gehörten zur Tagesordnung, entlang des Rio Grande sind die Quoten der illegalen Einwanderer besonders hoch und der Versuch der Regierung, durch rigorose Kontrollen dem Einhalt zu bieten, sind zwar erfolglos, sie gehören aber wohl zur Aufrechterhaltung der Illusion der eigenen Handlungsfähigkeit.

Natürlich wurden wir angehalten, wie immer blieben die Hände schön auf dem Lenkrad, während die anderen sehr langsam und sichtbar die Pässe Richtung Fahrerfenster reichten. Wir lösten mit unseren deutschen Pässen immer etwas Ratlosigkeit aus, weil die meisten Beamten mit diesen roten Dingern aus dem wer weiß wo liegenden Germany nicht viel anfangen konnten. Doch dieses Mal hatten wir etwas Glück, weil der uns kontaktierende Officer uns gleich als Guys aus Good Old Germany identifizierte und uns erzählte, er sei für zwei Jahre in Idar-Oberstein stationiert und es sei eine tolle Zeit gewesen. Als ich ihn fragte, ob er denn Diamanten gefunden und mitgenommen hätte, lachte er laut auf und gab uns ohne großes Brimborium die Pässe zurück, ohne nicht zu vergessen uns zu ermahnen, drüben in Mexico auf uns aufzupassen.

Da wir einen Leihwagen hatten, war es geraten, den auf der amerikanischen Seite zu lassen. Als wir die Grenze anfuhren, stellten wir das Gefährt auf einem Parkplatz ab und suchten ein Taxi, was nicht ganz so einfach war. Schließlich fanden wir eine ziemlich klapperige mexikanische Kiste und verhandelten mit dem Fahrer über den Preis. Er war horrend, aber was sollten wir machen. Also zwangen wir uns hinein und kamen uns vor wir in einem fahrenden Christbaum. Es funkelte hier und da, mal rot, mal blau, mal grün, ein überdimensionaler heiliger Christopherus baumelte von dem zerschlagenen Rückspiegel herunter, auf dem Armaturenbrett standen gleich mehrere blinkende Madonnen, die eine von Guadeloupe, die andere von Acapulco und sonst woher. Aus dem Radio schrabbelte klarinettendurchdrängte Marriacimusik und der Fahrer war reichlich unrasiert und hatte eine fürchterlich stinkende Kippe im Mundwinkel. Manfred, der auf dem Rücksitz saß, fing gleich sehr aggressiv an zu stänkern und meinte nur, es sei Gott sei Dank nicht weit bis über den Fluss und es wundere ihn überhaupt nicht, dass es mit den Katholikenkanaillen da drüben nicht vorwärts gehe.

Der amerikanische Grenzer war nicht allzu pedantisch und der mexikanische schlief, sodass wir in wenigen Minuten in einer anderen Welt waren. Der Taxifahrer setzte uns an einem verlassenen Platz ab und machte sich ohne Gruß gleich aus dem Staub.

Der Ort wirkte nicht nur wegen der hereingebrochenen Nacht dunkel und verlassen. Es schien, als hätten alle das Licht ausgeknipst. Hier und da sah man wenig Vertrauen erweckende Gestalten von einem Eck ins andere huschen, und ab und zu traf man auf herumkrakeelende junge Amerikaner, die sichtlich von Bier und Tequila gezeichnet waren und sich in irgendwelchen Bordellen auszutoben gedachten. Wir liefen etwas desillusioniert durch die leeren Straßen und sahen den Erfolg unserer Expedition doch schon gefährdet, als wir ein ehemals prächtiges Gebäude erblickten, das wohl das erste Restaurant am Ort sein sollte. Wir schritten auf die halb verfallene Villa im Kolonialstil zu und erblickten von außen einen hell erleuchteten Speisesaal, der gut besucht war.

Also betraten wir das Restaurant und ein Kellner in einer äußerst speckigen Uniform empfing uns sogleich mit einem durchtrieben servilen Lächeln, fragte uns in einem erbärmlichen Englisch, ob wir zu speisen gedenken und führte uns dann zu einem Tisch, dessen Decke sehr lädiert und mit Löchern fallen gelassener Zigaretten ornamentiert war. Die Stühle waren steil und unbequem, die mächtigen Kronleuchter warfen ein talgiges Licht. Während unsere Damen wie immer die Fassung wahrten, begann es schon bei Manfred zu rumoren und er warf die ersten defätistischen Bemerkungen ein, die immer darauf hinaus liefen, dass man besser auf der anderen Seite in Texas geblieben wäre und sich dort einem zünftigen BBQ verschrieben hätte. Andrea, wie immer Dame von Welt, lächelte den Kellner gelassen an und sprach in freundlichem Ton, so mehr für uns alle, wir sollten doch einfach mal sehen, was passiert.

Nachdem der Kellner uns mit den Speisekarten alleine gelassen hatte, wählten wir recht treffsicher Tortillas, mit scharfem Rindfleisch gefüllte Enchiladas, Empanadas, Avocadocreme und Nachos. Der Kellner kam, wir bestellten das Ganze und natürlich Bier, das er in Karaffen bringen wollte, doch Manfred intervenierte fast schreiend, ihm seien Flaschen doch lieber, wenn es ginge San Miguel, und weil das der Fall war, hellte sich sein Gesicht ein wenig auf. Die Getränke waren schnell gebracht und nach dem ersten großen Schluck machte sich doch mehr Gelassenheit breit und wir hatten auch ein Auge auf die anderen Gäste. So wie es aussah, waren noch einige amerikanische Geschäftsleute unterwegs, die sich über große Steaks hermachten und sich sichtlich wohl fühlten. Hier und da sah man auch eher gesetzte Paare amerikanisch-mexikanischer Zusammensetzung, d.h. große, schwergewichtige amerikanische Männer mit einem gutmütigen Gesichtsausdruck und zierliche, mit stolzer Zurückhaltung dasitzende mexikanische Frauen. Alles in allem also eher vertrauenserweckend, mäßig, bürgerlich und völlig unspektakulär. Die Eindrücke führten dazu, dass Manfred sichtlich entspannte und damit begann, alles in einem leicht süffisanten, zynischen Lichte zu betrachten.

Unsere Unterhaltung durchquerte also eher angenehme, etwas wortwitzige Zonen, als der Kellner wieder erschien und reichlich auftischte. Gut gelaunt begannen wir, uns die Texmexmahlzeit einzuverleiben. Es war, wie zu erwarten, nicht das große Erlebnis, aber insgesamt konnte man es doch mit etwas Genuss essen. Unsere Stimmung war dennoch gerettet und Manfred ließ sich immer wieder mal ein Fläschchen Bier bringen. Die auch bei ihm zusehends gelöste Stimmung sorgte dafür, dass er begann, in der ihm eigenen Weise einen Vortrag zu halten über die Welt, mit der wir uns hier, an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, konfrontiert sahen.

„Das, was ihr hier seht, ist die große Frontlinie zwischen dem protestantischen Amerika und dem katholischen Mexiko. Und, Gerd, da siehst du es mal wieder: Hier die große Leistungsethik, die gute Organisation, das Streben nach Verbesserung und Glück, und dort, beziehungsweise hier und heute Abend, eine der abgeschlunztesten Formen des Katholizismus. Fatalismus, Dreck, Rückständigkeit und die ständige Bereitschaft, zu lügen und zu betrügen. Und sag mir jetzt nicht, der Katholizimus sei die Versöhnung des christlichen Menschen mit dem irdischen Dasein. Das glaubst du doch selbst nicht! Die können ja nicht mal kochen. Drüben in Texas, bei den Protestanten, haben wir bis jetzt immer wesentlich besser gegessen.“

Während Manfred sich, immer wieder unterbrochen von Kauen und einem großen Schluck Bier, in seine Suada hineinsteigerte, verdrehten die beiden Frauen gelassen und unauffällig die Augen, während ich als angesprochener mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Das bewirkte, wie ich aus jahrelanger Erfahrung wusste, dass sich Manfreds Engagement und die Schärfe seiner Argumente nur noch steigern konnten. Und natürlich sollte ich Recht behalten. Denn nach dem ersten Lachen meinerseits kam gleich die Steigerung.

„Und das schlimmste ist der zynische Fatalismus von dem ganzen Katholenpack. Statt der Realität ins Auge zu sehen, stecken sie sich ihren fettigen Fraß ins unreflektierte Maul und grinsen dämlich. So geht natürlich der ganze Westen den Bach runter. Ihr habt ja in Dallas gesehen, das die USA momentan jede Menge Soldaten in den Irak schicken, um den genauso verkommenen Muselmännern den Marsch zu blasen. Und zwar am Boden. Keine klinisch sauberen Aktionen aus der Luft, nein, die Neger aus Alabama halten den Arsch hin, damit die schlunzigen Katholiken ihre heile Vorstellung von einer friedvollen Welt weiter in den Äther lallen können. Und im Grunde sind diese verfickten Katholiken genauso wie die Muselkutten, einfach nur faules zynisches Pack, dass sich gern an den Früchten der Arbeit anderer ergötzt.“

„Und somit“, erwiderte ich immer noch gut gelaunt, „haben wir eine gestochen scharfe Analyse weltpolitischer Dimension, warum das Essen in diesem Etablissement erstens zu fett und zweitens schlecht gewürzt ist. Und, vielleicht zu eurer aller Überraschung, ich gebe Manfred vollkommen Recht. Hätten wir den Protestantismus nicht gehabt, dann hätte die Weltgeschichte den Kolonialismus nie gesehen, sondern wir wären leistungsethisch direkt in den Kapitalismus gesprungen und die Welt sähe heute ganz anders, mehr aufgeklärt und weniger despotisch aus. Die holländische Kolonialepisode in Südostasien mit ihrer verheerenden protestantischen Plünderungsethik klammern wir mal aus, so was kommt vor, die Weltgeschichte ist kein Buchhaltungsprogramm.“

Mehr hatte ich nicht zu tun, denn Manfred merkte, dass er zwar nicht ganz, aber immerhin ein wenig ernst genommen wurde und deshalb wich die Aggressivität aus dem Dialog und der Humor fand wieder seinen Weg zurück. Das Bier hingegen, deklamierte er jetzt schon äußerst laut, ist von katholischer Hand immer besser als von protestantischer gebraut und hielt dabei die leere Flasche hoch, sodass der Kellner reagieren konnte.

