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Untergehende Welten

Ein Freund von mir pflegt zu sagen, seit dem Jahr 1967 sei alles den Bach herunter gegangen. Es sei ein Privileg gewesen dabei zu sein, in jener Zeit, als sich vieles gegen das Alte kehrte und Ideen, Trends und Visionen aus dem Boden geschossen seien wie die Pilze im Herbstwald. Und dann beginnt er aufzuzählen, was in den Sechziger Jahren entstanden ist, in der Musik, in der Mode, im Design, in der Literatur, in den bildenden Künsten. Es fällt schwer, gegen die Faszination, die diese Zeit auch in der Rückbetrachtung auslöst, etwas zu sagen. Dennoch habe ich ihm noch nie Recht in seiner These gegeben. Vieles wurde danach anders, und die etwas bittere Note sei seiner Betrachtung zugebilligt, aber wenig wurde besser. Zumindest empfinden wir es so. Denn vieles, was dann endlich, nach Jahren des Begehrens, zur Lebensrealität wird, schmeckt nicht nach Triumph, sondern so furchtbar alltäglich.

Das, was als Aufbruch bezeichnet werden muss, ist allerdings in der Dimension, die uns die Sechziger beschert haben, nicht mehr vorgekommen. Es war ein Frühling gesellschaftlichen Räsonnements, dem ein langer Sommer folgte, in dem genossen wurde, was vorher auf den Weg gebracht worden war. Und dann kam ein Herbst, der viele von denen, die euphorisiert ins Leben getreten waren, wie Blei in die Trübnis zogen. Alle, die Neues und Tempo gewohnt waren, wurden durch den Stillstand, der folgte, traumatisiert. Viele von ihnen endeten als Pessimisten oder Zyniker, und die allermeisten verstummten. Und es scheint, als ginge dieser schreckliche Herbst erst jetzt, langsam, zur Neige, um einen Winter hervorzubringen, über dessen Ausmaß besser nicht nachgedacht wird.

Mein Freund ist ein kluger Mann. Deshalb ist es so schwer, ihm zu widersprechen. Immer hat er Argumente, gute, intelligente, historisch reflektierte, die er einer Einwendung entgegen schleudert. Und dennoch will ich mich seiner Einschätzung nicht anschließen. Denn seine These, dass seit 1967 alles den Bach herunter gegangen sei, hat nur Validität, wenn er sich und seine Generation als das historische Maß des Urteils nimmt. Das ist, und so argumentiere ich dann auch, natürlich höchst vermessen. Da kommt dann die Idee daher, dass wir nur Partikel einer großen Nebelwolke sind, die sich zeitlupenartig, aber mit immenser Geschwindigkeit nicht vorwärts, sondern irgendwohin bewegt. Das ist sicher richtig, und dann wird mein Freund wütend und nennt mich einen Nietzscheaner. Sei ´s drum. Den Schuh ziehe ich mir gerne an, wenn es darum geht, dem Pessimismus und Bruder Zynismus die Tür zu versperren.

Ehrlich gesagt, vieles, mit dem ich heute konfrontiert bin, gefällt mir nicht. Und da meine ich tatsächlich die Kategorien, die mein Freund immer zur Untermauerung seiner These anführt. In der Musik ist vieles Stillstand, die Literatur verliert ihre Sprache, das Design wiederholt sich so wie die Mode und die bildenden Künste haben Angst vor der eigenen Abstraktion. Die historische Betrachtung verrät, wohin das geht: es wird etwas Neues geboren werden aus der komplexen Einfalt, die diese Phase der Moderne dem Individuum beschert. Sie wird einhergehen müssen mit einer radikalen Befreiung von den Verhältnissen, die das hervorgebracht haben. Das wird nicht immer etwas Neues sein, aber grundlegend anders. Und ob wir das noch bezeugen, ist völlig unerheblich. Man denke an das Partikel und den kosmischen Nebel.

Taktieren bis der Arzt kommt

Welch ein Schreck! Nun geschieht es, dass ein deutscher Anti-Stress-Trainer in der Türkei wegen Terrorismus festgenommen wird. Und es werden Listen des türkischen Geheimdienstes bekannt, auf denen deutsche Organisationen und Unternehmen stehen, die ebenfalls den Terrorismus entweder direkt organisieren oder unterstützen. Ganz oben stehen Daimler und die BASF. Da schlagen sich unvoreingenommene Beobachter die Hand vor den Kopf, wie sie dies schon lange tun im Angesicht einer nun schon Jahre dauernden Faschisierung der Türkei. Nur die Bundesregierung tut so, als sei alles auf einmal dramatisch. So, als hätten sie eben erst, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Brötchenholen erfahren, dass mit der Türkei etwas nicht stimme.

Bei allem, was bis dato vorausging, konnte eine Bundesregierung beobachtet werden, die mit ansah, wie die türkische Justiz demontiert wurde, wie die freie Presse kriminalisiert wurde, wie man den öffentlichen Dienst säuberte sowie Polizei und Militär von allem befreite, was nicht dem verqueren Menschenbild des neuen Diktators entsprach. Man sah darüber hinweg oder spielte es herunter, weil im Hintergrund etwas deponiert war, das unter dem unschönen, aber treffenden Namen Flüchtlingsdeal bekannt geworden war. Man war mit dem Teufel ins Bett gegangen und wunderte sich danach über die eigenartigen Krankheiten, die sich verbreiteten. Geschäfte mit Schurken haben ihren Preis.

