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Die Jeunesse dorée und ihr Ablaufdatum

Ja, alles hat seine historische Vorlage. Von der Form weicht es so manches Mal ab, aber der Kern kommt wieder. So, wie einstige Kampf- und Heldentage, die sich aus Kriegen, Kämpfen und Revolutionen speisten, irgendwann zu blutleeren Zeremonien wurden, die nur noch der Anlass für einen vollen Bauch und zu viel Wein waren, ging es auch ganzen Klassen und Perioden. Heute, am 1. Mai, wo immer wieder Menschen gesichtet werden, die irgendwo am Wegesrand besoffen im Gras liegen und an die Vergänglichkeit des Anlasses erinnern, tauchen aktuell ganze Gruppen von Menschen auf, die politisch eine Rolle spielen. Wie gesagt, in einer bestimmten Periode. Dann geht auch für sie das Licht wieder für ein Jahrhundert oder länger aus.

So hat die Französische Revolution, nachdem sie die Machtverhältnisse geklärt hatte, sich danach konsolidierte und mit der Hinrichtung Robespierres den Grande Terreur beendet hat, verschiedene Phasen durchlaufen, die teils vorantreibenden, aber auch restaurativen Charakter hatten. Die Gruppe, die sich bei der Restauration einen Namen machte, wurde schnell von allen Beobachtern die Jeunesse dorée genannt. Die vergoldete Jugend rekrutierte sich vor allem aus dem unterlegenen Adel und den Neureichen, die gute Geschäfte mit der Armee gemacht hatten. Die Bewegung hatte zum Ziel, die Französische Revolution als Episode zurück in die Geschichtsbücher zu verweisen. So romantisch die Bezeichnung einer vergoldeten Jugend auch klingen mochte, es handelte sich dabei um handfeste Reaktionäre, die auch mit Knüppeln bewaffnet nächtens auf den Straßen lauerten und so manchen Sansculotten oder Jakobiner zusammenschlugen.

Obwohl Kinder der revolutionären Epoche, übertrafen sie alles, was sich die alte Generation der Monarchisten noch gewagt hätte. Sie kaschierten ihre Rückständigkeit durch pittoreskes, den Moden die Fratze zeigendes Auftreten und erweckten so zunächst bei vielen Zeitgenossen den Eindruck einer rebellischen Jugendbewegung. Die sie nicht waren. Die Jeunesse dorée war ein Ausbund der Reaktion und eine Stoßbrigade des Monarchismus. Mit der neuen Zeit, die ein ganzes Volk ausgerufen hatte, hatten sie ihrerseits nichts zu tun. Ihr Handwerk war die Gewalt, immer schön kaschiert, aber immer mit dem Ziel, die alten Besitz- und Einflussverhältnisse, für die die Monarchie stand, wiederherzustellen und zu sichern.

Nun stellt sich die Frage, warum mir die Geschichte dieser Jeunesse dorée gerade jetzt wieder einfällt? Warum drängen sich mir beim Anblick vieler, die heute eine aktive Rolle im politischen Spektrum dieses Landes spielen, die Bilder des historischen Originals auf? Ja, die Fragen sind natürlich suggestiv. Wir sind Zeugen einer historisch etwas gewandelten Jeunesse dorée, die aus gesicherten Verhältnissen stammt, die die Rechte des gemeinen Volkes nicht schätzt und die sich an allem beteiligen, was die Demontage von Demokratie und Recht verspricht. 

Das Licht historischer Akteure erlischt in der Regel dann, wenn die Einschätzung ihrer historischen Rolle zum Allgemeingut wird. Dieser Prozess wird erleichtert, wenn den Akteuren ein Freiraum zur ungezügelten Gestaltung zugestanden wird. Das ist bei dem heute und hier existierenden historischen Ableger der Jeunesse dorée der Fall. Die Erkenntnis über ihre historische Rolle verbreitet sich derzeit wie ein Lauffeuer. Es läuft!!!  

