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Verloren in Perth

Viele Europäer, die in asiatischen Metropolen leben, klagen darüber, dass sie irgendwann einen gehörigen Koller bekommen. Als Gründe dafür geben sie das ungeheure Treiben der Massen, die Rührigkeit des gesamten Lebens, den dadurch verursachten Lärm, die fremden Speisen, die kollabierende Infrastruktur und den Mangel an Privatheit an. Wir lebten schon einige Jahre in Jakarta und konnten diese Erfahrung nicht teilen. Die Hauptstadt Indonesiens mit ihrer ungeheuren Impulsivität und Lebenskraft, mit ihren atemberaubenden Widersprüchen und den unzähligen Geheimnissen war uns eine wahre Heimat gewesen. Nie verspürten wir so etwas wie Sehnsucht nach dem europäischen Lebensstil. Wir fühlten uns gut und hatten kein Bedürfnis, irgendwohin zu flüchten, um uns von dieser erlebten Spannung zu erholen.

Während der Unruhen und dem Sturz Soehartos waren wir einmal widerwillig nach Kuala Lumpur evakuiert worden und fanden es eher fad und wir hatten Singapur besucht, das uns als gar nicht sonderlich asiatisch enttäuscht hatte. Ungefähr einmal im Jahr flogen wir in die deutsche Heimat, aber mehr wegen der Angehörigen und Freunde und um die üblichen Bank- und Arztkonsultationen zu absolvieren, als aus Heimweh oder gar Flucht vor unserer neuen asiatischen Lebenswelt.

Das einzige, was uns beflügelte, das Auge zwischendurch auch einmal auf die westliche Kulturhemisphäre zu richten, war die Tatsache, dass wir um die zeitliche Begrenzung unseres asiatischen Aufenthaltes wussten und man von Indonesien aus relativ schnell nach Australien kommt, was von Europa aus gesehen jedoch zu einem flugtechnischen Marathon wird. So beschlossen wir den Jahreswechsel 2000/01 im von Jakarta nur drei Flugstunden entfernten australischen Perth zu verbringen.

Perth gehört durch seine geographische Lage und seine Kulturanbindung sicherlich zu den großen Kuriosa dieser Welt. An der Westküste Australiens und am Indischen Ozean gelegen, ist es einige Tausend Seemeilen vom afrikanischen Kontinent und der dortigen Metropole Kapstadt entfernt. Was den australischen Kontinent selbst anbetrifft, so ist es durch tausende Kilometer Wüste von der restlichen Zivilisation Australiens abgeschnitten. Bis nach Adelaide, der nächsten Großstadt, braucht man Tage mit dem Zug und dazwischen liegt das steinige Nichts. Die nächst größere Stadt ist eigentlich das indonesische Surabaya, welches allerdings kein Australier ansteuern würde, um Zivilisationskontakte zu pflegen, dazu ist man zu inzestuös programmiert. Ein Blick auf die Karte genügte, um dieses Kuriosum ausfindig zu machen und insofern waren wir gespannt auf das, was uns in diesem westlichen Niemandsland begegnen würde. Viele Bekannte aus der Expatszene hatten uns zwar schon einiges erzählt und von Perth geschwärmt, aber wir waren im Laufe der Zeit bezüglich derartiger Bewertungen vorsichtig geworden, weil erstens die Geschmäcker verschieden sind und zweitens viele Expats im Laufe ihres Auslandsdaseins sich schnell mit Kulissen und bloßen Hinweisen auf den Westen zufrieden geben, um ihre Sehnsucht nach ein wenig Heimat zu stillen.

Neugierig bestiegen wir also kurz vor Weihnachten das Flugzeug und nach einem auch für indonesische Binnenverhältnisse kurzen Flug von drei Stunden landeten wir im australischen Perth. Die ersten Eindrücke auf und vor dem Flughafen verwunderten uns nicht und deckten sich mit den sinnlich wahrnehmbaren Informationen, die der Reisende von Asien in den Westen in der Regel bekommt. Alles war leerer, die Menschen älter und ein Hauch von Reguliertheit legte sich über jede Aktion. Da wir im australischen Sommer ankamen, hatten wir angenehme Temperaturen, die Luft war trocken und nicht feucht und es herrschte ein grandioses Licht. Wir bestiegen ein Taxi, und gaben die Adresse an, die wir gebucht hatten. Wie wir später zu schätzen lernten hatten wir Glück, auf einen Taxifahrer aus dem Balkan zu treffen, der das Phänomen des Fremdseins kannte und gleich mit uns ein entspanntes, aber informationshaltiges Gespräch führte.

Da unser Domizil nicht direkt in der Stadt Perth, sondern an deren Strand Scarborough lag, hatten wir einige Zeit, uns etwas zu unterhalten. Es ist allgemein bekannt, dass Taxifahrer immer ein gutes Medium sind, um erste Eindrücke zusammeln und Informationen zu bekommen, die jenseits der offiziellen Bulletins liegen. Der, auf den wir trafen, entpuppte sich als ein hellwacher und interessierter Zeitgenosse, der nicht lange hinter dem Berg hielt. Er gab uns einen Überblick über die Situation und das Lebensgefühl der jungen Leute von Perth, die irgendwann alle dem Inselkoller erlagen und durch exzessive Verhaltensweisen ihrem Wunsch nach Flucht Ausdruck verliehen. Er erzählte uns von dem furchtbaren Schicksal der Aborigines, die als Fremde im eigenen Land ein hoffnungsloses Dasein fristeten und er berichtete auch von sich selbst, wie es ihm ergangen war als Einwanderer und das es ihm in vielen Jahren nicht gelungen war, einen Weg in die Gesellschaft zu finden. Während dieser Erzählungen blickten wir auf eine wunderschöne Stadt, die durch sehr geschmackvolle moderne wie durch romantisch wirkende viktorianische Architektur zu bestechen wusste. Hinzu kamen immer wieder große Areale himmlisch anmutender Parkanlagen, in denen ein atemberaubender Baumbestand und sehr viele exotische Vögel hervorstachen. Alles wirkte gediegen, liebevoll und sehr einladend. Die Schilderungen unseres Fahrers passten dazu nicht, doch wir waren offen und hörten uns alles an. Da wir ihm unser Ohr schenkten und ihm durch unsere Fragen signalisierten, dass wir ihn ernst nahmen und interessiert waren, gab er uns auch noch wertvolle Tipps im Hinblick auf Unterkünfte und gute Restauration.

Als wir an unserem gebuchten Domizil ankamen, verabschiedeten wir uns von unserem unentgeltlichen Fremdenführer sehr freundschaftlich und dieser raunte uns noch zu, falls es uns dort nicht gefiele, sollten wir doch für die erste Nacht in das große Hotel am Strand gehen und dann weiter sehen. Und der kluge Mann wusste, was er uns riet. Denn wir trafen auf ein furchtbares Anwesen und eine noch schrecklichere Landlady. Als wir an der Anmeldung klingelten, kam diese beträchtlich alkoholisiert an die Pforte und zeigte uns eine Kaschemme, dass es uns die Sprache verschlug. Da gab es nicht viel zu debattieren, wir bissen in den sauren Apfel einer schlechten Interneterfahrung, nahmen die Koffer in die Hand und liefen einige Hundert Meter bis zu dem uns von dem Taxifahrer empfohlenen großen Hotel, wo wir im zwanzigsten Stock noch ein Zimmer bekamen. Wir ließen uns noch etwas zu essen aufs Zimmer bringen und schliefen traumlos.

Als wir am nächsten Morgen erwachten, blickten wir auf eine atemberaubend schöne Küste und ein quicklebendiges Meer, auf dessen Wellen schon etliche Surfer ritten. Unten im Eingangsbereich befand sich die Frühstückslounge und was wir dort sahen und erlebten, passte eigentlich nicht so ganz in die südliche Hemisphäre. Das Buffet präsentierte das klassische englische Frühstück in seiner ausuferndsten Bandbreite, vom Rührei über gebratenen Speck, mashed potatoes, fettige Bratkartoffeln, soßige Bohnen bis hin zu den sehr eigenwilligen Bratwürsten im zarten Natursaitling. Hinzu kamen Marmeladen und Konfitüren aller Art, Pfannkuchen mit Sirup und Sahne, Bownies, Cookies, Eiscreme, und eigenartige Zuckerperlen.

