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Das Mädchen von Java

Niemand wäre auf die Idee gekommen, welch hartes Schicksal ihr Leben geprägt hatte, wenn sie über die Hauptstraße schritt. Eine große Frau mit krausem Haar, dass sie mit einem Seitenscheitel trug. Stolz schritt sie durch ihre Stadt und sie kannte jeden und alle kannten sie. Für einen Weg, der in Minuten hätte zurück gelegt werden können, brauchte sie Stunden. Hier wurde sie angesprochen, dort warf sie jemandem einen lakonischen Kommentar entgegen. Daraus entwickelten sich dann Gespräche, über das Geschehen im Ort, über diese oder jene Figur des Stadtgeschehens, über Politik, und manchmal sogar über Fußball. Über das Leben eben. Dabei wechselte sie eloquent zwischen Hochdeutsch und Platt, je nach dem, mit wem sie es zu tun hatte. Und, auch entsprechend der Situation, mal war sie vornehm, mal derb. Es schien, als kannte sie die Welt. Da war sie schon gar nicht mehr so jung. Und viele nannten sie eine Dame. In dem eher proletarisch-bäulerlichen Milieu eine Seltenheit.

Das Mädchen von Java, wie sie die meisten nannten, hatte es hart getroffen im Leben. Früh verlor sie ihren Vater im I. Weltkrieg, ihre Mutter heiratete noch einmal, für die damaligen Zeiten eher eine Seltenheit und das trieb sie schnell aus der verbliebenen Familie. Mit ihrem Mann, ihrem Hermann, den sie sehr jung heiratete, hatte sie zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Das bescheidene Glück, das sie gefunden zu haben glaubte, währte nicht lange. Der Junge ging noch nicht zur Schule, da starb Hermann an einem viel zu großen Herzen. Ohne große finanzielle Mittel schlug sie sich und die beiden Kinder durch. Doch das Mädchen von Java ließ sich nicht verbittern. Sie sagte Ja zum Leben und gab nicht bei. Kaum eine Feier, auf der sie nicht das Tanzbein geschwungen hätte und mit einer Zigarette im Mundwinkel das patriarchalisch geprägte Publikum herausgefordert hätte. Nach dem Motto, na Jungs, was habt ihr drauf, gab sie den Takt vor.

Kurz nachdem der Sohn in einer großen Stahlradiatorenfabrik begonnen hatte, kamen Vertreter der Firma in ihr Haus und teilten ihr mit, dass der Sohn bei einer Gasexplosion ums Leben gekommen war. Sie stellte sich die Frage, ob es schlimmer kommen könne und beantwortete die Frage mit einem Nein. Aber, so der ihr eigene Schluss, wozu sind wir denn hier, und damit meinte sie das irdische Dasein. Die Antwort war eindeutig, sie wollte sich das alles nicht bieten lassen. Ihren Namen, den alle kannten, und von dem kaum noch einer wusste, woher er stammte, hatte sie von einem Schlager aus den Zwanziger Jahren. Oh Mädchen von Java, ich hab dich tanzen gesehen hieß der. Und sie hatte sich in einer Gaststätte, in der er aus dem Radio schallte, auf den Tisch geschwungen und dazu getanzt. Seitdem war sie das Mädchen von Java, oder auch nur Java.

Als ihre Tochter aus dem Gröbsten heraus war, wie sie es nannte, und in die ferne Welt zog, lebte sie ihr Leben weiter. Und sie half, wenn es anderen schlecht ging. Mit ihrer vom Rauch dunkel gegerbten Stimme spendete sie manchen Trost, nur eines duldete sie nie, und das war die Weinerlichkeit. Dann konnte sie mit schnarrender Stimme wie ein Offizier auf dem Kasernenhof die armen Seelen zur Räson rufen. Selbstmitleid duldete sie nicht, das hatte ihr auch nicht geholfen und das ließ sie bei keinem zu. Sie blieb so, wie sie immer war. Graziös, burschikos und couragiert. Wer sie kannte und im Laufe der Jahrzehnte sah, glaubte immer, die Zeit stehe still. Selbst im hohen Alter wirkte sie jung und wem sie gut zuredete, der hatte wieder Mut gefasst und wem sie den Marsch blies, riss sich zusammen. Das Mädchen von Java wurde 95 Jahre alt und die Letzten, die kurz vor ihrem Tod noch mit ihr sprachen, den sie als die große Reise beschrieb, die vor ihr läge, verließen ihr Haus voller Lebensmut.

Ich dreh euch jetzt den Saft ab!

