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Administrative Verluste

Sie existieren weltweit. Unabhängig von der Größe des Landes und dem politischen System. In manchen Ländern werden sie in den Bilanzen exklusiv ausgewiesen, in den meisten jedoch verschwinden sie hinter einer verschleierten Terminologie. Dass letzteres so ist, scheint davon zu zeugen, dass man nirgendwo auf der Welt glücklich über sie ist. Und erreichen sie eine kritische Größe, dann kann von einer Systemkrise gesprochen werden. Die Rede ist von administrativen Verlusten.

Schlichte, recht einfach zu erklärende administrative Verluste liegen an infrastrukturellen Mängeln. Trinkwasserverluste zum Beispiel sind eine klassische Kategorie. Dort führen schlechte, undichte Leitungssysteme zum tatsächlichen Ressourcenverlust. Der kann in beträchtlichem Ausmaß auftreten und zu einem Engpass führen. Ausgerechnet in solchen fällen, wenn Ressourcen knapp werden, tritt noch ein anderes Phänomen des administrativen Verlustes auf. Es ist die Korruption. Dann werden Ressourcen abgezweigt und gegen direkte Kasse auf dem schwarzen Markt verkauft.

Die unterbliebene Investition in Infrastruktur oder Gebäudeerhaltung liegt nicht unbedingt am Wohlstand eines Landes. Das, was noch vor zwei Jahrzehnten als ein typisches Phänomen von Entwicklungsländern bezeichnet wurde, ist längst in der ersten Welt angekommen. Die Schulen verfallen, die Straßen sind in schlechten Zustand, die Schienennetze werden nicht mehr gepflegt. Drei Ursachen sind dafür zu nennen: 1. Die Steuereinnahmen haben durch die Globalisierung den Trend tendenziellen Absinkens, 2. die Verdichtung der Vorschriften für Bau, Brandschutz, Arbeitssicherheit, Denkmalschutz etc. etc. führt zu einer exponentiellen Kostenerhöhung und 3. neigen Politiker dazu, sichtbare Kosten zu produzieren, d.h. die Einweihung eines Neubaus bringt mehr Renommee als die Erneuerung unterirdischer Leitungen.

Die Dimension der beschriebenen administrativen Verluste ist bereits gewaltig, es kommt aber noch eine weitere hinzu. Sie hat nichts mit den verfügbaren Ressourcen und der Bestechlichkeit von Verwaltung zu tun, sondern mit derem mentalen Zustand. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann hat Studien zu diesem Phänomen betrieben und sie wurden aus dem Nachlass gehoben. Unter dem Titel „Organisation und Entscheidung“ sind sie dem Publikum zugänglich. Allerdings haben diese erhellenden Überlegungen das öffentliche Bewusstsein bisher nicht erreicht, zumindest nicht in einer qualitativ politischen Form.

Die wesentliche Aussage dieser Studien ist die, dass der Zustand einer Organisation sehr gut attestiert werden kann an der Zeit, die eine solche benötigt, um eine qualitativ gute Entscheidung zu treffen. Je mehr Zeit eine Organisation braucht, um eine fällige Entscheidung zu treffen, desto schlimmer ihr Zustand. Das muss nicht zwingend so sein, manchmal ist es auch klug, keine Entscheidung zu treffen und noch etwas zuzuwarten. Sollte es sich aber um eine allgemeine, mächtige Tendenz handeln, dann ist der Zustand der Organisation nicht nur bedenklich, sondern das Ausmaß der administrativen Verluste steigt beträchtlich.

Es existiert nämlich ein administrativer Verlust, der in keiner Bilanz der Welt erscheint. Es ist der Verlust von Zeit. Und je kritischer der Zustand einer Organisation ist, desto größer der Aufwand an Gremien und Sitzungen, um eines zu erreichen: keine relevanten Entscheidungen zu treffen. Dass es sich bei diesem Typus wohl um die kritischste Form des administrativen Verlustes handelt, ist wegen seiner schlechten Messbarkeit und weiten Verbreitung jedoch zu vermuten.