Als wir den Raum betraten, schlug uns der Duft all dieser offerierten Speisen bereits entgegen und große Gesellschaften saßen um runde Tische, die zum Teil schon den Eindruck eines gewaltigen Schlachtfeldes vermittelten. Uns fiel auf, dass die Menschen hier an kollektivem Übergewicht litten, während wir aus dem Fenster am Strand die sehr sportive Version des homo australicus gesichtet hatten. Obwohl ich noch am Tag zuvor gewohnheitsgemäß in Jakarta meinen Tag mit etwas nasi goreng und Fruchtsäften begonnen hatte, stürtzte ich, nachdem wir uns an einem der wenigen kleineren Tische niedergelassen und Kaffee und Tee bestellt hatten, wie der Pawlow´sche Hund ans Buffet und gab es mir very British. Es musste einfach sein und für einen Moment verstand ich alle meine Tischnachbarn, die dieses Zeremoniell wohl täglich zu zelebrieren schienen.

Nach dem Frühstück checkten wir aus, da das Hotel weder unserem Geschmack noch unseren Vorstellungen des Preises entsprach und suchten uns ein Appartement. Kurz darauf fanden wir auch eines, das sehr modern und geschmackvoll, ruhig und ebenfalls in Strandnähe war. Danach riefen wir Freunde aus Jakarta an, die sich zufällig auch in Perth aufhielten und bereits vor einigen Jahren dort für zwei Jahre residiert hatten. Wir verabredeten uns mit ihnen direkt in Perth im Ortsteil Subiaco. Vorher mieteten wir ein Auto und waren somit mobil.

Unsere Freunde wohnten in einer sehr schönen, in das urbane Umfeld einbezogene Anlage und meine Frau und ich beschlossen, unsere Zeit in Perth aufzuteilen in eine Phase am Strand und eine in der Stadt. Bei dem Treffen erhielten wir viele Informationen über die Sehenswürdigkeiten, der Dos und Do Nots und wir hatten eine angeregte Unterhaltung. Nachdem wir solchermaßen und schnell ein vernünftiges Domizil, ein Fortbewegungsmittel und allerlei Orientierungstipps erhalten hatten, konnten wir sehr entspannt der Zeit, die vor uns lag, entgegen sehen, was wir auch taten. Wir genossen das trockene Klima, die Spaziergänge am Strand und das Licht. Vor allem das Abendlicht vor dem Sonnenuntergang vermittelte eine Wärme und Intensität, wie ich sie nie mehr vorher oder nachher erlebt habe. Saß man in einem Café am Meer und blickte zum Himmel, dachte man, es würden in froher, leicht getragener Stimmung die Vorbereitungen für das Ende der Zeit getroffen. Und alle Objekte, die von dem immer leicht ockerfarbenen Licht getroffen wurden, erhielten eine Aura der inneren Ruhe und Friedfertigkeit. Diese Momente sollten für mich die Höhepunkte meiner Zeit in Perth werden, weil sie etwas Einzigartiges hatten.

In der folgenden Zeit hatten wir genug Gelegenheit, das Treiben zu beobachten und eine Idee davon zu bekommen, nach welchen Schwingungen die Westaustralier ihr Leben ausrichteten, wie sie dachten, funktionierten und kommunizierten. Vieles davon kam uns als Westlern bekannt vor, manches erstaunte uns dann doch und einiges stieß bei uns auf Unverständnis. Zudem wussten wir um einige Bekannte, die wir aus Jakarta hatten, und die sich zur Jahreswende ebenfalls in Perth aufhielten. Sollte wir also das Bedürfnis nach bekannter Gesellschaft haben, so konnten wir uns problemlos bedienen, mussten es aber nicht, was immer zum Vorteil wird, weil die Freiwilligkeit eine Grundlage der Unabhängigkeit bildet. Und um es gleich zu sagen: Wir zogen die Karte kaum, hatten wir doch genug vor und zu erleben. Wir hatten zwei oder drei Treffen, und die eher aus Höflichkeit.

Was das australische Leben anbetraf, so bekamen wir den ersten Hinweis darauf schon am ersten Abend, als wir sehen konnten, was die typische australische Restauranthaltung war. Sie resultiert aus der inneren Logik einer protestantischen Gesetzgebung, die die Regulierung des Wohles von Individuum und Gemeinschaft zu jeder Zeit im allgegenwärtigen Auge hat. In australischen Restaurants ist das Rauchen strikt untersagt und deshalb gehört es zum allgemeinen Usus, nach dem Essen durchaus vor die Tür des Restaurants zu gehen, um eine Zigarette oder einen Zigarillo zu rauchen. Da es aber zum Schutze der Jugend und zur Herstellung der öffentlichen Hygiene strikt untersagt ist, unter freiem Himmel, auf Straßen und Plätzen alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, stehen viele Restaurantbesucher, die nach dem Essen rauchen, aber nicht auf einen Schluck Wein oder einen Digestiv verzichten wollen, vor einem unüberbrückbaren Dilemma. Dieses führt zu dem Kuriosum, das Männer wie Frauen, und letztere zum Dinner sehr oft elegant gekleidet, breitbeinig auf der Restaurantschwelle stehen, in der linken Hand ein Glas Wein innerhalb des Restaurants, in der rechten aber die Zigarette auf dem Trottoir. Wollen sie einen Schluck Wein nehmen, so dreht sich ihr Kopf ins Restaurant, ziehen sie an der Zigarette und exhalieren sie, so erscheint er auf der Straße. Mal abgesehen davon, dass wir soeben aus dem in dieser Hinsicht liberal-paradiesischen Asien kamen, so hatte das ganze auch unter dem Aspekt der damaligen europäischen Gewohnheiten etwas Absurdes und Bizarres. So sah man dort elegante und kultivierte Frauen, vom Gesetzgeber verdammt zu Körperhaltungen, die an die Rotlichtzonen hinter den Containerdocks der Welthäfen erinnerten. Sie standen sie sich paarweise gegenüber, spiegelverkehrt, breitbeinig, laut schnatternd, das Weinglas im Lokal, die Zigarette auf der Straße, immer wieder in das Restaurant schreiend, weil dort andere Kommunikanten standen wie andererseits auch auf der Straße, wo sich die exklusiv Rauchenden aufhielten. Das alles wirkte völlig irrsinnig und machte deutlich, zu welchen Kapriolen eine Gesetzgebung in der Lage ist, die regulierend und eindimensional denkt und das menschliche Individuum nicht ganzheitlich sieht. Insgesamt waren diese Beobachtungen die ersten Hinweise auf die Dimensionen der protestantischen Reconquista gegen den eigenen Liberalismus.

Uns erschien das damals völlig fern und eine australische Eskapade, bis wir gut ein Jahr später bei unserer Rückkehr nach Deutschlandeines Besseren gelehrt wurden, als wir wahrnehmen mussten, wie weit der protestantische Fundamentalismus Einzug in das Denken genommen hatte.

Neben dieser Kuriosität fielen uns weitere auf. Wir hatten bereits im Fernsehen Anti-Raucher-Spots gesehen, in denen ein Lungenzug und seine Auswirkungen auf seine organische Umgebung simuliert wurden, um nachher Bilder von bösen und unappetitlichen Missbildungen zu zeigen. Nun fielen uns Schilder an den Straßen auf, auf denen zu lesen war, wer trinke und Auto fahre, sei ein Idiot oder ein Mörder. So war ein weiteres Erlebnis nur folgerichtig. Es gehört zu den Gewohnheiten vieler Australier, die außerhalb der City wohnen, nach der Arbeit mit Kollegen in eine der zahlreichen Bars zu gehen, um einen Drink zu nehmen und etwas zu plaudern. Wie wir sahen, wurde dort nicht selten ziemlich zugelangt. Da allerdings in Australien die Null-Promille-Grenze gilt, war nur klar, dass die Polizei die Gelegenheit nutzte, um an den Ausfallstraßen Alkoholkontrollen vorzunehmen. An einem frühen Abend standen wir auf eben einer solchen Ausfallstraße in einem recht langen Stau und waren uns nicht ganz sicher, um was es ging. Polizisten hielten einen Wagen nach dem anderen an. Als die Reihe an mir war, bat mich eine Polizistin, das Fenster der Fahrerseite zu öffnen. Noch als das Fenster in der Abwärtsbewegung war, drang bereits ihr Arm mit einem Blasröhrchen ein und auf meinen Kopf zu und sie harschte mich von außen an „Blow!“ Das war unmissverständlich und machte mehr als deutlich, dass diese Leute auf keinen Fall von einer Unschuldsvermutung ausgingen. Sei´s drum, ihr schillerndes Rohr stellte nichts fest.