Eigentlich kam er aus Dortmund. Aber er arbeitete in Bochum. Bei Opel. Es waren unruhige Zeiten. Die Siebziger. Karl-Heinz gehörte zu denen, die immer gleich zum Kern der Sache vordrangen. Jeden Satz schloss das vertraute Wort „Woll“ ab. Wir trafen Karl-Heinz immer nur am Wochenende. An einem See im Ostwestfälischen. Dort hatte Karl-Heinz mit seiner Familie, das waren Frau und Tochter, einen Wohnwagen. Weißt du, so Karl-Heinz, jede Putze fährt doch nach Malorka, ich bin doch nicht bescheuert. Da bleib ich doch hier, ist doch viel schöner. Und schon zischte es wieder, weil er eine neue Dose Hansa Bier öffnete. Zum Bier gab es Schnaps, meisten einen, der Fürst Bismarck hieß. Die Zigaretten, die er rauchte, nannte er beharrlich Affenflöten. Wir saßen gerne bei Karl-Heinz, nicht nur, weil es etwas zu trinken gab, sondern weil er ein lustiger Vogel war. Seine Tochter, die sehr hübsch war, hatte, so Karl-Heinz, jetzt so einen Rock ´n Roll Jonny, der auf einer Gitarre herumklimpere, was sich schrecklich anhöre. Wenn die jetzt auch noch mit einem Igel ankäme, womit er ein Kind meinte, dann sei aber was los. Karl-Heinz stand mehr auf Lieder, die sich heute keiner mehr zu singen wagt. Schwarzer Zigeuner hieß so eins, das sang er, wenn der Fürst Bismarck zur Neige ging. Oh Schwarzer Zigeuner, ich hab dich tanzen gesehen, woll?

Da Karl-Heinz bei Opel in Bochum Schicht arbeitete, wollten wir wissen, was da so los sei. Wir wussten, dass dort mehr als 20.000 Menschen arbeiteten und es heftige politische Auseinandersetzungen gab. Innerhalb des Betriebes existierte eine revolutionäre Gewerkschaftsopposition, wie sie sich nannte. Listen gegen den DGB, mit marxistischen, manche sagten sogar maoistischen Kandidaten, die bei den letzten Betriebsratswahlen ein Drittel der Stimmen bekommen hatten. Das war eine Sensation. Karl-Heinz redete jedoch immer so, als wüsste er von nichts. Da laufen genug Bekloppte rum, warum also auch nicht die. So sahen seine Analysen aus.

Und dann kamen in den Nachrichten Horrormeldungen von einem so genannten wilden Streik bei Opel in Bochum. Die revolutionäre Gewerkschaftsopposition hatte dazu aufgerufen und die Produktion stand still. Es ging um Betriebsratspolitik. Polizei tauchte im Werk auf, es gab böse Verwerfungen innerhalb der Belegschaft. Die Revolutionäre im Land witterten Morgenluft. Letztendlich jedoch wurde der Streik niedergeschlagen und die Aufständischen auf dem Werksgelände festgenommen, angezeigt und gefeuert.

Als wir danach Karl-Heinz fragten, was denn da los gewesen sei, erzählte er uns zum ersten Mal, was er überhaupt dort machte. Er überwachte an einem Pult die Stromversorgung der Produktionsstraßen. Und als die Streikenden auf ihn zugekommen seien, um ihn um Unterstützung zu bitten, habe er selbst das Mikrophon ergriffen und dort hineingesprochen, ich dreh euch jetzt den Saft ab, ihr Arschlöcher. So war Karl-Heinz. Und dann gab es wieder Hansa und Fürst Bismarck.

Karl-Heinz blieb bis ans Ende seines Arbeitslebens bei Opel Bochum. Sein Wohnsitz blieb Dortmund. Sein Mallorca hieß Peckeloh. Irgendwann trank Karl-Heinz nur noch Wasser, weil sein Arzt ihm dazu geraten hatte. Dafür kaufte er sich ein Akkordeon und spielte darauf diese schrecklichen Lieder. Wir besuchten ihn weiter, weil er seinen Humor nicht verloren hatte und er einfach ein Originalton aus dem Ruhrgebiet war. Irgendwann trieb es uns in andere Richtungen. Ein paar Jahre später erfuhren wir, dass Karl-Heinz gestorben war. Früh, zu früh für sein Alter. Den Igel seiner hübschen Tochter lernte er nicht mehr kennen. Das Ende des Opelwerkes erlebte er auch nicht.

Der rote Zar

Oft ist nicht die Frage interessant, dass uns eine Erinnerung wieder einholt, sondern, warum sie ausgerechnet zu einem bestimmten Zeitpunkt auftaucht. Diese Frage werde ich beantworten müssen und auch wollen, aber sie geht nur mich etwas an. Aber die Erinnerung selbst ist es wert, erzählt zu werden.

