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Fundstück: Bad Boy Putin?

18. März 2018

Heute wird in Russland gewählt. Und es wird berichtet, an der vierten Wiederwahl von Wladimir Putin bestehe kein Zweifel, obwohl sich insgesamt 8 Kandidatinnen und Kandidaten bewürben. Zurückgeführt wird die Prognose auf die Behinderung anderer, tatsächlich potenter Figuren durch Justiz und Geheimdienst. Das mag stimmen, sich ist aber auch, dass die Reputation Putins während der Ukraine-Krise innerhalb Russlands in den Himmel geschossen ist. Eine harte Haltung gegenüber dem Westen wie am Beispiel der Krim wird seitens der russischen Wählerschaft honoriert. Insofern kam die allerbeste Wahlkampfhilfe für Präsident Putin aus dem Westen. Aus den USA, von der NATO und jüngst von der britischen Regierung. Alle Beschreibungen, alle Anschuldigungen und alle Bündnispartner, die der Westen aufführt, sind ein Schlag ins Gesicht der meisten Russen. Man könnte fragen, woher die Dummheit des Westens kommt, aber diese Frage spielt keine Rolle, viel wichtiger ist die Überlegung, was in den Russinnen und Russen vorgeht.

Mit dem Untergang der Sowjetunion und deren Rolle als imperialistischer Supermacht zerfiel ein Weltreich. Mehr als 50 Millionen ehemalige Sowjetbürger fanden sich in in neue Republiken wieder, was nicht schlimm schien, soweit sie den Ethnien zuzuschreiben waren, die sich vom sowjetischen Joch befreiten, wie Usbeken, Tadschiken,  Litauer oder Esten. Was jedoch zu einer Art Demütigung der russischen Nation führte, waren insgesamt 27 Millionen native Russen, die fortan nicht mehr in ihrer Heimat, sondern in anderen Staaten lebten, in denen das Russische kaum noch eine Rolle spielte. Dass die westliche Propaganda daraus im Laufe der Jahre russische Agenten machte, gehört zu den Tollheiten der dortigen Ideologiefabriken. Dass die verbliebenen Russen im eigenen Land darunter litten und es als Schmach empfanden, sollte die Vorstellungskraft nicht überfordern.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion setzte eine De-Sozialisierung aller Produktionsanlagen, der Infrastruktur und der nahezu unendlichen natürlichen Ressourcen ein. In Mafia-Manier, nur wesentlich rigoroser, wurde alles verteilt. Gewinner waren die Oligarchen, Verlierer war das Volk, dem es in dieser Zeit so schlecht ging wie kurz nach Weltkrieg, Revolution und Staatsgründung 1917. Nur dass dieser bestialischen Re-Privatisierung der Westen Pate stand und die Entwicklung sehr begrüßte. Der damalige Präsident Boris Jelzin tanzte besoffen vor irgendwelchen Militärkapellen herum und Bill Clinton fand das alles drollig. Für die meisten Russen war es ein Albtraum.

Die Ära Putin war geprägt von dem Versuch, ein vernünftiges Verhältnis zum Westen herzustellen, was daran scheiterte, dass er die Oligarchen enteignete und des Landes vertrieb und erklärte, dass auch an die 27 Millionen Russen gedacht werden müsse, die außerhalb des neuen Russlands lebten. Man stelle sich nur vor, so etwas sei auf amerikanischer Seite passiert. Faktum ist, dass mit dem Kampf gegen die Oligarchen-Mafia die Aktivitäten der NATO einsetzen, um die gesamte Westgrenze Russlands gegen alle Beteuerungen aus dem Jahr 1990 mit NATO-Raketen zu bestücken. Die einzigen Länder, in denen das nicht gelang, heißen Georgien und die Ukraine, ansonsten erstreckt sich die militarisierte NATO-Linie auf über 1000 Kilometer russische Grenze. Dass sich die dortige Bevölkerung bei diesem Szenario nicht wohl fühlt, sollte nachvollziehbar sein. Und dass sich die russische Bevölkerung die Frage stellt, warum der Westen ausgerechnet die Figuren als Kronzeugen auspackt, unter denen sie am meisten gelitten hat, um das russische System als marode zu charakterisieren, spricht für ihre Intelligenz.

Ob es vielen Betrachtern schmeckt oder nicht, und trotz aller Verschwörungstheorien und Komplottszenarien aus dem Westen, es scheint gute Gründe zu geben, warum sich die Russen heute zu einem Votum für Wladimir Putin entscheiden. 

