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Journalist operating a laptop connected to a satellite dish in a rural village

Illusion und hartes Brot

Der italienische Autor Alessandro Barrico hatte in einer längeren Artikel-Serie in der Zeitschrift Repubblica das Thema der Digitalisierung unserer Welt unter verschiedenen Aspekten beleuchtet. Was Tiefe und Verständnis anbetrifft, sind die daraus entstandenen Bücher unbedingt eine Empfehlung wert. Die epistemologische Abwendung von der Tiefe und die Hinwendung zur Oberfläche ist die eine Dimension, die man sich noch einmal unbedingt vor Augen führen muss. Die andere, ebenfalls erhellende Perspektive, ist der Blick auf das Süchtigmachende der technisch durch die digitalen Medien möglich gewordenen Selbstoptimierung. Man kann seine eigenen Bilder so lange neu einspeisen oder modellieren, bis das Ergebnis herauskommt, mit dem man zufrieden ist, die Stimme kann verändert werden, bis der gewünschte ideale Klang entsteht und man kann sich so positionieren, dass ein sozialer Status entsteht, der mit der realen Welt des Produzenten nichts zu tun hat. Das Individuum ist in der Lage, die Illusion über sich selbst in den Medien für eine bestimmte Zeit gerinnen zu lassen. Der Wunsch, sich ständig und immer wieder neu zu optimieren beschäftigt den Menschen in seiner Eitelkeit bis zum Exzess. 

Nicht, dass der Eindruck entstünde, die Möglichkeiten der digitalen Revolution nur durch ein negatives Sieb sichtbar machen zu wollen! Jeder, der noch in den Tagen vor dieser tatsächlichen Zeitenwende analog vor allem im intellektuell gestalterischen wie auch im körperlich schweren oder im ökologisch riskanten Bereich hat arbeiten müssen, kann sein Gedächtnis bemühen. Da tauchen Skripte auf, die verloren gingen, da liegen Wartelisten in Bibliotheken auf dem Tisch, da misslingen technische Zeichnungen, da wird Material verpulvert. Das Kostbarste, die Lebenszeit der agierenden Menschen, wurde durch Leerläufe und Wartezeiten oder durch obsolete Arbeiten in einer Dimension vergeudet, die sich die Nachgeborenen der Digitalisierung nicht mehr vorstellen können. 

Zwei Problemfelder sind allerdings bei aller Wertschätzung nicht auszublenden. Das eine bezieht sich auf den intellektuellen Totentanz, der aus der gewonnen Zeit resultierte. Und der andere ist in den Besitzverhältnissen zu suchen. Die digitalen Mogule haben zudem das gesamte Wissen, mit dem sie operieren, in einem gewaltigen Akt geraubt. Dem von ihnen annektierten Weltwissen konnten keine Urheberrechte Paroli bieten. Und zum anderen steuern sie den konsumistischen Plebs mit ihren Algorithmen so, dass außer dem ständigen Replizieren des eigenen Elends in der Illusion des Perfekten nichts als eine große Leere entsteht, die komplett vom gesellschaftlichen Sein ablenkt.

Dass, bis auf wenige Ausnahmen, der mentale Aufenthalt in der illusorischen Perfektionierung stattfindet, und zwar in nahezu allen Gesellschaftsschichten, führt zu einer kollektiven Ausblendung der gesellschaftlichen Realität. Und sieht man sich die Produkte der politischen Klasse an, wie sie sich in der digitalen Welt explizit bewegt und ihre Auftritte zu verschönern sucht, dann verwundert es nicht mehr, dass es auch dort zu einem systemisch bedingten Verlust der Sicht auf die profane gesellschaftliche Wirklichkeit gekommen ist. Und da schließt sich der Teufelskreis.

Die Existenz in einer Scheinwelt ist die andere Möglichkeit, die die digitale Revolution hervorgebracht hat. Und sie führt unweigerlich, besonders in Zeiten rascher Veränderungen, zu einer Kollision der schönen neuen individuellen Welt mit dem harten existenziellen Sein im Hier und Jetzt. Es handelt sich, und jetzt schreien die Idealisten auf, um einen antagonistischen Widerspruch. Es ist der zwischen Illusion und hartem Brot.

Illusion und hartes Brot