Durch diese Signale wurde die Stimmung wieder gelöster und die Anspannung wich in Sekundenschnelle aus den Gesichtern unserer Begleiterinnen. Unser Essen ging dem Ende zu und eine wohlige Ruhe begann sich gerade auszubreiten, als wir aus einem Nebenraum heftiges Schreien und Klatschen vernahmen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich zur Toilette zu begeben. Mein Weg führte in besagten Nebenraum, der sich als die eigentliche Bar des Hausees herausstellte, die einen eigenen Zugang von der Straße hatte. Vom Restaurant aus musste man an der Bar vorbei, wenn man die Toilette aufsuchen wollte und das war wohl bewusst so arrangiert worden, denn ich ertappte einen der gesetzteren Herren aus dem Restaurant, der sich, by the way, einen schnellen Tequila genehmigte. Das gehörte wohl dazu, denn die ganze Geschichte ging sehr schnell vonstatten: Auf dem Weg zum Klo die Order, auf dem Rückweg Herunterkippen und Zahlen. Neben dem Toilettenlaufpublikum waren noch einige krakeelende junge Amerikaner in der Bar, die zum Teil von jungen Mexikanerinnen begleitet wurden. Als ich von der Toilette zurück in die Bar kam, tanzte eine der jungen Damen auf der Theke und zog sich gerade die Bluse über den Kopf, um ihre wohlgeformten Brüste zur Schau zu stellen. Die jungen Amerikaner schrieen wie am Spieß und donnerten ständig zum Takt der Musik mit ihren Farmerhänden auf die Theke.

Als ich zurück an den Tisch kam, sah mich Manfred mit lechzend neugierigem Blick an und fragte, was denn da los sei. Ich erklärte ihm, nebenan sei die Bar und dort würde momentan zufällig eine katholische Messe gelesen, und schon war er aufgestanden und, wie er vorgab, Richtung Toilette verschwunden. Kaum hatten mich die Frauen gefragt, was denn dort los sei, brach von dort ein ohrenbetäubender Lärm los und mir war klar, was sich dort abspielte. Ich hingegen faselte etwas von total durchgeknallten Amerikanern, die sich hier wohl austobten, und man gab sich zufrieden.

Da Manfreds Toilettenbesuch länger als erwartet dauerte, bedeuteten wir dem Kellner, dass wir zu zahlen gedächten. Und trotz unserer Diskussionen brachte der uns bald darauf eine moderate, mit absoluter Korrektheit aufgeführte Rechnung, die wir anstandslos bezahlten und zu der wir ein ansehnliches Trinkgeld legten.

Als Manfred wieder auftauchte, saßen wir schon beim Café und ich hatte mir eine Zigarre angesteckt. Auf die Frage seiner Frau, was denn los gewesen sei, lallte er irgend etwas von dem fetten Papistenfraß, der seinen Darm sehr gebeutelt hätte. Trotz seiner sichtlichen Angeschlagenheit, die sich allerdings nicht in schlechter Laune ausdrückte, hielt ihn nicht mehr viel an diesem Ort und er drängte zum Aufbruch. Trotz Zigarre sperrte ich mich nicht dagegen, weil ich mit allem rechnete und irgendwelche Verwicklungen mit ominösen Geschäftsführern oder Prostituierten in diesem Lokal nicht unbedingt auf uns zukommen sehen wollte.

Draußen angekommen, wirkte alles noch dunkler und trister und so war es kein Wunder, dass wir nach einigen hundert Metern des geplanten Spaziergangs beschlossen, nach einem Taxi Ausschau zu halten und zurück über die Grenze nach Texas fahren zu wollen. Es dauerte noch einige Zeit, bis wir fündig wurden und wieder stiegen wir in einen scheppernden, nach ranzigem Öl, Zigarettenasche und scharfen Schnaps riechenden fahrenden Weihnachtsbaum, dessen Chauffeur uns versprach, zum doppelten Preis wie auf dem Hinweg ins Gringoland zu fahren.

Wieder ging es knarrenderweise durch die dunklen, schlechten Straßen, wieder schrabbelte aus dem Radio eine wie auch immer geartete Rhythmik und es war zu verspüren, dass irgendwie alle froh waren, wenn wir die USA erreichten. Als wir uns der hell erleuchteten amerikanischen Grenze näherten, war es dort relativ ruhig. Der Taxifahrer hielt am Schalterhäuschen, wo ihm allerdings sehr harsch bedeutet wurde, rechts an die Seite zu fahren, seine Fahrgäste abzusetzen und schleunigst wieder Richtung Mexiko zu verschwinden. So wurden wir abgesetzt und ein Uniformierter forderte uns auf, ihm zu folgen. Das sah alles nicht gut aus und Manfred begann auch sogleich, unseren Plan, nach Mexiko zu fahren, im Nachhinein abermals zu verdammen.

Wir wurden in das Grenzgebäude geführt, wo eine sehr gedrückte Atmosphäre herrschte. Einige Mexikaner wurden durchsucht und erhielten barsche Anweisungen. Wir mussten unsere Pässe abgeben und auf einer Bank Platz nehmen. Ein Grenzbeamter mexikanischen Aussehens rief uns kurz darauf mit einem arroganten, zynischen Kopfnicken zu sich und erklärte, unsere Dokumente müssten überprüft werden und wir hätten zu warten. Sein Namensschild verriet, dass er Calderon hieß. Als wir auf dem Weg zurück zur Bank waren, raunte ich Manfred zu, dass wir es mit einem Latino zu tun hätten. Jetzt war es an mir, ihm ein bisschen die Meinung zu geigen.

„So, mein Freund, jetzt kommt die Rechnung. Weißt du eigentlich, dass die neu integrierten Immigranten immer die Schlimmsten sind? Über die Bedeutung der amerikanischen Uniformen muss ich dir ja wohl keinen Vortrag halten. Die sind so eng geschnitten, weil sie klar machen, dass die Staatsmacht die zweite Haut ist. Das heißt totale Identifikation! Nicht wie bei uns, wo bewusst schlecht sitzende Uniformen gewählt werden, damit man sich klar macht, dass der Träger eine Rolle wahrnimmt. Hier ist die Person der Staat!“

„Und dieser Calderon, der wird uns jetzt so richtig den Gringomarsch blasen, darauf kannst du Gift nehmen! Der weiß bestimmt auch schon, was du da in der Bar gemacht hast. Der zeigt dir jetzt, was pursuit of happiness ist, wahrscheinlich bist du der erste, den er mit hinters Haus zur Leibesvisitation nimmt. Ich wünsch dir gute Nerven und eine Mondfinsternis.“

Mein Freund war leichenblass, was durch das grelle Neonlicht noch unterstrichen wurde. Ich sah ihm an, dass er mit der Entscheidung kämpfte, entweder hier den Aufstand zu proben oder sich seinem Schicksal zu ergeben. Da ich aus den Augenwinkeln beobachten konnte, wie ein niederrangiger Offizier Senor Calderon unsere Ausweispapiere mit einem Kopfschütteln zurückgab, dieser jedoch gar nicht darauf reagierte, wusste ich, was uns noch bevorstand.

„Und glaub jetzt bloß nicht, du kannst hier mit einem protestantischen Veitstanz etwas erreichen. Darauf wartet der Junge da vorne nur. Dann visitiert nicht nur er dich, sondern sein ganzer Chicanoclan bis zum ersten Hahnenschrei. Dann wird es richtig lustig. Vielleicht wird dein Kadaver dann auch in ein paar Tagen aus dem Rio Grande gezogen und keiner kann sich erklären, wie das passiert ist. Das Land ist groß, die Grenze lang. Und weißt du, was das Schlimmste ist? Im Gegensatz zu unseren Frauen und mir sieht man dir auf hundert Meter an, dass du eine protestantische Weißnase bist. Der denkt du bist verwandt mit diesen Ostküstenpissern, die mit ihrer Arroganz und ihrem grenzenlosen Snobismus die Nase über die Chicanos rümpfen und so tun, als seien das keine Menschen: Auch wenn unser Mister Calderon jetzt eine gut passende, schöne Uniform trägt, wenn er einen amerikanischen Pass und eine Versicherungsnummer besitzt, wenn er ein kleines Reihenhäuschen für seine reizende Frau und die beiden Kinder hat und letztere vielleicht sogar in Andreas Schule in Bracketville eine gute Bildung erhalten und selbst wenn ihn die Gringonachbarn sogar mit zum Baseball nehmen: Glaubst du, dieser Mister Calderon wird jemals vergessen, welchen Preis er dafür bezahlt hat? Glaubst du, er hat vergessen, wie viel er auf den Tisch gelegt hat, um über den schlammigen Rio Grande zu kommen, wie viele Teller er gewaschen, wie viel Schläge er bekommen, wie viel Schmach ihm entgegen schlug und wie viel Entwürdigung seine Frau im schönen Amerika ertragen musste? Und immer wieder waren das Typen, die ihm und seiner Familie so etwas zufügten, die so aussahen wie du! Große, hagere Männer mit ihren grauen Killeraugen, kalt wie Fische, falsch wie Hyänen und brutal wie Krokodile. Der hat sich sein ganzes Leben lang imprägniert gegen die Anwürfe von Typen wie dir, der hat sich den Arsch aufgerissen und alles gefressen, damit er hier und heute Abend sitzt und so einen wie dich vor die Flinte kriegt. Glaub mir, mein Freund, für Mister Calderon ist heute Judgement Day!“

Es war still geworden im Raum, wir waren die einzigen, die noch da saßen und warteten. Die Uhr zeigte kurz vor Eins an, der Zeiger rückte mit südländischer Bräsigkeit langsam, aber stetig voran. Manfreds Augen waren geschlossen, er war schneeweiß, aber ich wusste, er köchelte vor sich hin. Mir hingegen ging es richtig gut, auch wenn mir Gebaren und Visage von Herrn Calderon alles andere als sympathisch waren.

Es war klar, dass Mister Calderon uns einfach nur schmoren lassen wollte. Der Passcheck hatte nichts ergeben und die Dokumente lagen schon seit einer Stunde auf seinem Schreibtisch. Er hingegen genoss die Situation. Er ging Routinegeschäften nach, füllte hier ein Formular aus, knallte dort einen Stempel auf ein Dokument, ordnete immer wieder seinen Schreibtisch, sah auf die Uhr, holte sich einen Kaffee, telefonierte und rang sich dabei sogar ab und zu ein Lächeln ab. Nur wenn er in unsere Richtung sah, begegnete uns ein abweisender, zynischer Blick.

So verging noch einige Zeit, bis endlich der anscheinend ranghöchste Offizier das Gebäude betrat. Groß, etwas übergewichtig, das graue Haar eines ehemals Rothaarigen und durch sein Namensschild als ein waschechter irischer O´Hara zu entziffern. Nachdem dieser seine Runde gemacht und alles inspiziert hatte, nickte er Calderon fragend in unsere Richtung, woraus dieser sehr devot auf unsere Pässe wies und etwas von Check nuschelte. O´Hara nahm sofort unsere Dokumente, blätterte sie durch und rief uns zu sich.

Er bedauere die Unannehmlichkeiten, die die strengen Auflagen der momentanen Situation uns bereitet hätten, blickte dabei sehr streng auf Herrn Calderon, nun wünsche er uns eine gute Nacht und einen angenehmen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wir bedankten uns, verließen das Gebäude und liefen den halben Kilometer bis zu unserem Auto. Auf der Rückfahrt nach Bracketville, mit offenen Fenstern durch die texanische Nacht, stellte ich nur noch für das Reiseprotokoll fest, dass ein irischer Katholik nicht nur unseren protestantischen Zyniker gerettet, sondern auch den katholischen Assimilado in seine Schranken gewiesen habe.

