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Neue Formen des westlichen Fundamentalismus

Sich mit der Zukunft zu beschäftigen ist ein Muss für jede Gesellschaft. Macht sie das nicht, so ist die Prognose wahrscheinlich, dass sie von Entwicklungen überrollt wird, mit denen sie nicht gerechnet hat und auf die sie nicht vorbereitet ist. Je komplexer Gesellschaften und je höher die Frequenz der sich über den Globus erstreckenden Interaktionen mit anderen Gesellschaften und deren Organisationen, desto komplexer werden die Fragestellungen, die mit der Zukunft zusammenhängen. Einfache Kausalitäten existieren kaum noch, Interdependenzen steigen ins Unermessliche. Dennoch kann das extrem hohe Niveau der Fragestellung Zukunft nicht davon abhalten, sich mit ihr zu beschäftigen.

Was machen die Menschen und Organisationen, die Lösungsmodelle für die Fragen von Morgen entwickeln wollen? Ja, sie rechnen vorhandene Entwicklungen hoch, ja, sie entwickeln Modelle, und ja, sie betrachten mögliche Widerstände gegen ihre Modelle. Das Wichtigste jedoch, was sie, oder zumindest die Erfolgreichen unter ihnen leitet, ist die radikale Hinterfragung der eigenen, vielleicht auch ehernen Annahmen und der bewusste Ausschluss von Tabus. Letztere sind kulturell regional und hinsichtlich von Lösungen restriktiv.

Selbstverständlich können Zukunftsmodelle mit Fehlern behaftet sein oder sich gar als gänzlich untauglich erweisen. Es gehört sogar zu ihrem Wesen. Denn das Wesen von Zukunft ist ein Lernprozess, der von Hypothesen ausgeht und diese immer wieder verifiziert oder falsifiziert. Diejenigen, die sich damit befassen, sind diejenigen, die die berühmten Komfortzonen verlassen und ins Risiko gehen. Ohne sie gäbe es keine Lernprozesse und Entwicklung.

Immer dann, wenn sich die gefühlte Erdumdrehung beschleunigt, sammeln sich die Lager, um Antworten zu finden. Neben denen, die Zukunft als etwas Unvermeidliches ansehen, das auch Chancen birgt, existieren immer auch die, die in der mit der Zukunft einhergehenden Veränderung etwas sehen, das vermieden werden muss, weil es Verlust bedeuten könnte und auf jeden Fall Ängste erzeugt. Ihre Strategie ist eine andere. Sie versuchen mit Gewalt, die Entwicklung zu vermeiden.

Die Mittel, die sie dabei anwenden, sind zumeist nicht zimperlich, weil ihr ganzes Handeln emotional gesteuert ist. Der erste Baustein ihres Retro-Modells ist die Personifizierung der Erscheinungen. Da sind einerseits die Übeltäter, die das Neue selbst verkörpern und andererseits die Übeltäter, die Antworten auf das Neue suchen. In dem personifiziert wird, wird emotionalisiert, und das mit Kalkül. Und diejenigen, die nach Antworten auf die neuen Erscheinungen suchen, werden in einem Umkehrschluss zum Übel selbst und aus der Sicht der Zukunftsverhinderer werden sie sogar zum Kern des Problems.

Der Versuch, die Internationalisierung von Gesellschaften und die De-Geographisierung von Konflikten zu leugnen und die Überbringer dieser Entwicklung zu meucheln ist die Auftaktveranstaltung zu einer neuen Form des Fundamentalismus. Das, was momentan als Populismus erlebt und in Formen der Propaganda übermittelt wird, hat angesichts der aggressiven Emotionalisierung und der radikalen Tabuisierung eine Qualität erreicht, die Analogieschlüsse zu historischen Formen des Fundamentalismus zulassen. Prinzipiell, d.h. vom Prinzip her, sind Phasen der Modernisierung immer von diesen Strategien eskortiert worden. Die großen Namen, die diese Art von Zukunftsvermeidungsstrategie umschreiben, sind die Heilige Inquisition, die verschiedenen Formen des europäischen Faschismus wie die Operationen islamistischer Revolutionsgarden oder Terrorgruppen unserer Tage. Der deutsche und europäische Populismus, wie er sich momentan spreizt, weist die gleiche systemische DNA auf. Die bittere Realität ist nicht die Tatsache, dass diese demagogische Vorgehensweise existiert, sondern die Resonanz, auf die sie momentan stößt. Und damit ist die Zielrichtung politisch verantwortlichen Handelns auch benannt.