Als wir uns eines Abends zu dem entfernter liegenden Überseehafen Perth´ namens Freemantle aufmachten, erlebten wir hingegen eine andere, äußerst attraktive Welt. Zum einen gibt es nichts schöneres als einen Hafen in diesem Licht in der Abenddämmerung. Zum anderen stellten wir fest, dass es dort eine sehr intakte und gut funktionierende italienische Community gab. Das fing an mit den Fischrestaurants direkt am Wasser, ging über Bocchia-Clubs, deren Mitglied man nur werden konnte, wenn man der italienischen Sprache mächtig war und endete auf der Hauptstraße, genannt der Capuccino-Strip an der South Terrace, in der verschiedene italienische Restaurants Speisen in einer Qualität und Originalität anboten, wie ich es weder vorher noch nachher irgendwo auf der Welt erlebt habe. In einem solchen Restaurant taten wir uns im Freien gut und so wurden wir, als die Dunkelheit der Nacht einzog, Zeugen eines beispiellosen Schauspiels. Die Straße entpuppte sich als die Cruisermeile der Stadt. Plötzlich tauchten alle möglichen amerikanischen Limousinen der Filmgeschichte auf, meistens als Cabriolets, Chevrolets, Buicks, Lincolns, natürlich Corvettes und Ford Mustangs. Sie alle wurden von jungen Männern gefahren, ganz langsam, um der stylischen Pomade im Haar gerecht zu werden. Als Dekor waren junge Frauen dabei, nicht selten im Pettycoat. Das Ganze hatte etwas von einer Inszenierung aus vergangener Zeit, doch es war gelebte Realität und gehörte zum abendlichen Ritual. Auffallend war, dass fast alle, Fahrer wie sonstige Insassen, ganz trendy mit offenen Bier- oder Whiskeyflaschen, die immer wieder die Lippen wechselten, diesen Cruise begleiteten. Und obwohl unübersehbar überall Polizei zu sehen war, störte sich niemand daran und es wurde auch nicht eingegriffen. Anscheinend galt für die Sprösslinge der Oberschicht ein eigenes Gesetz. Wir suchten in dieser Zeit Freemantle öfters abends auf, wegen der italienischen Küche, wegen des märchenhaften Lichts und wegen der Erfahrung, dass auch am Ende der westlichen Welt die Illusion der vielleicht einzige Konsens war, der noch erzielt werden konnte.

Nachts fuhren wir dann in unserer großen japanischen Limousine zurück nach Perth und wir hatten das Gefühl, als befänden wir uns auf dem Mond, fasziniert von der Stille, den tieflagigen Flüstertönen des Windes und dem eigenartigen Gefühl, vieles zu erkennen, bei näherem Hinsehen jedoch festzustellen, dass es nur der Schein war, den wir zu kennen glaubten, dahinter aber kein Sein erkennen konnten.

Wir hatten uns vorgenommen, auf jeden Fall die Insel Rottnest, Rattennest, zu besuchen. Sie war uns aufgrund der Strände und Idylle zudem aufgrund der Fauna, vor allem der nachtaktiven Quokkas, das sind kleine Beuteltiere, die es nur auf dieser Insel zu geben schien, als sehenswert geschildert worden. Also bestiegen wir an einem sonnigen Morgen in Freemantle die Fähre und setzten über nach Rottnest. Dort angekommen, mutete tatsächlich alles sehr schön an, so wie es in den Prospekten gepriesen worden war: Lange Sandstrände, keine Autos, beste Wellen für Segler und Surfer und wunderbare Tauchspots. Was wir nicht wussten und erst dort erfuhren, versetzte uns jedoch einen Schlag. Rottnest war das australische Konzentrationslager für die Aborigines.

Hier wurden die Ureinwohner des gesamten australischen Kontinents in einem Lager interniert. Man verfrachtete sie aus allen Teilen des Landes hierher, meistens mit einer Eisenkugel am Fuß, um sie hier einzusperren und zu brechen. Zigtausende verloren ihr Leben schon auf dem Transport, und noch mehr ließen ihr Leben in Rottnest. Es war ein Holocaust, der in den westlichen Geschichtsbüchern nicht satt fand. Nicht, dass die Menschheitsgeschichte nicht durchzogen wäre von schlimmen Phasen der Unterdrückung und gewaltigen Irrtümern. Und nicht, dass es kaum Völker gäbe, in deren Journalen nicht erhebliche Versäumnisse gegen die Menschlichkeit zu entdecken wären. Und gut, dass irgendwann, zwar immer spät, doch nie zu spät, so etwas wie eine späte Erkenntnis, ja Reue einkehrt, die eine historische Aufarbeitung der eigenen Geschichte einleitet.

Wir stellten fest, dass es in Australien kein Unrechtsbewusstsein gegenüber den Misshandlungen gegen die Aborigines gibt. Schlimmer noch, man fühlt sich anscheinend im Recht. Den Gipfel bildet wohl der Umgang mit den Lagern in Rottnest, denn man hat sie umgebaut zu Feriendomizilen. Dort, wo systematisch und programmatisch Menschen vernichtet wurden, psychisch, physisch und ethnisch, können sich heute die Mitglieder des weißen australischen Mittelstands einen kleinen Abenteuerurlaub buchen und im Kreise ihrer Familien lustige Grillabende veranstalten. Das ganze war so bodenlos, so zivilisationsfern und so inhuman, dass wir die nächst mögliche Fähre nahmen, um zurück ans Festland zu kommen.

Das Thema interessierte uns natürlich mehr und in den nächsten Tagen erfuhren wir einiges über die verschiedenen Wellen der Vernichtung. Die schneeweißen Nachkommen britischer Zuchthäusler hatten seit ihrer Ankunft versucht, die Aborigines zu vernichten, obwohl diese aufgrund ihrer Lebensgewohnheiten nie eine Gefahr darstellten. Mal hatte man sie systematisch abgeschossen, mal landesweit deportiert und mal ihnen alle Kinder abgenommen und in weiße Farmerfamilien gesteckt. Letztere wurden zu einer Lost Generation, die völlig gebrochen an den Rändern der weißen Siedlungsbefestigungen im Wüstensand verendete.

Bis in die Gegenwart sind die Aborigines aller wesentlichen Rechte beraubt, man macht sie zu Wohlfahrtsempfängern und nimmt ihnen weiter die Würde, indem man ihnen verbietet zu arbeiten. Geht man durch die Städte, sieht man sie oft alkoholisiert in den Parks herumliegen, gebrochen. Nie vorher oder danach habe ich Menschen gesehen, deren Blick eine derartige Trostlosigkeit offenbarte.

Ein Jahr zuvor hatten wir bei einem Besuch in Deutschland die Berichterstattung des dortigen Fernsehens zu den olympischen Spielen in Sidney erlebt und noch im Nachhinein stieg in mir die kalte Wut hoch. Australien wurde durchweg als ein wunderbares, tolerantes und liberales Land geschildert, in dem alle nett waren und es ein Glück war, dort leben zu dürfen. Angesichts dieser propagandistischen Höchstleistungen und dem gleichzeitigen Verriss nicht westlicher Gastgeber olympischer Spiele verwundert es nicht mehr, dass der Westen in der restlichen Welt kaum noch Glaubwürdigkeit besitzt. In Asien nennt man ihn deswegen schlichtweg arrogant, was das schlimmste Attribut ist, das man sich einfangen kann.

