Archiv der Kategorie: food for thought

Fundstück: Imperiale Regeln

4. März 2014

Mit der Implosion der Sowjetunion vor knapp einem Vierteljahrhundert war für viele die Geschichte zu Ende. Es wurden gar Bücher darüber verfasst. Der Triumphalismus kannte keine Grenzen. Der Untergang der bipolaren Welt, der unter der Chiffre des Ost-West-Konfliktes firmierte, sollte die Suprematie des Westens zur Folge haben. So sahen das viele, so hofften es viele. Aus heutiger Sicht betrachtet ist nichts von dem eingetreten. Zwar war mit der UdSSR ein gigantischer, imperialer Koloss in die Knie gegangen. Aber selbst in seinem Zentrum hatte die Erosion des sozialistisch gesteuerten Staatsmonopols nicht zur Folge, dass eine auch nur annähernd kapitalistische Produktionsweise sich etablieren konnte. 

Nein, das neue Russland hielt an den Strukturen fest, an denen bereits die bolschewistische Revolution gescheitert war. Das, was Marx einst die asiatische Produktionsweise genannt hatte, und, nebenbei, diese Schriften erschienen nie in der Sowjetunion, und woran der Ökonom Karl August Wittfogel sein Leben lang geforscht hatte, eine asiatische Despotie, die über eine monopolistische Bürokratie die großen Landmassen wie die Bodenschätze beherrschte, blieb bestehen. So genannte Oligarchen griffen nach den Ressourcen, eroberten den Staatsapparat, der völlig zentralisiert war, und übernahmen das Gewaltmonopol vom einstigen Militär. Russland blieb eine imperiale Macht, die bis heute alles andere als ein Flickenteppich ist, auf dem die vermeintlichen Sieger des Ost-West-Konfliktes beliebig herum treten können.

Russland blieb ein machtpolitischer Faktor. Und die USA merkten nach und nach, dass der Triumph gegenüber dem Kommunismus nur noch gedämpft genossen werden konnte. Auch hier ist seitdem die strategische Überdehnung überall zu spüren und die Macht des Washingtoner Imperiums wird mit jedem Jahrzehnt mehr gestutzt. Das ist der Preis für die globale Dominanz, die ökonomisch mehr und mehr ins Wanken geriet und durch Mächte wie China erheblich relativiert wurden.

Eine solche Situation ist für alle Beteiligten gefährlich. Zum einen fletschen angeschlagene Tiger schon mal gerne sehr schnell die Zähne, zum anderen neigen die Kontrahenten dazu, sich gegenseitig zu unterschätzen. In diesem Kontext ist der Konflikt um die russischen Marine-Stützpunkte auf der Krim nahezu signifikant. War und ist der Prozess in der Ukraine ein Muster, das lange bekannt ist, in dem Despotie und Korruption irgendwann auf einen Punkt zustreben, an dem die Rebellion als einziger Ausweg für große Teile der Bevölkerung gesehen wird. Das System selbst stellt sich dann oft schwächer als befürchtet heraus, die rebellierenden Kräfte ihrerseits aber sind politische Novizen oder bereits Instrumente neuer Despoten, die die Karte bereits zu spielen gelernt haben. Wenn dieses alles in einer Gemengelage geschieht, in der manche glauben, man zöge ein komplexes, durch lange Traditionen verwobenes Geflecht in ein neues Lager, dann entsteht eine kritische Situation. 

Russland wäre der Popanz, von dem irrtümlicherweise viele geträumt haben, wenn es einfach zuließe, ihm den Zugang zum Schwarzen Meer zu verwehren. Wer das glaubt, der lese Tolstois Berichte zu den Kämpfen um Sewastopol 1855/56, um eine Ahnung von den Tributen, Mythen und Verlusten zu bekommen, die in der russischen Geschichte aufgebracht wurden, um dieses Pfund in Händen zu halten. So etwas ließen die USA vor der eigenen Haustüre ebenso wenig zu wie China und selbst Großbritannien rasselt bereits mit dem Säbel, wenn in Spanien ein Politiker den Begriff Gibraltar in den Mund nimmt. Die Koinzidenz mit den demokratischen Kämpfen in der Ukraine verführt zu Trugschlüssen. Hier stehen sich immer noch Imperien gegenüber. Und deren Regeln sind jenseits demokratischer Diskursterminologien zu finden.