Es handelt sich nämlich um eine Frau, die in ihrer Zeit Furore machte und die viele Menschen durch ihr Tun und Handeln geprägt hat. Geboren wurde sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einer kleinen Industriestadt an der Schnittstelle zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Sie heiratete, wie das in der Zeit und der vom Katholizismus geprägten Gegend üblich war früh. Ihr Mann war ein Kaufmann, der sehr jung ein damals so genanntes Kolonialwarengeschäft aufgemacht hatte. Dort gab es neben den westfälischen Kartoffeln und Rüben eben auch Nüsse und besondere Obstsorten. Der Mann der jungen Frau, die auf den Namen Maria hörte, gehörte zu denen, die in dem kleinen Städtchen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegründet hatten. Das war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Provinz, ein schweres Vergehen. Als dann 1914 ganz Europa von denen, die das Treiben des jungen Kolonialwarenhändlers nicht mochten, in den Krieg geritten wurde, bekam der sofort einen Stellungsbefehl. Ihm erging es nicht anders als vielen anderen, die seine Auffassung teilten. Sie steckten ihn sofort in Todeskommandos in die erste Frontreihe und nur kurze Zeit nach Kriegsbeginn bekam Maria die Nachricht, dass sie jetzt Witwe sei.

Maria ging zu diesem Zeitpunkt mit einem zweiten Kind schwanger. Eine Tochter war bereits geboren und der Sohn, der es dann wurde, sollte seinen Vater nie kennen lernen. Doch Maria war eine starke Frau. Sie übernahm den Kolonialwarenladen in eigener Regie, was das gesamte Umfeld in helle Panik versetzte. Eine Frau ist kein Geschäftsmann, hieß es. Doch sie ließ sich nicht beirren. Sie führte den Laden mit eiserner Hand und behauptete sich gegen eine von Männern dominierte Welt. Und schon wenige Jahre nach der Geburt heiratete sie wieder und bekam mit einem zweiten Mann noch einmal zwei Kinder. Der Glaube, in dem sie tief ruhte, gab ihr Kraft und Vertrauen, Pfarrer, die auf sie einredeten, sie dürfe so nicht leben, schmiss sie kurzerhand auf die Straße. Legendär waren auch ihre Auftritte auf den Hamburger Märkten, zu denen sie fuhr, um für ihr Geschäft die Überseeware einzukaufen. Auf diesem Pflaster des Männermonopols schlug sie auf, feilschte wie ein alter Fuchs und kaufte sich windige Zeitgenossen. Schon bald kannten alle die Maria aus dem Münsterland, wie sie dort genannt wurde und so manch einer war sogar enttäuscht, wenn er sie nicht traf.

Als sich die Nacht über dem ganzen Land ausbreitete, war es für Maria keine Frage, dass sie, als die Verfolgungen zur Tagesroutine wurden, den jüdischen Viehhändler, den alle im Beinamen Männken nannten, über den ganzen Krieg mit Lebensmitteln belieferte, die sie selber zu dem Bauern brachte, der ihn versteckte, da sie nicht wollte, dass andere der Gefahr des Erwischtwerdens ausgesetzt würden. Als der krieg vorbei war und Männken, der später ein bekannter und bedeutender Mann wurde, sich bei ihr bedanken wollte, antwortete sie nur „Dummes Zeug“ und beendete das Gespräch.

Maria und ihre Stadt überlebten die Nazis wie den Krieg, während dessen sie den Bergarbeiterfamilien mit Lebensmitteln half, deren Männer wegen ihrer politischen Überzeugungen von den berüchtigten LKWs im Morgengrauen abgeholt worden waren. Mittlerweile war Maria eine respektable Person geworden, die auch physisch durch ihre Größe und ihre tiefe Stimme beeindruckte. Wegen ihrer Eigenschaften, dem Glauben an einen Gott, dem Herzen, das links schlug und der Existenz als Geschäftsfrau und wegen ihres Auftretens, das mit fortschreitendem Alter noch ein breiter Pelzkragen und ein Stock mit einem mächtigen Silberknauf gekrönte, wurde sie im Volksmund der rote Zar genannt.

So ist sie auch mir in Erinnerung geblieben. Ich lernte sie als bereits betagte Frau kennen, die in einem Sessel saß, sich auf den mächtigen Stock stützte und mit allen, die sie besuchten, über Politik diskutierte. Seitdem sie die Geschäfte abgegeben hatte las sie die Zeitungen und Bücher und war bestens über alles informiert. Sie wurde zu einer politischen Enzyklopädie und vertrat mit einer ungeheuren Dynamik ihre politischen Ansichten, die immer links blieben, aber stets das Dogma mieden. Im Zentrum ihres Lebens stand die Menschlichkeit, zu der sie sich gegen alle Widerstände bekannte. Als sie merkte, dass es ans Sterben ging, rief sie nach dem Pfarrer und beorderte die gesamte Familie an ihr Bett. Bevor sie sich die letzte Ölung geben ließ, rief sie diejenigen, die aufschluchzten, zur Ordnung und verwies auf die Vergänglichkeit eines jeden. Dann forderte sie alle auf, das Lied Maria, breit den Mantel aus zu singen. Danach empfing sie den Segen und starb. Der rote Zar war tot. Der rote Zar war eine Frau.