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Evening cityscape of Glasgow with River Clyde, illuminated buildings, and a lit arched bridge

London/Dublin/Belfast/Glasgow/Edinburgh

Frankfurt am Main – London, 30.05. 2026

Der Abstand zwischen Vorbereitung und technischer Realisierung wird immer größer. Zwischen dem Verlassen des Hauses bis zum Start der Maschine bedurfte es, trotz einer relativ kurzen Anreise zum Flughafen, fast sechs Stunden. Der Flug betrug siebzig Minuten und nach der Landung in London-Heathrow bis ins East End dauerte es noch einmal mehr als drei Stunden. Alles in allem ein Zeitaufwand wie bei einem Direktflug von Frankfurt nach Peking.

Als wir im Hotel ankamen, bei dem Finalspiel der Champions League von Arsenal London gegen PSG Paris, war gerade das Elfmeterschießen im Gange. Als die Londoner verschossen, brach das anwesende englische Publikum in Jubel aus. Lokale Konkurrenz wiegt manchmal schwerer als internationale. Es schien mir wie ein Präludium zu meiner Wiedersehensreise. London war das viel besuchte Mekka meiner Jugend. Jetzt lagen fast dreißig Jahre Abstinenz hinter uns.

London, 31.05. 2026

Marksteine bleiben. Vor allem die imperialer Epochen. Orientieren konnte ich mich gleich. Der Glanz des längst verblichenen Empire wird erfolgreich touristisch vermarktet. Aber es ist kalter Stein seit die Kolonien dahin sind. Und man täusche sich nicht. Die Inder, Bengalen und Malaien, die hier als Köche oder Deli-Wachen herumlaufen, täuschen über die tatsächlich aufkeimende Macht ihrer Länder hinweg. 

Die City of London ist leergefegt von Ureinwohnern. Hier residieren Finanzjongleure aus aller Welt und die Immobilienpreise sind ein brutales Indiz für den von hier ausgehenden Konfetti-Kapitalismus. Produziert werden die Werte woanders und die Ressourcen, die hier eingepreist werden, sind auch nicht von hier. Die Nachkommen der englischen Arbeiterklasse sind eine Last, die angewidert in die Biotonne gestopft wird. 

Swindon, 01.06. 2026

Heute direkt von London nach Salisbury. Der Glanz der Kathedrale überscheint nicht das Elend einer Kleinstadt in einem deteriorierenden England. Billigketten, Leerstände, 0-8-15-Junk-Food, blätternder Putz und viele Menschen, denen die Hoffnungslosigkeit ins Gesicht geschrieben steht. 

Stonehenge, die nächste Station, fest in der Hand von asiatischen Touristen, die gut gelaunt an Comic-Selfies arbeiten. Am Horizont abgeranzte Wohnmobile mit Freibeuter-Fahnen, aus denen abends, wenn die Touristenkontingente entfernt sind, bekiffte Mystiker fallen, die ihren archaischen Wahn zelebrieren. Die Landschaft inspiriert, grüne Hügel, sanft und geschmeidig. 

Dann Swindon, einst eine Eisenbahnschmiede, bis auch hier zur Jahrtausendwende der Sensenmann kam. Die Bilder sind immer die gleichen. Verfallende Häuser, traurige Gesichter, Geldwaschanlagen und Call-Center. Und gut gelaunte Immigranten auf der Suche nach dem Glück.

Waterford, 02.06. 2026

Bis zur walisischen Grenze ist die Landschaft grün, dann wird sie leuchtend grün und lieblich. Auch hier blättern die Städte. Karges Dasein nach dem Tod der Kohle-Minen ist zu spüren. Bei allem, was zerstört wurde, von manchen immer noch gerne die schöpferische Zerstörung genannt, begegnet einem die Liebe zu Blumen und eine nicht eliminierbare Freundlichkeit.

Dann die Fähre in Fishgard, die dich in vier Stunden ins irische Rosslare bringt. Hier kam ich vor achtundvierzig Jahren zum ersten Mal an und verliebte mich Hals über Kopf in die Iren und ihr Land. Bis hin zu der späteren Theorie, dass die Russen die Anarchisten, die Westfalen und Flamen die Wilden und die Iren die Punker dieses Ost-West-Streifens in Europa sind. Alle sind mephistotelisch, alle haben einen Hang zur Schwermut und sie sind im Rausch der Ewigkeit verhaftet. Seit langer Zeit fühle ich mich wieder zuhause, auf heiligem Boden. So absurd es klingen mag, die eigene Zeit ist geprägt von der individuellen Sozialisation.    

