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Dummdreiste Deutungsübungen und eine getäuschte Öffentlichkeit

Weit muss man der Logik nicht folgen, um entweder auf dem Pfad des Irrsinns zu wandeln, alle Gründe zu haben, Amok zu laufen oder sich dem schwarzen Humor hinzugeben. Letzteres ist die wohl sozial verträglichste Form, um auf das zu reagieren, was aus dem politischen Lager täglich abgesondert wird. Heute morgen waren es Sätze des Verteidigungsministers, der es fertig brachte, die Beteiligung der Bundesmarine bei Manövern im chinesischen Meer mit der Freiheit der Weltmeere zu begründen. Die Sicht Chinas, das ein Interesse an bestimmten Sicherheitszonen vor der eigenen Küste reklamiert, das durch einen von den Briten geführten Drogenkrieg und eine japanische Invasion und Besetzung bis heute traumatisiert ist, wird als eine zunehmend bedrohliche und aggressive Attitüde umgedeutet. Da sollte, und das hoffen wir alle, der Herr Pistorius doch mit den Küstenkähnen der Bundesmarine auch dafür Sorge tragen, dass russischen Kriegsschiffen und chinesischen Flugzeugträgern die freie Fahrt vor us-amerikanischen Küsten garantiert wird. Das wäre mal ein Maßstab, der für alle gilt. Und der Applaus der amerikanischen Freunde wäre dem vermeintlichen Kriegshelden sicher.

Genauso frivol ist das Verdammen jeglicher Kritik an der US-Präsidentschaftskandidatin, die dem auf kaltem Wege abgesetzten Biden folgt. Die Kritik an ihr auf Misogynie zu reduzieren, wie es das Fake News Magazin Spiegel soeben gemacht hat, lässt die Erwartung wachsen, dass bei kommenden bundesrepublikanischen Wahlkämpfen eine Sahra Wagenknecht oder eine Alice Weidel unter den gleichen ideologischen Schutz gestellt werden. Wer allerdings darauf wartet, braucht das Privileg des ewigen Lebens.

Das Gutheißen von Mordanschlägen auf fremden Territorien und die Geiselnahme von wehrloser Zivilbevölkerung seitens der israelischen Streitkräfte durch den erlittenen Holocaust könnte auch so manche Bewohner von Hiroshima und Nagasaki durchaus moralisch legitimieren, um in den USA Anschläge zu verüben, die es in sich haben. Nur scheint die Bevölkerung Japans über einen anderen ethischen Kompass zu verfügen als die Mordschergen des freien Westens.

Die historisch verbrieften Verbrechen der jüngeren Geschichte sind nicht nur im kollektiven Bewusstsein der jeweiligen Opfer noch durchaus präsent. Es gehört zum großen Glück des Westens, egal ob wir vom spanischen, englischen, niederländischen, portugiesischen, deutschen und französischen Kolonialismus reden, oder von den imperialen Kriegen I und II, den Atombombenabwürfen seitens der USA und die mehr als 45 militärischen Interventionen derselben seit 1945, dass die jeweiligen Opfer nicht mit dem selben Maß messen wie die Täter. Aber gemerkt haben sie es sich, und sie wissen um den Charakter derer, die ihnen heute daher kommen von Werten, Freiheiten und Rechten. Das Lügengebäude ist implodiert. Wer das große Glück beim Erlernen der basalen Mathematik hatte, wird es sich sogar an den Fingern abzählen können.

Und noch etwas sehr Amüsantes: es wird in den monopolisierten und gleichgeschalteten Presseorganen des freien Westens gerne von der Propaganda und der Manipulation der Menschen gesprochen, die ausgerechnet in den Ländern leben, die als Feinde der Freiheit reklamiert werden. Eine Öffentlichkeit jedoch, die unwidersprochen die durch nichts mehr zu rechtfertigenden dummdreisten Deutungsübungen einer Außenministerin oder eines Verteidigungsministers ohne offene Rebellion über sich ergehen lässt, hat sich das Attribut einer durch Propaganda hinter das Licht geführten Masse redlich verdient. Und das ist nicht mehr zum Lachen. Das ist die bittere Wahrheit!