Doch der australische Kalender hatte keine Veranlassung, stehen zu bleiben und so erlebten wir einen Boxing Day, sprich Weihnachten, das sicherlich zu den Bildern beitrug, die man sich in Europa von diesem Land zu machen beliebt. Am Strand sahen wir Weihnachtsmänner, die surften oder in der Badehose tanzten. Überall gab es lustige Familienpicnics und es herrschte ausgelassene Stimmung. Abends gingen wir gut essen und setzten uns in eine Bar. Alle Menschen waren immer ausnehmend freundlich zu uns, ins Gespräch selbst kamen wir jedoch nie.

Zum einen lag es an der Sprache. Australisch ist das am schlechtesten verständliche Englisch der Welt, es wird in einem höllischen Tempo dahingeschnuddelt und prononciert wie ein hastig eingesaugter Pulpo. Wirt trauten unseren Ohren einfach nicht. In keinem Teil der Welt hatten wir je ein Englisch gehört, das sich dermaßen gegen das Verstehen wehrte und das so wenig Attraktion besaß, als dass man sich Mühe gab, um es zu erwerben. Es hatte allerdings etwas von sozialer Gerechtigkeit. Vom Tellerwäscher bis zum Volljuristen hörten sich alle gleich an, Bildung schien in Bezug auf die Sprachperformance keine Rolle zu spielen. Und wenn man in den Nachrichten den damaligen Präsidenten Howard sah und hörte, hatte man allemal den Eindruck, ein Kapitalverbrecher hätte sich als Staatsoberhaupt verkleidet. Er sprach nicht nur den Slang der Gosse, sondern er dachte auch so, was sich zum Beispiel darin zeigte, dass er asiatische Boatpeople, die in australischen Gewässern aufgetrieben wurden, dehydriert, unterernährt und leicht havariert abdrängen ließ, sodass sie de facto den Haien vorgeworfen wurden.

Zum anderen wurden wir das Gefühl auch nicht los, dass man gar kein Interesse an einer Konversation hatte. Hier, in dieser abgelegenen Welt, aus der die Jungen angeblich entfliehen wollten, fand sich niemand, dem es eine Anstrengung wert gewesen wäre, mit Menschen in Kontakt zu treten, die aus einer anderen Lebenswelt kamen. Wir hatten Urlaub und kamen aus einer der kommunikativsten Metropolen der Welt, wir lächelten milde und gingen unserer Wege.

Doch das schneeweiße Perth hatte in seinem Faible für gebügelte neue Dollars auch etwas frisches Blut in die intimen Gemächer gelassen. Das Blut war zwar frisch, aber es blieb doch ziemlich weiß. Zum einen war nach Ende des Apartheidregimes in Südafrika sehr viel weißes Kapital und auch einige seiner Eigentümer über den Indischen Ozean nach Perth gewandert, zum anderen hatten viele indonesische Chinesen nach den Ausschreitungen um den Sturz Soehartos ihr Vermögen via Singapur ins sichere benachbarte Australien transferiert. Üppige, exorbitant gestaltete und als Hochsicherheitstrakte verwaltete Villen entpuppten sich nicht selten als Residenzen einer dieser Migrantengruppen. Die Möglichkeit, australische Papiere zu bekommen, steht in direktem Zusammenhang mit der Geldsumme, die man mitbringt. Aber es gab auch andere Schicksale.

Das erfuhr ich bei meinen morgendlichen Ausflügen in die Parks. Da zur Jahreswende in Perth Hochsommer herrscht, zog es mich morgens sehr früh in die großen Parks der Stadt. Ich nahm dann immer mein Saxophon mit, um beim Anblick der aufgehenden Sonne und den Lichtspielen auf den Tauflächen zu spielen. Das war gut möglich, weil um diese Zeit außer den beheimateten Papageien kaum Zeitgenossen unterwegs waren. Die Kühle inspirierte und es machte einfach Spaß, je nach Laune ein wenig zu improvisieren. In einem Park im Stadtteil Subiaco tauchte eines Morgens plötzlich ein Vietnamese neben mir auf, der mir zunächst sehr aufmerksam zuhörte und dann sehr geschickt über das Gehörte meine Herkunft zu ermitteln suchte. Es entspann sich ein interessantes Gespräch und ich erfuhr, dass der Mann zu den Boatpeople gehört hatte, die aus Vietnam geflüchtet waren. Er hatte es mit seiner Familie tatsächlich bis nach Australien geschafft und lebte bereits seit achtzehn Jahren in Perth. Das interessierte mich sehr und ich fragte ihn, inwieweit er sich denn eingelebt habe. Er berichtete mir, dass er in den fast zwei Jahrzehnten nie Kontakt in die australische Gesellschaft gefunden habe. Seine Sozialkontakte waren die gleichen, wie am ersten Tag seiner Ankunft, alles beschränkte sich auf die eigene Familie und noch den einen oder anderen Menschen, den das gleiche Schicksal hier ans Ende der Welt verschlagen hatte.

Auf einer anderen morgendlichen Exkursion in einem Park bei Scarborough mit Blick auf das Meer sprach mich ein älterer Herr an, der seinen Hund ausführte. Er entpuppte sich als eingewanderter Ire, der seit vierzig Jahren in Australien war. Als Fernsehtechniker hatte er immer Jobs gehabt, nicht schlecht verdient und materiell eigentlich nie Sorgen, obwohl es andererseits auch nicht so viel war, als dass er hätte einen schwelgerischen Lebensstil an den Tag legen können. Als ich ihn fragte, ob er, wenn er noch einmal vor der Entscheidung stünde, das Gleiche täte, verneinte er. „Es war der größte Fehler meines Lebens.“ Und er nahm seinen Hund und zog weiter seine Runden.

Der Stadtteil Northbridge ist der, in welchem sich Kultur und Unterwelt ein bisschen näher kommen. Hier isst man sehr gut, vor allem Seafood und Asiatisch, wir bevorzugten zumeist ein wunderbares Restaurant mit dem treffenden Namen Fishy Affaires.

An einem Wochenende hatten wir schon morgens am Meer gesehen, dass ein amerikanischer Flugzeugträger angelegt hatte. Abends sahen wir dann in Northbridge einen Film, in dem Frank Sinatra hätte die Hauptrolle spielen können. Die amerikanischen Seeleute hatten Ausgang und erschienen Grüppchenweise in Northbridge, wo sie zunächst Essen gingen und dann auf Brautschau in die vielen Clubs, in denen Big Bands aufspielten. Fly me to the Moon, On the sunny Side of the Street, Basin Street Blues, Stormy Weather waren die Melodien, die aus den verschiedenen Etablissements mit fetten Bläsersätzen zu vernehmen waren. Je später die Stunde, desto mehr ganz in Weiß und schwarze Lackschuhe gekleidete Matrosen bevölkerten Clubs und Viertel, es mussten Tausende sein. Und je mehr der Abend fortschritt, desto betrunkener wurden viele.

Die gut erkennbaren höheren Ränge blieben genauso nüchtern wie die undercover arbeitenden Militärpolizisten, unter deren lässig weit getragenen Hawaiihemden die Peacemaker für alle gut sichtbar hervorlugten. Die ganze Gilde der anglo-sächsisch-weißen Prostitution hatte hervorragende Arbeit geleistet und kaum ein Held des Flugzeugträgers musste die Nacht allein verbringen, sofern er das nicht wollte. Ständig rollten amerikanische Limousinen aus den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren vor den Clubs vor und luden Tanzbekanntschaften ein, um sie möglichst schnell an einen Ort höherer Intensität zu verfrachten. So manch wackeren Seemann sahen wir an diesem Abend zweimal aus einem Club in ein solches Auto steigen, aber mit unterschiedlichen Frauen an der Hand. Andere wiederum lagen irgendwann auf den Grünflächen, vom Alkohol ausgeknockt, und wurden in einer konzertierten Aktion von australischen und amerikanischen Sicherheitskräften ganz unspektakulär entsorgt.

