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König ohne Land

Der Junge, der in seinen wilden Jahren alles kaputt schlagen wollte, was ihn kaputt macht, der dann später, geläuterter und lyrischer mit einer Vision spielte, die Charme hatte. Das alles, so ließ der schon lange in kühler Erde ruhende Rio Reiser verlauten, denn alles, und noch viel mehr, würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär. Rio Reiser wäre nicht der einzige, der sich wundern würde, was aus dem rebellischen und visionären Deutschland geworden ist. Selbst zu einem Zeitpunkt, zu dem ein König endlich einmal, quasi über Nacht, zuschlagen könnte, selbst zu einem solchen Zeitpunkt liegt das Leichentuch des Schweigens über dem Land. Als herrschte hier nur ein Monarch, nämlich der der Schattenwelt. Denn wo die Phantasie keinen Platz mehr hat, da ist es trostlos, auch bei vollen Töpfen.

Denn, selbst laut Verfassung, hat das Land seit letzter Woche keine Regierung mehr. Ja, die alte wurde abgewählt und die neue hat sich noch nicht konstituiert. Da tüfteln jetzt die unterschiedlichen Fraktionen eines wie auch immer gearteten Mittelstandes an einer programmatischen Konsens-Formel. Egal, wie diese aussehen wird, wer nicht zum Mittelstand zu rechnen ist, und das ist die numerische Mehrheit, wird sich in den nächsten Jahren umsehen können. Wonach? Nach einem König, der zumindest das Prädikat des aufgeklärten Monarchen verdiente und den so genannten Kleinen Mann auch auf dem Zettel hat. Von den Piraten aus dem fernen Jamaika ist auf jeden Fall keine Staatsführung zu erwarten, die des Volkes Zufriedenheit wird erzeugen können. Aber wie steht es schon in der Bibel: Den sieben mageren Jahren werden weitere sieben magere Jahre folgen. Stimmt das wirklich? Ja, das geht so lange, bis du aufstehst und dich deiner visionären Pflicht erinnerst und der Welt neue Hoffnung bringst.

Jetzt wäre die Zeit für einen König von Deutschland. Der könnte einfach in den Reichstag, den sie heute Bundestag nennen, marschieren, mit Gefolge und den Insignien der Macht, vielleicht einem schlichten Hammer und einer Waage, und den erstaunten Gefolgsleuten der parlamentarischen Demokratie erklären, dass er auch in Zukunft ihren Rat benötige, aber erst einmal einige Dinge gerichtet werden müssten, die sich nicht in endlosen Debatten herausschrieben ließen.

Und dann würde der König von Deutschland mit milder Rede und mitfühlenden Worten diese Dinge benennen. Wie er die Geldverleiher für eine Zeit in den Turm werfen ließe, wie er die Hersteller der Droschken unter Druck setzen wolle, damit sie nicht mehr die Luft verpesteten mit ihren alten Modellen, wie er die kleinen, emsigen Untertanen, die nur von ihrer Hände Arbeit lebten, von der Steuer befreien und die fetten, reichen, mit mehreren Wohnsitzen ausgestatteten Bürger dafür mehr zur Kasse bitten würde. Und dass er alle Teile der Armee zurück nach Hause hole, denn sie seien da, das Land zu verteidigen, und das ginge nur von heimischem Boden aus, und sonst nichts. Und wie er das Recht, als Mitglied des Reiches zu werden erwürbe, wenn man schlicht hier geboren sei. Und natürlich gebe es Saturnalien, es würde einmal wieder so richtig gefeiert und gesoffen, und die Bürger sollten wieder lernen, ihr Maul auf zu machen und alles zu kritisieren, wobei sie mithelfen könnten, es zu verbessern.

Aber, obwohl der König immer noch redet, wird klar, dass selbst der Zustand eines regierungslosen Landes keinen König hervorbringen wird. Nicht einmal in der Phantasie. Denn die ist auch tot. Und was will ein König in einem Land ohne Phantasie?

