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Das Mantra von der absoluten Transparenz

Es müsste noch einmal festgestellt werden, seit wann das Mantra von der absoluten Transparenz Einzug in den öffentlichen Diskurs gefunden hat. Der Verdacht geht dahin, dass es ungefähr die Zeit gewesen sein muss, als das Vertrauen in das Handeln derer, die ein politisches Mandat haben und in die demokratischen Institutionen selbst geschwunden ist. Vermutlich war das die Zeit, als gleichzeitig die digitale Revolution ihren Einzug hielt. Es handelte sich quasi um eine Duplizität der Ereignisse. Einerseits Vertrauensschwund und andererseits die Möglichkeit alles, was sich ereignet, einer großen Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Letzteres wurde und wird als eine neue Qualität gepriesen, manche sind gar davon überzeugt, dass die digitale Omnipräsenz die Demokratie beschleunigt hat. Doch können technische Möglichkeiten tatsächlich Vertrauen substituieren? Zweifel sind angebracht.

Es ergibt keinen Sin, nach irgendwelchen Schuldigen zu suchen, die das Vertrauen verspielt haben. Es handelt sich wohl eher um einen längeren Prozess, der zur Folge hatte, dass demokratische Kontrolle immer ungenügender vollzogen wurde und die Kontroverse um das, was richtig und wichtig ist zugunsten einer mehligen Konsensillusion gewichen ist. Zweifelsohne hat das Konstrukt von großen Koalitionen etwas damit zu tun. Das, was momentan etwas despektierlich als eine geschäftsführende Regierung bezeichnet wird, die wie eine allgemeine Administration ihre Agenda abwickelt, scheint kein Phänomen der etwas diffizilen Parteienlandschaft zu sein, die aus den letzten Wahlen resultierte. Vielmehr ist das Abwickeln von Politik ohne Diskurs eine Übung, die schon seit langem vollzogen wird und die sukzessive das Vertrauen in die Ergebnisse aus einem Wettstreit emotionslos liquidiert hat.

Dass bei diesem Prozess nicht nur die bösen Mandatsträger ihr Bündel zu tragen haben, sondern auch die Regierten, die sich bei gesalzenen Erdnüssen auf dem Sofa wälzen, ist eine bittere Wahrheit. Nur wenn sich Widerstand regt, kommt Bewegung in eine Demokratie. Die so genannte Wahl- und Politikverdrossenheit ist eine schlechte Entschuldigung für die Abstinenz des Souveräns von der Politik. Wer seine Meinung nicht kundtut, wer sich nicht einmischt, hat das Attribut des Souveräns längst verloren.

Die Idee von der absoluten Transparenz sollte in dieser Situation Abhilfe schaffen. Statt die Politik zu erhellen, hat sie sie jedoch verdunkelt. Das in dem Postulat nach absoluter Transparenz verborgene Misstrauen hat die Verhältnisse nicht verbessert, sondern die Verbitterung beschleunigt. Die diabolische Logik, dass man erst dann den Akteuren traue, wenn sie alles, worüber sie nachdenken, alles, was sie an Szenarien im Kopf haben und alles, was sie für möglich halten sogleich in den Orkan der spontanen Meinung stellen, hat zu einer Verunsicherung geführt, die genau die gegenteilige Wirkung hat als die intendierte Transparenz. Einerseits werden Scheindebatten um Lapalien und Petitessen geführt, andererseits werden die tatsächlich gravierenden politischen Entscheidungen administrativ abgewickelt, als hätten sie mit dem Diskurs gar nichts zu tun. Das Ergebnis ist ein weiteres Treiben in der Spirale nach unten.

Da wundert es kaum, wenn bei den Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen über konkrete, sehr operative Gesetzesakte diskutiert wird, aber die großen Linien in keiner Diskussion mehr eine Rolle spielen. Der große Wurf findet nicht mehr statt, trotz aller Transparenz im Detail. Das ist der Preis der eigenen Lethargie und der immer weiter treibenden Individualisierung der Gesellschaft. Es existiert keine Strategie, nur dort, wo es niemand sieht. Und da bleibt alles so, wie es die schlimmsten Vermutungen lokalisieren: In den geschlossenen Räumen einer kaum noch auszumachendem Nomenklatura.