Der Wert eines Menschen

„Nach Angaben des Dr. Charles H. Maye in Rochester ist ein Mensch nicht mehr und nicht weniger Wert als vier Mark, wobei Dr. Maye die Bemessung exakt auf Grund der Verwertbarkeit der in einem Menschen enthaltenen Rohstoffe vornimmt. So reicht das Fett eines Menschen zur Herstellung von sieben Stück Seife. Aus dem Eisen eines Menschen lässt sich ein mittelgroßer Nagel machen. Der Zucker langt für ein halbes Dutzend Faschingskrapfen. Mit dem Kalk kann man einen Kückenstall weißen. Der Phosphor liefert die Köpfe von 2200 Zündhölzern. Das Magnesium ergibt eine Dosis Magnesia. Mit dem Schwefel kann man einem Hund die Flöhe vertreiben. Und das Kalium reicht für einen Schuß aus einer Kinderkanone.“

Rudolf Brunngraber, Karl und das Zwanzigste Jahrhundert

“Entweder du bist frei, oder du bist es nicht!“

Eine Frage durchgeistert viele Köpfe mehr denn je. Was braucht es, um den Menschen, das Individuum, den Staatsbürger, sich als frei fühlen zu lassen? Und was ist es, dass er oder sie sich tatsächlich auch frei fühlt? Die Regierungen in den westlichen Ländern verweisen auf ihre Verfassungen. In anderen Ländern wird Freiheit nicht als Verfassungsrecht, sondern als Naturgesetz verstanden. Dritte wiederum halten die Frage für irrelevant, solange eine wie auch immer geartete Führung es fertig brächte, das Gemeinwesen zum Prosperieren zu bringen. Und wiederum andere pfeifen auf den Aspekt der Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, solange sie selbst an der Macht sind. 

Es ist interessant, die Weltkarte nach diesen Kategorien zu durchforsten. Das für den westlichen Beobachter Überraschende wird dabei sein, entdecken zu müssen, dass die verfassungsmäßigen, verbrieften Freiheitsrechte des Individuums ungefähr nur in einem Achtel der auf der Welt repräsentierten Staaten erwähnt werden. Es sollte zu denken geben. Nicht, weil es etwas mit einer wie auch immer gearteten Wahrheit zusammenhinge. Nein, aber weil es die Orientierung der Gattung in Bezug auf seine jeweiligen Staatssysteme dokumentiert. Und in der Minderheit zu sein bedeutet, sich genau überlegen zu müssen, was man wie erreichen will. Kreuzzugsmentalitäten sind, sofern man nicht den Krieg zum Mittel aller Dinge erheben will, das wohl Dümmste, was einem dabei einfallen kann. Und, um diesen Gedankengang abzuschließen, momentan sieht es so aus, als hätte sich der Westen unter Führung der zunehmend mehr in Panik geratenden USA auf ausgerechnet die schlechtest möglichen Option eingeschworen. Wenn das so bliebe, dann werden die gerade mit ihren ersten Laufversuchen betrauten Enkelchen in den USA und Europa bis zur eigenen Ergrauung nichts mehr erfahren als Kriege.

Um ehrlich zu sein, wird es nichts helfen, sich über diese Großwetterlage in langen, fruchtlosen Debatten auseinanderzusetzen. Denn die Karten sind gemischt. Der Krieg ist allgegenwärtig und rückt immer näher. Und in welcher Regierungszentrale, bitte schön, beriete man so etwas wie die Möglichkeit von Frieden und der dazu notwendigen Architektur sowie einem Paradigmenwechsel in der Politik?

Das Einzige, was hilft, ist etwas, das es schon immer gab und das im Grunde, betrachtet man den Lauf der Weltgeschichte, die einzige Kraft ist, die in der Lage ist, dem psychotischen Machtstreben von Profiteuren der Vernichtung den Garaus zu machen. Es ist die innere Freiheit. Der einfache Satz des Rebellen, der da lautet, „entweder bist du frei, oder du bist es nicht!“ Unabhängig von den äußeren Bedingungen, die dein Handeln ermöglichen. 

Ja, der Einwand kommt sofort und immer: Kann es nicht sein, dass der Preis zu hoch ist? Und die Antwort ist ebenso klar. Ja, er kann sehr hoch sein, er kann sogar die eigene Existenz kosten. Aber das, das muss das Individuum selbst entscheiden. Die Freiheit ist nicht umsonst! Sie abhängig zu machen von Schriftstücken, von Erklärungen und unverbindlichen Formulierungen, das ist ein scheinheiliges Werk, das nichts bedeutet. Wer allerdings für sich bestimmt, dass er oder sie frei ist, der hat das Zeichen gelesen. Die eigene, innere Freiheit, die sich durch nichts korrumpieren lässt, weder durch Bequemlichkeiten noch durch Drohungen und Angst, sie ist die Voraussetzung, derer es bedarf, um den Geist von Raub und Unterwerfung zu bezwingen.