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Queremos fumar un Puro?

Antonio Quirino Toledo Fuentes, der Mann, der bereits mit 14 Jahren als Busfahrer die Linie Conception – Santiago fuhr, danach eine höhere Schule für Technik besuchte, in der er Klassensprecher war und als solcher begrenzte politische Ziele formulierte, um die Bedingungen zu verbessern, Antonio Quirino Toledo Fuentes wurde wie viele andere vom Putsch des Generals Pinochet kalt erwischt. Aufgrund seiner Funktion als Klassensprecher wurde er festgenommen und gefoltert, bevor die Schergen des Generals den kleinen Fisch wieder frei ließen. Der war dann richtig politisch und organisierte sich im Untergrund. Und er wurde gefasst und gefoltert, so wie das damals eben war, wie er immer erzählte. Aufgrund einer internationalen politischen Initiative gehörte er zu einer Gruppe, die frei kam, aber als Auflage das Heimatland Chile verlassen musste. Antonio Quirino Toledo Fuentes folgte seinem Bruder, der bereits das Land verlassen hatte, nach Buenos Aires. Kurze Zeit, nachdem er sich eingelebt hatte, kam in Argentinien ein gewisser General Videla zur Macht, der den Flüchtlingen bedeutete, entweder sie verließen unverzüglich das Land, oder sie würden direkt zurück an die chilenische Grenze gebracht. So kam Antonio Quirino Toledo Fuentes in ein Arbeiterwohnregal in Ludwigshafen am Rhein.

Als ich Quirino, wie er kurz genannt werden wollte, kennenlernte, war das in der Rolle eines Lehrers für Deutsch als Fremdsprache. Schnell kamen wir über den Unterricht hinaus in Kontakt und Quirino unterbreitete mir den Vorschlag, ich solle doch ihm und seiner spanischen Freundin Deutsch beibringen, als Gegenleistung brächten sie mir das Spanische näher. Es folgte mehr. Über mehrere Jahre trafen wir uns einmal in der Woche, kochten, aßen, tranken und redeten. Über Gott und die Welt, aber meistens über Politik. Dann präsentierte Quirino immer die Frage: Queremos fumar un puro? Es war das Zeichen für eine Zigarre. Obwohl ich bereits ab und zu zu diesem Medium der Inspiration gegriffen hatte, lehrte mich Quirino, was es bedeutete.

Es wurde ein Ritual, auch zuweilen ohne unsere Frauen, wir trafen uns in einer Bar oder auf einer Parkbank, Quirino hatte wieder einmal Cargo aus Mittelamerika bekommen und wir rauchten kubanische Puros. Dabei erzählte mir Quirino die ganzen Legenden um das Rauchen, er zitierte Poeten der ganzen Welt, die der Zigarre gehuldigt hatten, malte aus, wie im Vuelta Abajo, jenem einmaligen Tal auf Kuba jene Qualität entstand, für die Verehrer rund um den Globus nahezu jeden Preis zu zahlen bereit waren. Seit diesen Tagen war ich dem Medium verfallen, allerdings mit dem Bonus versehen, nur dann Verlangen danach zu verspüren, wenn ich von meiner inneren Ruhe her dazu bereit bin, was nicht allzu häufig der Fall ist.

Antonio Quirino Toledo Fuentes heiratete seine damalige Freundin, Marie Luz Lorrente Villaroya, und die beiden zogen nach Spanien, in die Nähe von Valencia. Dort besuchten wir sie noch einmal, es war eine wunderbare Zeit, und Quirino erzählte mir bei einer Zigarre, er wolle einen Schusterladen aufmachen. Marie Luz, die Lehrerin, fand das nicht gut, aber Quirino war durch seine Lebensgeschichte auf die Grundlinien der Existenz zurück gekommen.

Nach diesem Besuch hatten wir noch einmal telefonischen Kontakt, dann gingen wir für einige Jahre nach Asien, in Chile verlor Pinochet die Macht und wir wissen nicht, ob Quirino Antonio Toledo nicht doch zurück ist in seine Heimat. Heute rauche ich Zigarre mit Willy. Der war auf heimlichen Versammlungen der Tabakbauern in der dominikanischen Republik zugegen und weiß, wovon er spricht. Wir rauchen die Zigarren zumeist allein, weil es ungestört von Fragen nach Preis, Genuss und Technik einfach am entspanntesten ist. Manchmal, bei einer Corona Doble, die soviel Zeit in Anspruch nimmt wie ein Fußballspiel inklusive Pause, reden wir gar nicht, oder nur über Dinge wie den Brand, die Festigkeit oder die Vorzüge des Labels („Eine Bolivar betrügt dich nie“). Oder über Jazz, denn wir beide spielen das gleiche Instrument, das verbindet.

Antonio Quirino Toledo Fuentes ist übrigens immer dabei, denn aus der geheimen Gesellschaft kann niemand austreten, wohin das Schicksal ihn auch immer treibt. Der Geist einer guten Puro, das ist ein starkes Band.