Als wir zu unserem Fort zurückkamen, setzten sich Manfred und ich noch etwas nach draußen. Es war warm, hier und da hörten wir Coyoten schreien, und der Wind spielte Melodien, die wir noch nicht kannten.

Die Hochzeit von Faro

Die schönsten Ereignisse kommen meist unverhofft. Wir schrieben das Jahr 1978, ich war Student, hatte gerade die Universität nach dem Grundstudium gewechselt und bereitete mich auf das Sommersemester an der neuen Universität vor. Wie aus dem Nichts erhielt ich einen Anruf von meiner Mutter, indem sie mir mitteilte, sie und ich hätten eine Einladung zur Hochzeit meiner Cousine erhalten. Ich wollte mich schon wehren, weil ich eigentlich von derlei Familienfeiern gar nichts hielt, als meine Mutter mir bedeutete, die Hochzeit werde im portugiesischen Faro stattfinden. Das stimmte mich schon weicher, und als ich erfuhr, die ganze Angelegenheit sei insgesamt mit einem zweiwöchigen Aufenthalt verbunden, sagte ich freudig zu.

Meine Cousine hatte nach dem Abitur einige Jahre in England gelebt und dort ihren zukünftigen Mann kennen gelernt. Everard Vincent Braganza war Brite, hatte aber eine mehr als interessante Familiengeschichte. Seine Vorfahren waren Goa-Portugiesen und erst seine Eltern waren nach England gegangen und hatten britische Pässe. Der Vater, ein Finanzbeamter und die Mutter, eine Lehrerin, hatten ihr Pensionsalter erreicht und wollten ihren Lebensabend dort beginnen, wo familiengeschichtlich alles angefangen hatte, nämlich in Portugal. Sie hatten dort bereits ein Anwesen erworben und die Übersiedlung von London in ein Dorf nahe Faro stand unmittelbar bevor. Daher hatten Ev, wie wir ihn alle nannten und meine Cousine beschlossen, dort zu heiraten und alle Freunde und Verwandten aus den verschiedenen Ländern zu einem schönen Fest einzuladen.

An einem Abend im Mai fanden wir uns in Krefeld, bei einem anderen Familienmitglied meiner Cousine ein, weil am kommenden Tag der Flug von Düsseldorf aus abgehen sollte. Der Abend hatte etwas von einem Junggesellenabschied, weil der Gastgeber, Fritz, ein Ingenieur der Bohrgesellschaft Erkelenz, Kind des Ruhrpotts und mit allen Wassern gewaschen, nach einem gemeinsamen Abendessen vorschlug, das Haus den Frauen zu überlassen und sich mit Ev und mir auf den Weg in eine ihm bekannte Altbierkneipe zu machen.

Es war ein sehr entspannter, beschaulicher Abend, an dem wir uns gut unterhielten, obwohl das dunkle Bier in ansehnlichen Mengen durch unsere Kehle floss. Everard war in sehr gelöster Stimmung und mit fortschreitender Stunde wurde er ein bisschen wehmütig. Er erzählte von seiner Jugend in London und bekannte, dass er etwas Angst habe, auf Dauer doch Heimweh nach seiner Heimatstadt zu bekommen. Zur Zeit war er Arzt an einer Duisburger Klinik und vieles sprach dafür, dass man in Deutschland zu bleiben gedachte. Für Ev war das prinzipiell kein Problem, klagte er doch beständig über das marode britische Gesundheitssystem mit seinen sozialen Ungerechtigkeiten.

Trotzdem fragte ich mich und an dem Abend ihn, wie er es fertig brachte, eine gesicherte Existenz in einer Stadt wie London gegen irgend einen Klinikjob in Deutschland einzutauschen. Für mich war London, das ich schon häufig besucht und lieben gelernt hatte, eine einziges großartiges Ereignis. Nichts von dem fürchterlichen Muff der deutschen Provinzialität war dort zu verspüren, kulturell bot diese Stadt unglaubliches und es wäre für mich ein Traum gewesen, dort einmal leben zu können.

Aber Ev war ein anderes Kaliber. Nie hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt einen doch relativ jungen Menschen getroffen, der sozial derartig stabil durch die Welt ging. Es hatte anscheinend etwas mit seinem Bildungs- wie Familienhintergrund zu tun und natürlich mit dem britischen Pragmatismus. Ev war in eine der Londoner Eliteschulen namens Harrow-on-the-Hill gegangen und alles, was er je darüber erzählte, klang sehr jesuitisch. Dort hatte er nicht nur eine harte, sondern auch sehr gute Schulbildung erhalten. Immer wieder staunte ich, wenn er erzählte, wo seine einstigen Schulkameraden heute lebten und ihr Auskommen verdienten. Ev reiste immer wieder in der Welt herum, um sie zu besuchen. Das ging von Los Angeles über Rio de Janeiro, nach Bangalore in Indien, Singapur, Kuala Lumpur und nach Manila. Diese Reisen waren für ihn nie nur ein Trip in die Vergangenheit, sondern eigenartigerweise bildeten seine Verbindungen zu seinen einstigen Klassenkameraden auch immer einen Anknüpfungspunkt für die Zukunft. Irgendwie war es dieser Schule gelungen, ein Netzwerk zu etablieren, das für ein ganzes Leben Bestand hatte und nicht, wie ich es aus meiner eigenen Schulzeit her kannte, ein Band mit der Vergangenheit, mit der sowieso niemand mehr etwas zu tun haben wollte.

Wie schon angedeutet, hatte Evs Familie einiges zurück gelegt. Die Vorfahren waren von Portugal nach Goa gegangen, seine Eltern von Goa nach Großbritannien. Ev selbst hatte zwei Schwestern, von denen die eine in Edinborough und die andere in Montreal lebte. Hinzu kamen Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, die in den USA, Australien, Griechenland und Südamerika lebten. Irgendwie war in seiner verwandtschaftlichen Welt die ganze alte europäische Kolonialgeschichte und die Einzugsgebiete der Neuen Welt versammelt. Ev selbst wirkte in diesem Geflecht immer als der sehr bescheidene, stets gut gelaunte Mensch, der das alles mit Demut entgegen nahm, worum ihn andere sehr beineideten. Er brüstete sich nie wegen seiner Kontakte, er prahlte nie mit dem, was er schon in jungen Jahren gesehen hatte. Und trotz seines frühen beruflichen Erfolgs als Arzt und seiner Weltgewandtheit beeindruckte er mich immer wieder mit seiner Bodenständigkeit. Und, wie sich in den nächsten zwei Wochen herausstellen sollte, seine besten Freunde waren Leute aus seiner Londoner Kindheit, very down to earth, denen er die Treue gehalten hatte, über die er sich freute, als sei er noch das Kind dieser Tage.

Eine weitere Empfehlung für diesen Mann war, wie auch bereits angedeutet, sein britischer Pragmatismus. Nicht nur seit den späten sechziger Jahren war es in Deutschland üblich, jede noch so profane Alltagsangelegenheit als eine in hohem Maße ideologische Herausforderung anzusehen.

Und spätestens seit dem Zeitpunkt dieser Erzählung wurde das zumindest für meine Person eine Unsitte, die ich bis zum Überdruss zu verabscheuen begann. Diese ganze brechtsche Maßnahmenlogik, dieses ständige Hinterfragen eines historischen Gesamtzusammenhangs, wenn es um Dinge wie den Müll oder die Wahl eines Automodells ging. Ich hatte das Gefühl, in Deutschland lebte ein ganzes Volk unter dem Trauma bestrafter Spontaneität, als sei es nicht möglich, aus dem Bauch heraus eine Entscheidung zu treffen, die einem einfach gut tat. Jede Diskussion begann mit einer Einlassung, die ausführliche Eingrenzungen, Abgrenzungen und Rückversicherungen enthielt, nur damit der Betroffene nicht in einem Licht erscheinen konnte, das ihn verdächtig machte, mit den dunklen Mächten der Vergangenheit und der potenziell bedrohlichen Zukunft zu sein. Die Argumente, die dann folgten, waren meist des einleitenden Aufwandes nicht wert und hatten zur Folge, dass man nie zum Punkt kam und langweilige Verfahrensweisen kolportierte, die an das Prozedere des Volksgerichtshofs erinnerten.

Ev war, wenn er so etwas mitbekam, immer verblüfft und belustigt zugleich und fragte ganz pragmatisch nach Sinn und Nutzen. Und er konnte sich gehörig echauffieren, wenn er dann mitbekam, wie kompliziert und nichts sagend die Antworten ausfielen. Mensch, warf er dann ein, benutz doch ganz einfach mal deinen Verstand und frage dich nach ganz simplen Dingen, und versuch mir nicht die Welt zu erklären, das kannst du sowieso nicht.

Der Abend in der Krefelder Altbierkneipe war in unserer Zusammensetzung sehr kurzweilig und als wir durch die Siedlung zurück zu Fritzens Haus liefen, sangen wir aus vollem Hals He´s a jolly good fellow, unser Farewell für diesen einzigartigen jungen Mann, der schon bald in den Hafen der Ehe einfahren sollte. Diese Art von Rückkehr hatte allerdings zur Folge, wie ich später erfuhr, dass meine Cousine kurz vor einer Hysterie war und unter tränenerstickter Stimme ihren anwesenden Schwestern ihre Zweifel angemeldet hatte, ob sie sich angesichts eines derartigen Alkoholkonsums richtig entschieden habe. Aber im Laufe des nächsten Tages legte sich das denn doch, war es wohl eher Ausdruck der allgemein vorherrschenden Aufregung vor dem großen Ereignis.

Am nächsten Morgen begaben wir uns alle zum Düsseldorfer Flughafen und die ganze Familie startete gleich mit der ersten, ich dagegen folgte allein mit der zweiten Maschine. Da es sich um meinen ersten Flug handelte, war ich doch ein wenig aufgeregt, aber umso überraschter, dass es nicht lange nach dem Start ein Frühstück gab, zu dem recht großzügig Rotwein ausgeschenkt wurde, wovon ich gerne Gebrauch machte. Da die Sonne schien und der Flug ruhig war gelangte ich bald in die beste Stimmung. Die Sicht war gut und ich prostete den Pyrenäen zu und war nahezu verzückt, als ich beim Flug über Madrid sogar das Bernabeu Stadion inmitten der Steinwüste entziffern konnte. So gelangte ich am frühen Nachmittag wohl gelaunt im portugiesischen Faro an, wo mich schon eine Delegation meiner Familie erwartete. Schnell nahmen wir uns ein Taxi und fuhren zu unserer Pension im Herzen der Stadt.

