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Lob der Textkritik

Sprache ist ein diffiziles Gebilde. Sie verfügt über eine Architektur, die sich in Form der Grammatik abbilden lässt und sie ist belebt durch Wörter, Begriffe und Bilder, die dem Denken, Fühlen und Empfinden der Akteure entspringen. Die Bemühungen der informatischen Linguistik zielen vor allem auf die strukturellen und kontextuellen Fragestellungen. Das große Geheimnis, um das sich viele Untersuchungen ranken, ist die Frage nach dem Transfer vom Denken in das manifestierte Sprachbeispiel. Das ist eine spannende Sache, weil die Neuro-Informationen so schwer entschlüsselbar sind. Die Beschäftigung mit diesen Deutungsmustern wird auch in der Zukunft noch von großem Interesse sein.

Was linguistische Betrachtungen so interessant macht, sind die möglichen Rückschlüsse von Sprache auf soziale Beziehungen und die kulturelle Perzeption derer, die sie benutzen. In den Literaturwissenschaften kann so etwas erlernt werden. Es nennt sich Textkritik. Die Textkritik ist nicht mehr sonderlich en vogue in diesem Fach, weil eine gute Textanalyse in der Lage ist, das zu üben, was einmal Ideologiekritik hieß. Textkritik passt nicht in ein Zeitalter, in dem so gerne suggeriert wird, die Welt sei in Ordnung und diejenigen, die Texte professionell produzieren, hätten nichts anderes als die objektive Information im Sinn.

Praktische Beispiele für das Desaster existieren zuhauf. In den Texten der großen medialen Produzenten wimmelt es nur so von Insinuationen. Insinuationen sind bewusst eingesetzte Wörter, die scheinbar einen ganz normalen Informationsauftrag haben, die aber mit einer versteckten Agenda darauf abzielen, bei den Leserinnen und Lesern bestimmte Emotionen zu erzeugen. Es ist ein gefährliches Mittel, das nicht wirken würde, wenn in Schulen und Universitäten noch gelehrt würde, damit umzugehen.

Das Thema der Flüchtlinge ist durchsetzt mit solchen Insinuationen. Da wird von Fluten, Strömen und Lawinen gesprochen, Naturereignisse, die vermeintlich im menschlichen oder gar politischen Handeln keine Ursache haben, was natürlich nicht stimmt. Denn Flüchtlinge sind das Resultat sehr konkreter Politik. Sie haben etwas zu tun mit Waffenlieferungen an Despoten, sie haben etwas zu tun mit heißen Kämpfen um Ressourcen und sie haben etwas zu tun mit Koalitionen, die es in sich haben. Davon lenken Bilder über Naturereignisse natürlich ab.

Ein anderes, augenfälliges Beispiel sind Personifizierungen. Auch sie haben einen insinuativen Charakter. Der russische Präsident Putin ist so eine Figur, die zum zentralen Thema gemacht wird. Da sitzt ein ehemaliger Geheimdienstler im Kreml und hat alle Fäden in der Hand. Alles, was Russland als Staat nach außen vertritt und begeht, ist zurückzuführen auf diese eine Person. Sie soll es sein, die das ganze Land nach dem eigenen Willen knechtet. Eine Meinung der russischen Bevölkerung wird in solchen Kontexten nicht eruiert, es sei denn, man findet einzelne Individuen oder Gruppen, die sich einer im Westen geschätzten Verschwörungstheorie anschließen.

Oder es wird mit dem Mittel der Verallgemeinerung gearbeitet. Da ist es plötzlich der Grieche schlechthin, der über seine Verhältnisse gelebt hat, der einen unheilsamen Drang zu Bürokratie und Korruption an den Tag legt und der sich auf unsere Kosten ein schönes Leben machen und die Schulden an uns nicht zurückzahlen will.

Außer Naturgewalten, Personifizierungen und Verallgemeinerungen existiert noch eine Unzahl von wertenden Adjektiven, die in den Texten zu finden sind, mit denen die Gesellschaft traktiert wird. Der Instrumentenkasten, der sich da auftut, ist der, der eigenartigerweise in einer treffenden Definition vom Propaganda zum Tragen kommt: Propaganda ist die Reduktion komplexer Verhältnisse auf schlichte, emotionalisierende Erklärungen. Man muss nicht mit den Wölfen heulen, um als Hund zu überleben. Die Textkritik ist da so ein Mittel.