Waterford – arm, verranzt, mit Pubs, die wie Zeitmaschinen wirken. Es ist so, wie es immer war, kein Hemd am Arsch, aber wenn die Sonne untergeht, kommen die Musiker aus ihren Höhlen und spielen in den Pubs auf. Kein Streaming, keine Kopfhörer, die Gitarren klirren und alle singen mit und trinken schwarzes Bier.

Kerry, 03.06. 20026

Nichts ist täuschender als der Eindruck, den die Städte und Siedlungen um den Ring of Kerry vermitteln. Der von ihnen ausgehende Wohlstand ist nicht das Ergebnis des EU-Beitritts, wie so gerne behauptet, was manche sogar mit der Formulierung des keltischen Tigers übertreiben. Aufgrund seiner atemberaubenden Schönheit war dieses Ensemble schon lange ein touristischer Hotspot. Berge und Meer und ein changierendes, surrendes Grün haben den Ring zu einem irischen Starnberg gemacht.

Kerry, 04.06. 2026

Eines muss man den Iren lassen: Ihre historische Lektion haben sie gelernt und sie sitzt. Der Preis, den sie für ihre Unabhängigkeit bezahlt haben, war hoch und er wird bis heute überall ausgestellt. Zudem haben diese historischen Erfahrungen dazu geführt, dass sie anderem Unrecht in der Welt nicht den Rücken zuwenden. Die Reden im irischen Parlament wie die Beiträge irischer Abgeordneter im Europa Parlament könnten prächtige Lehrstunden sein für die gegenwärtige politische Nomenklatura der Deutschen. Diese bemühen zwar bei vielen Gelegenheiten die Geschichte, begründen allerdings mit ihr die Wiederholung der alten Fehler. 

Es ist bewegend zu sehen, wie klug die Iren mit den Erkenntnissen ihrer Vergangenheit umgehen, während die Barbarei des britischen Imperialismus in Deutschland verharmlost wird.

Dublin, 05.06. 2026

Ankunft im Phoenix Parc, einer der größten Parkanlagen im westlichen Europa. Hier landete ich schon einmal 1979, als Dublin menschenleer war und sich in diesem Park 1,5 Millionen Iren versammelt hatten, um einer Messe des Papstes Johannes Paul II beizuwohnen. Ich kam dort buchstäblich als letzter an,  zusammen mit einem alten Iren. Dieser lächelte mich an und sprach die Worte: A great day, isn`t it? Nach der Messe waren die Pubs der Stadt zum Bersten voll. 

Das, was ich heute zu sehen bekam, entsprach dem Bild früherer Jahre. Viel Jugend, verbreitete Armut und gute Musik. Der Euro-Boom, der durch die steuerlichen Vorteile zustande kam und vor allem von amerikanischen IT-Konzernen und Liefermonopolen genutzt wurde, hat die Stadt internationaler gemacht und eine polyglotte urbane Elite geschaffen. Auch sind die Immobilienpreise mächtig gestiegen, was das Zentrum leerer und die weiter gelegenen Vororte dichter macht. Der Kapitalismus floriert, die soziale Ungleichheit grassiert und die Odyssee geht weiter. Die Iren leiden darunter, aber sie machen daraus auch großartige Musik und einzigartige Werke der Weltliteratur.

Belfast, 06.06. 2026

Meine Erinnerung an Belfast war furchtbar. Ich bin 1979 mit dem Zug von Dublin dorthin gefahren und, nachdem ich zwei Stunden dort umhergelaufen bin und in die zerrütteten, traumatisierten Gesichter der Menschen geschaut hatte, wieder in den Zug gestiegen und nach Dublin zurückgefahren. Einer derartigen Trostlosigkeit war ich in meinem damaligen Alter noch nicht begegnet.

Umso positiver war mein Eindruck heute. Das Zentrum ist architektonisch beeindruckend und das Leben pulsiert. Die Pubs waren vornehmlich von Frauen im Rudel eingenommen und bereits am frühen Nachmittag hatte ich den Eindruck, auf einer rauschenden Ballnacht angekommen zu sein. In den Geschäften lief keine Fahrstuhlmusik, sondern zumeist Rhythm&Blues vom Feinsten. 

Dennoch gibt es jenseits des Zentrums streng separierte Wohngebiete, die mal von britischen Ulster-Schotten, mal von republikanischen Iren bewohnt werden. Dort sind die Spuren des langen Bürgerkrieges überall zu sehen und sie wirken immer noch brandaktuell. Vor allem junge Aktionskünstler aus allen Teilen der Stadt plädieren für den Frieden. Ich dachte daran, die deutschen Kriegspropagandisten nach Belfast zu schicken, damit die Zeitzeugen eines lang andauernden Gewaltkonfliktes ihnen die Leviten lesen können. 

