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Die Russen

Bei uns in der Stadt, am Rande des Ruhrgebiets, mit der nördlichsten Zeche, gab es eine Gruppe von Männern, die überall nur die Russen genannt wurden. Anfangs dachten wir, d.h. meine Freunde und ich, es handele sich um eine der üblichen Beschimpfungen, mit denen man sich in dieser sehr unterschiedlichen Gesellschaft begegnete. So gab es ja auch den Ausdruck Mexiko, oder die Kolonie für die Wohngebiete der Bergleute im Süden. Bei vielen Bürgern polnischer Herkunft, von der es zahlreiche gab, sprach man von Krakusen, andere wiederum wurden als Hottentotten bezeichnet. Wie zu sehen ist, war unser Pflaster nicht unbedingt von gegenseitiger Zuneigung geprägt. Da konnte umgekehrt auch schon einmal passieren, dass ein Pfarrer aus dem Viertel der Pfahlbürger im Norden in der Zechensiedlung eine Abreibung bekam, weil sich herumsprach, wie selbst und gerade die Klerikalen in den gehobenen Schulen der Stadt die Nachkommen der Püttrologen, wie die Kinder der Bergarbeiter dort verächtlich genannt wurden, behandelten.

Doch die Russen, von denen immer wieder die Rede war, erschlossen sich uns nicht so gleich. Zum einen waren sie keine Rand-, sondern Hauptfiguren, zum anderen sprach man oft von ihnen mit unverkennbarer Abneigung, aber nicht ohne Respekt. Von ihren Namen her konnten es keine Russen sein, von ihrer sonstigen Herkunft auch nicht. Im Laufe unserer aus Neugier betriebenen Recherchen wurde uns mit der Zeit bewusst, worum es sich bei dieser Geschichte handelte. Es ging nicht um Herkunft, sondern um Politik. Eines Tages, als wir uns wieder einmal als politisch interessierte Schülergruppe im Nebenraum des Centro Obrero Espangnol trafen, um Texte zu lesen, die es in der Schule nicht gab, kam ein Freund ganz aufgeregt und erzählte uns, der Franz Z., auch liebevoll in Bergarbeiterkreisen Fränzken genannt, habe uns alle in seinen Garten eingeladen und sei bereit, mit uns ein bisschen zu plaudern. Wir ließen uns das nicht zweimal sagen und gingen zu dem angegebenen Termin dorthin.

Franz Z. war tatsächlich ein kleiner Mann, den man geneigt war Fränzken zu nennen, bevor man ihn erlebt hatte. Wie ein Kumpel kam er daher, mit breitem Lachen und klopfte jedem von uns auf die Schulter. Er hatte einen grauen Bart, eine rote Knollennase und trug eine altmodische Brille. Er lud uns ein, auf den alten Holzstühlen im Garten Platz zu nehmen, während seine Frau Erna Schinkenschnittchen verteilte. Franz Z. selbst wies auf den Bierkasten mit der Order: Bedient euch. Wir fühlten uns gleich wohl und schon waren wir in einem Gespräch, in dem uns das Russentum unseres Gastgeber deutlich wurde.

Franz Z. war anfang der dreißiger Jahre zum Betriebsratsvorsitzenden der Zeche gewählt worden. In dieser Funktion war er einer der mächtigsten Männer der Stadt. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde alles viel politischer, wie Franz uns erklärte, obwohl er schon immer Kommunist gewesen sei und auch als dieser sterben werde. Mit den Nazis sei es richtig gefährlich geworden. Aber die Bergleute wären alle gegen Hitler gewesen und deshalb seien die Aktionen auf der Zeche alle gegen das neue Regime gerichtet gewesen und hätten kaum noch wirtschaftliche Zielsetzungen gehabt. Eines morgens dann hatte ein LKW auch vor Franz. Z.s Haus gehalten und ihn mitgenommen. Z.s Angaben damals im Garten der Zechensiedlung klingen bis heute lakonisch: Na ja, Jungs, da gibt es nicht viel zu erzählen, das Übliche eben. Verhöre, Schläge, Abtransport zum KZ, Zwangsarbeit, Verhöre, Folter.

Franz Z. war dann eine abenteuerliche Flucht gelungen. Und im Gegensatz zu vielen Intellektuellen floh Franz Z. in die Sowjetunion. Dort mochte man ihn auch nicht unbedingt in Regionen, wo die deutsche Armee auftauchen konnte, obwohl er über alle Zweifel erhaben war. Franz Z. verschlug es als Facharbeiter bis hinter den Ural, wo er, nach eigenen Worten, Raketen gegen Hitler baute. Auf die Sowjetunion ließ er nichts kommen und er sprach ausschließlich vom Großen Vaterländischen Krieg.