Die Russen

Bei uns in der Stadt, am Rande des Ruhrgebiets, mit der nördlichsten Zeche, gab es eine Gruppe von Männern, die überall nur die Russen genannt wurden. Anfangs dachten wir, d.h. meine Freunde und ich, es handele sich um eine der üblichen Beschimpfungen, mit denen man sich in dieser sehr unterschiedlichen Gesellschaft begegnete. So gab es ja auch den Ausdruck Mexiko, oder die Kolonie für die Wohngebiete der Bergleute im Süden. Bei vielen Bürgern polnischer Herkunft, von der es zahlreiche gab, sprach man von Krakusen, andere wiederum wurden als Hottentotten bezeichnet. Wie zu sehen ist, war unser Pflaster nicht unbedingt von gegenseitiger Zuneigung geprägt. Da konnte umgekehrt auch schon einmal passieren, dass ein Pfarrer aus dem Viertel der Pfahlbürger im Norden in der Zechensiedlung eine Abreibung bekam, weil sich herumsprach, wie selbst und gerade die Klerikalen in den gehobenen Schulen der Stadt die Nachkommen der Püttrologen, wie die Kinder der Bergarbeiter dort verächtlich genannt wurden, behandelten.

Doch die Russen, von denen immer wieder die Rede war, erschlossen sich uns nicht so gleich. Zum einen waren sie keine Rand-, sondern Hauptfiguren, zum anderen sprach man oft von ihnen mit unverkennbarer Abneigung, aber nicht ohne Respekt. Von ihren Namen her konnten es keine Russen sein, von ihrer sonstigen Herkunft auch nicht. Im Laufe unserer aus Neugier betriebenen Recherchen wurde uns mit der Zeit bewusst, worum es sich bei dieser Geschichte handelte. Es ging nicht um Herkunft, sondern um Politik. Eines Tages, als wir uns wieder einmal als politisch interessierte Schülergruppe im Nebenraum des Centro Obrero Espangnol trafen, um Texte zu lesen, die es in der Schule nicht gab, kam ein Freund ganz aufgeregt und erzählte uns, der Franz Z., auch liebevoll in Bergarbeiterkreisen Fränzken genannt, habe uns alle in seinen Garten eingeladen und sei bereit, mit uns ein bisschen zu plaudern. Wir ließen uns das nicht zweimal sagen und gingen zu dem angegebenen Termin dorthin.

Franz Z. war tatsächlich ein kleiner Mann, den man geneigt war Fränzken zu nennen, bevor man ihn erlebt hatte. Wie ein Kumpel kam er daher, mit breitem Lachen und klopfte jedem von uns auf die Schulter. Er hatte einen grauen Bart, eine rote Knollennase und trug eine altmodische Brille. Er lud uns ein, auf den alten Holzstühlen im Garten Platz zu nehmen, während seine Frau Erna Schinkenschnittchen verteilte. Franz Z. selbst wies auf den Bierkasten mit der Order: Bedient euch. Wir fühlten uns gleich wohl und schon waren wir in einem Gespräch, in dem uns das Russentum unseres Gastgeber deutlich wurde.

Franz Z. war anfang der dreißiger Jahre zum Betriebsratsvorsitzenden der Zeche gewählt worden. In dieser Funktion war er einer der mächtigsten Männer der Stadt. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde alles viel politischer, wie Franz uns erklärte, obwohl er schon immer Kommunist gewesen sei und auch als dieser sterben werde. Mit den Nazis sei es richtig gefährlich geworden. Aber die Bergleute wären alle gegen Hitler gewesen und deshalb seien die Aktionen auf der Zeche alle gegen das neue Regime gerichtet gewesen und hätten kaum noch wirtschaftliche Zielsetzungen gehabt. Eines morgens dann hatte ein LKW auch vor Franz. Z.s Haus gehalten und ihn mitgenommen. Z.s Angaben damals im Garten der Zechensiedlung klingen bis heute lakonisch: Na ja, Jungs, da gibt es nicht viel zu erzählen, das Übliche eben. Verhöre, Schläge, Abtransport zum KZ, Zwangsarbeit, Verhöre, Folter.

Franz Z. war dann eine abenteuerliche Flucht gelungen. Und im Gegensatz zu vielen Intellektuellen floh Franz Z. in die Sowjetunion. Dort mochte man ihn auch nicht unbedingt in Regionen, wo die deutsche Armee auftauchen konnte, obwohl er über alle Zweifel erhaben war. Franz Z. verschlug es als Facharbeiter bis hinter den Ural, wo er, nach eigenen Worten, Raketen gegen Hitler baute. Auf die Sowjetunion ließ er nichts kommen und er sprach ausschließlich vom Großen Vaterländischen Krieg.