Über den Zweifel

Es mutet eigentümlich an, dass in Zeiten großer Ungewissheiten ausgerechnet der Zweifel tendenziell in dem Verdacht steht, ein Agent von Defätismus und Depression zu sein. Wäre damit eine programmatische Attitüde gemeint, die alles überschattet, könnte dieser Verdächtigung noch eine gewisse Sympathie abgerungen werden. Aber gerade darum geht es eben nicht. Denn das alles beherrschende Lebensgefühl basiert auf einer mulmigen Rezeption der allgemeinen Ungewissheit und wird alles andere als angenehm empfunden. Es ist der Zweifel, der gegenüber den Positionen des so genannten Mainstreams artikuliert wird. Das sind in der Regel sehr konkrete Fragen, um die es da geht. Die Diskussionen um Schulden sind so ein Beispiel, oder die alles bewegende Frage nach einer Position gegenüber den Flüchtlingen. Zu beiden hier genannten großen, konkreten Komplexen, existieren konträre Positionen, die vernünftig rekonstruierbar sind. Regen sich jedoch Zweifel gegenüber der einen wie der anderen Meinung, ist der Shitstorm von der jeweils anderen Seite gewiss.

Das menschliche Denken in politischen Kontexten unterscheidet sich nicht von dem in profanen Dingen. Eine bestimmte Entwicklung oder ein bestimmtes Ereignis verändern die Situation grundlegend. Da es sich, im profanen Leben wie in der Politik um komplexe Zusammenhänge handelt, ist es angebracht, die einzelnen Erscheinungen und Fakten wie auf einem Tableau auszubreiten und den Versuch zu unternehmen, den Bestand von dem Neuen zu trennen und vor allem die Wirkungszusammenhänge zu analysieren. Daraus ergeben sich Lösungsansätze, die ihrerseits als Optionen durchzuspielen sind und dazu geeignet sind, sich letztendlich für einen Handlungsweg zu entscheiden.

Was quasi als Axiom menschlicher Handlungsweisen gelten kann, ist die Frage nach Motiv und Interesse. Dass Menschen in komplexen Zusammenhängen unterschiedliche Interessen verfolgen, ist eine Binsenwahrheit. Die Interessen, die hinter bestimmten Handlungen stehen, bei einer Analyse zu kartieren ist demnach genauso wichtig wie die Dokumentation der Fakten. Und dass ausgerechnet bei den brennenden Fragen der gegenwärtigen Politik die Frage nach dem jeweiligen Interesse so diskreditiert wird, wie es zu beobachten ist, zeugt nicht nur von einem allgemeinen pathologischen Zustand, sondern es ist auch das Ergebnis einer Strategie, die sehr alt aber auch sehr einfach ist: Diejenigen, die nicht möchten, dass ihre Interessen als Motiv sichtbar werden, mobilisieren gegen die Untersuchung des Interesses. Und diejenigen, die sich der Analyse des Interesses widmen, neigen im einen wie im anderen Fall dazu, ein einziges, zumeist gegenteiliges Interesse gegenüber dem eignen zu verabsolutieren.

Es scheint also geboten, den Zweifel als Mittel des Erkenntnisprozesses etwas mehr in das Zentrum der Betrachtung zu ziehen bzw. ihn als Instrument zu benutzen, bevor die ganze Armada der eignen Argumentation ins Feld geführt wird. Der Zweifel kann helfen, die vermeintliche Gewissheit, sich für eine Option zu entscheiden, noch einmal zu relativieren. Es kann dabei helfen, nicht genau in jenen Fehler zu verfallen, der anderen so gerne vorgeworfen wird. Dieser Fehler, der sich zu einer programmatischen Massenerscheinung ausgeweitet hat, trägt den Namen Dogmatismus. Es ist die Weltsicht ohne Zweifel, die meistens zu einer destruktiven Entwicklung führt. Wo der Dogmatismus herrscht, ist die Inquisition nicht weit und wo die Inquisition tobt, da lauert die Finsternis. Wer in der Komplexität der Weltbewegung den Zweifel verbannt, der wird auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis auf der Schattenseite landen. Allein diejenigen, die täglich mit neuen Gewissheiten aufwarten, um sie nach vierundzwanzig Stunden bereits wieder revidieren zu müssen, belegen das in einer illustren Weise.