Krieg: Eskalation wahrscheinlich, es sei denn…

Während sich auf der einen Seite eine als Zivilgesellschaft oder Expertengruppe überhöhte Meute täglich in neuen bellizistischen Schaumbädern verlustiert, existieren immer noch Menschen, die in der Lage sind, ohne Wallung und kühlen Kopfes die Lage zu analysieren. Was auf der einen Seite Mut vermittelt, ist auf der anderen Seite ein trauriges Zeugnis für Politik und Medien. Dort herrscht die Verrohung,  das gegenseitige Überbieten mit Feindbildern sowie sprachlichen und logischen Dummheiten. Von ihnen noch eine Lösung zu erwarten, die Tod und Zerstörung minimiert, ist pure Illusion. Wenn der Scheiterhaufen brennt, ist alles erlaubt. Im heutigen Spiegel giftet ein medialer Tausendsassa mit einer Irokesenfrisur, dessen Expertise einzig und allein durch die Häufigkeit seines Erscheinens definiert ist, in unzivilisierter Form gegen alle, die sich für eine Option des Friedens aussprechen. Und in der BILD wird eine Initiatorin des Manifests für den Frieden als eine bezahlte Agentin des Bösen diffamiert, als hätte es das Attentat auf Rudi Dutschke nie gegeben. 

Aber einmal den Unrat, mit dem zivilisierte Menschen täglich belästigt werden, beiseite. In einer informellen Gruppe von Menschen mit unterschiedlicher Biographie und Perspektive konnte ich gestern einer Analyse beiwohnen, die es verdient, formuliert zu werden. Das Prinzip war das nach Heinrich von Kleist, der es einmal die allmähliche Entstehung der Gedanken beim Reden nannte.

Demnach stellte sich die Situation für die Diskutanten wie folgt dar:

Dass Russland der Forderung der USA/NATO/EU nachkommt und die Truppen aus der gesamten Ukraine abzieht, inklusive der Insel Krim, ist nicht wahrscheinlich.

Dass die ukrainischen Streitkräfte in der Lage wären, auf russisches Terrain vorzustoßen und Russland militärisch eine Niederlage zuzufügen, ist ausgeschlossen.

Dass China es zulassen würde, dass Russland bezwungen und unter den Einfluss des Westens käme, ist ebenfalls ausgeschlossen. Die Koexistenz von Russland und China ist für beide Seiten essenziell.

Dass USA/NATO/EU ihren bisherigen Kurs korrigieren und zu Verhandlungen mit Russland bereit wären, was z.B. den Donbas und die Krim anbetrifft, ist nicht zu erwarten. 

Dass Putin in Russland gestürzt wird, könnte eine Möglichkeit sein, aber sie würde auf keinen Fall zu einem Einlenken hinsichtlich der russischen Ansprüche führen. Betrachtet man die Figuren, die sich im russischen Macht-Portfolio bewegen, wäre eher eine Radikalisierung zu erwarten.

Dass sich in den USA die politischen Verhältnisse ändern und ein republikanischer Präsident eine andere Position in diesem Konflikt einnimmt, ist möglich, aber erst nach den Wahlen 2024. Es wäre die wahrscheinlichste Option mit Effekt. 

Dass Wahlen in einem europäischen Land die Kriegsphalanx aufbrechen könnten, ist unwahrscheinlich.

Dass die Tendenz zahlreicher Länder, sich vom Dollar als Weltwährung zu lösen und sich anderen internationalen Organisationen wie BRICS anzuschließen, dazu führt, das Zeitfenster für die USA weiter zu schließen, sicher ist.

Die Schlussfolgerungen, die aus dieser Aufzählung resultierten, ergaben sich von selbst. Eine Einstellung der Kampfhandlungen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu erhoffen. Die einzige Möglichkeit auf eine De-Eskalation bestünde tatsächlich in den Wahlen in den USA oder in Dysfunktionalitäten der jeweiligen Militärmaschinerie (Munitionsmangel, technisches Versagen, logistische Probleme, keine Soldaten etc.). Insofern ist die Gefahr einer gewaltigen Eskalation immens, da die Biden-Administration um das Zeitfenster bis zu den Wahlen im nächsten Jahr weiß.

Was denen bleibt, die die überwältigende Mehrheit in diesem Krieg ausmacht, die in der einen oder anderen Form dafür bezahlen, aber deren Stimme im blutrünstigen Geheul der Meinungsmaschinen keine Rolle spielt? Wahlen, das Hoffen auf ein Versagen der Militärmaschinerie, und vielleicht auch ein bisschen mehr.