An Silvester gingen wir zunächst gut essen und schlenderten danach durch die Stadt. Auf den Straßen entwickelte sich ein gewisses kulturelles Leben, Straßentheater wie kleine Bands spielten auf und es herrschte eine entspannte und gelöste Stimmung. In den Bars hingegen betranken sich viele systematisch und nach Plan. Also blieben wir auf den Straßen und bewegten uns mit dem Gros der Menge auf einen Park zu, der leicht erhöht liegt, einen Blick auf die City erlaubt und in dem gegen Mitternacht eine Art Massenpicnic stattfand. Wir wollten die Skyline von Perth von hier aus mit dem Feuerwerk erleben. Kurz bevor wir in den Park einbogen, unter Tausenden von Menschen, hier am Ende des Westens, mussten wir ausgerechnet einem deutschen Ehepaar begegnen, das wir aus Jakarta kannten und dessen Temperament keines war. Meine Frau stöhnte nur auf, als der Blickkontakt nicht mehr zu vermeiden war. Als dann bei der Begrüßung uns die Dame auch noch als erstes fragte, ob wir wüssten, wie denn die preußischen Lutheraner nach Australien gekommen seien, blickten wir uns nur noch an und hatten Mitleid miteinander. Die Stimmungskanonen wichen nicht von unseren Fersen und während um Mitternacht der Nachthimmel der südlichen Hemisphäre Funken schlug und Purpur versprühte, fragte mich mein neben mir stehender Nachbar, ob ich wüsste, wer nun die Projektleitung bei der Dezentralisierung in den östlichen Provinzen hätte. Besser kann man natürlich nicht ins Neue Jahr kommen und meine Frau und ich lachten heftig, als wir die beiden abgeschüttelt hatten.

Wir sahen uns noch manches an und genossen die Zeit. Als es an die Abreise ging, wussten wir, dass wir mit Australien noch nicht fertig waren und es noch eine Chance verdient hatte. Andererseits muss ich zugeben, dass ich mich auch richtig wieder auf Jakarta freute. Als mich dort Interessierte fragten, wie es mir ergangen war, kam mir wie von selbst immer wieder eine Metapher in den Sinn. Ich dachte dann an den wirklich wunderschönen Stadtteil Subiaco, der so sehr an das England des 19. Jahrhunderts erinnerte, aber nie hielt, was die Architektur versprach. Australien so schien es mir, war ein von der Architektur gelungenes Opernhaus, in dem allerdings die Sänger fehlten.

Goldfischessen in Bitung

Es war ein letzter Höhepunkt einer langen, beschwerlichen Reise. In drei Wochen hatten wir mit dem Auto die Insel Sulawesi von der Hafenstadt Ujung Pandang, dem heutigen Makassar, bis nach Manado durchquert. Wir schrieben das Jahr 1998 und das ganze Land Indonesien war in großem Aufruhr. Im Mai war Präsident Suharto nach 32jähriger Herrschaft gestürzt worden und was als einziger großer Befreiungsschlag vernommen worden war, drohte in bestimmten Landesteilen zu kippen in Chaos und Zerstörung. Wir waren in offizieller Mission aus Jakarta, der Hauptstadt, angereist, waren ausgerüstet mit einem Surat Jalan, d.h. einer Bevollmächtigung der Regierung, Bürgermeister und Gouverneure zu besuchen und mit ihnen über Möglichkeiten zu sprechen, wie die neue Regierung das Land unterstützen könnte, um einen Prozess der Demokratisierung und Dezentralisierung in Gang zu setzen und zu begleiten.

Als wir nach drei Wochen die Hafenstadt Manado nach beschwerlicher Reise und insgesamt dreiundzwanzig offiziellen Treffen erreicht hatten, wollten wir uns einige Tage erholen. Doch unser Kommen war auch in der südlichsten Hafenstadt Bitung wahrgenommen worden und der dortige Bürgermeister hatte uns über den Gouverneur von Nord-Sulawesi gebeten, ihm einen Besuch abzustatten. Natürlich nahmen wir die Einladung an.

So fuhren wir noch einmal mit Hadschi, unserem verwegenen Fahrer, der seinen Namen trug, weil er stolz einen Besuch im heiligen Mekka nachweisen konnte und ansonsten auch ein Mensch war, der vieles erlebt hatte. Für die Republik Indonesien hatte er bis in die sechziger Jahre im damaligen Irian Jaya als Guerillero an einem langen, zermürbenden Buschkampf teilgenommen, aus dem die Republik als Sieger, viele ihrer Kämpfer jedoch als traumatisierte Opfer hervorgegangen waren.

Wie immer hatte Hadschi alles gerichtet und Asep, unser Dolmetscher und allgegenwärtiger Reisebegleiter alles bestens inszeniert. Die Reise war im Vergleich zu den hinter uns liegenden Wochen eine angenehme Tour ins Grüne. Nach einigen Stunden über befestigte Straßen waren wir schon in Bitung und fuhren vor dem Rathaus vor. Als wir, d.h. Gero von Harder und ich, in unseren dunkelblauen Anzügen ausstiegen, passierten wir gleich eine Traube von Seeleuten, die auf irgendeine Lizenz oder Erlaubnis warteten, die sie brauchten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Wir blickten in eine Gruppe rauer Gesellen, deren Gesichter von allerlei Abenteuern geprägt waren. Bitung war Indonesiens großer Hafen zum pazifischen Ozean und er diente sehr vielen Seeleuten als Ausgang zu einem regen Schmuggel mit den benachbarten Philippinnen. Die Seeleute begrüßten uns aber nicht unfreundlich und fragten uns sogleich, ob wir von der Bank Dunia, sprich Weltbank kämen und ob wir genügend Geld dabei hätten. Das war auf unserer Reise nicht das erste Mal, waren doch tatsächlich viele Emissäre der Weltbank im Land unterwegs, um gegen das Versprechen, eine bestimmte Politik zu befolgen, überall eine Menge Geld zu hinterlassen.

Als wir das verneinten und sagten, wir seien arme Teufel aus dem fernen Jerman, mussten sie lauthals lachen und klopften uns wohlwollend auf die Schultern. Ich muss gestehen, dass die Freundlichkeit, die diese wilde Horde an den Tag legte, wohl auch daran lag, dass meine Frau in unserer Begleitung war und ihre blonden Haare und ihr großer Wuchs überall in Indonesien für große Aufregung sorgte, gehört eine solche Erscheinung dort zu der Vorstellung aufregender Exotik.

Ähnlich erging es uns dann auch beim Eintritt in das beeindruckend große und luxuriös ausgestattete Büro des Bürgermeisters. Dieser hatte, wie wir erfuhren, in Europa und wohl auch in Deutschland studiert und er begrüßte meine Frau auch gleich mit einem donnernden „Ich liebe dich“, worauf er sich selbstzufrieden auf die Schenkel schlug und uns allen einen Platz anbot. Das Gespräch konnte nicht besser verlaufen. Der Bürgermeister war ein Vertreter der neuen Zeit in Indonesien. Wilde Geschichten über ihn hatten uns schon vorher erreicht und wir wussten, dass er dem alten Regime ein Dorn im Auge gewesen war, dieses ihn aber nie zu fassen bekommen hatte, weil er über eine sehr starke Position und ungeheure Verbindungen in die Pazifikregion verfügte und bei Bedarf auch in der Lage war, das Spiel der Macht mit allen Mitteln mitzuspielen. Ich dachte gleich an die Horde der wilden Gesellen unten im Rathaus und konnte mir gut vorstellen, welchen Part sie bei diesem Spiel gespielt hatten.

Schnell kamen wir überein, wie die Kooperationen mit der neuen Regierung aussehen konnten und wir vereinbarten einige Maßnahmen, um die ganze Sache noch zu beschleunigen. Wie es der Zufall wollte, war gerade eine große Versammlung im Haus, in der über die Umstrukturierungsprozesse der Zukunft beraten wurde und ehe wir uns versahen, saßen wir mit dem Bürgermeister in einem Saal vor mehr als zweihundert Vertretern der Verwaltung auf dem Podium und ich musste mit meinem noch sehr jungen Indonesisch eine kleine Rede halten, die mit regelrechtem Jubel aufgenommen wurde.

Danach verabschiedete sich der Bürgermeister von uns und wies uns eine Delegation zu, die sich um uns zu kümmern hatte, bis wir uns alle wieder zu einem kleinen Freundschaftsessen am frühen Nachmittag träfen, zu dem wir eingeladen wären. So fuhren wir in einem offiziellen Konvoi durch Bitung, besichtigten den Hafen, in dem wir wieder pittoreskes Volk und lausige Kähne bestaunen konnten, um danach noch in einen städtischen Zoo zu fahren, in dem es eine Menge Tiere zu besichtigen gab, die wir noch nie gesehen hatten. Neben allerlei Reptilien und fetten Schlangen waren dies vor allem Nachttiere, die es laut Auskunft des Zoodirektors nirgendwo sonst auf der Welt gab.