Nun, so kurz vor der Wahl, haben die Demoskopen herausgefunden, dass sich wohl ein größerer Teil der Bevölkerung wünscht, dass sich die Regierung, stellvertretend für die Nation, nicht von einem Hassprediger und Propagandisten vorführen läßt. Nicht schlimm genug, dass sie dafür kein Gespür mehr hat, aber sie hat alles hingenommen, damit der Flüchtlingsdeal nicht gefährdet ist. Das hat vor allem die Kanzlerin so gesehen, und als Preis dafür hat sie Demütigung des Landes in Kauf genommen.

Nun, so kurz vor der Wahl, wird mit scharfen Reaktionen gedroht, die sich, warten wir es ab, wahrscheinlich dann doch nicht als scharf genug erweisen. Das Grundproblem ist mangelnde Haltung. Wer sich im Jargon der Eigentlichkeit bewegt, wer im Superlativ der Beliebigkeit lebt und angesichts der Türkei die NATO als Wertegemeinschaft bezeichnet, lässt Haltung vermissen im Antlitz einer Diktatur. Es stellt sich die Frage, wer sich das leisten kann, wer sich das leisten will. So, wie es aussieht, ist die Nation, die nie eine richtige war, auch in dieser Frage gespalten. Das Pendant zu diesem Zustand spiegelt sich in der Handlungsanweisung für die Bundesregierung wider: Taktieren bis der Arzt kommt.

Wertegemeinschaft

Zwei Bilder sind es, die den Zustand des Landes sehr gut beschreiben. Und zwei Reaktionen bzw. Nicht-Reaktionen sind es, die den Zustand unseres Landes demonstrieren. Da war ein über Wochen dauernder Marsch von Türkinnen und Türken, der durch das ganze Land ging und in Istanbul endete. Er fand statt unter dem Motto „Gerechtigkeit“, ging aber schnell in den Kommunikationsgebrauch ein als Marsch der Zehntausend. Zum Schluss waren es mindestens Hunderttausend. Sie hielten überall, wo sie vorbeikamen, Kundgebungen ab und wiesen auf das diktatorische Regime hin, das Präsident Erdogan seit dem Putsch mit Tempo etabliert hat. Die Schlusskundgebung fand in Istanbul anlässlich des Jahrestages des vermeintlichen Putsches statt und sie war ein Zeichen für Courage, für Kampfeswille und für die Weigerung, sich einem Diktator zu fügen. Immerhin, das Ereignis wurde in den Kurznachrichten erwähnt. Zu mehr reichte es nicht, aus dem Lager der Wertegemeinschaft.

Einen Tag später hielt dann der Präsident eine Kundgebung ab, mit mindestens ebenso vielen Menschen, die den Putsch als Geschenk feierten, um im Lande aufzuräumen. Die Zahlen sind immens, aber es ist immer schwieriger, sie zu verifizieren. Hunderttausende verloren nach dem Putsch ihre Arbeit im öffentlichen Dienst, darunter viele Richter, Staatsanwälte, Polizisten und Lehrer. Viele von ihnen wurden gleich ohne Prozess ins Gefängnis geworfen, so wie es unzähligen Journalisten erging. Planmäßig wurden erst die Justiz, dann das Pressewesen, danach das Rechtssystem und die Ordnungsorgane und nun das Bildungssystem von kritischen Geistern gesäubert. Erdogan ergriff in seiner Rede die Initiative und rief denen, die nicht mit ihm sind, das Schicksal des Todes zu. Die Menge skandierte daraufhin die schon lange aufbereitete Parole mit der Aufforderung zur Einführung der Todesstrafe. Erdogan, der brillante Demagoge, antwortet in solchen Fällen mit einem demütigen Blick und der Formel, wenn das Volk ihn so vehement darum bäte, dann könne er sich nicht verweigern. Die Reaktion der Wertegemeinschaft blieb aus.

Als Wertegemeinschaft wurde und wird die NATO gerne dargestellt und den Menschen als eine begehrenswerte Alternative gegen die anderen, nach Herrschaft strebenden Despotien gepriesen. Es führt zu nichts, in diesem Kontext die Motive zu differenzieren, es geht den USA um die Wahrung der Weltherrschaft und Deutschland um ein möglichst aufwand-armes Segeln in diesem Windschatten, was zunehmend irrsinniger wird im Hinblick auf die unterschiedlichen Interessen. Das zeigt sich am Fall der Türkei, die im US-Kalkül im Zugriff auf den Nahen Osten eine wichtige Rolle spielen wird, egal ob dort ein zeitgenössischer Faschismus wütet oder nicht. Es geht Russland um die Sicherung seiner Einflusssphären, unabhängig davon, ob ein Assad den Knebel führt oder nicht, es geht Saudi-Arabien um die Vorherrschaft im Golf, selbst im Bündnis mit dem Teufel und es wird China darum gehen, knallhart und ohne jede Gefühlsregung die eigenen Einflusssphären zu erweitern.

Nichts gegen Wertegemeinschaften. Und schön wäre es, man könnte davon sprechen, aber in diesem Kontext, im Kontext von Ressourcen und strategischer Geographie, im Kontext einer NATO, so wie sie ist, von einer Wertegemeinschaft zu sprechen, das ist ein demagogisches Manöver, das als solches zu enttarnen ist. Werte, das ist gelebte Haltung. Ist in der deutschen Außenpolitik, vor allem der gegenüber der Türkei, den Waffenlieferungen an Saudi Arabien etc. davon nur eine Spur zu erkennen? Wenn ja, bitte sofort melden!