Die Überlegungen sollen dazu ermuntern, die jeweils eigene Organisation, in der man lebt und arbeitet genau unter die Lupe zu nehmen und die verschiedenen Arten der administrativen Verluste einmal aufzuzählen und zu quantifizieren. Ob die Baucheinschätzung wohl bestätigt wird?

It´s lonely at the Top

Das Verhältnis von Herr und Knecht ist ein Archetypus. Es existiert in allen sozialen Formationen, die bisher bekannt sind. Es heißt nur nicht immer so. Es ist nicht immer nur die Idee von dem reichen, müßigen, brutalen, arroganten Besitzer von Gütern, der die Besitzlosen vor sich hertreiben oder schikanieren lässt. Ein Erfordernis, das selbst in sozialistischen Gesellschaften gesichtet worden ist, ist die Notwendigkeit von Führung. Letztere ist nicht notwendig mit den Besitzverhältnissen verbunden. Sie gehört jedoch zur Organisation komplexer sozialer wie sachlicher Strukturen. Existierten in ihnen nicht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, dann wäre vieles nicht nur nicht möglich, nein, dann wäre alles noch recht archaisch und frugal. Trotz dieser Erkenntnis können alle, die sich zu einem Leben entscheiden, in dem sie Führungsrollen übernehmen, sicher sein, dass ihnen das Stigma des alten Klischees immer wieder anhaftet. Der Herr, der die Knechte quält, dieses Bild, es wird stets dann bemüht, wenn zwischen Führung und Ausführung Dissonanzen herrschen. Dass es auch noch eine zweite Seite der Betrachtung gibt, nämlich die, von unten auch in den Konflikt zu gehen, wird dabei höflich ausgeblendet.

Führung heißt in der Regel mehr Belastung. Wenn es gut läuft, wird diese Mehrbelastung auch gut honoriert. Nur trifft dieses für die meisten Führungsrollen nicht zu. Im Kopf sind immer die Bosse der großen DAX-Unternehmen, die ihr Entgelt kaum noch zählen können. In der Regel ist es jedoch so, dass eine kühle Rechnung zu dem Ergebnis käme, dass in vielen Fällen die Mehreinnahmen nicht mit der zusätzlichen Belastung durch Zeit und Ärger korrespondieren. So ist es keine Seltenheit, dass Geführte die Führung so skizzieren, als habe sie etwas mit Eitelkeit zu tun, der die eigene Misere zuzuschreiben ist.

Die Aufgabe, die Führung in großen Organisationen hat, lässt sich wie folgt skizzieren: die Ziele sollen erreicht werden. Dabei ist darauf zu achten, dass die Menschen, die in dem Leistungsprozess versammelt sind, all das wissen und können, was sie brauchen, um diese Ziele zu realisieren. Zudem sind sie so zu motivieren, dass sie das mit großer Initiative tun. Alle Widrigkeiten, die in diesem Prozess entstehen, sind durch geschickte Kommunikation zu marginalisieren und es ist ein Verhältnis zu schaffen, das als vertrauensvoll bezeichnet werden kann. Die Führungskraft, die das erreichen will, muss genau wissen, was sie selbst wissen und können muss, um diese Rolle zu spielen. Sie muss delegieren können, und, je nachdem, manches auch selbst in die Hand nehmen. Sie muss in der Lage sein, Partner zu gewinnen und Gegner zu konfrontieren und sie muss sich dadurch beweisen, dass sie sowohl nach oben als auch nach unten loyal ist. Das heißt, sie muss die Interessen der Gesamtorganisation vertreten und darf die Mitglieder der eigenen Organisationseinheit nicht im Regen stehen lassen, selbst wenn diese Fehler machen. Und das gilt sowohl für eine Limonadenfirma wie für eine politische Partei.

Die Zahl derer, die sich für diese Aufgaben interessieren, nimmt dramatisch ab. Trotz der Entwicklungshilfe- und Gestaltungsmöglichkeiten, die Führung birgt. Das hat vielleicht etwas mit den Mühen zu tun, die damit verbunden sind. Dieser Hedonismus resultiert aus der Individualisierung im postheroischen Zeitalter. Es gehört zu den Ergebnissen einer sich nicht mehr reflektierenden Gesellschaft, dass zwischen der motivationalen Abstinenz, Führung zu übernehmen und der zu beobachteten Qualität von Führung ein Zusammenhang besteht. Das sieht nicht gut aus. Doch welche Form von Dekadenz hat schon eine gute Prognose?