Der reaktive Typus

Der strategisch denkende Mensch als Prototypus der Epoche entpuppt sich als grandiose Illusion. Sie existieren kaum noch, diese Typen, die mit einer Vision von einem besseren Leben durch die Lande ziehen und sich daran machen, diese Vision zu einer handfesten Realität werden zu lassen. Die genau wissen, dass die tägliche Lebenspraxis die Voraussetzung für Glaubwürdigkeit und Legitimität ist, dass der verbale Entwurf und die passionierte Rede nichts ersetzen von dem, woraus die Wirklichkeit geformt ist. Zwar bedarf es der Gedanken, die sich aus dem Kristall des visionären Traums geformt haben, um Handlungen zu beschreiben, die durch nichts als die Tat ersetzt werden können. Letztendlich ist es immer wieder dasselbe: Es müssen Entscheidungen über sehr praktische Fragen getroffen werden und diese Entscheidungen sind umzusetzen. Das ist die Agenda aller, die als Veränderer beschrieben werden können.

Das Eigenartige an der gegenwärtigen Epoche ist die Tatsache, dass das Leben geprägt ist von einer ungeheuren Anzahl sachlicher und instrumenteller Veränderungen, dass diese Veränderungen aber nicht das Werk derer sind, die aus strategischen Gesichtspunkten für den Wandel werben. Vielmehr ist es eine sachliche, faktische Angelegenheit, die aus technischen Prozessen resultiert, die ihrerseits zumeist nicht mehr als ein Artefakt aus Menschenhand erscheinen. Der Mensch, der sich im Wirbel der Veränderungen nur so dreht, wird bewegt zum Takt technischer Prozesse, die sich verselbstständigt und eine Eigendynamik entwickelt haben. Das Subjekt steht derweilen im Museum, während das Objekt an jeder Straßenecke anzutreffen ist.

Wenn die Veränderer in die Minderheit geraten sind und das Subjekt zum Objekt geworden ist, stellt sich die Frage, wer dann die quantitative Dominanz erreicht hat. Und da hilft es nicht, nach Euphemismen zu suchen: Es ist der reaktive Mensch. Der reaktive Mensch ist zu einem mächtigen Prototyp geworden, der die wichtigsten Lebensprozesse dominiert, was als Feststellung an sich bereits absurd ist. Denn wie kann jemand, der im Wesentlichen nur reagiert, wie kann ein solcher Mensch den Prozess dominieren?

Kann er, muss leider festgestellt werden. Die Dominanz der Reaktion ist quasi zum Gütesiegel der Epoche geworden. Der Mangel an eigener Aktionsenergie in Bezug auf die Gestaltung des Daseins wird von diesem Prototypus kompensiert in einen enormen Verbrauch an Energie, um die Verhinderung von Entscheidung und Tat zu begründen und zu organisieren. Ja, oft ist der Energieaufwand, um Aktionen zu verhindern, größer als der, welcher erforderlich wäre, um die Aktion durchzuführen. In der tatsächlichen Energiebilanz einer Gesellschaft, nämlich der Gegenüberstellung von Energien, verwendet zur Gestaltung und Energien, verwendet zur Verhinderung von Veränderung, lässt sich sehr gut und einfach ablesen, wohin es mit dem Gemeinwesen geht. Ist der Aufwand der Erhaltung signifikant größer als der der Gestaltung, obwohl sich die existenziellen Rahmenbedingungen schnell verändern, dann zeichnet sich eine noch nicht sichtbare, aber immer stärker werdende emotionale Kurve ab, die in das Befindlichkeitsstadium der Dekadenz führen wird.

Der reaktive Prototyp an sich muss nicht unbedingt eine Gefahr ausmachen, solange er nicht das gesellschaftliche Handeln dominiert. Jede Gesellschaft braucht auch Kräfte der Erhaltung, Bewahrung und Konsolidierung. Aber sie kann sich keinen Gestus leisten, der die Veränderung wertemäßig ausschließt. Das ist nahezu ein Putsch gegen die Möglichkeit der Fortexistenz. Der reaktive Typus als dominierende Figur eines Gesellschaftsmodells, das ist der Sensenmann, das kann die Vorschriftensammlung unter seinem Arm genauso wenig kaschieren wie das schnelle Auto, in das er steigt, wenn die Arbeit vollbracht ist.