Nach dem Krieg tauchte Franz Z. plötzlich wieder in unserer Stadt auf, abgeklärt und welterfahren. Die Bergleute begrüßten ihn nicht nur warmherzig, sondern sie wählten ihn auch wieder zum Betriebsratsvorsitzenden. Seitdem sprach man in unserer Stadt von ihm nur als dem Russen. Und es stellte sich heraus, dass Franz. Z. nicht der einzige war, der vom Ruhrgebiet in die UdSSR geflohen und nach dem Krieg zurückgekehrt war. Als es uns dämmerte, warum also immer wieder von den Russen die Rede war, wurde zum Bier bereits ein Schnaps mit dem verwegenen Titel Flöz Sonnenschein gereicht. Franz Z., nun Rentner, freute sich über soviel Interesse seitens der jungen Leute. Und wir staunten, wieviel Weltgeschichte sich doch in dem aus unserer Sicht gottverlassenen Nest abgespielt hatte.

Charles Spencer Chaplin

Wir kannten ihn alle, als Kinder. Er war die Figur, die uns in ferne Welten fliehen ließ, die unser Dasein kannte und uns Trost spendete. Und die uns lehrte, das Tragische des Alltags auch mit einem lachenden Auge zu sehen. Helden von Kindern sind schnell verblichen. Er blieb. Weil er es vermochte, uns nicht nur als Kindern etwas mitzuteilen, sondern auch später noch sehr viel Stoff bot, sich mit ihm zu befassen. Da waren die große Stadt und die Fabrik, da war die Liebe und das Leben unterwegs. Alles das waren unsere Themen. Wir flohen vom Land in die großen Städte, wir jobbten in Fabriken und wir verliebten uns über soziale Barrieren hinweg. Das alles war uns von ihm schon in unserer Kindheit erzählt worden, ohne dass wir es bewusst registriert hätten. Das ist Kunst. Das ist große Kunst.

Viele Jahre später, als ich unterwegs war, da traf ich ihn wieder. In London. Soho. In einem kleinen Park inmitten des täglichen Trubels waren neben den Bänken die Büsten von britischen Literaten, Dickens, Yeats, unter ihren mächtigen Köpfen standen der jeweilige Name und die Lebensdaten. Und dann war da noch eine Skulptur, der kleine Mann mit dem eigenwilligen Schnurrbart, dem feinen Spazierstock und den ausgelatschten Schuhen. He gave so much fun to so many people. Das war alles, was zu lesen war. Mehr brauchte es nicht in Soho, dem pulsierenden Theaterviertel Londons. Charles Spencer Chaplin war über seine Heimatstadt weltweit bekannt.

Charlie Chaplin eroberte Hollywood, als es noch kein Hollywood war, in Zeiten des Stummfilms und der erbärmlichen Drehbücher, in denen in der Regel ein Polizist mit einem Knüppel einen armen Teufel versohlte, woher auch dann der Name des Genres, Slapstick, stammte. Chaplin kam, schlüpfte in das Klischee der komischen Figur und inszenierte eine der wohl wirkungsvollsten Kulturkritiken der Moderne. Er thematisierte die Ausbeutung und Entfremdung (Modern Times), die Entwurzelung in Zeiten der Kapitalakkumulation (The Tramp), der Vereinsamung (City Lights) und sozialen Verarmung (The Kid). Dass er später noch den großen Diktator seiner Epoche persiflierte, und zwar vertont, ist nur eine Randnotiz eines vermeintlichen Komikerlebens, das nicht hätte politischer sein können. Chaplin war Europäer, und das blieb er auch in den langen Jahren seines Erfolges in den USA. Sein Demokratieverständnis gehorchte keinen Wellen, sondern es blieb stabil, auch nachdem Hitler längst auf dem Misthaufen der Geschichte lag und sich in den USA der McCarthy-Ära der Kalte Krieg formierte. Chaplin pflegte nach wie vor auch Kontakt zu Kommunisten und blies nicht in das Horn des Neonationalismus.