Nachdem wir uns alles angesehen hatten, was Bitung nach Meinung der Stadtoberen zu bieten hatte, verließen wir die Stadtgrenze und fuhren durch Reisfelder zu einem Restaurant. Es war wie immer heiß und sehr schwül und als wir an unserem Ziel ankamen und aus den klimatisierten Autos ausstiegen, hatten wir ein Gefühl, als schlüge uns jemand ein nasses, heißes Handtuch ins Gesicht.

Das Restaurant war offen unter einem Pendopo, d.i. ein traditionelles Zeltdach und man erreichte es über einen Steg, weil es auf einem Fischteich lag. Kein Wunder, es handelte sich um ein Fischrestaurant und der Name Ikan Mas verriet auch, dass es sich um Goldfische handelte, die hier serviert wurden und in großen Schwärmen in dem Teich zuhause waren. Goldfische gelten in Indonesien als besondere Delikatesse, sind auch, wie wir später feststellten, sehr schmackhaft, nur wesentlich größer als in deutschen Aquarien.

Unter dem Pendopo war ein großes Tischarrangement aufgebaut und es hatten sich bereits zahlreiche Gäste eingefunden. Wir bekamen unsere Plätze am Kopfende zugewiesen und wurden allen Gästen nacheinander vorgestellt. Es handelte sich um die Nomenklatura von Bitung und während wir einen Eindruck von der Bedeutung der hier versammelten Menschen bekamen, trafen immer noch neue Autos ein, bis zum Schluss der Bürgermeister mit seiner Frau erschien.

Sogleich wurden Tee und Fruchtsäfte sowie Krupuk, das sind indonesische Fischcracker, serviert. Der Bürgermeister war in bester Gastgeberlaune, die Versammelten waren insgesamt in guter Stimmung und wir fühlten uns wohl. Bevor das Essen aufgetragen wurde, gab der Bürgermeister den Kellnern ein Zeichen und er stand auf, blickte bedeutungsvoll in die Runde und begann eine Rede:

„Meine Damen und Herren Anwesende, liebe Gäste aus dem fernen Deutschland,
ich freue mich sehr und bin sehr geehrt, Sie alle hier zu einem bescheidenen Mahl bewirten zu dürfen und ich bin glücklich darüber, dass unsere Freunde aus dem uns traditionell gut gesinnten Deutschland den weiten Weg nach Bitung zurückgelegt haben, um mit uns über weitere Formen der Kooperation zu beraten. Schon heute blicken wir auf Jahre außerordentlicher gemeinsamer Arbeit zurück und ich bin mir sicher, dass unsere gemeinsame Zukunft weiterhin von großen Erfolgen gesäumt werden wird.

Momentan befindet sich unser Land an einem entscheidenden Wendepunkt. Jenes große, weitläufige, ethnisch und kulturell so vielfältiges Gebilde, dass sich Indonesien nennt und vor etwas mehr als fünfzig Jahren nicht mehr gemeinsam hatte als eine dreihundertjährige Kolonialgeschichte, hat bereits einen langen Weg hinter sich. Wir haben uns erhoben gegen die niederländische Vorherrschaft und durch das Zusammenwirken unserer verschiedenen Völker von Nordsumatra bis Irian Jaya trugen den Sieg davon. Die Republik Indonesien entstand unter großen Geburtswehen, aber wir haben in den wenigen Jahrzehnten viel erreicht. Wir haben eine Nationalsprache, die jeder Mensch beherrscht, wir haben ein allgemeines Schulwesen, wir haben eine Verfassung, die die Vielfalt der Nation garantiert und die die Einheit dennoch gewährleistet.

Dennoch erfuhr unsere junge Geschichte herbe Rückschläge und wir machten bittere Erfahrungen. Nachdem die Regierung unseres Staatsgründers Soekarno an der Zerreißprobe der weltpolitischen Interessen gescheitert war, putschten Generäle mit Unterstützung der USA und Indonesien erlebte nach der Machtübernahme durch den vor wenigen Wochen gestürzten Präsidenten Suharto das schlimmste, was eine Nation erleiden kann!

Bis in jede einzelne Familie herrschte Uneinigkeit und über zwei Millionen Menschen wurden das Opfer von Betrug und Verrat. Seit diesen Ereignissen, die nun über dreißig Jahre zurückliegen, haben wir zwar eine Periode relativer Ruhe erlebt, aber das Trauma ist noch allgegenwärtig und das Land degenerierte Schritt für Schritt hin zu einem korrupten Staat, der nicht mehr das Wohl der Menschen im Blick hat.

Diese Menschen haben sich nun gewehrt. Sie haben den grausamen alten Mann in seine Privatgemächer getrieben und wollen ihr geliebtes Vaterland wieder nach vorne bringen. Ich bin viel in der Welt herumgekommen und ich habe immer wieder mit Freude bei meiner Rückkehr nach Indonesien festgestellt, wie patriotisch die Menschen hier sind. Sie lieben ihr Indonesien wie nichts auf der Welt und sie geben ohne zu zögern ihr letztes Hemd, um ihrem Land zu dienen.

Das ist eine große Verpflichtung für uns alle, die Gott der Allmächtige mit dem Privileg von Macht und Einfluss ausgestattet hat. Jetzt, liebe Gäste, jetzt ist die Stunde, wo wir beweisen müssen, ob wir es wert sind, in unserem Land eine Rolle zu spielen. Wenn wir jetzt nicht handeln und unseren Landsleuten bei dem Neuaufbau den Rücken stärken, dann haben wir kläglich versagt.

Wir haben hier in Bitung viele Pläne, die sich nur dann werden erfüllen können, wenn unser Land mit der Demokratisierung voran schreitet und wir werden alles tun, damit unsere Pläne umgesetzt werden können. Es ist schön und wichtig, Freunde in der Welt zu haben, denen unser Schicksal nicht gleichgültig ist. Es ist uns eine große Ehre, Sie hier heute zu einem bescheidenen Mahl einladen zu können und wir hoffen auf viele Jahre gemeinsamen Weges. Meine Damen und Herren, heute gibt es Goldfisch, der nicht nur Reichtum, sondern auch Glück symbolisiert. Greifen Sie zu und verschmähen Sie nicht das Glück!“

Die ganze Gesellschaft applaudierte ausgelassen, auch wenn einige mit maskenhaften Gesichtern. Es waren wohl diejenigen, denen das, was der Bürgermeister gesprochen hatte, gar nicht schmeckte. Der kluge Mann hatte unseren Besuch dazu genutzt, die Elite seiner Stadt auf den neuen Kurs einzuschwören und eine solche Konstellation, wie sie nun hier auf dem Goldfischteich anzutreffen war, duldete keinen Widerspruch.

Gero von Harder sah mich auffordernd an und ich wusste, was zu tun war. Also stand ich auf und begann meine kurze Replik:

„Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr verehrte hohe Gesellschaft von Bitung,
im Namen unserer Delegation möchte ich mich für die herzliche und warme Aufnahme im schönen Bitung bedanken. Wir sind überwältigt von der Gastfreundschaft, wie man sie wohl auch nur in Indonesien antreffen kann. Wir sind gekommen, um zu fragen, wie wir Sie bei Ihren gewaltigen und anspruchsvollen Vorhaben mit unseren bescheidenen Mitteln unterstützen können. Und wie immer, wenn wir mit diesem Ansinnen in Ihrem Land erscheinen, kommen wir nicht ganz ohne Hintergedanken.

Wir sind aus dem kalten Norden dieser Welt, in der man zählt, kalkuliert, misst und dosiert. Hier, in Ihrem Land, hier sind jedoch die Großmeister der Kommunikation und der Verhandlungsführung und die Sultane der sozialen Kompetenz. Wir sind also auch gekommen, um von Ihnen zu lernen. Bei allen Erfahrungen, die wir bis heute machen durften, haben wir sehen können, wie wunderbar die Symbiose unserer Kooperation sein kann.

