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Ein Plädoyer für die humane Erzählung

Ein Mantra, das sich verbreitet hat, lautet, die Welt sei zu komplex geworden, als dass sie einfache Antworten zulasse. Dagegen ist generell nichts zu sagen, denn jede Erscheinung, die mit unterschiedlichen Kausalitäten verbunden ist sich in einem Netz von Interdependenzen befindet, muss gründlich analysiert und differenziert beurteilt werden. Was nicht dazu passt, ist die Tendenz der zunehmenden Verarmung der Texte. Nicht, dass es auch Texte gäbe, die schwer zu lesen oder gar unlesbar sind. Es sind jedoch zumeist Konvolute mangelnder Struktur, die als Symptom einer wachsenden Unfähigkeit gelten müssen, gut strukturierte, gedanklich geordnete und sprachlich interessante Schriftstücke zu verfassen. Der Rückschluss ist beklemmend: Die Welt wird komplexer und die Fähigkeit, sie darzustellen, schwindet.

Die Suche nach Ursachen ist nicht schwer. Immer weniger wird von den Menschen, die in den komplexen Strukturen tätig sind, verlangt, dass sie in der Lage sind, die besagten Zusammenhänge schriftlich darzustellen. Stattdessen hat sich ein Modus breit gemacht, der gerade auf die unzulässige Vereinfachung abzielt. Statt wohl dosierter Sätze sind Skizzen, Bilder oder einfache Formeln gefragt, die die besagte Komplexität vereinfachen sollen. Dass gerade diejenigen, die sich auf die Komplexität der Welt berufen, genau dieser Fährte folgen, macht sie nicht glaubwürdiger.

Ist es tatsächlich so einfach, die Reduktion der verschriftlichten Komplexität auf die zunehmende Kommunikation im Maschinenmodus zurückzuführen? In Ansätzen sicherlich. Wenn bereits von jungen Menschen, die erlernen sollten, mit welchen geistigen Werkzeugen sie die Welt erfassen und mit denen sie sich ausdrücken können, nicht mehr darin gefordert werden und es stattdessen zum Alltagsmodus gehört, in fragmentierten Sätzen, gespickt mit Emoji, zu kommunizieren, kann nicht vorausgesetzt werden, sich mit komplexen Texten auseinanderzusetzen zu können. Es geht hier nicht um die Hegel´sche Rechtsphilosophie, aber ein Roman wie Umberto Ecos Foucaultsches Pendel sollte es schon sein. Und diejenigen, die den politischen Diskurs via Amt führen, sollten auch das können, aber auch noch mehr.

Neben der abnehmenden Sprach- und Schreibkompetenz ist zudem zu beklagen, und das ist interessanterweise ein breiter Konsens, dass es dem gesellschaftlichen Diskurs an Narrativen mangelt. Es geht darum, dass Geschichten gewoben werden, die von allen verstanden werden und die die Probleme fokussieren, an denen sich eine Gesellschaft abarbeitet. Politische Kommunikation kann nur dann gelingen, wenn alle wissen, worüber geredet wird und wenn sich ein gemeinsamer Wille entwickelt, an einer Strategie zu arbeiten. Es bedarf der Fähigkeit, diese Geschichten zu weben. Mit bloßen Statistiken und Grafiken ist das nicht zu leisten.

Die hohe Kunst der Erzählung ist es, anhand einfacher Dinge und Begebenheiten die Komplexität der menschlichen Existenz zu verdeutlichen. In der Vergangenheit konnten das einige. Das ganze Ensemble der europäischen Realisten gehörte dazu, ebenso die großen russischen und amerikanischen Erzähler. Sie trugen dazu bei, den Menschen sowohl ihre Epoche zu erklären, ihnen zu verdeutlichen, worauf es ankam und was dem Gestaltungswillen der Menschen unterlag, als auch zu beschreiben, welche menschlichen Aporien nicht einfach durch welche Maßnahmen auch immer aufzulösen sind. Sie trugen dazu bei, auch die politische, die gesellschaftliche Kommunikation in ihren Kultur- und Zivilisationsräumen aufrecht zu erhalten.

