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Welterklärung all-inclusive

Schlechte Nachrichten für alle, die sich im warmen Bett der Gewissheiten wähnten, die mit einbetoniertem Kompass an ihren Tischen saßen, die mit einem Anflug von Arroganz in Talkshows und Hörsälen dem staunenden Auditorium die Welt erklärten. Nichts von dem, was ihre kleinformatigen Erklärungsansätze zu erfassen suchten, stimmt mit der Welt, so wie sie draußen ist, noch überein. Ob am Rednerpult in den Parlamenten, an der Tafel vor der Klasse, im Plüschsessel vor der Kamera oder im Fokus des Auditorium Maximum: Die großen Gesten der Welterklärung haben den Weg in Dunkelheit und Verwirrung eröffnet und das Licht der Erkenntnis in weite Ferne gerückt.

Es ist zu reden über ein Phänomen, das besonders im Lande der Dichter und Denker, in welchem die intellektuelle Kapriziosität des einzelnen Individuums so außergewöhnliche Leistungen zu zeitigen in der Lage ist, das kollektive Arrangement sich umgekehrt proportional aber so schwer tut. Die großen Werke des deutschen Idealismus wie der deutschen Klassik, die kosmischen Figuren einer einzigartigen, voluminösen Musik wie die erhellenden Texte radikaler Philosophie konnten nichts bewirken in Bezug auf das staatliche Zusammenwirken. Das war angesichts der kulturellen Potenziale ein beschämender Exkurs quasi ins Paläolithikum.

Vielleicht ist es der aus der intellektuellen Extravaganz entstandene Übermut, der dazu trieb, die Dimension sozialer Konstrukte zu unterschätzen und sie zu behandeln wie einen Schülertext. Und dieser Übermut, er gehörte zu den wenigen Dingen, die je in der Geschichte der Deutschen demokratisiert wurde. Diesen Übermut beherrschen alle und ihnen ist gemein, dass sie schnell zu Herren einer Analyse werden, die den Namen nicht verdient. Besser als eine Episode, die sich zu wiederholen scheint, lässt es sich nicht beschreiben:

Ein weitgereister, in allen Teilen Welt aktiv gewesener Berater in Politik und Wirtschaft, einer der zu den wenigen gehört, die im Felde der internationalen Deutung aus diesem Land geschätzt werden, klagte einst sein Leid, gefragt, wie es ihm gehe, wenn er nach Deutschland zurückkehre. Ja, seufzte er, es sei schön, nach Hause zu kommen, die Ordnung, das geregelte Leben, die sachliche Verfügbarkeit und all die Genüsse goutieren zu können. Nur mit den Sozialkontakten, das sei so eine Sache. Er ginge zum Bespiel auf keine Party mehr, weil dort die erste Frage immer sei, was man so mache. Und wenn er zum Beispiel sage, dass er derweilen in Kuba lebe, ohne auf die Inhalte seiner Tätigkeit konkret einzugehen, meldeten sich schon Experten, die bereits einmal für 14 Tage dort gewesen seien, all-inclusive versteht sich, die ihm in epischer Breite und mit profunden Blick dieses Land erklärten. Das ertrage er nicht mehr, seufzte der Kosmopolit. Und wäre er kein Rheinländer gewesen, so hätte er sicherlich sogar geweint.

Beschrieben ist damit ein Phänomen, dem sie nahezu alle aufsitzen, die Spezialisten aus den Disziplinen, ob es Ökonomen sind, deren Format in diesen Tagen besonders aufgeblasen ist, oder Historiker, die sich an die Propagandafonds heranschleichen oder gar Politologen, die illustrieren, dass sie nichts von Politik verstehen. Deshalb implodiert gerade das deutsche Gebäude der Welterklärung und man ist so überrascht über gewaltige Bewegungen, die scheinbar überraschend über uns hereinbrechen. Das war vor 25 Jahren übrigens auch so, niemand war überraschter als die damalige Bundesregierung, als die DDR in sich zusammenfiel. Eine kritische Revision über die Konstituenten der eigenen, fatalen Prognostik? Nein, warum auch, wir sind doch Meister auf den Gebieten der Angst wie des Größenwahns, da bleibt kein Platz für Bescheidenheit und Demut.