Wir wünschen Ihnen, Herr Bürgermeister, dass Sie Ihren Mut, Ihre Energie und Ihre Entschlossenheit noch lange behalten und dass Sie mit Ihrer weit über die Grenzen Bitungs gerühmten Weisheit noch sehr zum Wohle Ihrer Stadt wirken können. Allen Anwesenden sprechen wir unseren Dank aus, uns in dieser Freundschaft aufgenommen zu haben und ich versichere Ihnen, wir werden das Glück, das auf den Tellern auf uns wartet mit großem Appetit verspeisen!“

Ausgelassener Beifall und Gelächter signalisierten mir, die richtigen Worte gefunden zu haben. In diesem Moment wurde dann auch schon aufgetragen und wunderbar drapierte Goldfische, die bereits filetiert und wie Blumengestecke auf dem Teller hochgebunden waren, standen vor uns. Dazu gab es natürlich Reis und eine süße Sojasauce, die kräftig mit Chili angereichert worden war. Ich genoss den Goldfisch in vollen Zügen, meine Frau simulierte vornehm und Gero pickte nur etwas auf dem Teller herum. Die indonesischen Gastgeber ließen nichts aus und es wurde regelrecht in dem fischigen Glück geschwelgt.

Durch meinen mir eigenen Appetit und die Tatsache, dass es mir wirklich ausgezeichnet schmeckte, war ich bald everybodies Darling und die Ehefrau eines Bitungprominenten, die mit einer atemberaubenden Eleganz ihren Goldfisch zum Mund manövrierte, flüsterte mir zu, ich brächte nicht nur das Glück nach Bitung, ich sei das Glück.

Als die Goldfische verspeist waren, kamen die Kellner und warfen die Essensreste einfach über das Geländer zurück in den Goldfischteich, was dort zu wüsten Kämpfen um die Gebeine ihrer ehemaligen Kameraden führte und meine deutschen Begleiter dann doch etwas erbleichen ließ. Wie üblich in Indonesien löste sich die Gesellschaft nach dem Essen in aller Eile auf und kurz darauf saßen wir wieder im Auto und fuhren zurück nach Manado. Als wir dort in schwarzer Nacht ankamen, dachte ich immer noch an den Bürgermeister und nahm mir vor, Bitung im Auge zu behalten. Ich war mir sicher, von dort noch vieles hören zu können, was von Belang war.

Eine Nacht in Baltimore

Es ist selten, dass ein kurzer Aufenthalt so aufwühlt und derartig viele Gedanken in Szene setzt. Mir ging es so mit Baltimore. Die viel und meist elegisch besungene ehemalige Metropole Baltimore hat mich sehr beeindruckt. 1984 kamen wir zu viert von einer Reise entlang der amerikanischen Ostküste aus dem Süden Richtung New York mit unserem Oldsmobile gegen Abend in dieser Hafenstadt an. Wie viele amerikanische Großstädte glänzte eine imposante Skyline in der Abendsonne. Und obwohl vieles auf den ersten Blick vom Einzug auch dieser Stadt in die Moderne zeugte, deutete einiges auf etwas hin, das in der Vergangenheit liegt. In Europa verbindet man so etwas nicht selten mit der Formulierung von morbidem Charme, Baltimore verströmte jedoch keinen Charme, sondern das Gefühl von Trauer.

Der einstmals größte Hafen der Welt hatte seinen Zenit mit dem Ende des Sklavenhandels überschritten und der Weg der Stadt führte steil nach unten. Wellen der Industrialisierung hatten nie mehr das zurück gebracht, was wirtschaftliche Prosperität in Boom- und Pionierzeiten zu verströmen vermag. Der Hafen zeigte alles sehr deutlich. Nichts vermittelte den Eindruck der Gegenwart, sondern alles, was an Hafenarchitektur die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich zog, deutete auf die Vergangenheit, den gefühlten und tatsächlich vorhandenen Reichtum, die Macht, die Unbesiegbarkeit, die die florierenden Häfen dem Meer entgegensetzen und die geglaubte Unendlichkeit des Wachstums.

Dort eine Kaimauer, da ein Leuchtturm, alte Pontons, an denen einstmals die ausladende Restaurants des Südens ihre reichhaltigen Speisen einem üppigen Publikum kredenzten, Möwen, die besonders traurig in den Abendhimmel schrien, Lagerhallen, in denen nichts mehr deponiert wurde, Kräne, die nichts mehr hoben und Menschen, die auf öligen Tonnen saßen, rauchten, an Dosenbier nippten und mit trüben Augen aufs Meer blickten. Selbst der Containerhafen, der das maritime Entree zur Neuzeit sein sollte, warf einen langen Schatten, die Container glichen angerosteten Fischkonserven, dessen Haltbarkeitsdatum keinen guten Inhalt mehr zu garantieren vermochte.

Wie es so ist nach langen Reisen, paart sich in einer derartigen Abendstunde die Müdigkeit mit einer großen Bereitwilligkeit zur Melancholie. Dementsprechend war unsere Stimmung, als wir uns auf die Suche nach einer Bleibe machten. Hinzu kam, dass es ein Samstagabend war und alle Anlagen nicht bewirtschaftet wurden. Da wir etwas vom alten Baltimore sehen wollten, mieden wir die trügerisch glitzernde Innenstadt und suchten an deren Saum nach einem kleinen Hotel, von dem aus wir noch etwas Essen gehen konnten.

In den Außenbezirken war der Süden zuhause, alte Villen, von der Seeluft angefressen, winkten mit einem wissenden Lächeln ob der frivolen Geheimnisse, die sie bargen. Eine mehr und mehr um sich greifende Tristesse, gepaart mit einer bis ins Unerträgliche gehenden Schwüle machten die Suche nicht einfacher. Dennoch fanden wir nach nicht allzu langer Zeit ein ganz nettes Hotel, für das wir uns dann auch entschieden.

Bei dem Eigentümer handelte es sich um einen ehemaligen Soldaten der US Army, der einige Jahre in Frankfurt am Main stationiert gewesen war und der uns gleich nach dem Einsammeln unserer Pässe signalisierte, das sei eine grandiose Zeit gewesen, dort in Good Old Germany, was sie freilich alle sagen, denn irgendwie muss man seinem Leben schließlich einen Sinn geben. Durch die von ihm hergestellte Intimität zu den German Fellows herrschte gleich eine familiäre Atmosphäre. Nachdem wir die Zimmer inspiziert und festgestellt hatten, dass diese mit unsrem ersten Eindruck Baltimores korrespondierten, die Betten muffelten ein wenig, man versank in ihnen wie in einer unbewältigten Vergangenheit, das Licht funktionierte selten und der Kühlschrank war kaputt, gab er uns noch einen nicht abzuschlagenden Tipp hinsichtlich eines Speiselokals, das geradezu prädestiniert war für ein großes Essen an einem Samstagabend.

Wir mussten nicht weit fahren und erreichten ein herrschaftliches Haus, gänzlich aus Holz, mit großen Balkons und Ziertürmen, altem Baumbestand vor dem Eingang und einer roten Leuchtreklame, auf der das Gastmahl des Südens angepriesen wurde. Als wir das Etablissement betraten, versanken wir in roten Plüschteppichen und wurden von einem livrierten Kellner in einen Speiseraum geführt, dessen Inszenierung selbst den professionellsten Filmdesignern einiges abverlangt hätte.
Große runde Tische mit schweren, bestickten Decken, auf denen Kerzenlüster standen, ausladende Kronleuchter an den Decken, natürlich rote Stofftapeten mit Goldornamenten an den Wänden, verschnörkelte Spiegel und voluminösen Obstschalen auf den Beistelltischen.