Die sieben Todsünden und die Geschichte

Wem sind sie noch präsent? Die sieben Todsünden? Neid, Völlerei, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn! Da die Legitimation unseres Daseins sich nur noch subkutan auf die christlich-abendländische Ethik bezieht, würde kaum noch jemand auf die Idee kommen, sich bei dem, was uns an menschlichen Handlungen umgibt, auf diese Liste Bezug zu nehmen. Obwohl, das leuchtet bei der bloßen Lektüre sofort ein, es genügend Anlässe gibt, um menschliches, zeitgenössisches Handeln unter dem Aspekt dieser sieben Todsünden auf den Index zu setzen.

Neid? Kein Tag vergeht, ohne dass diese Regung spürbar würde. Völlerei? Nur ein Blick auf die Werbung macht deutlich, dass es als schick gilt, dieser Sünde zu frönen. Habgier? Muss darauf überhaupt geantwortet werden? Ist es nicht das Prinzip, das alles leitet? Wollust? Ob ihre Befriedigung tatsächlich gelingt, sei einmal dahin gestellt. An sie appelliert wird unablässig. Hochmut? Geschenkt, überall präsent. Trägheit? Gilt als erstrebenswert und sie zu pflegen, gelingt nur den Privilegierten. Und Zorn? Durchaus vorhanden, aber, im Gegensatz zu den anderen Todsünden zumindest kein Massenphänomen. An ihn wird gerne appelliert, aber er scheint sich nicht in der spätkapitalistischen Postmoderne so etabliert zu haben wie die anderen sechs ethischen Frevel.

Vielleicht ist der Zorn jedoch die Regung, die sich der Modernität durch eine Mutation perfekt angepasst hat. Es ist die Ranküne, die Rachsucht. Sie geht weiter als der spontane Zorn, denn ohne eine meistens vielleicht auch langfristige Berechnung ist sie nicht zu haben. Welthistorisch gesehen ist das Phänomen zur Zeit hochaktuell. Die Demütigung von Nationen nach Niederlagen, die sie nicht selten selbst zu verantworten hatten, führt ziemlich sicher zu einer geballten Form der Ranküne. Es dauert in der Regel zwei bis drei Jahrzehnte, bis die nach der Niederlage Geschmähten zurückschlagen. Historiker nennen das Phänomen Revisionismus. So verhielt es sich mit Deutschland nach der Niederlage im I. Weltkrieg und den heute so genannten Pariser Vorortverträgen (früher schlicht nach Versailles benannt), in denen der einstigen Großmacht demütigende Bedingungen zugemutet wurden. Die Reaktion kam mit dem Faschismus. Und so verhielt es sich mit Russland, das 1990 als Sowjetunion unterging und alles zu akzeptieren hatte, was die Ramponierung einer russischen Identität beinhaltete. Die Antwort darauf erhielt die Welt im Februar 2022. 

Wie gesagt, Historiker haben auf derartige Zusammenhänge aufmerksam gemacht. Das konkret handelnde politische Personal hat das Wissen um das mögliche Entstehen von Rankünegedanken nicht auf dem Schirm. Das Unrecht des Moments bedeutet alles, die historische Demütigung hingegen nichts. Sie wird und wurde stets vom Tisch gewischt. Auf allen Seiten! Um auf die sieben Todsünden, die unseren Alltag in hohem Maße bestimmen, zurückzukommen: Das Auftauchen des Zorns in Form von Rachegefühlen ist nicht selten das Ergebnis von Hochmut auf der Gegenseite. Und, betrachtet man den Zusammenhang, dann sind wir mitten im Teufelskreis der sieben Todsünden. Alles hängt miteinander zusammen und das eine bedingt das andere. Ohne Habgier kein Neid, ohne Wollust keine Völlerei und keine Trägheit. Und ohne Hochmut kein Zorn. 

Hätten wir es mit einem ethischen Diskurs zu tun, dann müssten wir uns mit diesen Wechselwirkungen auseinandersetzen und dürften nicht, auf hohem Ross sitzend, hochmütig wie die Königin der Todsünden, über alles urteilen, was unter dem Blick der Auserwählten kreucht und fleucht. Ja, sind wir ehrlich, es ist beschämend. Und die Scham wäre vielleicht auch das erste Mittel, zur Linderung der Sünden.