So konnte er nach einer Europareise nicht wieder in die USA einreisen und wählte als letztes Domizil die Schweiz. Da war er aber schon eine Legende. Durch sein künstlerisches Schaffen hatte er es vermocht, Bewegendes und Geistreiches für alle Bildungsgrade zu inszenieren und zu transformieren. Das können nur wenige. Charlie Chaplin war ein Großmeister dieser wenigen. Denn wer denkt schon daran, wenn er sich heute noch einmal diese Wackelfilme anschaut, dass diese es vermochten, dem Publikum eine Intuition dafür zu verschaffen, dass zum Glück das Unglück, zur Macht das Joch, zum Gigantischen die kleine Sorge und zum Strahlenden der Schatten gehört? Ich habe ihn vor Augen, wie er vor mir steht, in Soho, ohne seinen Namen zu nennen, weil das auch gar nicht nötig ist. Heute hätte er Geburtstag.

Es ist nie zu spät

Manchmal sind es die kleinen, ungeplanten Begegnungen, die mehr bewirken als die vielen Geschehnisse des großen, offiziellen Protokolls. Gestern wurde mir wieder einmal ein solches Privileg zuteil. Als ich von einem Termin zurück in mein Büro wollte, lief mir ein Mann in die Arme, den ich sofort als einen ehemaligen Kollegen identifizierte. Er pfiff leise vor sich hin und trug einen Korb, den er auf dem benachbarten Markt gefüllt hatte. Freudig begrüßten wir uns, obwohl wir beruflich nicht immer einer Meinung waren und so machen Zielkonflikt hatten ausfechten müssen.

So dauerte es nach der Begrüßung auch nur wenige Sekunden und wir waren in ein Gespräch vertieft über die gegenwärtige Lage des Unternehmens und die verschiedenen Rollen, die manche darin spielten. Mir selbst war das eher unangenehm, weil ich dachte, dass der ehemalige Kollege damit gar nichts zu tun haben wollte. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Und obwohl er in seiner aktiven Zeit alles andere als ein Duckmäuser gewesen war, zog er jetzt vom Leder, dass es nur noch so krachte. Da waren die Kräfte, die dem Unternehmen mehr schadeten als nützen sehr schnell identifiziert und ich stellte fest, dass es dem ehemaligen Kollegen einen höllischen Spaß bereitete, alles, was nicht so optimal lief, von allen Seiten genüsslich zu beleuchten.

Nach nur wenigen Sätzen war das alles auch gar keine Unterhaltung mehr, sondern ein Monolog. Schnell kam ich mir allenfalls noch vor wie ein Stichwortgeber, aber eigentlich war das auch nicht vonnöten, denn der Kollege war nahezu in narrativer Rage. Nur einmal wurde es etwas besinnlich, als er mir nämlich erzählte, dass er dem Sensenmann nur knapp und durch Zufall von der Schüppe gesprungen und das auch die Ursache für sein vorzeitiges Ausscheiden gewesen sei. Viele, so seine Geschichte, hätten ja vermutet, er sei aus Frust über bestimmte Organisationsentscheidungen gegangen, die seinen Einflussbereich betroffen hätten. Aber das sei weit gefehlt. Und wieder hub er an zu einem neuen Skandal, hinter dem er noch so manch anderes vermutete.

Wie es so ist in Unterhaltungen, in denen man sich irgendwann als Opfer fühlt, so wartete ich auch auf genau den Augenblick, in dem mein Counterpart Luft holen musste, um eine zeitliche Verpflichtung zu benennen, die es mir unmöglich machte, noch weiter zu verweilen und der Trauerarbeit meines Gegenübers weiter zuzuhören. Denn darum schien es sich zu handeln. Ich hatte einen Mann getroffen, dem irgendwann die Macht abhanden gekommen war und der schwer darunter litt. In seiner aktiven Zeit war er bekannt dafür, dass er sich relativ wenig um die Belange anderer gekümmert hatte und sich daran erfreute, seine Sichtweise anderen mit Gewalt aufdrücken zu wollen. Kooperation war ebenso wenig sein Ding wie der Wunsch, die Ziele seiner Mitspieler zu kennen und zu begreifen. Das hatte ihn auf Dauer isoliert und nicht nur sozial einsam, sondern auch weltfremd gemacht. Dann kam die kalte Hand der Veränderung und katapultierte ihn ins Abseits, was er dann nicht lange ertrug und er seinen Hut nahm.

Er hat weder das Resultat seines eigenen Verhaltens verschmerzt noch seinen eigenen Beitrag dazu kritisch gewürdigt. Das tat mit irgendwie weh, denn im Grunde genommen war er kein schlechter Mensch. Als wir uns dann verabschiedeten, rief er mir noch nach, ich solle all jene von ihm grüßen, von denen ich glaubte, sie würden sich darüber freuen. Da fasste ich wieder etwas Mut. Vielleicht war es für ihn doch noch nicht zu spät.