Ev hatte bereits alles sehr gut arrangiert und wir wurden direkt an einer lichten Plaza, neben einer Kathedrale in einem großzügigen Apartment eines Hochhauses untergebracht, das von einer Frau vermietet wurde, deren Mann seit Jahren zur See fuhr und sich momentan in Australien aufhielt. Sie sprach ein gutes Englisch und die Verständigung stellte kein Problem dar. Von dem Apartment aus hatte man einen herrlichen Blick über die Plaza, den darauf folgenden Hafen und das Meer. Besser, schöner, funktionaler und zentraler konnte es nicht sein. Der einzige Nachteil war, dass neben meiner Mutter, mit der ich mich in der Regel glänzend verstand, noch der Vater meiner Cousine, d.h. mein Onkel und meine Tante das Quartier mit uns teilten. Nicht, dass die beiden sich nicht zu benehmen gewusst hätten, aber ich hatte eine Aversion gegen meinen Onkel, weil dieser ein recht unliebsamer Zeitgenosse wa, der leider aus der deutschen Geschichte nichts gelernt hatte und mich mit seinen angestaubten Vorstellungen regelrecht zur Weißglut treiben konnte. Meine Mutter, die meine Meinung in Bezug auf ihren Schwager teilte, und ich hatten uns jedoch vorgenommen, uns die Laune von ihm nicht verderben zu lassen.

Nachdem wir unsere Koffer ausgepackt hatten, setzten wir uns auf den großen Balkon, aßen Oliven und Pistazien, die uns die nette Wirtin zusammen mit einem leichten Weißwein dorthin gestellt hatte, und genossen einfach das Panorama. Wir erwarteten den Sonnenuntergang, weil wir uns mit den anderen und immer noch neu eintreffenden Hochzeitsgästen in einem Restaurant zu einen ersten größeren Treffen zum Abendessen verabredet hatten. Vor uns lagen noch einige Tage bis zur Hochzeit, das Paar und die direkt beteiligten hatten noch einiges an Vorbereitungen zu treffen und täglich sollten weitere Gäste aus allen Teilen der Welt eintreffen. Ich freute mich vor allen Dingen aufs Meer und das Baden, es war Mai, tagsüber bereits sehr heiß und nichts war schöner, als die Tage am Meer und die Nächte in der Stadt zu verbringen.

Als wir uns abends in dem verabredeten Restaurant einfanden, trafen wir bereits Fritz, der vom Martini angespornt, große Reden hielt. Wir begrüßten Evs Eltern, die bereits einige Tage zuvor aus London eingetroffen waren und Valerie und Denis, Evs Schwester mit ihrem Mann, die aus Edinborough gekommen waren. Hinzu kamen noch einige Portugiesen, die zu den Nachbarn von Evs Eltern in einem nahe liegenden Ort zählten. Meine Cousine machte ein recht sauertöpfisches Gesicht, was ich wiederum der Aufregung zurechnete, während Everard wie immer sehr aufgeräumt wirkte, den hervorragenden Gastgeber ohne Mühe spielte, und gleichzeitig die Gäste bei der Essensauswahl beriet, verschiedene Leute miteinander bekannt machte und kleine Irritationen zwischen einzelnen Familienmitgliedern, wie sie bei solchen Ereignissen zu der Tagesordnung gehören, unbemerkt und wirkungsvoll aus der Welt schaffte. So dauerte es auch nicht lange, dass ich mich mit meinem Onkel stritt, weil dieser mir gerade die Vorteile des Imperialismus erklären wollte und es gut fand, dass man überall auf der Welt die gleichen Waren und Dienstleistungen treffe und sich gar nicht umstellen müsse. In der Erinnerung ist diese Auseinandersetzung umso kurioser, weil die Idealvorstellung meines Onkels heute leider zur Normalität in einer globalisierten Welt geworden ist und zu einer Verarmung ihresgleichen geführt hat.

Ev erkannte die Lage gleich, zog mich am Ärmel und fragte mich, ob er mir seine Schwester Valerie und seinen Schwager Denis vorstellen dürfe. Mir gegenüber stand eine kleine, etwas gedrungene, junge, dunkelhäutige Frau mit schwarzen Augen und ein großer, hagerer, rothaariger und sommersprossiger Mann mit einer gewaltigen Hornbrille. Optisch schienen die beiden nicht zueinander zu passen, obwohl sie vom ersten Augenblick an eine kongeniale Gemeinsamkeit vermittelten. Wie sich in dem folgenden, von beiderseitiger großer Sympathie getragenen Gespräch herausstellte, war Valerie in London aufgewachsen und hatte das gleiche kosmopolitische Flair wie ihr Bruder. Bei Denis handelte es sich um einen Iren aus der Republik, der einige Jahre in Belfast gelebt und gearbeitet hatte, bevor er sich mit seiner Frau, übrigens auch einer Ärztin, in Edinborough niedergelassen hatte. Denis war Psychologe und passionierter Jazztrompeter und wir verstanden uns auf Anhieb. Wir setzten uns zusammen und ich bekam nur noch aus der Distanz mit, wie sich der Rest der Gesellschaft unterhielt. Meine Mutter hatte ein angeregtes Gespräch mit Evs Eltern, mein Onkel dozierte ohne Zuhörer weiter und Fritz hatte wohl zu viele Aperitifs getrunken, denn er schrie regelrecht herum, meistens aber so belangloses Zeug wie den einzigartigen Geschmack der Tomaten, die er in Form eines Salates gerade verspeiste.

Ich selbst erfuhr in meinem Gespräch schon einiges über Denis, der mir erzählte, dass er einige Jahre in einem Belfaster Krankenhaus in einer Kinderpsychatrie gearbeitet hatte und es zum Schluss nicht mehr ausgehalten habe. Die eigentlichen Opfer, so Denis, des ganzen Bürgerkrieges im Norden Irlands seien die Kinder. Sie wiesen allesamt Traumata aus den ständigen Angstzuständen auf, litten zuhauf an psychosomatischen Erkrankungen und es gäbe kein Mittel, sie von ihrem Leiden zu befreien. Denn weder Therapien noch temporäre Aufenthalte in irgendwelchen Sanatorien oder Ferienlager könnten sie von der überbürdenden Erfahrung eines kriegsgeschüttelten Landes befreien. Er habe soviel Leid und Elend gesehen und sich immer wieder gesagt, er müsse den Kindern helfen, um seine eigene, immer stärker werdende Depression in den Griff zu bekommen. Aber niemand wüsste besser als er, dass so etwas über vernunftgesteuerte Imperative aus dem Kopf nicht ginge. Schließlich habe er Valerie kennen gelernt und sie habe ihm geraten, mal für einige Zeit das Land zu verlassen und sich bei einer so genannten normalen Berufstätigkeit in einem zivilen Umfeld zu erholen. Sein Ziel sei es allerdings, irgendwann wieder zurück nach Irland zu gehen, denn daher sei er und dort würde er gebraucht.

Mich bewegten die Erzählungen der beiden sehr und ich wunderte mich, wie schnell und vor allen Dingen in welcher Umgebung wir eine derartige Vertrautheit hatten herstellen können. Wir waren mittlerweile umgeben von einem ziemlichen Geschrei und Gelächter, wie es nun einmal in einem öffentlichen Lokal zu vorgerückter Stunde der Fall ist und wie es verstärkt wird durch den Versuch durch Alkohol beeinflusste Menschen, die Sprachbarrieren ihrer Kommunikation zu überwinden.

Als ich Denis fragte, wie es ihm denn in Schottland erginge, sprach er von einer Erholung im beruflichen Umfeld, aber auch von den Diskriminierungen, denen er in Schottland und vor allem England als Ire ausgesetzt sei. Er hätte selbst nicht geglaubt, wie miserabel das Bild eines Iren bei den Briten sei und seine Gefühle für sein eigenes Land seien in der kurzen Zeit nur stärker geworden. Valerie schwärmte von Edinborough als einer sehr lebenswerten, kulturgeprägten Stadt, in der sie beide auch viele Vorteile genössen. Sie selbst habe eine gut gehende Praxis und ihr Klientel mache ihr auch gehörig Spaß und Denis habe quasi seinen eigenen Jazzclub, in den er regelmäßig gehe und wo er auch hin und wieder bei einer Session mitspiele.

Ich meinerseits war froh, die beiden kennen gelernt zu haben und signalisierte dies auch sogleich Ev, der sich sehr darüber freute. Nach dem Essen verschwanden Valerie und Denis gleich und sie entschuldigten sich mit einem normalen Arbeitstag und der anschließenden Anreise nach Portugal. Wir saßen noch einige Zeit zusammen, ich wechselte noch einige Worte mit Evs Vater, der mir seine Pläne für seine Rentnerzeit in Portugal darlegte. Als ich ihn fragte, ob er London nicht würde vermissen werden, lachte er nur und gab Antworten wie Stau, Smog, Wartezeiten, Hektik, Regen, Nebel, Streiks und Rassenkrawalle, ja, die würden ihm sehr fehlen, und ihm graue vor dem portugiesischen Müßiggang, der ewigen Sonne, dem guten Essen und der Freiheit von Pflichten. Dabei schlug er sich regelmäßig auf die Schenkel und wurde vor Begeisterung so laut, dass meine Cousine wieder ihren gouvernantenhaften Gesichtszug aufsetzte, der mir sagte, sie hätte berechtigte Zweifel, dass die Gefühlsregung eines älteren Herren in Bezug auf lange ersehnte Zeiten zweifelsohne in einem Desaster würde enden müssen. Diesmal schrieb ich es nicht ihrer vorhochzeitlichen Nervosität zu, sondern in mir regte sich zum ersten Mal der Verdacht, tief in ihrem Herzen seien misanthropische Züge zu entdecken. Vincent störte das alles überhaupt nicht, er gab mir auch noch ein anderes Motiv seiner Pläne, zusammen mit seiner Frau den Lebensabend in Portugal zu verbringen. Wir sind zwar beide in Goa geboren, so führte er aus, aber unsere Großeltern kamen noch von hier. Wir haben unsere Jugend in Goa verbracht und gingen dann nach London. Dort wurden unsere Kinder geboren und sie wuchsen dort auf, sie sind jetzt in der Welt verstreut, Valerie in Schottland, Everard in Deutschland und Marianne in Kanada. Für uns wird es jetzt Zeit heimzukehren, dorthin, woher unsere Vorfahren kamen und wo wir uns schon ein bisschen zuhause fühlen. So schließt sich der Kreis.

Mir war das alles plausibel und ich hegte sogleich große Sympathie für den Mann, der offen und ehrlich zu sein schien, klare Vorstellungen an den Tag legte und generell das Leben zu lieben verriet. Ich vernahm, wie konnte es anders sein, im Hintergrund zwar wieder meinen Onkel, der etwas von „schöner Illusionist“ und „der wird sich noch gehörig umgucken“, aber das regte mich jetzt nicht mehr auf, denn ich sah einer guten Zeit entgegen, angesichts der wenigen Menschen jener mir noch unbekannten Hochzeitsgesellschaft, dich ich am ersten Abend schon kennen gelernt hatte.

Doch der Abend ging seinem Ende zu. Wir zahlten, was wir verspeist hatten und machten uns alle auf den Weg in unsere Herbergen. Während meine Mutter und ich von unseren neuen Bekanntschaften schwärmten, krittelte mein Onkel an allem herum und meine arme Tante schwieg zu allem, das war der Weg, den sie immer wählte und der ihr letztendlich viel Lebensfreude kostete.