Politik: Kojoten, die kreischend auf die Tische pinkeln

Gestern war wieder so ein Tag. Da tauchen abends, zur besten Sendezeit, die Bewohner der Geisterbahn auf und brüllen, verborgen hinter schrecklichen Masken, ihr Kriegsgeschrei in die Mikrophone. Einhalt bekommen sie nicht geboten. Nein, sie werden präsentiert wie gesellschaftsfähige Exemplare einer heilen Welt. Das ist skurril, das ist pervers. Diese Geisterbahnbewohner präsentieren nun nach zwei Jahren eine Waffengattung nach der anderen, die angeblich den Krieg in der Ukraine durch einen Sieg über Russland bewerkstelligen sollen. Und das, was sie bewirken, ist nicht nur die Eliminierung der Zukunft beider Länder, was nebenbei auch zum Plan gehört, sondern sie verschrotten ihren alten Tötungsmüll im Echtbetrieb. 

Die Kriege der Zukunft, wenn es wirklich um die Dominanz geht, werden anders aussehen. Da rollen dann keine putzigen Panzer durch die Landschaft, sondern da gibt es keinen Strom mehr, die Logistik bricht zusammen, das Trinkwasser geht aus und die Nahrungsketten werden unterbrochen. Und dann, das wissen auch die finsteren Auftraggeber des militärisch-industriellen Komplexes, werden die post-heroischen Gesellschaften das Nachsehen haben. Die Russen sagen heute schon, Kartoffeln und Äpfel hätten sie immer, und die Chinesen machen es mit einer Schüssel Reis. Wie es hier, im elaborierten Westen, mit massenhaft verbreiteten Unverträglichkeiten und Intoleranzen aussieht, kann man sich leicht vorstellen. Dieser Krieg ist bereits verloren, bevor er richtig begonnen hat. 

Wenn die Schranzen, die uns täglich als politisches Fachpersonal präsentiert werden, tatsächlich diejenigen wären, die über Krieg und Frieden entscheiden, dann wäre auch dieses Spiel längst aus. Sie selbst schaffen es nicht bis zum nächsten Graben, und ohne ihre mächtigen Souffleure ginge ihnen schnell der Text aus. Die Antworten, die sie verdienen, sind bereits formuliert und werden bald kommen. Denn wenn das Gros der Bevölkerung davon ausginge, dass diese Schreckgespenster tatsächlich die Herren und Kriegsgöttinnen über ihr Schicksal sind, dann wäre bereits das zu verspüren, was Gesellschaften immer kurz vor ihrem Untergang an den Tag gelegt haben. 

Dann herrschte die allgemeine Zügellosigkeit und Libertinage. Dann würde auf den Straßen längst kopuliert und aus den Fenstern gekotzt. Dann wäre der Rausch der standardisierte Zustand, dann wären die Geschäftsprozesse längst beendet und die Verwahrlosung griffe um sich. Dann sähen alle bereits so aus, wie die uns in unerträglicher Intensität präsentierten Horrorgestalten. Frei von Zivilisation und Humanität, geprägt durch Blutrünstigkeit, Gier und Rücksichtslosigkeit.  

Wer das nicht glaubt, der gehe auf den Rummel, die Mess, die Kirmes oder den Send und setze sich in eine Geisterbahn. Das, was da an den Ecken steht und eigenartige Geräusche abgibt, wirkt nämlich bereits wie das Ensemble dieser Polit-Talkshows, wo die Kojoten  des Krieges unter freundlicher Begleitung der Moderatoren kreischend auf die Tische pinkeln. Und doch: es scheint noch nicht so weit zu sein. Zu viele Menschen, die einem begegnen, gehen noch einer vernünftigen Tätigkeit nach, haben noch soviel Selbstachtung, dass sie auf sich achten und wissen, wie man sich in der Öffentlichkeit zu benehmen hat. Die Zeit der vulgären Libertinage herrscht bislang noch nur in Teilen der politischen Klasse. Das ist der Funke, mit dem die Hoffnung in Verbindung gebracht werden kann. 

Überlebensstrategie: ein Leben ohne Staat und Medien?