Profession und Konfession

Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Termini Profession und Konfession nah beieinander liegen. Das, was als Professionalität mental verortet ist, hat sehr viel mit einem Bekenntnis zur wahr genommenen Tätigkeit zu tun. Es geht, vor aller technischen Finesse und Virtuosität, um eine Überzeugung, vielleicht auch um große Leidenschaft oder Liebe. Nur, wer sich zu einer Aufgabe hingezogen fühlt, ist in der Lage, die Mühen, Widrigkeiten und Rückschläge zu akzeptieren, die zur Erlangung tatsächlicher Meisterschaft erduldet werden müssen. Wer sich das Adjektiv professionell redlich erworben hat, blickt auf große Zeiträume der Übung zurück. Übung, die dennoch mit Leidenschaft durchdrungen war, weil eine innere Bindung zu der substanziellen Tätigkeit bestanden hat.

Die Geschichten der einzelnen Berufe, vor allem in Deutschland, weil dort die Zünfte eine Organisationsform darstellten, die weit über das rein Berufliche hinausgingen und von der Vertretung einer allgemeinen Ethik bis hin zur Korporierung wirtschaftlicher und politischer Interessen reichten, sind ein beredtes Beispiel für die Hingabe und Leidenschaft, die mit dem Erwerb der Rechte verbunden waren, sich als ein Vertreter der Professionalität in der Gesellschaft bewegen zu dürfen.

Max Weber, der den Prozess der Moderne in vielerlei Hinsicht geistreich kommentierte, hat das Berufsethos der Gewerke versucht auf das Politikerdasein zu übertragen. Analog zu der hier angestellten These von der Nachbarschaft von Profession und Konfession wählte er die Analogie von Beruf und Berufung. Im Grunde ging er normativ noch weiter. Er unterstellte dem Typus des Politikers, der gesellschaftliche Berechtigung erlangen wollte, über die Befähigung zum Beruf die Notwendigkeit zur Bekenntnis der Berufung. Damit drehte er, der gar nicht zu den Dialektikern gehörte, die Verhältnisse einfach um. Das ideelle Commitment, wie es heute zu formulieren wäre, war besonders zu seiner Zeit in den Gewerken zu finden. Im Beruf des Politikers musste es noch entwickelt werden.

Die allgemeine Vergesellschaftung aller relevanten Prozesse hat zu einer Ent-Privatisierung der handelnden Subjekte geführt. Manager sind keine Eigentümer mehr und Politiker entwickelten sich zu Managern. Weder die einen noch die anderen arbeiten nach eigener Wahrnehmung in konkreten Sozial- und Beziehungssystemen, sondern in korporierten, komplexen und anonymen Organisationen, für die der individuelle Tribut an eine Berufsidee nicht mehr adäquat erscheint.

Das erste, was unter dieser Entwicklung gelitten hat, war die Trennschärfe zwischen den beiden Systemen, um die es sich handelt. Das Leistungssystem bekam politische Züge und das politische System erhielt Anteile des Leistungssystems. Plötzlich wurde Politik gemanagt und in Unternehmen zunehmend mehr Politik gemacht. Die Referenzgröße des Leistungssystems wurde genauso erodiert, wie die Loyalität als Bezugsgröße in dem der Politik. Damit zurecht zu kommen, wird immer schwerer, weil die Spielarten in ein und demselben Prozess des Öfteren wechseln.

Die Verhältnisse und ihre Entwicklungen sind so wie sie sind und es ergibt keinen Sinn, sich darüber zu beklagen. Wichtig scheint zu sein, dass der Typus des beruflich spiritualisierten Menschen, der das entwickeln konnte, was im Englischen so treffend mit Craftsmanship beschrieben wird, bis auf Randerscheinungen nicht mehr existiert. Stattdessen haben sich Fähigkeiten entwickelt, die auf einer Meta-Ebene stattfinden. Es ist der Systemwechsel innerhalb eines Prozesses, es ist das Jonglieren mit Referenzsystemen. Wahrgenommen werden diese Fähigkeiten selten, zumeist wird das kritisiert, was dem Purismus des jeweiligen einen Systems zu fehlen scheint. Und die Instanzen, die das Neue beschrieben hätten und zu würdigen wüssten, die existieren noch nicht.