Zum Umgang mit Druck

Es ist ein schleichender Prozess. Zuerst sind es nur Nuancen. Da wird eine Bemerkung gemacht, die ansonsten mit Beifall bedacht wird und plötzlich erscheint die Reaktion etwas frostig. Oder es werden Dinge in den Nachrichten gemeldet, die allein für sich nicht dramatischer sind als sonst, in der Summe aber ein anderes Gefühl hinterlassen. Manchmal sind es nur Gesten, manchmal eine schreckliche Begebenheit, manchmal scheint es aber auch als völlig normal. Egal, was es ist. Es unterscheidet sich nicht in allem von den sonstigen Begebenheiten, aber dennoch wirkt es anders und die Menschen beginnen, sich anders zu verhalten.

Das, wovon die Rede ist, ist das Phänomen ansteigenden des Drucks auf Mensch und Gesellschaft. Nicht, dass es Zeiten gäbe, in denen kein Druck herrschte. Das anzunehmen, ist eine durchaus gängige Illusion, die sich besonders gut verkaufen lässt, solange er weiter steigt. Dennoch gibt es unterschiedliche Druckzustände. Erhöhter Druck geht Richtung Grenze dessen, was die menschliche Seele, soziale Institutionen oder sonstige Organisationen zu ertragen oder auszuhalten in der Lage sind. Erhöhter Druck macht deutlich, dass es Grenzen gibt. Und die Erkenntnis, dass Grenzen überschritten werden könnten, führt zu einer dramatischen Erhöhung des Faktors Stress.

Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem der Druck die Grenzen seiner ihm zugehörigen Systeme erreicht hat. Es wird deutlich, dass etwas passieren wird. Entweder bricht das zu beobachtende System zusammen, oder es wird etwas unternommen, das den Zusammenbruch verhindern soll. Bei letzterem handelt es sich um eine Intervention, die gut durchdacht sein will. Es geht nämlich darum, ob das Einschreiten gegen den Druck, oder besser gesagt der generierte Gegendruck dazu geeignet ist, das betroffene System zu entlasten oder endgültig kollabieren zu lassen. Erzeugter Gegendruck in einem geschlossenen Raum kann zu einer Doppelbelastung der Grenzen und damit zum beschleunigten Zusammenbruch derselben führen. In diesem Fall wäre das Gegenteil von dem erreicht, was Motiv des erzeugten Gegendruckes war: das System zu entlasten.

Aber es existieren auch andere Techniken, mit einer Drucksituation umzugehen. Es besteht z.B. die Möglichkeit, das Phänomen als Erscheinung in eine andere Umwelt zu stellen. Wird das kreativ gehanhabt, kann sogar aus negativ erlebten, destruktiven Druck so etwas wie eine neue Energiezufuhr werden. Die Entwicklung einer Erscheinung in dem alten System kommt als Bedrohung, in einer neuen Umgebung kann sie als das Maß aller Lösungen begriffen werden.

Das, was auch Reframing genannt wird, d.h. eine Erscheinung, die zunächst negativ wirkt, in einen neuen, positiven Rahmen und Zusammenhang zu stellen, ist die produktive Variante des Umganges mit steigendem Druck. Dieser Umgang erfordert ein gewisses Maß an Kreativität und ein besonderes Maß an Toleranz gegenüber Phänomenen, die neu sind, zunächst befremdlich wirken und gegebenenfalls sogar bedrohlich sind in Bezug auf die Fähigkeit der bestehenden Institutionen, mit ihnen umzugehen.

Was sich hinter dem Beschriebenen auch verbirgt ist der Unterschied zwischen Problembeschreibung und der Entwicklung von Lösungsansätzen. Wer in der Problembeschreibung verharrt, dem gelingt es in der Regel nicht, das Phänomen in einen positiven Kontext zu verpflanzen. Wer hingegen in der Lage ist, in Lösungsansätzen zu denken, für den ist Druck sogar etwas, das bis ins Inspirative reicht. Momentan, in einer Situation, in der sich der Druck signifikant erhöht, ist genau zu beobachten, wer in produktiven und wer in destruktiven Kontexten verhaftet ist.