In Ländern, in denen Autokraten herrschten, die durchdrungen waren von Korruption oder die schlicht in ihrer Fähigkeit, Gesellschaft zu organisieren, überfordert wirkten, fiel mir auf, dass es keinen politischen Diskurs mehr gab. Fragte ich die Leute, was sie von dieser oder jener politisch relevanten Frage hielten, winkten sie nur gelangweilt ab und sagten, es sei müßig, darüber zu diskutieren, weil jede Form der tatsächlichen Teilhabe eine Illusion sei. Und hörte ich mir die Radiosendungen an oder schaltete im Hotel das Fernsehen ein, dann schlug mir ein unterirdisches, von Werbung durchdrungenes Programm entgegen, das an Trivialität nicht zu überbieten war. Und wenn ich die Menschen darauf ansprach, winkten sie ebenso ab.

Das zunächst und zumindest für mich Erstaunliche war immer, dass die meisten Menschen, auf die ich traf, einen qualifizierten Beruf hatten und ihrerseits das Beste gaben, dass sie trotz widriger Umstände aktiv und kreativ waren. Sie hatten zu allen Fragen des Lebens zumeist eine qualifizierte Meinung und sie bewegten sich in Zusammenhängen, die außerhalb der staatlichen Reichweite waren und in denen so gelebt und kommuniziert wurde, dass man nicht auf die Idee hätte kommen können, sich in einem autoritären, korrupten oder überforderten Staat zu befinden. Vieles funktionierte, hatte Qualität und war durchaus attraktiv, nur ohne Staat. 

Natürlich existierten rote Linien. Sowohl für die einzelnen Individuen wie die nicht staatlichen Sub-Systeme. Wenn sie sich gegen die große Kontrolle des Staates richteten, dann schlug der unerbittlich zurück und wenn es um Krieg und Frieden ging, dann waren alle in der Pflicht. Ansonsten jedoch lebte der Großteil der Gesellschaft ein Leben, das sich der staatlichen Kontrolle und Aufsicht entzog.

Wir haben hier, in unserem Land,  Zeiten hinter uns, in denen es einen durchaus intensiven öffentlichen Diskurs um die politischen Belange der Gesellschaft gab. Und in denen eben dieser Diskurs zumindest in einem Teil der Presse, in Funk und Fernsehen reproduziert wurde und zu einer größeren Durchdringung der Gesellschaft mit den Pros und Contras beitrug. Diese kommunikative Kultur ist seit dem Ende des Kalten Krieges mehr und mehr verschwunden. Mit dem Ende der Systemkonkurrenz verschied der Anspruch auf eine gelebte Demokratie. Und mit den folgenden Jahren des Wirtschaftsliberalismus und Neokonservatismus blieb alles auf der Strecke, was als institutioneller Widerspruch gegen die uneingeschränkte Herrschaft von immer mächtiger werdenden Finanzmonopolen stand. Beschleunigt wurde dieser Prozess der Zerstörung eines öffentlichen Diskurses, in dem zumindest die unterschiedlichen Positionen gehört wurden, durch das gouvernementale Verhalten bei der Corona-Krise und, noch einmal gesteigert, seit dem Krieg in der Ukraine.

Nicht an manchen, sondern an vielen Tagen fühle ich mich in eine Zeitmaschine versetzt und ich reise wieder in eines der vielen Länder, in denen Autokraten herrschen, die unter weit verbreiteter Korruption leiden oder die schlicht überfordert sind und die das Publikum mit miserabler Qualität beschallt und in denen der Großteil der Gesellschaft den Staat und die Reklame-Micky-Mouse-Sender ausblendet und sein Ding macht. Nur muss ich mich physisch nicht wegbewegen. Eine von mir immer als weit entfernt eingeschätzte Realität ist zunehmend zu meiner eigenen geworden. Sie vermittelt allerdings den Trost, dass vieles ohne Staat und Medien sehr gut geht. Ein Leben ohne Staat und Medien als Überlebensstrategie. Das scheinen viele Menschen zur Zeit zu begreifen. Nur ist auch diese Nische verödetet, wenn es zum Krieg kommt.