Das Publikum war ein auf einen feierlichen Samstagabend eingestelltes, die Herren trugen Anzüge in Südstaatenschnitt und glänzende schwarze Lackschuhe und die Damen glänzen in einer Garderobe aus vergangener Zeit. Sie trugen rüschige Kleider aus bunten Stoffen, gestärkte weiße Blusen, Perlschmuck in allen Variationen und hier und da funkelte ein dezent getragener Diamant. Es herrschte eine vornehme Ausgelassenheit, man war wer, zeigte es, blieb aber dennoch ganz bescheiden, mit einem Schuss quirligem Bürgerhumor. Es fiel auf, dass die meisten dieser Upperclassvertreter afroamerikanischer Herkunft waren. Das war der Süden nach dem Bürgerkrieg, die Nachkommen derer, die in Baltimores Hafen als Arbeitssklaven auf knarrenden, nach Blut und Urin riechenden Kähnen aus dem fernen Afrika hier einst angeliefert worden waren.

Der mit einer leicht abgeschabten Eleganz auftretende Kellner brachte uns die Speisekarte und machte sich gleich daran, uns den frischen Shellfisch und einige Überraschungen aus der würzigen Küche des alten Südens zu empfehlen, wie er mit einem verschmitzten und zugleich stolzen Lächeln einwarf. Wir waren mit allem einverstanden, wollten wir doch wissen, wie es sich die avancierte Klasse Baltimores an einem Samstagabend ergehen ließ. Es dauerte nicht lange und große Karaffen eisgekühlten Wassers und Weißwein wurden gebracht, als Aperitif gab es aber zunächst einmal einen schweren Port, der uns gleich deine große Behaglichkeit bescherte. Nachdem wir diesen genossen hatten, erschien der Kellner abermals und tischte mit einem Kollegen auf, dass sich die Platte bog.

Vor unseren Augen türmten sich sogenannte Alaska Craps, King Prawns und gedünsteter Catfisch. Dazu gab es Dips, die von der Schwere selbst gemachter Mayonnaise getragen wurden. Hinzu kamen Crispy Chicken Wings, die mit Honig und Chili mariniert worden waren und einen leichten Dunst von frischem Knoblauch vor sich her trugen. Eskortiert wurde das Ganze von körnigem Reis, Mashed Potatoes und mit viel Zwiebeln gedünstetem Gemüse.

Da wir gut im Rhythmus mit den Speisen der anderen Gäste lagen, waren wir bald mit eingetaucht in eine Atmosphäre von Wohlgenuss und angeregter Unterhaltung, hier und da ergab sich ein Wortwechsel mit den Nebentischen und so allmählich hatten wir den Eindruck, auf einer großen Familienfeier zu sein. Durch einen gewaltigen Knall wurden wir auf ein Gewitter aufmerksam und wir sahen aus dem Fenster gewaltige Regenmassen auf die im roten Neonlicht parkenden Limousinen niederprasseln. Ein weiterer Blitzeinschlag sorgte dafür, dass es plötzlich im Speiseraum stockfinster war. Die jüngeren Mädchen begannen aufgeregt zu schreien, während die Erwachsenen laut und lustig rufend dazu rieten, die Köstlichkeiten nicht vom Tisch fliehen und sich nicht beirren zu lassen. Wir befolgten den Rat und genossen die Abwechslung. Und so schnell wie das gewaltige Gewitter gekommen war, verschwand es auch wieder und es ward wieder Licht in unserem kulinarischen Tempel. Es war einfach köstlich und so langsam machte sich die Stimmung breit, die sich anmeldet, wenn alle kritischen Gedanken für einen kurzen Augenblick aus dem Leben weichen und das Jetzt und Hier so strahlt, dass nichts anderes mehr den Blick zu trüben vermag.

Nach dem Essen wurden Whiskey und Zigarren gereicht und die Fenster geöffnet, sodass ein kühles Lüftchen in den Raum eindrang und die Speisegerüche endgültig vertrieb. Das Kunststück, das nur der Genuss einer guten Zigarre nach einem formidablen Essen zu verbringen vermag, nämlich die auftauchenden Gedanken in angenehme, sich verflüchtigende Träume zu verwandeln, wurde vollbracht und es mischten sich die sinnlichen Eindrücke mit den Beobachtungen des späten Nachmittags.

Es drängten sich Bilder auf, die dieses Haus in eines jener Bordelle verwandelten, von denen es vor dem II. Weltkrieg in dieser Stadt noch hunderte, wenn nicht tausende gab und in denen junge Mädchen wie Billy Holiday ihre Kindheit verbrachten. Zwischen der ständigen Kluft sinnlicher Üppigkeit und bitterer Armut und vor dem Hintergrund einer generationenübergreifenden Sklavengeschichte entstanden die Gefühle, die von Blue Notes getragen den ganzen Erdball erobern sollten. Eine Trauer, die niemals mit dem endgültigen Besiegt- und Bezwungensein zu verwechseln ist, hatte in Städten wie Baltimore ihren Rhythmus gefunden und die Gefühlswelten anderer Breitengrade hypnotisierend in ihren Bann gezogen. Der Alltag in seiner Schönheit und seinem Elend war zu einer musikalischen Poesie emporgestiegen, die es verstand, auf unterschiedlichen Ebenen ihre Botschaften zu versenden. Aus allem sprachen die Lust und die Liebe, und aus allem sprach das Wissen um die Vergänglichkeit. Diese Botschaften bedurften keiner geographischen Zuordnung, doch trotzdem wurden sie wie von selbst auch immer wieder mit dem Namen Baltimore in Verbindung gebracht.

Ich fragte mich, ob es ein Wunder sei, dass zum Beispiel Billy Holiday, die wohl sinnlichste, traurigste und genialste Sängerin, die der Jazz jemals hervorgebracht hat, ausgerechnet aus Baltimore war. Und warum kamen in Europa die Beatles ausgerechnet aus Liverpool, dem europäischen Pendant zu Baltimore. Beide Häfen waren zu einer bestimmten Zeit die größten der Welt und beide waren über den Sklavenhandel zu dieser skurilen Blüte gelangt. Beide hatten das gleiche Schicksal erlitten, waren mit dem Ende des Sklavenhandels in den Verfall gestürzt, beide hatten versucht sich an die Industrialisierung zu klammern und beide waren gescheitert.

Das große Glück Baltimores war sein Untergang. Mit der Sklavenbefreiung war die Geldakkumulation schnell aufgebraucht und es dauerte mehr als ein Jahrhundert, um auf den moralischen und materiellen Trümmern eine Zivilgesellschaft aufzubauen, die in starkem Maße von den Nachkommen derer getragen wurde, die für die einstige Blüte und mit ihrer Befreiung für den Verfall – wollend oder nicht – verantwortlich waren. Und sie machten aus dieser Stadt ein lebenswertes Gebilde, das dennoch geprägt war um das Wissen seiner unrühmlichen Geschichte. Meine Nachbarn an den Nebentischen strahlten das aus. Sie hatten den Bürgerstolz derer, die es geschafft haben, aber ihre Blicke gaben zu verstehen, dass sie wussten, vor welchem Leid sich ihre eigene Biographie abgespielt hatte. Sie verkörperten eine Kraft, die tief beeindruckte.

Während wir das Nachwirken des köstlichen Mahls bei angeregter Unterhaltung genossen, setzte sich einer der anwesenden Herren an ein im Raum stehendes Klavier und spielte Weisen, die uns die ganze Geschichte dieses Ortes erzählten. Das war seine Botschaft an die Fremden, und er drehte sich beim Spielen immer wieder zu uns um und zischte uns freundlich immer wieder ein „Listen! Listen“ zu. Und als wäre es bestellt, endete er seine Einlagen mit einer sehr swingenden, virtuosen Version von Randy Newmans Elegie auf Baltimore, wo es so schwer ist, ganz einfach nur zu leben. Wir waren bewegt und fühlten uns geehrt.

Nachdem wir gezahlt und uns verabschiedet hatten, traten wir in die nächtliche Schwüle, die trotz Gewitter wieder dominierte und fuhren durch die nasse Nacht zurück zu unserem Hotel. Es wurde noch turbulent bis zum frühen Morgen, heftige Gewitter, begleitet von ungeheuren Donnerschlägen und wilden Blitzen rissen uns immer wieder aus dem Schlaf. Als wir morgens schließlich aufstanden, hatte die Sonne wieder die Herrschaft übernommen und der Schein hatte die nächtliche Wildheit wieder zugedeckt. Man verlässt Baltimore nicht, ohne ein tiefes Gefühl und unzählige, beunruhigende Gedanken. So ging es auch mir.