Nach dem Krieg tauchte Franz Z. plötzlich wieder in unserer Stadt auf, abgeklärt und welterfahren. Die Bergleute begrüßten ihn nicht nur warmherzig, sondern sie wählten ihn auch wieder zum Betriebsratsvorsitzenden. Seitdem sprach man in unserer Stadt von ihm nur als dem Russen. Und es stellte sich heraus, dass Franz. Z. nicht der einzige war, der vom Ruhrgebiet in die UdSSR geflohen und nach dem Krieg zurückgekehrt war. Als es uns dämmerte, warum also immer wieder von den Russen die Rede war, wurde zum Bier bereits ein Schnaps mit dem verwegenen Titel Flöz Sonnenschein gereicht. Franz Z., nun Rentner, freute sich über soviel Interesse seitens der jungen Leute. Und wir staunten, wieviel Weltgeschichte sich doch in dem aus unserer Sicht gottverlassenen Nest abgespielt hatte.

Charles Spencer Chaplin

Wir kannten ihn alle, als Kinder. Er war die Figur, die uns in ferne Welten fliehen ließ, die unser Dasein kannte und uns Trost spendete. Und die uns lehrte, das Tragische des Alltags auch mit einem lachenden Auge zu sehen. Helden von Kindern sind schnell verblichen. Er blieb. Weil er es vermochte, uns nicht nur als Kindern etwas mitzuteilen, sondern auch später noch sehr viel Stoff bot, sich mit ihm zu befassen. Da waren die große Stadt und die Fabrik, da war die Liebe und das Leben unterwegs. Alles das waren unsere Themen. Wir flohen vom Land in die großen Städte, wir jobbten in Fabriken und wir verliebten uns über soziale Barrieren hinweg. Das alles war uns von ihm schon in unserer Kindheit erzählt worden, ohne dass wir es bewusst registriert hätten. Das ist Kunst. Das ist große Kunst.

Viele Jahre später, als ich unterwegs war, da traf ich ihn wieder. In London. Soho. In einem kleinen Park inmitten des täglichen Trubels waren neben den Bänken die Büsten von britischen Literaten, Dickens, Yeats, unter ihren mächtigen Köpfen standen der jeweilige Name und die Lebensdaten. Und dann war da noch eine Skulptur, der kleine Mann mit dem eigenwilligen Schnurrbart, dem feinen Spazierstock und den ausgelatschten Schuhen. He gave so much fun to so many people. Das war alles, was zu lesen war. Mehr brauchte es nicht in Soho, dem pulsierenden Theaterviertel Londons. Charles Spencer Chaplin war über seine Heimatstadt weltweit bekannt.

Charlie Chaplin eroberte Hollywood, als es noch kein Hollywood war, in Zeiten des Stummfilms und der erbärmlichen Drehbücher, in denen in der Regel ein Polizist mit einem Knüppel einen armen Teufel versohlte, woher auch dann der Name des Genres, Slapstick, stammte. Chaplin kam, schlüpfte in das Klischee der komischen Figur und inszenierte eine der wohl wirkungsvollsten Kulturkritiken der Moderne. Er thematisierte die Ausbeutung und Entfremdung (Modern Times), die Entwurzelung in Zeiten der Kapitalakkumulation (The Tramp), der Vereinsamung (City Lights) und sozialen Verarmung (The Kid). Dass er später noch den großen Diktator seiner Epoche persiflierte, und zwar vertont, ist nur eine Randnotiz eines vermeintlichen Komikerlebens, das nicht hätte politischer sein können. Chaplin war Europäer, und das blieb er auch in den langen Jahren seines Erfolges in den USA. Sein Demokratieverständnis gehorchte keinen Wellen, sondern es blieb stabil, auch nachdem Hitler längst auf dem Misthaufen der Geschichte lag und sich in den USA der McCarthy-Ära der Kalte Krieg formierte. Chaplin pflegte nach wie vor auch Kontakt zu Kommunisten und blies nicht in das Horn des Neonationalismus.

So konnte er nach einer Europareise nicht wieder in die USA einreisen und wählte als letztes Domizil die Schweiz. Da war er aber schon eine Legende. Durch sein künstlerisches Schaffen hatte er es vermocht, Bewegendes und Geistreiches für alle Bildungsgrade zu inszenieren und zu transformieren. Das können nur wenige. Charlie Chaplin war ein Großmeister dieser wenigen. Denn wer denkt schon daran, wenn er sich heute noch einmal diese Wackelfilme anschaut, dass diese es vermochten, dem Publikum eine Intuition dafür zu verschaffen, dass zum Glück das Unglück, zur Macht das Joch, zum Gigantischen die kleine Sorge und zum Strahlenden der Schatten gehört? Ich habe ihn vor Augen, wie er vor mir steht, in Soho, ohne seinen Namen zu nennen, weil das auch gar nicht nötig ist. Heute hätte er Geburtstag.