Der soziale Vergleich

Freunde der Verklausulierung nennen es den sozialen Vergleich. Es ist das Bedürfnis, die eigenen Verhältnisse mit denen der Mitmenschen zu vergleichen. Glaubt man Organisationspsychologen, so wirkt das Prinzip des sozialen Vergleichs nahezu überall. In der Familie, in der sozialen Klasse, bei der Arbeit und im Verein. Die Frage, um die sich beim sozialen Vergleich alles dreht, ist die nach der eigenen Validität des Betrachtenden. Oder anders ausgedrückt: Wie geht es mir im Vergleich zu den anderen? Das fängt in der Familie mit der Portionierung von Liebe und Zuneigung an, geht nahezu in dieselbe Richtung in den folgenden Bildungsinstitutionen, wobei dort noch der Status hinzukommt, der durch eigene Leistung erworben wird und geht weiter ins Arbeitsleben. Flaniert man über Friedhöfe, so wird selbst dort deutlich, dass der soziale Vergleich selbst im Schattenreich weiter funktioniert. Sowohl für die, die bereits mit dem Fährmann übergesetzt haben als auch für die, die noch ein paar Stunden im hiesigen Diesseits haben, um zu zeigen, was sie sind.

Der Ort, wo die Wettbewerber im sozialen Vergleich am besten beobachtet werden können, ist die Arbeit. Da gibt es genug davon, zu manchen hat man gar keine emotionale Beziehung und vieles betrifft einen selbst nicht. So kann munter studiert werden, was alles zählt im Kampf um die Bedeutung. Und da tut sich eine Welt auf, die so brutal schlicht und primitiv ist, dass man es kaum glauben mag. Da geht es um den Zugang zu Parkdecks, um monetäre Zulagen, um Essen mit dem Chef, um den Platz am Konferenztisch, um den Dienstwagen, um die Mitgliedschaft in einem Klub und den Zugang zu sozialen Einrichtungen.

Im Verhalten der einzelnen Konkurrenten tun sich Rezepturen auf, die nach frühkindlicher Phase schmecken und über deren Wirkungskraft angesichts der schulischen, technischen und akademischen Qualifizierungsgrade niemand im Traum auch nur nachzudenken wagte. Da regiert der Missmut in der Überdimension, da regieren der Futterneid, der Argwohn und die pure Zerstörungswut. Kein Primat, dem das Zoodasein in den Hospitalismus getrieben hat, käme auf die Ideen, die sich identifizieren lassen, wenn es um die negativen Energien geht, die sich mit dem sozialen Vergleich in Verbindung bringen lassen. Und wehe dem, der nichts auf den ganzen Zirkus gibt, der geht unter wie der Betonsockel im sizilianischen Kanal.

Nein, selbst bei sehr genauer Analyse kommt man nicht zu dem Ergebnis, dass diese, nicht menschliche, aber den Menschen eigene Verhaltensweise nicht nur in bestimmten Formen der Organisation zu vermelden wäre. Nein, der soziale Vergleich wütet überall. In den Organisationen, die sich ihm besonders widmen wie in jenen, die sich darüber keine großen Gedanken machen. Am schlimmsten wirkt die Feststellung vielleicht dort, wo der Zweck der Organisation das Gegenteil verkündet: sowohl in sozialen wie karitativen Organisationen als auch in denen, die sich die soziale Revolution auf das Banner geschrieben haben. Selbst dort, wo die klassenlose Gesellschaft propagiert wird, schaut man dem Nachbarn auf den Teller, um zu sehen und zu kommentieren, was er dort hat.

Die Freiheit vom Futterneid scheint nur denen beschieden zu sein, die sich auf das Gelingen und Gestalten konzentrieren und ihre Erfüllung genau dort suchen. Sie sind der Gegenentwurf zur Konkurrenz um des elenden Status willen.