Der nächste Morgen meldete sich durch eine über dem blauen Himmel und glatten Meer stehende Sonne und einem wunderbaren Frühstück, das mit bereits gegrillten Sardinen, Eiern, frisch gepresstem Orangensaft und einem bezaubernd starken Kaffe alle Lebensgeister weckte. Wir hatten alle Zeit der Welt. Während das Brautpaar und deren Familien mit den Hochzeitsvorbereitungen zu tun hatten, konnten wir machen, was wir wollten. Mich zog es sogleich zum Meer. Nach dem Frühstück begaben wir uns, wie abends verabredet, zu einem Treffen in einem Café namens Allianza, das einer aus der vor wenigen Jahren stattgefundenen Nelkenrevolution entstammte und nun von einer Kellnerkooperative betrieben wurde. Es war an einem zentralen Platz Faros gelegen. Dort traf sich alles. Den kulturellen Höhepunkt bildete allerdings der immer ganz in Schwarz gekleidete Professor Senor Santos, der sich gleich meiner Mutter vorstellte und sie in der Folgezeit auf Schritt und Tisch begleiten sollte. Er war eine Autorität in Faro und es gab nichts, was er nicht arrangieren konnte. Neben den uns Bekannten trafen wir auch noch andere Freunde von Ev aus London, darunter auch Maggie und Denis. Letzterer war mit Ev in die Schule gegangen und Bauunternehmer. Er stellte sich uns vor und prahlte damit, schon in Deutschland gewesen zu sein, nämlich auf einem Fußballturnier in Hamminkeln. Niemand von uns wusste so richtig, wo das war, bis wir heraus bekamen, dass es irgendwo am Niederrhein lag. Nach einem allgemein großen Hallo, der Lagebesprechung für den Tag und dem obligatorischen Kaffee trennten sich unsere Wege und ich fuhr mit einer größeren Gruppe an den Strand. Dort schwammen wir, spielten mit Einwanderern aus Angola und Mozambique Fußball und tranken mit ihnen Bier und aßen gegrillte Sardinen. Es war der Auftakt zu wunderbaren Tagen, die alle sehr entspannt abliefen. Morgens das Café Allianza, dann Strand, danach in die Unterkunft, um sich frisch zu machen und dann mit dem ganzen Pulk in den Hafen, um gut zu essen. Danach begaben sich die meisten zur Ruhe, während die beiden Denis und ich das nächtliche Faro inspizierten.

Wir gingen zum Boxen im Freien, wo es selbstverständlich auch gegrillte Sardinen und Rotwein gab, wir durchwanderten Bars, wo man in der Regel an der Theke saß, sich unterhielt, etwas trank und mit einem Holzhammer auf einem Brett Meerspinnen zerschlug und verspeiste. Irgendwann lernten wir eine junge Frau kennen, die mich als Deutschen identifizierte und mir mit einem Ruhrpottakzent erzählte, sie sei in Dortmund geboren und habe furchtbares Heimweh, aber ihre Eltern hätten zurück nach Portugal gewollt und ein Restaurant mit einer Bar aufgemacht. Von da an gehörte auch diese Adresse zu unseren festen nächtlichen Stopps, weil es sich um eine wirklich nette Familie handelte und wir dort immer wieder neue Menschen aus Faro kennen lernten, die sehr interessant waren. Außerdem verkehrten dort einige unserer Fußballfreunde vom Strand, die es aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien nach Portugal gezogen hatte, weil sie auf Arbeit und ein besseres Leben hofften.

Vergeblich, wie wir herausfanden. Die Nelkenrevolution war gerade erst einmal vier Jahre her, aber das, was sich viele Portugiesen von ihr versprochen hatten, war nicht eingetreten. Gut, der Diktator Salazar war entmachtet, aber der große Traum vom Kollektivismus und der Dominanz der Kooperativen war schneller ausgeträumt, als sich viele erhofft hatten. Geglückt war das alles auch nur wegen des Legendären Generals Othello de Cavalho, aber der war eben ein Militär und hatte nur sehr begrenzte Vorstellungen vom Aufbau einer zivil und demokratisch gesteuerten Volkswirtschaft. Vor allem die Sozialistische Internationale unter dem Vorsitz von Willy Brandt, denn sie hier auch, wie in Spanien, sehr bewundernd den zorro viejo, den alten Fuchs nannten, hatte dazu beigetragen, dass sich Portugal auf dem Wege zu einer stabilisierten bürgerlichen Demokratie befand. Der spätere Präsident, der Sozialist Mario Soares, hatte das Land aber vor dem neuerlichen inneren Zerriss bewahren können. Der Militarismus wurde über Bord geworfen, der Kapitalismus kam erst richtig, aber abgefedert mit sehr vielen Entwicklungsgeldern, die die große Not zum Beispiel im Alentejo lindern half. Und diejenigen, die aus Angola oder Mozambique gekommen waren, hatten sowieso nur eine sehr diffuse Vorstellung von einem besseren Leben. Es waren allesamt nette Kerle, aber ihr einziges Pfund, mit dem sie wuchern konnten, war das, was der Kolonialismus ihren Ländern angetan hatte. Nur fühlte sich in Portugal dafür niemand mehr in der Pflicht. Fast alle, bis auf einige Familien und die Militärnomenklatura, hatten unter Salazar gelitten, und warum sollten diese ehemals selbst Übervorteilten jetzt die moralische Verantwortung für den Kolonialismus übernehmen? Was ihnen blieb, war in diesen Tagen, dass ein Ire, ein Engländer und ein Deutscher mit ihnen Fußball spielten und das Bier und die Sardinen bezahlten.

Denis der Engländer scherte auf unseren nächtlichen Touren immer als erster aus, sodass Denis der Ire und ich gemeinsam die Nacht beschlossen. Oft saßen wir bis zum frühen Morgen zusammen in einer Bar am Meer und sprachen über das Dasein und den Jazz. Wenn wir das abgemacht letzte Getränk getrunken hatten, klopften wir wie verabredet den Takt auf dem Tisch und pfiffen dazu „Things ain´t what they used to be“. Dann zahlten wir und gingen.

Morgens beim Frühstück schwärmte meine Mutter von den Menschen, die sie kennen gelernt hatte. Sie war jeden Tag woanders Gast, mal auf einer Orangenfarm, mal beim Pfarrer, mal bei Geschäftsleuten und immer den ehrenwerten Senor Santos an ihrer Seite. Eigentlich waren alle, wenn man sie genau beim morgendlichen Treff im Café Allianza betrachtete, sehr zufrieden und die Stimmung für eine bevorstehende Hochzeit konnte nicht besser sein. Nur der Onkel, der fiel ein bisschen aus der Rolle, sodass ich mir vornahm, ihm noch einen kleinen Denkzettel zu verpassen. Ich hatte mitbekommen, dass er nachts oft auf die Toilette musste und daraus meinen Nutzen zu ziehen. So kam es, dass eines nachts plötzlich ein furchtbares Geschrei anfing, ja, der coole Onkel heulte regelrecht auf und schrie von irgendeiner Schweinerei, die Folgen hätte. Ich kannte den Grund: Er hatte schlaftrunken die Toilettenbrille hochgehoben und einem ziemlich großen, lebenden Fisch ins Antlitz sehen müssen. Es wurde nie ein Wort darüber gesprochen und er bessere sich auch etwas.

Wir machten mit unseren neuen Bekannten noch einige Tagestouren, nach Loulé zum Markt und nach Olhao, genossen das Dasein und den Stillstand der Zeit, doch dann war sie da, die letzte Nacht vor der Vermählung.

Doch wie so oft, wenn das Präludium an Perfektion kaum noch etwas zu wünschen übrig lässt, so unspektakulär und gleich bleibend war der so genannte Junggesellenabschied vom Bräutigam. Everard wirkte freudig gelöst, aber konzentriert, die beiden Denis etwas bedrückt, wie beim Abschied vor einer langen Reise eines Liebgewonnenen und Fritz vermochte nicht sonderlich zu beeindrucken mit allerlei allzu vordergründigen Witzen. Wir saßen im Café Allianza, wo wir eigentlich auch bis zum Schluss blieben, d.h. um elf Uhr verabschiedete sich Everard mit Hinweis auf die frühe Trauung. Die anderen folgten ihm, nur Denis Morton und ich blieben übrig. Als beim Allianza die Lampen ausgingen, schlenderten wir noch zu unserer Bar im Hafen, lauschen dem Meer und zum Abschied summten wir wieder „Things ain´t what they used to be“.

Als ich morgens geweckt wurde, merkte ich, dass es doch sehr spät geworden war. Ich war müde, mein Schädel brummte und ich tat mich sehr schwer, den Tag beschwingt zu begrüßen. Als wir in Santa Barbara, dem Dorf, wo die Trauung stattfinden sollte, eintrafen, war es noch kühl. Everard stand vor der kleinen Kirche und begrüßte uns, meine Cousine stand etwas abseits, gekleidet in einen wunderschönen Sari, den ihr die Schwiegermutter aus Goa besorgt hatte. Als alle Gäste eingetrudelt waren, machten wir uns auf in die Kirche, wo wir ein sehr einfaches, aber schönes Vermählungsritual erlebten. Wie bei solchen Anlässen üblich, weinten die Mütter und die Väter lächelten gequält, die Freunde trommelten etwas ungeduldig mit den Fingern auf den Kirchenbänken, die Freundinnen wirkten sentimental und die Geschwister etwas angestochen. Nur der Pfarrer viel etwas aus der Rolle, er war in allzu blendender Laune, schmetterte die Segenswünsche kräftig wie Fanfarenstösse in die versammelte Hochzeitsgesellschaft und verbreitete dabei eine regelrechte Partylaune.

Nach der Zeremonie, den ausgetauschten Glückwünschen vor der Kirche und den obligatorischen Fotos ging es quasi im Konvoi zurück nach Faro, wo wir uns zum Hochzeitsessen in einem Restaurant wieder versammelten. Als wir dort ankamen, wurde schon kräftig dunkler, feuriger Rotwein ausgeschenkt und es dauerte nicht lange, bis wir alle in blendender Stimmung und Verfassung waren. Wir saßen an einer riesigen Tafel in einer Art Jagdzimmer, von den Wänden starrten uns mächtige Wildschweinkeiler und Hirsche an und an einer Wand hing die portugiesische Fahne. Bei all dem Rotwein schmeckte mir schon bald die erste Zigarre und Fritz machte den Eindruck, als wäre seine sonstige Spritzigkeit in der Formulierung bereits einer eher schleppenden Prononcierung gewichen. Man zwinkerte sich zu, scherzte, ein Wort ergab das andere, alle bis auf meine Cousine schienen gelöst, denn sie blickte sehr angespannt und etwas beleidigt in die Runde. Warum das so war, wurde klar, als Vincent Braganza, der Schwiegervater, mit einer Gabel an sein Glas schlug und aufstand, um eine Rede zu halten.