Wir sind die Auserwählten! Und setzen alles in Brand!

Ist noch Zeit mit bestimmten Erkenntnissen im Dunkeln zu verharren und sich der Illusion auf bessere Zeiten hinzugeben? Angesichts der immer heißer werdenden Konflikte und dem Totentanz um den qualmenden Korpus des intakten Menschenverstandes scheint das kein guter Rat zu sein. Wer verbrannt werden soll, wird dem Schicksal nicht entrinnen. Und wenn es überhaupt eine Erkenntnis gibt, die die Geschichte liefert, dann ist es der fatale Zusammenhang zwischen dem Verschweigen der Wahrheit und dem großen Feuer, das alles vernichtet.

Es fällt auf, dass die Annahme, außergewöhnlich und einzigartig zu sein, im kollektiven Bewusstsein der jeweiligen Entität den Irrglauben freisetzt, zu jeder Form von Handlung autorisiert zu sein und jedwede Art von Widerstand mit allen, auch von jeglicher Zivilisation verpönten Mitteln brechen zu müssen und zu dürfen. Es schmerzt besonders, wenn man bedenkt, dass diese Konstellation in der Neuzeit bereits dreimal die Menschheit in ein Tal der Tränen versetzt hat.

Es begann mit der Hybris der auserwählten Rasse, die dazu diente, andere zu unterjochen, zu berauben und eliminieren. Es setzte sich fort mit dem auserwählten Land, das kein Mittel scheute, um das Glück auf Erden allen bringen zu können, die sich diesem Muster zu widersetzen suchten. Und es spielt sich momentan, nicht zum ersten Mal, im Namen eines auserwählten Volkes ab, das sich dem Muster zugesellt. Da existiert keine Kausalität mehr, keine Verhältnismäßigkeit und vor allem nichts mehr, was an die schönen Bilder einer heilen Welt erinnern würde.

Dass diese drei Formen der Auserwähltheit exakt dort entstanden und gelebt werden, wo die Form der westlichen gesellschaftlichen Zivilisation stattfinden sollte, ist die große historische Tragödie. Ändern wird sich allerdings dadurch nichts. Die Tyrannen der Vergangenheit, mit ihren furchtbaren Abhängigkeitsverhältnissen, mit ihren blutigen Eroberungskriegen und ihren dekadenten Untergängen, gegen die sich das Narrativ der Auserwählten ausdrücklich wendet, ist nichts anderes als das, was die auserwählte Rasse, das auserwählte Land und das auserwählte Volk wie aus einem teuflischen Drehbuch nachleben. Lassen Sie sich nicht täuschen! Sie reden von Vielfalt, aber sie meinen nur sich. Und sie eliminieren tendenziell immer auch die Toleranz im eigenen Lager. Sie unterliegen keinem Maß mehr, sie begründen jeden Frevel mit ihrem überirdischen Interesse und sie sind, und das ist vielleicht eine Gewissheit, mit der der Rest der menschlichen Zivilisation ohne Rücksicht auf eigene Moralgrundsätze zu handeln haben wird – sie sind unheilbar. Nur die totale Niederlage ist in der Lage, sie zu befrieden. Weil der Größenwahn die Währung der Vorstellung der eigenen Auserwähltheit ist.

Lassen Sie sich das durch den Kopf gehen. Denken Sie an die Blutbäder und ihre Einzigartigkeit, mit denen die Strahlemänner von Rasse, Land und Volk durch die Geschichtsbücher schreiten und fragen Sie sich, was dafür spricht, diese zivilisatorischen Frevel heilig zu sprechen. Im Namen von was? Von Freiheit? Von Selbstbestimmung? Von Recht? Die Antwort ist leicht zu geben. Die Niederstreckung des Drachen nicht. Aber mit der Erkenntnis fängt es an!