Bis auf wenige Ausnahmen sind diese Erzähler von der Bildfläche verschwunden. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Politik. Es ist an der Zeit, dem restringierten Maschinencode wieder etwas entgegenzusetzen. Es ist ein Plädoyer für die humane Erzählung.

Bürokratie und Innovation

Ein eigenartiger Widerspruch prägt unser gesellschaftliches Dasein. Da wird alles, was nur die Aura von Bürokratie versprüht, als einfältig, borniert und rückwärtsgewandt verpönt und gleichzeitig jedes sich neu regende Phänomen versucht mittels einer Bürokratisierung einzuordnen. Es soll selbst gar nicht einmal so seltene Versuche geben, Innovation via Bürokratie zu managen. Handelte es sich um einen psychiatrischen Befund, so könnte man von einer ausgeprägten Ambivalenz, wenn nicht gar einer sich verbreitenden Schizophrenie sprechen. Da ist es angebracht, sich ein wenig Klarheit zu verschaffen.

Wer Ordnung in das gesellschaftliche Leben bringen will, der muss eine effiziente, von Korruption freie Bürokratie an die Arbeit bekommen. Der Vorzug von Bürokratie sind Regeln, die für alle und alles gelten, es ist eine Funktionsweise, die sich nicht von individuellen Befindlichkeiten leiten lässt und eine Zielsetzung, die korrespondiert mit Gesetz und Ordnung. Wer so etwas sein Eigen nennen kann, hat eine valide Eintrittskarte für das politische Ziel der Gleichheit. Dass das manche mit Gerechtigkeit verwechseln, erklärt sich vielleicht durch ihre privilegierte Stellung, ist aber dennoch ein Trugschluss. Dennoch: Gesetz, Ordnung und Gleichheit sind ein sehr hohes Gut, das allerdings mehr dort geschätzt wird, wo man es vermisst als dort, wo es herrscht. Aber so sind nun einmal Menschen, die sehr Ich-bezogen durch das Dasein schreiten und wenig vergleichen.

Aufgrund der beschriebenen Attribute ist es kein Mirakel, dass besonders die Deutschen die Bürokratie lieben. Kaum ein anderes Volk ist so fokussiert auf Ordnung und Organisation. Man beobachte so etwas in Krisensituationen: Während andere als erstes alle möglichen Rettungsmöglichkeiten aufzählen, reden die Deutschen darüber, wie am schnellsten die Ordnung wiederhergestellt werden kann und wie das organisiert werden muss. Und auch hier sei angemerkt, es handelt sich um eine Fähigkeit, um die das Land sehr beneidet wird.

Nur, auch das sei angefügt, was wie eine Binsenweisheit unter den Medizinern gilt, das gilt auch für Ansätze gesellschaftliche Organisation. Es kommt immer auf die Dosis an! Und so, wie es aussieht, sind die Vorzüge der Bürokratie besonders in Zeiten, in denen sich vieles sehr schnell verändert, zu einem stillschweigenden Allheilmittel avanciert. Alles, was als neues Phänomen ins Leben rückt, wird nicht versucht politisch zu durchdenken, sondern an die Bürokratie verwiesen. Aber gerade dort ist es völlig deplatziert. Bürokratien regeln das Bekannte, aber sie erfassen nicht das Neue, Unbekannte. Das schlimmste Symptom für den Fehlschluss, Bürokratien könnten die Fragen der Zeit, wie das technologische Highspeed oder die strukturelle Überlastung des Ökosystems in den Griff bekommen, ist der Versuch, eine Art von Innovationsmanagement bürokratisch zu organisieren. Da bleibt nur eine Prognose, und die lautet: Mission impossible!

So sehr nachempfunden werden kann, dass sich Menschen in Zeiten radikalen Wandels nach Sicherheiten sehnen, so abseitig ist es, das Instrument für Ordnung, Gesetz und Gleichheit für eine Erscheinungsform zuständig erklären zu wollen, die in hohem Maße revolutionär ist oder revolutionäre Ansätze erfordert. Gerade letzteres ist allen Vorhaben, in diesem Land ein anderes, vielleicht weniger destruktives Gesellschaftsmodell zu denken, zum Verhängnis geworden. Auch der starre, eher an Beton denn an Erneuerung erinnernde Parteiapparat hat in diesem Land durchaus ein Zuhause. 