Aber auch hier sind die Parteizugehörigkeit und die Positionierung in aktuellen Konflikten Dokumente eines scheinbar betonierten Kompasses. In den britisch-protestantischen Gebieten dominieren israelische und ukrainische Flaggen, in den irisch-katholischen palästinensische und Plakate, die einen Frieden mit Russland fordern. The world is in an uproar. The danger zone is everywhere!

Glasgow, 07.06. 2026

Sklavenhandel, Schiffbau, Eisenbahnen, die Quellen des einstigen Reichtums sind versiegt. Dennoch haben die Impulsivität, der Wohlstand und diejenigen, die ihn einst hier schufen, ihre Spuren hinterlassen. Kirchen wie Kommunalbauten blicken monumental und leicht geschwärzt auf die heutigen Bewohner als mahnende Beispiele historischer Entwicklungskurven nieder. An einem Sonntag wie heute kommen die Menschen zusammen, lauschen ganz entspannt bei Kaffee und Kuchen Orgelkonzerten, tanzen im Freien ausgelassen beim unvermeidbaren Regen zu traditioneller Live-Musik, die von Bürgern aller Generationen, die ihre Instrumente mitgebracht haben, gespielt wird. Und alle singen! Die Texte und Melodien sind Gemeingut und für sie ist es das Selbstverständlichste von der Welt. Da, wo man ein Lied singt, lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder! Das, was ich unter diesem Aspekt hier in Glasgow mit Begeisterung beobachte, wirft einen Schatten auf mein eigenes Land. Dort habe ich so etwas lange nicht erlebt. 

Wie dem auch sei: Ich kam nach Glasgow, fühlte mich zuhause und habe den Wunsch, wieder zu kommen. Es ist eine ehrliche Stadt. Keine Manierismen. Sie weiß, was sie hat und was sie kann. Und sie verspricht nichts, was sie nicht halten könnte.

Netty Bridge, 08.06. 2026

Über die Lowlands und Midlands in die Highlands, an tausenden Schafen vorbei, zu den Lochs und in die Berge, ein Himmel, der ständig seine Farben wechselt, der den Prunk der Sonne zeigt, um kurze Zeit später die Luken zu öffnen. Bei Sonnenschein wirkt Loch Ness so gar nicht mystisch und unheilvoll und man wähnt sich an einem See in Oberbayern. Dass durch die Verbindung der Highland-Seen durch einen Kanal der Schiffsweg von den Hebriden bis zur Nordsee gesichert ist und im II. Weltkrieg strategische Bedeutung hatte, konnte ich lernen. 

Inverness ist eine beeindruckende Stadt mit repräsentativen Bürgerhäusern, Kathedrale und Schloss. Schließlich gelandet sind wir in einem kleinen Schlösschen am Ende der Welt, mit alter Exklusivität, die morbide auf die Unmöglichkeit verweist, mit bezahlbarer Gastronomie den Glanz instand zu halten. 

Edinburgh, 08.06. 2026

Sicherlich ein kulturelles Hochzentrum. Eine in Stein gehauene Festung aus Burgen, Kirchen, Bibliotheken, Schulen und Universitäten. Weltberühmt durch Gelehrte, Fantasy-Geschichten und das jährliche große Tattoo, bei dem regelrechte Dudelsack-Armeen die massiven Steine zum Zittern bringen. Aber wie es so ist in der warenproduzierenden Gesellschaft: selbst kulturelle Tiefe wird in leicht bekömmlichen Dosen verpackt, die den unreflektierten Massen den Konsum ermöglichen. Der laute Basar, der daraus entsteht, nimmt der tatsächlich vorhandenen Substanz die Aura. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit scheint in Edinburgh durch. Man wünscht sich, es wäre Nacht, alle Pubs längst geschlossen und man könnte in der zauberhaft archaischen Kulisse mit anderen unruhigen Geistern ins Gespräch kommen.

Schließlich, nach einer Rosskur von zweitausend Kilometern in knapp zwei Wochen, auf dem Weg vom Hotel zum Flughafen, ein Stopp bei den Kelpies. Der Name sagte mir etwas, er verweist nämlich auf eine australische Hunderasse, der man nachsagt, ihre Bezeichnung stamme aus der schottischen Mythologie. Dort handelt es sich um Pferde, die aus den Moorgebieten entsteigen und Menschen fressen. Sie sind in einem Park in zwei monumentalen Pferdeköpfen aus in der Sonne glänzendem Metall verewigt.