Im ersten Augenblick trauten wir unseren Augen nicht. Der sonst so korrekte und konservativ wirkende Londoner Finanzbeamte drückte sich mit Mühe vom Tisch mit beiden Armen in die Höhe, er wirkte stark angeschlagen, seine Krawatte hing ihm ungebunden über dem offenen Hemd, seine Hosenträger hingen ihm abgeschnallt über dem Gesäß und sein Hosenstall war offen. Zumindest niemand in meiner direkten Tischnachbarschaft konnte sagen, was geschehen war, aber offensichtlich hatten die Aufregung ob der Vermählung seines einzigen Sohnes und mehrere Gläschen Scharfes dazu beigetragen, dass Mister Vincent Braganza in hohem Maße lädiert war. Die Reaktion des Publikums war unterschiedlich, die meisten verstanden den Mann zu gut und eigentlich trug ihm niemand etwas nach, nur seine Frau saß schneeweiß und schmallippig neben ihm und meine Cousine blickte drein, als beträte sie gerade splitternackt den Hades.

Vincent Braganza fochten diese Regungen jedoch gar nicht mehr an, das volle Champagnerglas fest umklammert und mit der linken Hand noch einmal vom Rücken her kräftig die Hose hoch gezogen, hub er kräftig an „When a man and a woman…..“ Vincent machte eine Pause, schien nachzudenken, ließ seinen recht leeren Blick durch die Runde gleiten und schwankte dabei leicht. „When a man and a woman….“ Begann er von neuem, schien jedoch wieder den Faden verloren zu haben und wiederholte sämtliche Gesten, als hätte er sie als Erinnerungsstützen fest eingeübt. Nur halfen sie ihm auch diesmal nicht. „When a man and a woman…..“ intonierte er nun zum dritten Mal, lauter und zorniger werdend und die nun wachsende Unruhe mit grandioser Nonchalance ignorierend, „When a man and a woman….“ donnerte es immer lauter, nun zerrte allerdings bereits die Frau Gemahlin von hinten an seinen Hosenträgern und es wuchs eine wohlwollende Unruhe. Fritz übernahm das Ruder und posaunte in den illustren Kreis, dass es bei einem solchen Ereignis einfach die Sprache verschlagen müsse. Während Vincent nun immer lauter wurde und seine Rede stur immer mit der Wendung „When a man and a woman“ begann, wurde die Gesellschaft in kurzer Zeit zu einem Tollhaus. Meine Cousine heulte mittlerweile Rotz und Wasser auf ihren edlen Sari, ihre Schwiegermutter riss wie wild an den hängenden Hosenträgern ihres Gatten als müsste sie einem wilden Rappen Sporen und Peitsche geben, Fritz riss einen Kalauer nach dem anderen, meine Mutter eilte von ihrem Platz aus zu mir und schrie mir ins Ohr, Senor Santos habe ihr erzählt, dass der Pfarrer und Vincent in der Sakristei so richtig Gas gegeben hätten. „When a man and a woman…“ wurde nun gebrüllt und einige der Gäste brüllten bereits mit, skandiert von lautem Schluchzen hier und hemmungslosem Gegröle dort, es wurde geflachst und gescherzt, Vorwürfe machten die Runde und das Ganze drohte zu entgleiten, als endlich der Pfarrer aufstand und Vincent Braganza wie einen Bruder in den Arm nahm. Ein stattlicher Mann in schwarzem Ornat stand neben dem Festredner, gab ihm Halt durch seine Statur, ergriff ein volles Rotweinglas, prostete der Runde zu und rief der Menge mit donnernder Stimme ein „Das Lebben ist wonderbarr“ in deutscher Sprache hin, setzte das Glas an und trank es in einem Zug leer. Dankbar applaudierten alle, der Pfarrer nahm Vincent in den Arm und küsste ihm auf die Stirn, worauf dieser sichtlich bewegt und zahm sich wieder setzte. Alles jubelte und die Situation war gerettet.

Aufgrund dieser Erfahrung fiel es niemandem mehr ein, eine Rede halten zu wollen und so hatten alle etwas zu erzählen, die Stimmung war gut und wurde noch besser, als begonnen wurde, die ersten Speisen aufzutragen.

Binnen weniger Minuten wurde alles aufgetragen, was die Region zu bieten hatte. Oliven, gegrillte Sardinen, Tomateneintopf mit frischem Thunfisch, auf dem Feuer geröstete Kartoffeln, gebackene junge Ziege, gegrilltes Schwein, Hasen aus dem Tontopf, Seehecht, Tintenfisch und Kohlsuppe. Alles roch appetitanregend, sah wunderbar aus und dampfte. Die Hochzeitsgesellschaft ließ sich nicht zweimal sagen, sie solle zugreifen und so verwandelte sich der Raum in ein kulinarisches Gelage bei bester Laune aller Beteiligten, bis auf die Frau des Festredners und die Braut, beide noch etwas lädiert von dem Vorfall der nicht gehaltenen Rede. Alle anderen hatten das schon längst vergessen oder gar nicht so ernst genommen. Überall unterhielt man sich in ausgezeichneter Laune und ließ es sich gut gehen. Ab und zu hörte man den Pfarrer aus dem allgemeinen Geplauder heraus, wie er irgendwem mit lautem Gepolter zuprostete und wieder einmal ein volles Glas Rotwein an seine üppigen Lippen setzte.

So vergingen Stunden um Stunden. Es nahm alles kein Ende, es wurde gegessen, getrunken, gescherzt und die Konturen der Wahrnehmung wurden immer weicher. Ich weiß noch, dass ich mich irgendwann zurückzog, weil ich einfach nicht mehr konnte und zu unserer Herberge ging, um mich etwas hinzulegen. Und dann fällt mir wieder ein, dass die beiden Denis an meinem Bett stehen, um mich zur Fortsetzung der Feier am Abend abzuholen.

Ich duschte kurz kalt, schüttelte mich und wir fuhren zu einem Anwesen außerhalb der Stadt, dass Everards Eltern erworben hatten, um dort ihren bevorstehenden Lebensabend zu verbringen. Diesmal geschah alles unter der Regie einer Palästinenserin, die für alle gekocht hatte und die Bewirtung in die Hand nahm. Als wir ankamen, waren meine Mutter und Senor Santos in ein sehr intensives Gespräch verwickelt, während Fritz im Garten in einem Blumenbeet lag. Alle anderen tranken, manche tanzten und ich setzte mich mit Denis und Valerie in den Garten. Wir unterhielten uns lange und unsere Gespräche passten gar nicht zu einer Hochzeit. Denis war schwermütig und sein Irland ging ihm nicht aus dem Kopf. Als das Fest seinem Ende zuging, waren wir uns einig, dass wir uns möglichst bald wieder sehen müssten, unbedingt, wir schworen uns ewige Freundschaft und tröteten unser Lied in den warmen Nachthimmel.

Am Tag danach flogen die meisten wieder in ihre jeweilige Heimat. Wir blieben noch einen Tag länger und wurden von Senor Santos höchst persönlich zum Flugzeug begleitet. Eine wunderbare Zeit lag hinter uns und das Sommersemester vor mir.

Denis und Maggie aus London traf ich in der Folge mehrmals, meistens in London. Mit Denis und Valerie war es anders. Immer kam etwas dazwischen, mal konnten sie nicht, mal war ich verhindert, wenn es irgendwo ein Treffen hätte geben können. Wir verpassten uns knapp in England, Deutschland und Portugal. Meine Gedanken an sie erloschen nie. Immer wieder musste ich an die vielen Geschichten denken, die Denis mir erzählt hatte.

Mehr als zwei Jahrzehnte später erfuhr ich, dass die beiden von Edinborough nach Cork in Irland gezogen waren. Ich freute mich sehr, weil ich wusste, wie schwer sich mein nunmehr ferner, bloß noch in der Erinnerung existierender Freund mit seiner Abwesenheit aus Irland getan hatte. Und nur anderthalb Jahre nach seiner Rückkehr erfuhr ich, dass er nach kurzer schwerer Krankheit verstorben war. Obwohl mehr als fünfundzwanzig Jahre vergangen waren, ging mir die Nachricht sehr nahe und abends packte ich mein Saxophon aus und spielte „Things ain´t what they used to be“.. Ein Jahr später wiederum lud ich Valerie zu einem runden Geburtstag nach Deutschland ein. Sie konnte leider nicht kommen, schickte mir aber über ihren Bruder Everard ein Geschenk. Es war Denis erste, uralte Kamera, die er 1978 mit in Portugal dabei gehabt hatte und mit der er unvergessliche Bilder aufgenommen hat, die noch heute in meinem Besitz sind.

28 Jahre später traf ich dann Valerie anlässlich des Geburtstages der damaligen Braut. Valerie erzählte mir von ihrem gemeinsamen Weg zurück nach Irland und seinem schnellen Tod. „Ich bin so froh, dass wir das gemacht haben, Denis ist nach Hause gekommen und er war zum Schluss mit sich im Einklang.“ Wir unterhielten uns lang, es war so spontan und humorvoll wie vor 28 Jahren, nur Denis fehlte. Valerie lud mich nach Irland zu einem Besuch ein, was ich mir fest vorgenommen habe. Und gar nicht so selten spiele ich das Lied, denke dabei ein eine wunderbare Hochzeit im portugiesischen Faro und einen Zuhörer, der mit schelmischen Grinsen im irischen Himmel sitzt und den Takt auf einer Wolke schlägt.

Fiesta in Ondarroa

Im Jahr davor hatten wir es schon einmal versucht. Wie viele unseres Alters zog es uns Mitte der siebziger Jahre an die französische Atlantikküste. Campingplätze wie der in Mimizan Plage waren das Ziel. Dort konnte man in den Nadelwäldern direkt hinter den Dünen alles machen, wonach das Herz begehrte. Wir waren 1976 zu dritt dorthin unterwegs und hatten zwei Wochen dort verbracht. Tags am Strand gelegen, nachts in den Cafés und Bars des Ortes das Leben genossen, viel Pastis getrunken, den Frauen nachgestellt und uns mit Meeresfrüchten vollgestopft. Wir hatten mit unseres gleichen so manche Nacht durch gestritten, endlose Debatten geführt und waren uns ziemlich wichtig vorgekommen. Es war einfach grandios, mit einer blonden Katharina aus Berlin bis morgens am Strand zu sitzen, sich näher zu kommen und über den imperialistischen Krieg zu diskutieren.

Nach zwei oder drei Wochen hatte das sich dann aber auch und ich fuhr mit meinen beiden Freunden weiter nach Hendaye, der Grenzstadt zu Spanien auf der französischen Seite. Die Cafés und Bars waren dort besser, die Chancen bei Frauen dafür schlechter, hingegen das Essen wesentlich besser. Wie das Leben so spielt, Vor- und Nachteile hielten sich die Waage, nur dass uns eine andere Proportion besser gefallen hätte. Eines Abends beschlossen wir dann, in den spanischen Grenzort Irun zu fahren, um dort unser Glück zu probieren.

Der Ort war eine einzige Enttäuschung. Er stank nach den Abgasen der vielen LKWs, die die Grenze überquerten, es gab dunkle Zollstationen und eine reichlich finster drein blickende Guardia Civil. Mit ihren eigenartigen Helmen, die an eine Regenrinne im Nacken erinnerten, muteten sie durchaus komisch an, wenn man sich aber einmal in einem Wachgebäude derselben aufgehalten hatte, verging einem der Hang zum Spotten. Man glaubte sofort dem Ruf, den sie genossen. Und der war schlecht, sehr schlecht.