Zeitgenössische Seuchen

Das Wesen von Propaganda ist anhand zahlreicher und anschaulicher Beispiele in der letzten Zeit immer deutlicher geworden. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich Propaganda über sehr einfache Prinzipien darstellt. Es geht darum, komplexe Zusammenhänge auf einfache Erklärungsmuster zu reduzieren und mit dieser Reduzierung eine Emotionalisierung zu erreichen. Dort, wo das dumpfe Gefühl vorherrscht, hat der Verstand in der Regel keine Chance. Es scheint logisch zu sein, dass in Zeiten, in denen Propaganda greifen kann, eine bestimmte Geisteshaltung dominiert, die für die Vereinfachung empfänglich ist. Und es stellt sich heraus, dass nicht die Formen von Propaganda es sind, die beunruhigen müssen, sondern die Geisteshaltung, die Propaganda erfolgreich macht.

Die Vorbedingung für erfolgreiche Propaganda ist der Populismus. Letzterer ist das sich immer mehr etablierende Erklärungssystem, das die Gesellschaft zunehmend durchdringt, den politischen Diskurs zerstört und eine Destabilisierung der Gesellschaft zur Folge hat. Es ist wenig verwunderlich, dass der Populismus ähnlichen Konstitutionsprinzipien unterliegt wie die Propaganda. Im Wesentlichen zeichnet sich der Populismus aus durch die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, durch eine große Portion Anti-Intellektualismus und durch emotional gesteuerte Polarisierung. Dient die Propaganda der Vermittlung ideologischer Vereinfachung, so ist der Populismus selbst ein rhetorisches Modell, das vor der Vermittlung steht.

Es sind unterschiedliche Verhältnisse, die Populismus und Propaganda ermöglichen. Eine wichtige Voraussetzung für beide ist die bei den Empfängern fehlende Voraussetzung im Umgang mit komplexen Botschaften. Komplexe Botschaften oder Phänomene verursachen Unsicherheit und Ängste bei jenen, die nicht gelernt haben, Komplexität zu dechiffrieren. Wer das politische System, in dem er sich bewegt nicht mehr kennt, dem die Rolle und Funktion seiner Institutionen fremd ist und ihren Zweck nicht mehr identifizieren kann, dem fällt es schwer, strukturiert mit Komplexität umzugehen.

Die Ursachen für diese fehlende Befähigung sind vor allem in zwei Versäumnissen zu finden. Zum einen hat das Ende der systemisch bipolaren Welt dazu geführt, dass es als unwichtig erachtet wurde, die Kenntnisse über das eigene politische System und seine Funktionalität weiterhin zu vermitteln. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes hielt es der Westen nicht mehr für erforderlich, politische Bildung an die nachwachsenden Generationen weiterhin zu vermitteln.

Die zweite Ursache manifestiert sich in der Existenz der Entmündigung. Sie kam nicht durch einen despotischen Akt zustande, sondern durch eine falsch verstandene Versorgungsideologie. Den Subjekten der Res publica wurde suggeriert, dass sie sich der Mühsal der eigenen Einmischung und Verantwortung durch Delegation entziehen könnten. Daraus entstand die Konstellation einer Stellvertreter-Demokratie, die versprach, schon alles demokratisch zu regeln, was zu regeln war. Das gemütliche Fahrwasser, das letztendlich in den demokratischen Institutionen Ensembles etablierte, die anstatt der aktiven Bürgerschaft die Geschäfte exklusiv, ohne laufende Kontrolle führten, hatte den Wandel des demokratischen Ur-Subjektes zu einem verwalteten, entmündigten Objekt zur Folge, welches heute in einem Zustand erwacht, der es nicht mehr ohne weiteres ermöglicht, die ursprünglich zugedachte Rolle zu erfüllen.

Darunter hat nicht nur die Möglichkeit einer laufende Kontrolle der demokratischen Prozesse gelitten, sondern es hat auch zu einer wachsenden Abstinenz bei der Delegation von demokratischer Verantwortung geführt. Die entsetzlich sinkende Wahlbeteiligung hat harte Gründe, und sie ist mit einer Beschimpfung derer, die von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch mehr machen, nicht zu kompensieren. Es sind längere Entwicklungen, die der Seuche des Populismus den Weg bereitet haben. Seuchen zu bekämpfen ist ein Unterfangen, das lang und beschwerlich ist. Dieser Kampf erfordert konkrete Maßnahmen im akuten Fall, aber noch wichtiger ist es, die Herde zu bekämpfen. Das dauert und erfordert langen Atem.