Bevor etwas geordnet und kategorisiert wird, muss es begriffen werden. Ansonsten ereignen sich absonderliche Dinge!

Struktur oder Programm?

Zunehmend treffe ich auf Menschen, denen die Rolle der Beobachtung gesellschaftlicher Prozesse zu wenig geworden ist. Sie wollen aktiv werden, weil sie glauben, dass wir alle an einem Punkt angekommen sind, wo es darauf ankommt. Alles, was jetzt geschieht, kann sehr stark auf die zukünftige Entwicklung wirken. Das, was viele nervös macht, ist die hohe Anzahl der so genannten Imponderablien, der Unabwägbarkeiten. Sicher scheint zu sein, dass, sollten wir nicht sehr gut aufpassen, sich sehr vieles zum schlechteren entwickeln kann. Dennoch wäre es falsch, nur vom möglichen Untergang zu sprechen. Aufgrund der letzten Jahrzehnte ist nur vielen das Selbstbewusstsein abhanden gekommen, das in historisch relevanten Augenblicken so wichtig ist. Gut wiederum ist, dass sich die Erkenntnis breit macht, jetzt etwas tun zu müssen.

Da die gegenwärtige Parteienlandschaft vieles abdeckt, was an Weltsicht und Interpretation derselben möglich ist, könnte davon ausgegangen werden, dass diejenigen, die sich jetzt engagieren würden, dort auch ein Zuhause fänden. Das ist jedoch, nach Aussage vieler, die neu ins Spiel kommen wollen, nicht der Fall. Die nahezu kollektive Kritik derer, die ins politische Spiel kommen wollen, richtet sich gegen die Strukturen der existierenden Parteien und die Form des Rituals, das aus dem regelmäßigen Wettstreit um die Gunst der Wählerinnen und Wähler geworden ist. Und zudem, so lautet der Vorwurf, sind die Parteien im Innern zumeist die Reproduktion einer Hierarchie, die gerade im Großen aufgebrochen werden soll. Beispiele aus selbstzerstörerischen Machtkämpfen innerhalb der gegeneinander antretenden Parteien kennt jeder, und die stammen nicht aus idyllischen Familienalben.

Von einem Entwurf, wie er im benachbarten Frankreich entstanden ist, sind wir jedoch weit entfernt. Der Versuch, dort hinzukommen, ist kläglich gescheitert und wenn ich die Schadenfreude darüber lese, dann habe ich Zweifel, ob die Notwendigkeit einer Mobilisierung vieler bis jetzt passiver Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht tatsächlich als Störung des laufenden Parteiengeschäfts empfunden und dementsprechend von dieser Seite bekämpft wird. Und wenn das so ist, dann drängt sich der Schluss auf, dass Parteien in dieser klassischen Form nicht das sein werden, was die Zukunft an politischer Partizipation braucht.

Was die Disposition derer betrifft, die etwas verändern wollen, so sind dort zwei Modellierungen wesentlich. Während die eine a priori darüber räsoniert, in welchen Strukturen sie dieses tun will,  macht die andere sich in erster Linie darüber Gedanken, um welche Themen es geht, wie ein Standpunkt entwickelt werden kann und welche Diskurse dazu notwendig sind. Insofern handelt es sich auch hier, wie immer und überall um den Klassiker, wo der Schwerpunkt liegt. In der Struktur oder im Programm?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Klarheit im Kopf die Voraussetzung für eine wirksame politische Partizipation ist. Da ist es zunächst unerheblich, in welcher Form das geschieht. letzteres wird dann zur Frage, wenn es darum geht, gute politische Ideen zu materialisieren. Gerade bei dieser Frage jetzt in Hektik zu geraten ist ein Verhalten, das jedem Apparatschik auf den Leib geschnitten ist und jedem von ihnen freisteht, jedoch die Relevanz liegt derzeit woanders. Es sind Aufgaben, die relativ einfach formuliert, aber dennoch schwer zu erfüllen sind. Worum geht es? Was sind die wichtigsten Herausforderungen? Wie sehen Lösungsmöglichkeiten aus? Und dann, ja dann, kommt da Was tun? 

Die intelligenteste Form ist jedoch die, etwas zu tun, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, und zwar über Programm wie Struktur.