Über den Anfang

Das Räsonnement über den Anfang ist vielfältig. Täglich, ja stündlich befinden sich Menschen in der Situation, dass etwas Neues beginnt. Da ist es kein Wunder, dass der Anfang bis in die Philosophie und schönen Künste ein immer wieder bearbeitetes und dankbares Sujet ist. Das Volk, dem viel zugeschrieben wird, dessen Mentalität dem Negativen zuneigt und die stark geprägt ist von Ängsten und Unsicherheiten, bringt es für sich so auf den Punkt: Aller Anfang ist schwer. Falsch ist es nicht, erschöpfend aber auch nicht. Daher seien vielleicht drei weitere Varianten vorgestellt.

Nietzsche, der Matador christlicher Spiritualität, hat dem Anfang selbst für einen Nihilisten äußerst rationalen Kontext zugeschrieben. Nach ihm „ist nichts kostspieliger als der Anfang“. Was ist damit gemeint? Sicherlich keine banale Aufwandsökonomie, aber sicherlich die Einsicht, dass ein Anfang oder Neubeginn gut durchdacht und geplant sein will, wenn die Absicht besteht, auch erfolgreich mit dem zu sein, was begonnen wurde. Übrigens eine Erkenntnis, die sich in den Alltagsroutinen vielen Technokraten und Vulgärökonomen verschließt. Diejenigen Zeitgenossen, die Nietzsches Einsicht teilen, würden es aktuell so beschreiben, dass die Planungsintensität in direktem Zusammenhang mit den Erfolgsaussichten steht.

Hölderlin, der unruhige, gejagte Geist aus dem Tübinger Turm, der den Sturm der schwelenden Geister dieser Welt kaum noch ertragen konnte, sah im Anfang eine Art Tabula rasa. „So viel Anfang war nie“ verkündete er und sah ihn als einen Fluchtkorridor. Für ihn bedeutete der Anfang das Ende von den Leiden der Welt, von der Bedrängnis durch sinnentleerte Notwendigkeiten, von der Todeskralle bürgerlichen Gleichklangs. Hölderlin verfasste dem Anfang die Hymne der Weltflucht, die ein berauschendes Gefühl zu erzeugen vermag, aber nie lange hält.

Und dann ist da noch der viel zitierte Klassiker von Hermann Hesse. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, hatte der geschrieben und damit seinerseits die gesamte ihm folgende Hermeneutik verzaubert. Und ja, es klingt sympathisch, dem von vielen gefürchteten Anfang, denen der Besitzstand und die Routine alles ist, ein positives Pendant entgegenzuhalten. Ein Pendant, das dem Mysterium, welches sich aus der Ungewissheit ableiten lässt, eine Bereicherung der Erkenntnis wie des Gefühls zuschreibt. Das Heraustreten aus der Wohlfühlzone wird so zum Eintrittspreis für den noch unbekannten Rausch.

Welche Variante wem am besten gefällt, ist jedem anheimgestellt und für die gesamte Population kaum auszumachen. Letzteres wäre sehr interessant zu wissen, obwohl wir uns einen Reim darauf machen können. Es ist anzunehmen, dass einem Großteil, d.h. der Mehrheit, der Anfang als ein Risiko erscheint, dass eine bestimmte Gruppe hoch professioneller Akteure sich der Betrachtungsweise Nietzsches annimmt und dass eine relativ große Gruppe sich dem Zauber zugeneigt sieht. Doch das sind Annahmen, die niemand zu verifizieren in der Lage ist.

Was bei dem Räsonnement über das Räsonnement hinsichtlich des Anfangs auffällt, ist die nicht determinierbare Zuordnung der jeweiligen Interpretation zu einer sozialen Gruppe auszumachen ist. Das ist ein interessantes Feld der Betrachtung. Wer, oder welche soziale Gruppe, neigt zu welchen hermeneutischen Mustern bei welchem Begriff? Eine hoch spannende Fragestellung. Und sie hätte einen Anfang verdient!