Und dann, auf dem Flughafen, Horden schottischer Fans, die gekleidet, wie vor einem Fußball Training, vor der Einschiffung nach Übersee zur WM. Einer im Kilt erzählte mir, er hätte bereits morgens um Sechs fliegen sollen, aber sein Flieger sei kaputt und er habe bereits zweihundert Pfund nur für Bier ausgegeben. Aber bald ginge es los. Über Montreal nach Boston. 

Überall prächtige Stimmung und große Vorfreude. Vor dem Security Check ein letztes Plakat: The Captain speaking! Es handelt sich allerdings um keinen Piloten, sondern um den Kapitän der schottischen Nationalmannschaft. 

C U!

Grande Peur

Selbst der Schock wirkt bereits ritualisiert. Vieles von dem, was gestern nach den Anschlägen in Brüssel in den Äther geschickt wurde, glich dem nach den Attacken auf Charlie Hebdo oder denen in Paris im letzten November. Die offiziellen Erklärungen glichen sich, die Sondersendungen in den Fernseh- und Rundfunkanstalten glichen sich und die Inhalte der Kommentare glichen sich. Dadurch, dass sich die Reaktionen auf den selbst erlebten Terror wiederholen, ändert sich nichts. Und vieles von dem, das als Standhaftigkeit oder Stärke reklamiert wurde, war durch die Wiederholung bereits demontiert. Wirksamer, weil einfach glaubwürdiger waren eher die sanften Töne, die darauf hinwiesen, die eigene Würde nicht antasten zu lassen. Das wirkte anders als die Phrasen von fester Entschlossenheit und feigen Anschlägen, von Menschenverachtung und der Schärfe des Gesetzes. So etwas wirkt wie das Pfeifen im Walde, weil es eine Angst überdecken soll, die aus Ratlosigkeit entspringt.

Wenn es nach versengtem Menschenfleisch riecht, sind kalte Fakten nicht selten die beste Salbe. Die Staaten der EU, vor allem in Zentraleuropa, sollten sich endlich bewusst werden, dass Phänomene, die aus ihrem Blick eher an die Peripherie gehörten, jetzt im eigenen Zentrum angekommen sind. Der Terror ist jetzt auch hier angekommen, noch lange nicht und längst nicht in dem Ausmaß wie in Israel, über dessen Wehrhaftigkeit in der Vergangenheit so manch verklausulierter Antisemitismus hat reüssieren können, aber immerhin. Die Reaktion der befragten Menschen, die zufällig in den Risikobereichen davon betroffen waren, war allerdings nicht die, dass sie von einer neuen Realität sprachen, sondern von dem Wunsch, dass das endlich aufhöre. Doch so, wie es aussieht, wird es wahrscheinlich nicht kommen.

Und viele, die den sphärischen Formulierungen misstrauen, dass wir nicht bereit sind, uns unsere Freiheit von den bösen Terroristen rauben zu lassen, werden guten Glaubens in die Falle laufen und den Spieß einfach umdrehen und davon reden, dass der „Westen“ selbst die Schuld dafür trage, dass es diesen Terrorismus gibt. Das stimmt aber nur zum Teil, so wie die gegenteilige Behauptung auch nur eine Teilwahrheit ist.

Richtig ist, dass London, Paris und Brüssel und die dortigen Morde und Zerstörungen durch Terrorismus zu einem traurigen Phänomen gehören, das in Beirut, Tel Aviv oder Bagdad bereits zu einer Tagesroutine gehört. Und richtig ist auch, dass es auf der einen Seite bedient wird von Barbaren, die sich auf arabische Identitäten berufen. Aber ebenso richtig ist es, dass Mord und Terror auch verbreitet werden von Kriegern, die mit westlichen Identitäten hausieren gehen, von Freiheit und Wohlstand reden und klinisch sauber mit der Drohnentechnologie Mord, Angst und Schrecken verbreiten.

Das Interessante und Hoffnungsvolle, das sich bei einer Analyse der blutigen terroristischen Choreographie zwischen Brabant und Babylon ergibt, ist die Identität der Opfer. Ihre Identität ist nicht in Hautfarbe, Sprache oder Religion zu finden, sondern in der einfachen Tatsache, dass es sich um die Zivilbevölkerung handelt. Aus der militärtheoretischen Erkenntnis, dass die Epoche der asynchronen Kriegsführung lange angebrochen ist, wurde im Westen eine Synchronisierung des Asynchronen. Um den Attackierenden noch Paroli bieten zu können, hat man sich ihnen angepasst und metzelt jetzt genauso asynchron gegen die dortige Zivilbevölkerung. So liegt der Schluss eigentlich ziemlich nahe, dass sich die Opfer solidarisieren müssen, um die Täter zu isolieren.