Der Abend in Irun bestand aus einem mäßigen Abendessen in einem kleinen Hotel, das von einer Frau serviert wurde, die an eine strenge Gouvernante erinnerte und der wir alle drei sofort bescheinigten, sie sympathisiere aus vollem Herzen mit der Franco-Diktatur. Das alles desillusionierte uns derartig, dass wir nach dem franquistischen Abendmahl beschlossen, uns in einer Taverne voll laufen zu lassen und ziemlich angeschlagen mit dem Renault R4 mitten in der Nacht unser Quartier in Hendaye wieder aufzusuchen.

So verging dieser Sommer, wir erlebten die erste Kühle des Septembers und irgendwann packten wir unsere Sachen und fuhren entlang der Pyrenäen Richtung Mittelmeer, wo wir noch für einige Tage in Montpellier hielten, um dann steil nach Norden zurück nach Deutschland zu fahren. Alles in allem ein schöner Sommer, geprägt von der Zuversicht der Jugend, ein angenehmes Leben stünde jedem zu und der Weg durch dasselbe sei von einem solchen geprägt.

Im Jahr darauf führte mich der Weg mit zwei anderen Freunden wieder nach Mimizan Plage, aber wir hatten uns vorher fest vorgenommen, dort nur eine oder zwei Wochen zu verbringen und dann weiter zu fahren, nach Spanien, genauer gesagt, ins spanische Baskenland. Mimizan war wie im Jahr davor, die Französinnen gefielen uns besser als die Deutschen, aber sie waren auch unerreichbarer, weil sie einer romantischen Sinnlichkeit verhaftet waren, die wir nicht begriffen und die wir nicht bedienen konnten.

Nach einem kurzen Stopp in Hendaye, wegen der dort einzigartigen Meerspinnen, die ich nur jedem empfehlen kann, der etwas auf seine Gaumenfreuden hält, traten wir die Reise über die Grenze an und ließen Irun so schnell wie möglich hinter uns. Wir fuhren auf der Küstenstraße weiter Richtung San Sebastian und wurden schnell neugierig. Die Menschen, auf die wir stießen, waren von denen im benachbarten Frankreich gänzlich unterschieden. Sie wirkten härter, aber auch freundlicher, gefährlicher, entschlossener, aber auch sanfter. Schon einfachste Begegnungen gaben uns die Gewissheit, dass hier etwas zu erforschen war, das sich lohnte.

San Sebastian riss gleich an meinem Herzen. Zunächst die Lage: In einer Meeresbucht gelegen mit einer vor gelagerten Insel, auf der eine monumentale Marienfigur den Seeleuten den Weg wies. Ein Stadtstrand, an dem sich Tausende tummelten, die alle in der Stadt wohnten. An der Kaimauer reihte sich eine Bar an die andere, in der die Tapa-Kultur Feste feierte. Die Theken waren umsäumt von den wildesten Gestalten, verwegenen Seeleuten, eleganten Frauen, Geschäftsmännern, einfachen Händlern und denen, die es wohl in allen Häfen der Welt gibt und die nicht so falsch als Strandgut bezeichnet werden. Und direkt in bester Lage das Hotel Londres, von dessen Terrasse man das ganze Panorama im Blick hatte. Aufgrund unserer verfügbaren Geldmittel verschlug es uns aber nicht dorthin, sondern in eine Bar namens El Rincon, in welcher die Schinken der Region alle an der Decke hingen und von den vielen Zigaretten und Zigarren der Besucher aufs intensivste geräuchert wurden. Dort taten wir uns nach der Reise gut, wir genossen Schinken und Wein und kamen in beste Stimmung. Mir wurde sehr schnell klar, dass diese Stadt in meinem Leben noch eine Rollen spielen wurde, aber wir wollten weiter. So fuhren wir am Nachmittag wieder auf die Küstenstraße, passierten den Ort Deva und fuhren weiter bis in den Abend, wo wir kurz hinter der Ortschaft Motrico den Berg hinauf fuhren, um zu zelten.

Wir trafen es gut. Oben auf dem Berg war ein Bauernhof mit einer Bar und man erlaubte uns, dort die Zelte aufzuschlagen. Wir blickten über Kuhwiesen hinab auf den Atlantik, bekamen riesige Rinderkoteletts, die in Knoblauch, frischen Kräutern und Olivenöl mariniert und dann gegrillt wurden und tranken guten Rioja, der bekanntlich einen leichten Nachgeschmack von Inquisition hat.

Der Wirt namens José Louis erzählte uns bei Espresso und Brandy, wir sollten den Abend nutzen und noch in den nächsten Ort namens Ondarroa fahren, weil dort genau an diesem Abend die Fiesta beginne, die insgesamt eine Woche dauere.

Obwohl wir ziemlich müde waren, ließen wir uns das nicht zweimal sagen und machten uns auf den Weg. Wir fuhren noch circa 10 Kilometer am Meer entlang, bis wir auf eine Bucht stießen, in der Ondarroa lag. Auf den ersten Blick wirkte die Stadt eher hässlich und industriell. Fisch- und Konservenfabriken lagen am Ortseingang und im Hafen lagen in erster Linie Fischerboote, die rostig und verölt aussahen. Wir stellten unser Auto irgendwo ab und begaben uns in das Zentrum, um doch noch irgendwo einen Kaffee zu trinken und danach nach dem zu suchen, was uns als Fiesta angekündigt worden war.

Wir gingen in eine Bar an einem Platz unweit der Kaimauer. Dort konnten wir beobachten, wie Trauben von fünf, zehn oder mehr Männern in das Lokal kamen, einen Wein bestellten, der in ganz kleinen Gläsern serviert wurde, die zudem nur zur Hälfte oder gar einem Drittel gefüllt waren. Sie scherzten untereinander und mit dem Wirt, tranken wirklich nur den einen Schluck und hielten sich nicht lange auf, warfen einen geringen Pesetenbetrag auf die Theke aus Mahagoniholz und verschwanden genauso schnell wie sie gekommen waren. Kaum hatten sie die Bar verlassen, erschien die nächste Gruppe und verhielt sich genauso.

Als wir die Bar verließen, waren der Platz und die Straßen überfüllt und wir glaubten, in eine politische Demonstration geraten zu sein. Tausende von Menschen, meistens in blauen Arbeitsanzügen, die fast allesamt ein rotes Halstuch und die bekannte Baskenmütze trugen, marschierten mit Transparenten durch die Straßen und skandierten Parolen. Zunächst dachten wir, José Louis hätte uns in eine Falle geschickt, weil das alles auf keinen Fall wie eine Fiesta anmutete, sondern wie eine ernste, todernste Sache. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich um eine Mischung aus einer politischen Demonstration und einer Eröffnungszeremonie der Fiesta handelte. Reden wurden geschwungen, Kanonenböller abgefeuert und immer wieder Parolen skandiert, die immer wieder Independencia, Autonomia, Euskadi und was auch noch immer zum Inhalt hatten. Überall wurde Wein gereicht, immer wieder zogen große Menschentrauben in die Bars, sangen, skandierten und tranken.

Wir waren gleich eingesogen von der bunten, eigenartig anmutenden Menge. Wo wir auch auftauchten, wurden wir mit einbezogen, immer wieder reichte man uns Weinflaschen oder Ziegenbeutel, die mit vino tinto gefüllt waren. Und es dauerte nicht lange und wir waren in Begleitung junger, gut aussehender Frauen, die uns bei der Hand nahmen und von einer Bar in die nächste, von einem Hinterhof in den darauf folgenden, an die Kaimauer, in ein Restaurant oder wo auch immer hin führten. Ich erinnere mich noch, dass wir irgendwann in einer Bucht um Lagerfeuer herum tanzten, sangen und ab und zu ins Meer sprangen. Wahrscheinlich fiel in diese Zeit auch ein kurzer Schlaf, aber morgens um Acht waren wir wieder an der Kaimauer und wurden Augenzeugen, wie die Männer vor einem Stier herliefen und meistens über die Mauer ins Meer sprangen, wenn er ihnen zu nahe kam.

Und einer meiner Freunde und ich, angetrunken und in solchen Spielchen ungeübt, versuchten es natürlich auch, nur mit dem Anfängerfehler, dass wir nicht über die Kaimauer sprangen, sondern uns in einen Hauseingang flüchteten, wohin uns ein aufgebrachter Stier auch prompt folgte. Hätten nicht einige beherzte Menschenfreunde aus dem Baskenland denselben kräftig am Schwanz gezogen und das Hinterteil traktiert, hätte er uns wohl fulminant auf die Hörner genommen und unsere Fiesta wäre zu einem schnellen, unrühmlichen Ende gekommen.

Am späten Vormittag kehrten wir angeschlagen, aber doch sehr glücklich auf José Louis Hof zurück, wo wir von seiner Frau Begonia noch eine kräftige Tortilla zum Frühstück bekamen. Danach verschwanden wir in den Zelten und schliefen bis zum späten Nachmittag.

Als wir aufwachten, gingen wir über die Kuhwiese ans Meer und schwammen, aßen in Begonias Küche Schinken und Bergkäse, genossen den schwärzesten Kaffee, den man sich denken kann und machten uns wieder auf den Weg nach Ondarroa, wo die Fiesta nie aufhörte und folglich bei unserem Erscheinen in vollem Gange war.
Unsere neuen Bekannten waren auch schon da und so, als wären wir die ältesten Freunde der Welt, zogen wir wieder gemeinsam durch den Ort, an schon bekannte und neue Stellen, lernten immer mehr Menschen kennen und nach zwei Nächten gehörten wir schon richtig dazu.

Eine baskische Fiesta dauert sieben Tage. Wir ließen nichts aus, es war ein rauschhafter Traum. Ich habe viele Jahre lang diese Fiestas mit gefeiert, bis mich mein Leben in andere Winkel der Welt trieb. Diesen Enthusiasmus, diese Lebensfreude, dieses Feuer, diese ungeheure Wucht, dieser Trotz und diese einzigartige Liebeserklärung an die Gemeinschaft habe ich nie wieder gefunden. Nichts wirkte wie gekünstelte Konvention, nichts aufgesetzt und nichts falsch. Es war also kein Wunder, das wir uns fühlten wie die Könige.

Am vierten Tag der Fiesta, an dem es regnete und kühl war, nahm mich Lucia, die ich seit zwei Tagen kannte, bei der Hand und sagte mir, sie müsse sich mal bei ihren Eltern zeigen und ich solle mit kommen. Wir fuhren mit dem Auto ins Landesinnere, durch menschenleere Dörfer und über schlechte Straßen bis wir in Lucias Stadt kamen. Es war Guernica!

Plötzlich war ich hellwach. Ich kannte Picassos großartiges Werk, sein Thema und seine Geschichte und nun war ich, der Nachkomme derer, die mit der Legion Condor in dieser Stadt dieses Verbrechen angerichtet hatten, mitten in der Stadt, die als Fanal für das Unrecht stand. Und es kam noch schlimmer. Wir fuhren an Schulen vorbei, an deren Wände die Kinder Motive aus Picassos Bild gemalt hatten oder man sah deutsche Flugzeuge über der brennenden Stadt mit schreienden, fliehenden Menschen.