Zur Pädagogik des Wandels

„Ich kenne die Weise, ich kenne den Reim, ich kenn auch die Herren Verfasser. Sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser.“ Mit dieser Zeile hat Heinrich Heine im Grunde genommen alles gesagt, was in Bezug auf die Glaubwürdigkeit auf das Leitungspersonal gesagt werden muss. Egal, in welcher Konstellation. Es muss allerdings präzisiert werden, dass der Anspruch, der sich daraus ableiten lässt, nur in Gesellschaften gilt, die sich auf Aufklärung und Demokratie berufen. In autokratischen und theokratischen Gesellschaften müssen die Herrschenden dem Volk nichts beweisen. Alles, was sie tun, ist höheren Ortes legitimiert. Aber dort, wo täglich die demokratischen, aufgeklärten Werte hochgehalten werden, gilt der Anspruch besonders.

Zu dem Anteil an Demokratie gesellt sich mit der Aufklärung und der Explosion des Wissens, der Professionalisierung der Forschung und der Industrialisierung die permanente Anforderung, die soziale wie wirtschaftliche Organisationen zu verändern. Der so viel beschworene wie gepriesene Wandel ist zu einer beständigen Erscheinung geworden. Und in Prozessen des Wandels werden immer wieder neue Erfordernisse an entsprechende Veränderungen im menschlichen Verhalten und Handeln formuliert. Diejenigen, die diese Erfordernisse aussprechen und die dezidiert die Verantwortung für den Veränderungsprozess tragen, sollten sich dessen bewusst sein, dass besonders in Veränderungsprozessen von allen Beteiligten genau beobachtet wird, wer sich an die neuen Regeln hält, wer dagegen opponiert und wer nur vortäuscht, sich dem Neuen anzuschließen.

Die Geschichtsbücher sind voll von gescheiterten Veränderungsprozessen. Und sie scheiterten, weil sich die jeweiligen Führungskräfte entweder schon während des Prozesses nicht daran hielten oder weil sie später, sukzessive noch schlimmer wurden als jene Akteure, die sie einmal ablösen wollten. Gut in Erinnerung ist hierzulande noch ein Kanzler, der als Bild in der Öffentlichkeit immer als übergewichtiger Mann mit einer Zigarre im Mund erschien und mit Parolen wie „Maß halten“ und vor allem „den Gürtel enger schnallen glänzte“. Und die kommunistische Weltbewegung kann ein ganzen Liederbuch damit füllen, wie aus Zarenmördern neue Zaren wurden und was George Orwell in seiner „Farm der Tiere“ so auf den Punkt gebracht hat: die Restauration der Verhältnisse durch diejenigen, die sie verändert haben.

Bevor dieses jedoch geschehen kann, ist es ratsam, sich die Akteure von Veränderungsprozessen genau anzuschauen und offen in einen Diskurs über ihr Verhalten zu treten. Ist das, was sie machen, den Zielen dienlich? Führt es zu einer tatsächlichen Veränderung der Verhältnisse? Gegen welche Widrigkeiten haben sie selber dabei zu kämpfen? Was fällt ihnen selbst besonders schwer und was geht leicht von der Hand?

Eines ist sicher: Wenn sich die Protagonisten von Veränderungsprozessen nicht auf eine Diskussion dieser Natur einlassen, sondern nur in einer Diktion auf der Metaebene von den Zielen des Wandels schwafeln, dann haben sie sich den Wein bereits eingeschenkt. Er sei ihnen gegönnt, aber das Recht auf die Regie des Wandels haben sie dadurch verwirkt.

Es existiert so etwas wie die Pädagogik der Veränderung. Dazu gehört, tatsächlich das, was man von anderen fordert, auch selbst zu tun. Dazu gehört auch eine starke und auch praktisch demonstrierte Fehlertoleranz, denn wenn der Weg neu ist, werden Fehler gemacht und es ist notwendig, aus den Umständen, die diese Fehler hervorbringen, zu lernen und nicht die Akteure zu beschädigen. Das heißt also, eine starke Solidarität von oben nach untern muss beobachtbar sein. Ist beides nicht vorhanden, sollte schnell und trocken bilanziert werden, dass es sich um einen fehlgeschlagenen Versuch gehandelt hat.