Die Kommune als Mikrokosmos politischer Theorie

Mit dem bürgerlichen Zeitalter nahm das Schicksal der Kommune so richtig Fahrt auf. Nicht, dass zumindest in der okzidentalen Welt schon weit früher die Stadt als Referenzmodell für das Zusammenleben eine entscheidende Rolle gespielt hätte. Das antike Athen muss als die Wiege angesehen werden für das Räsonnement über politische Theorien, die die Staatsform reflektierten. Dass eine Stadt den Mutterboden für die Demokratie bildete, kam nicht von ungefähr. Nirgendwo ist gesellschaftliches Treiben so kondensiert wie in der Stadt. Hier treffen die unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen direkt aufeinander, nirgendwo ist die Dynamik der sozialen Interaktion größer. Dass mit der Moderne die Rolle der Stadt hinsichtlich der Reflexion politischer Theorie noch größer wurde, ist ebenso evident. Die globale Entwicklung und die Modernisierung der Welt geht einher mit der Verstädterung von Gesellschaften. Bis zum Jahr 2050, so die Prognose, wird die rasende Verstädterung weltweit weiter gehen. Und sie wird dann nicht zu Ende sein, weil irgend eine Trendwende einsetzte, sondern weil dann der Großteil der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Die Bauernarmeen sind schon heute nur noch eine historische Größe. Und die großen Metropolen dieser Welt liegen mittlerweile in den Schwellenländern, wo diese Bewegung in Echtzeit studiert werden kann.

Das erwähnte Referenzmodell Athen gilt als Wiege der Demokratie. Als Blaupause für die späteren Theorien zur Demokratie gilt Athen aber nur in Bezug auf die Entscheidungsfindung und die Teilung der Gewalten. Schon bei den Formen bürgerlicher Beteiligungsrechte litt Athen unter der Einschränkung, dass es sich um eine Sklavenhaltergesellschaft handelte. Letztere fanden in dem Modell schlichtweg nicht statt, was historisch erklärbar ist, aber eine wesentliche Überlegung hinsichtliche moderner Metropolen schlichtweg ausblendet. Gerade der Umgang mit dem Massenphänomen der Migration, welches in unseren Tagen die großen Städte herausfordert, entscheidet über die Entwicklung der Kommune in hohem Maße. Athen war die Macht der Bürger und wie sie sich konstituierte. Athen ist das formale Modell für Entscheidungsprozesse des Bürgertums unter Laborbedingungen. Heute existiert diese Art von Labor nicht mehr.

London galt als die Weltmetropole des 18. Jahrhunderts, Paris als die des 19. Jahrhunderts, Berlin spiele diese Rolle zumindest kulturell in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts und wurde seinerseits abgelöst durch New York. Heute, im 21. Jahrhundert existiert auch das nicht mehr. Genannte Metropolen spielen immer noch eine Rolle, Wachstumschampions sind aber Städte wie Jakarta, Rio de Janeiro, Shanghai oder Istanbul. Die letzt genannten würden mit ihrer Dynamik die Stadtplaner in den erst genannten in den Freitod treiben. Dennoch funktionieren sie und es muss im weiteren gefragt werden, warum. Die Kommunen unserer Tage haben nicht die Zeit, so könnte man meinen, sich Gedanken über das theoretische Gerüst zu machen, die das Zusammenleben beschreiben. Stattdessen werden sie umschrieben mit Begriffen wie Chaos, Anarchie, Korruption, Kriminalität, ungezügeltem Wachstum, Umweltkatastrophen und Gewalt. Zumeist gelten sie als unregierbar, es sei denn, sie werden beherrscht von einer politischen Macht, die ihrerseits mit Gewalt den Dampf im Kessel zu halten sucht.

Festzuhalten ist jedoch die Tatsache, dass die modernen Großstädte und Metropolen trotz der großen Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, weiter existieren und weiter wachsen. Diejenigen, die kommen, sehen immer noch in ihnen eine bessere Perspektive als sie dort herrschte, wo sie vorher waren. Und zumeist haben sie sogar Recht. Dennoch stellt sich die Frage, welches Prinzip die Städte der Gegenwart am Leben hält und wieso es einigen gelingt, sich zu neuen Modellen zu entwickeln und andere sich Bildern nähern, die dem der Hölle auf Erden entsprechen. Fortsetzung folgt!