Als wir ausstiegen war mir schon ganz flau. Bevor wir zu Lucias Familie gingen, zeigte sie mir noch in einem Park die santo roble, die heilige Eiche. Sie war es wohl, warum die Deutschen Guernica zum Ziel genommen hatten, aber sie hatte unbeschadet überlebt. Die Eiche ist das Symbol der baskischen Unabhängigkeit, seit dem Mittelalter schworen dort die Autonomisten die Unabhängigkeit des Baskenlandes. Und das tun sie bis zum heutigen Tag.

In der Familie angekommen, die sich sehr normal ausnahm, wurde ich mit freundlicher Distanz aufgenommen und mit skeptischen Blicken verfolgt, als wir zusammen aßen. Danach nahm mich der Patron zur Seite und fragte mich, was ich gesehen hätte und wie ich dazu stehe, was in seiner Stadt passiert sei. Ich erklärte mir meine bescheidene Sicht, auch, was der Faschismus in Deutschland angerichtet hatte. Er glaubte mir und akzeptierte mich. Als Lucia ihre Angelegenheiten geregelt hatte und wir uns verabschiedeten, sagte mir ihr Vater nur, er freue sich, wenn ich einmal wieder käme und die Mutter steckte mir einen baskischen Kuchen zu. Wir fuhren schweigend zurück nach Ondarroa. Lucia sprach mich auch in der Folgezeit nie auf unsere Exkursion in ihren Heimatort an, aber wir kamen uns emotional näher und ich erkannte, dass Erlebnisse oft mehr bewirken als viele Worte.

Die Fiesta nahm ihren Lauf und wir mischten bis zum finalen Kanonenschuss kräftig mit. Danach kurierten wir uns auf unserem Berg bei José Louis und Begonia aus. Sonntags verwandelte sich das Anwesen in ein riesiges Areal von Picknickern. Hunderte von Autos, vollgestopft mit Großfamilien, Tortillapfannen, Weinflaschen, Schinken, Käse, Grills, Gaskochern, Zigaretten und Zigarren rollten über den Schotterweg, suchten sich ein Plätzchen an einem Baum und bauten ihr Domizil auf, um auf den Golf von Biscaya zu blicken, sich den Bauch voll zu schlagen, immer ein bisschen am Wein oder Brandy zu nippen und zwischen schreienden Kindern dem Himmel die Welt zu erklären. José Louis stellte uns vielen verwegenen Menschen vor und wir erfuhren sehr viel über das Baskenland, seine Geschichte und den Unabhängigkeitskampf.

Uns mutete das alles sehr skurril an, hatten wir doch die Berichterstattung in Deutschlands Medien im Ohr, wonach alles, was nach einer baskischen Unabhängigkeit strebte, ein Auswurf terroristischer Wirrköpfe war. Und hier saßen Bauern, Fischer, Ladenbesitzer, Automechaniker und Dorfschullehrer und bekannten sich mit sehr ansehnlichen Manieren zu dem Ziel eines freien, unabhängigen Baskenlandes.

Und so erfuhren wir wie die spanische Zentralregierung mit dem Baskenland und seinen Bewohnern umging, dass nirgendwo so viele und so hohe Steuern bezahlt wurden wie hier, dass es verboten war, die baskische Sprache zu sprechen, dass die Guardia Civil Geschäftsleute erpresste, dass das Tragen baskischer Symbole strafbar war und das Hissen der baskischen Fahne, der Ikurrina, auch schon einmal dazu führe, dass man erschossen werde. Und sie forderten uns auf, bei unseren Ausflügen doch in Bars und Restaurants nach dem Schild Ausschau zu halten, auf dem prohibido cantar stehe. Und es war tatsächlich so, die Zentralregierung hatte ein Gesetz verfügt, dass es verboten sei, in der Öffentlichkeit zu singen. Ich muss dazu sagen, dass ich nie mehr in einer Gegend war, wo soviel und so inbrünstig in der Öffentlichkeit gesungen wurde.

Eine weitere Exkursion führte uns in das nicht ferne Küstenstädtchen Deva, wo auch eine Fiesta im Gange war. Die Atmosphäre dort war etwas düster, es schien so, als sei die ganze Feier von irgendetwas überschattet. Als wir zum Beispiel in einer Bar waren, in der sich die Menschen drängten, tranken, sangen, aßen und recht ausgelassen wirkten, betraten drei Soldaten von der Guardia Civil das Lokal, und mit einem Schlag herrschte Stille, alle ließen ihre Speisen und Getränke stehen und in wenigen Sekunden war niemand mehr zugegen als die drei Soldaten.

Wir erlebten noch viele Dinge in der Folgezeit, die alle als einzelne, kleine Episoden schon ihren Wert hatten, zusammen aber ein Mosaik ergaben, das einfach das weitere Interesse wecken musste. José Louis, Begonia und deren beiden Kinder, Marie Juana und José Marie, hatten uns in ihr Herz geschlossen und als wir uns verabschiedeten, fiel das allen schwer.

Ich fuhr mit meinen beiden Freunden über die Pyrenäen noch bis zum Mittelmeer, wo wir einem regelrechten Kulturschock unterlagen, als wir mit dem Massentourismus konfrontiert wurden. Dort hielt es uns folglich nicht lange und wir kehrten über Frankreich zurück nach Deutschland.

Mich ließ das Erlebte nicht mehr los. Ich lief in die Bibliothek und holte mir Bücher über das Baskenland. Ich las über die Geschichte, die Sprache, die verschiedenen Regierungsformen und den Unabhängigkeitskampf. Je mehr ich mich mit dem Thema befasste, so sicherer war ich mir, dass ich mit meiner Unbefangenheit und Naivität in ein politisches Wespennest der neueren europäischen Geschichte geraten war. Kein Wunder, dass ich die darauf folgenden Jahre immer wieder ins Baskenland fuhr. Mein Hauptstandort blieb jedes Mal Ondarroa, meine Freundschaft zu der Bauernfamilie wuchs und ich merkte bald, was sich in dieser Region abspielte. San Sebastian imponierte durch seine Weltoffenheit, Bilbao durch seine industrielle Ausstrahlung, Guernica und Pamplona durch ihren Mythos, aber der Bauch, in dem alles verarbeitet und in Energie umgewandelt wurde, der Bauch war Ondarroa. Dort, wo niemand damit rechnete, wurden die Schäden zusammen gezählt, die man von der Zentralregierung aus dem baskischen Widerstand zufügte, dort wurden die Pläne gemacht, wie man sich zur Wehr setzen wollte und dort waren die Arbeiter, Fischer, Kleinunternehmer und Bauern, die das Ganze trugen.

So wunderte es nicht, dass Ralph Giordano Jahre später in einer exzellent recherchierten und gut aufbereiteten Reportage über ETA Ondarroa als die eigentliche Kommandozentrale identifizierte.

Bis heute haftet jeder Diskussion um die baskische Frage, wie das Thema meist euphemistisch genannt wird, das Tabu an, über Terrorismus könne man nicht diskutieren, sondern man müsse ihn verachten. Wenn dem so ist, was ich bejahe, dann sollten aber die Fakten auf den Tisch und jegliche Form von Staatsterrorismus nicht außer Acht gelassen werden.

Angefangen von den uniformierten Plünderformationen, die im Namen von Republik und Krone alle Gewerbetreibenden der Region erpresste, den Foltermethoden, angewandt gegen die Zivilbevölkerung, den gezielten Todesschüssen auf Oppositionelle, der Einschleusung von Drogen in die Universitäten von an Sebastian und Bilbao und den inszenierten Bombenanschlägen gegen Zivilisten, die ETA in die Schuhe geschoben wurden.

Um es gleich zu sagen: ETA hat genauso gehandelt und es ist genauso grausam und furchtbar. Und es gibt kein Aber! Entscheidend scheint mir zu sein, dass eine nationale Frage, und um diese handelt es sich zweifelsohne, keine Chance einer Vernunft geleiteten Diskussion erhalten hat. Ein bipolares System der Gewalt überschattete das Baskenland über Jahrzehnte und es gab nie den Versuch, die Anliegen der von einer breiten ethnischen Mehrheit getragenen Bevölkerung zur Kenntnis zu nehmen.

Das Bizarre dieser Tabuisierung zeigt sich in diesen Tagen bei der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo gegenüber Serbien. Vom thematischen Kern sind beide Fälle völlig verschieden und die Absurdität europäischer Politik am Beispiel des Balkans ist hier nicht das Zentrum der Betrachtung. Aber dass nun ausgerechnet Spanien den einzig vernünftigen und von einer europäisch-demokratischen Kultur getragenen Standpunkt gegenüber dem Kosovo einnimmt, nämlich gegen seine Abtrennung von Serbien zu votieren, verliert seine ganze Glaubwürdigkeit, weil er von einem atavistisch-franquistischen Reflex getragen wird, weil er der Furcht entspringt, eine Zustimmung zur Unabhängigkeit des Kosovo könne die Kräfte des Baskenlandes wieder stärken, die eine Unabhängigkeit von Spanien forderten.

So seltsam generiert sich die die Geschichte im Zeitalter der Globalisierung. Als filtere man bewusst die vernünftige Analyse politischer, wirtschaftlicher, sozialer und nationaler Interessen aus der Gemengelage heraus, um sich auf Tagesinteressen zufällig dominierender Lobbys und launiger Mehrheiten in internationalen Organisationen zu verständigen.

Wenn ich heute solche Nachrichten lese, denke ich oft an Ondarroa und die dort lebenden Menschen. Ich glaube kaum, dass sie sich von der Qualität eines derartigen politischen Diskurses beeindrucken lassen. Sie haben die jüngere Geschichte selbst erlebt und gesehen, wo Ursachen und Wirkungen zu sehen sind. Vielleicht sind sie der Illusionen beraubt, die sie einmal hatten, als sie glaubten, ein unabhängiges Baskenland sei in Reichweite und selbiges würde all ihre Probleme lösen. Sie werden aber sehr genau durchschauen, welches die Motive derer sind, die sich ihrem nach wie vor ungebrochenen Freiheitswillen in den Weg stellen.

Und in Ondarroa werden die Schiffe nach wie vor nachts auslaufen, um die Bonitos zu fangen, manche Fischer werden mit leichten Booten in der benachbarten französischen Bucht vor Hendaye illegal auf die Jagd nach den schmackhaften Meeresspinnen gehen und dort Schießereien auslösen und José Louis, der hoffentlich noch rüstig genug ist, wird abends das Gewehr schultern und in den Berg gehen, um etwas zu jagen. Und wenn er zurück kommt, dann sitzt er vor seinem Kamin, hoch oben über dem Golf von Biskaya, wird ausgiebig speisen, seinen Rotwein trinken und danach eine gute Zigarre rauchen, und er wird verschmitzt aufs Meer blicken, wo er seine Zuversicht sucht, die er auf mysteriöse Weise immer wieder findet.