Die große Gelassenheit

Es wird immer wieder die Geschichte kolportiert von dem Revolutionär, der sich so müde fühlte. Jahrelang hatte er auf sein Ziel, den großen Umsturz, hingearbeitet. Tausend Entbehrungen und Schmähungen hatte er hingenommen. Viele seiner Weggefährten hatten ihr Leben lassen müssen, viele Freunde hatten ihn verlassen, und die Frauen um ihn, die ihm etwas bedeutet hatten, waren verschwunden. Dann, über Nacht, in wenigen Stunden, hatte sich der Lauf der Dinge beschleunigt, plötzlich brannte das so lange und geduldig geschürte Feuer lichterloh und die Verhältnisse begannen zu tanzen. Es war seine Stunde. Er wurde überall gefeiert und gefragt und es begann eine Zeit, in der er von einer mächtigen Bewegung getragen wurde. Alles schien leicht von der Hand zu gehen, manchmal reichte ein Wort, und Berge wurden versetzt. Die Zeit raste, die Welt änderte sich und der Revolutionär war immer an maßgeblicher Stelle dabei.

Ganz langsam, kaum merkbar, änderten sich Kleinigkeiten. Hier etwas weniger Resonanz und Begeisterung, dort die eine oder andere kritische Frage mehr. Und Dinge, die mit so viel Schwung verändert worden waren, begannen wieder zu funktionieren wie vor der großen Umwälzung. Die Routinen, die sich herausgebildet hatten, rochen genauso wie die Routinen, die man geglaubt hatte zerschlagen zu haben. Und plötzlich sah der Revolutionär wieder in Gesichter, die nicht von einer Idee, sondern von Status und Ansehen inspiriert waren. Phlegma und Eigensinn machten sich breit, das Feuer war erloschen.

Das war die Stunde, als der Revolutionär große Müdigkeit verspürte. Alles, was gestern noch grandios funktionierte und leicht von der Hand ging, war nun fehlerhaft und mühselig. Er selbst wollte immer noch die Dinge verändern und den Fortschritt herbeiführen, aber er sah sich umgeben von einem Trott, den er nach all den Jahren, die ihn von der Entbehrung bis zum Erfolg geführt hatten, nicht mehr ertrug.

Und der Revolutionär begann zu grübeln. Er konnte sich das leisten, denn die Macht war in seinen Händen. Verschiedene Optionen gingen durch seinen Kopf. Sollte er, müde, wie er war, dem aktiven Leben den Rücken kehren und sich in die private, vielleicht gelehrte Sphäre zurückziehen? Oder sollte er versuchen, da Feuer wieder zu entfachen? Indem er auf die Jugend setzte? In dem er auf die erneute Verfettung mit anklagendem Finger deutete? Oder sollte er kurzerhand den Apparat in Bewegung setzen und diejenigen, die den erneuten Rückschritt verkörperten, aus den Ämtern drängen und zur politischen Passivität verdammen? Alle diese Dinge hatte die Geschichte schon erlebt, und der Revolutionär kannte sie. Er wusste, dass alle Varianten ihre Fehler hatten und dass es keine Lösung gab, die er vorbehaltslos hätte wählen können.

Da saß er nun, müde, enttäuscht, gereizt und auch traurig. Nicht, weil er sich mit etwas auseinandersetzen musste, was er auch hätte als Rückschlag deuten können. Denn mit einem Rückschlag wäre er gut ausgekommen. Das kannte er und steckte er weg, wie er zu sagen pflegte. Aber das, was er jetzt erlebte, das nagte am Sinn. Er sah das Motiv seines ganzen Lebens angefressen von den Mäusen des Müßiggangs und der Routine. Sollte das immer so sein? Diese Frage beschäftigte ihn. Aber, auch wenn es ungewohnt war, sie interessierte ihn immer mehr. Manchmal, wenn er räsonierte, kam sogar das Feuer zurück. Dann taten sich ihm neue Horizonte auf. Denn, so dämmerte es ihm, wenn es ein Bewegungsmuster für Revolutionen gab, das so aussah, wie er es nun selbst erlebte, dann hatte auch die Müdigkeit ihren legitimen Platz im Lauf der Dinge. Der Platz war zwar klein, und die Dauer nicht groß, aber irgendwie nahm dem Revolutionär diese Erkenntnis die Traurigkeit. Sein Umfeld berichtete, fortan habe er sehr gelassen gewirkt.