La France und seine Inszenierung

In einem sind sie groß. Bei der Inszenierung eines revolutionären Patriotismus und Pathos macht ihnen so schnell niemand etwas vor. Frankreichs Pfund in der Geschichte, aus dem es den Stoff saugt, den es braucht, um die Aura der Größe zu erzeugen, ist die gelungene Revolution. Etwas ferner und abgespeckt hatten es die Amerikaner bekanntlich vorgelebt und der Pathos, mit dem beide Länder in der Lage sind, sich zu inszenieren, hat mit den Erfolgen der Revolutionen zu tun. Wer die beiden Länder darum beneidet, muss sich dessen bewusst sein. Der Stoff aus dem die Träume sind, die bis heute die eigene Bevölkerung zu berauschen in der Lage sind, stammt aus Gewehrläufen und dem Schnalzen der Guillotinen.

Dass das zeitgenössische Frankreich in seiner real existierenden Form damit nichts mehr zu tun hat, belegt die Zeitungslektüre der letzten Jahre. Obwohl – neben den zählbaren Faktoren existiert tief im Innern der Volksseele noch so etwas wie eine Spur der Revolte. Verglichen mit den Nachbarn östlich des Rheins lebt da noch irgendwo die Gewissheit, dass mit Streik, Aufstand und Rebellion etwas verändert werden kann. Und gerade deshalb haben sich die Regisseure der Olympiade entschieden, daraus das eine oder andere zu holen und auf die Weltbühne zu bringen. Das Ca ira, das alles wird gut, wenn wir nur kämpfen, komme, wer da wolle, hatte genauso seinen Stellenwert wie eine über die Seine reitende Jeanne d´Arc, die zur Nationalheldin wurde, weil sie das Land vor fremder Herrschaft bewahrte.

Die Brüche in der französischen Geschichte fanden in dieser Inszenierung nicht statt. Das ginge zu weit. Die Kolonialgeschichte, die heute bis in die Banlieues reicht, fand allenfalls in manchen Delegationen oder dem Team der Flüchtlinge ohne Nationalität statt. Ebensowenig wie man sich seitens des Olympischen Komitees entschließen konnte, über die politischen Grenzen hinweg alle Sportlerinnen und Sportler dieser Welt zuzulassen. Doch Schwamm darüber! Man inszeniert den Mythos, und alles, was stört, bleibt hinter den Kulissen.

Halsbrecherisch hingegen war bei dieser Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024 der Versuch, die revolutionäre Tradition mit den Bedürfnissen und der Lebensweise heutiger metropolitaner urbaner Eliten gleichzusetzen. Auf der Bühne, und ist sie noch so dezentral und verwegen, funktioniert das, im richtigen Leben nicht. Auch da hilft die Zeitungslektüre. Momentan wird La France durch ganz andere Dinge bewegt. Da geht es, wie überall im verglühenden Westen, um die Folgen des Wirtschaftsliberalismus und die willentliche Dekonstruktion der Commune, die letztendlich bereits mehr als dreißig Jahre andauert. Und alles, was in unserem Nachbarland noch geschehen wird, genauso wie in dem politischen Zwilling jenseits des Atlantiks, wird uns hier auch noch blühen.

Zwar neigen wir eher zur Depression, was mit unserer Geschichte und damit zu tun hat, dass wir uns momentan von beflissenen Vollzugsbeamten des amerikanischen Protektorats regieren lassen – aber der Mut kehrt zurück beim kämpfen. Auch diese Erkenntnis ist bei uns nicht neu. Goethe brachte es schon auf den Punkt:

„Eines Tages klopfte die Angst an die Tür. Der Mut stand auf und öffnete. Aber da war niemand draußen.“

Mit ihrem Ca ira sind uns unsere Nachbarn immer schon ein großes Stück voraus. Das ist ihr historisches Verdienst, das ihnen niemand nehmen kann. Egal, wie sie sich auch inszenieren, diese wunderbare Gewissheit bleibt ihnen! Und dafür beneiden wir sie. Und dafür lieben wir sie.