Schlimmer als im Kalten Krieg

Der Westen, so die Sage, sei die Heimat des Kritischen Rationalismus. Gemeint ist mit dieser Feststellung nicht unbedingt die sich dahinter verbergende positivistisch durchtränkte Lehre des Carl Popper, sondern ein phänomenologischer Kotau. So nach dem Motto, wir sind nicht nur Kritisch, sondern auch rational. Wir, d.h. der Westen, wir lassen uns nicht einfach etwas vorsetzen und nehmen es für die unbestreitbare Realität. Nein, wir, der Westen, hinterfragen alles kritisch und finden auch des Wesens Kern oder das Wahre hinter dem schnöden Schein.

Vielleicht ist es diese Art der subjektivistischen Weltverzerrung, die zunehmend zu einer Selbstwahrnehmung führt, die, gelinde gesagt, nur noch von denen geteilt wird, die der selben optischen Täuschung unterliegen, nicht aber vom Rest der Welt. Es erfordert keine anstrengenden Reisen mehr und auch keine gefährlichen Missionen, um in die Winkel der Welt zu kommen, wo die Erfahrungen mit unserem goldenen Westen eher rostig sind und man auch ohne Umschweife ein Urteil bekommt, das der Realität näher kommt als unsere eigene Selbstverliebtheit.

Und wenn man schon mal da ist, in den anderen Winkeln der Welt, sollte auch die Chance genutzt werden, um das Wahre und Schöne dort zu identifizieren. Ohne hochbezahlten Reiseführer und ohne die immer wieder angedrohte Selbstverleugnung bietet diese eine Welt dem wirklich Reisenden nämlich eine Erkenntnis frei Haus: Unsere Welt besitzt nicht nur eine Wahrheit, diese Welt ist multi-polar und diese Welt kann auf sehr verschiedene Weise gelebt wie interpretiert werden.

Der Spiegel, dieses Blatt, das schon einmal als das Sinnbild des Affronts gegen die Selbstgefälligkeit galt, aber nun zum Hause Springer gehört und folglich zielgerichtet zur Kontaminierung menschlicher Hirne beiträgt, injiziert am heutigen Tag folgende Schlagzeile: „Militärische Muskelspiele. Putin weitet „SAPAD“ Manöver an NATO-Ostgrenze aus.

Dabei handelt sich um ein Verteidigungsmanöver auf russischem oder russisch alliiertem Boden gegen mögliche NATO-Angriffe. Und schon sind wir bei der Selbsttäuschung hinsichtlich des kritischen Rationalismus in unseren Breitengraden. Einem Land vorzuwerfen, es betreibe eine Aggression – wie es tatsächlich in dem Spiegel-Text geschieht -, weil es auf eigenem Territorium die Verteidigung des eigenen Bodens übt, ist derartig vermessen, dass es sich nur um eine pathologische Verirrung handeln kann. Gleichzeitig werden die NATO-Verbände, die direkt an der russischen Grenze stehen und ihrerseits tausende von Kilometern von ihrer national-staatlichen Bestimmung stehen, als Friedensstifter charakterisiert.

Mit Verlaub. Die ideologische Verbrämung des Westens ist seit dem II. Weltkrieg zu keinem Zeitpunkt als dem jetzigen derartig fortentwickelt gewesen. Die Aussagen, mit denen das Publikum in diesen Zeiten konfrontiert wird, haben eine Dimension von Chuzpe angenommen, die hinter den Tiraden der Gerhard Löwenthals und Eduard von Schnitzlers im Kalten Krieg hervorragen wie nicht zu versteckende Monumente. Oder anders ausgedrückt: Diese Art von Berichterstattung, die aus sehr sachlichen Erwägungen nichts anderes verdient als die Bezeichnung Propaganda, ist in den Ideologie-Labors des Nationalsozialismus entstanden.

Wer die historischen Fakten, die fälschlich und vorschnell als Wahrheit bezeichnet werden, dermaßen malträtiert, um seine perfiden, bellizistischen Botschaften abzusetzen, hat eine gesellschaftliche Gefahrenquote, die hinter der der so einig kritisierten AFD nichts nachsteht. Wer sich Geschichten wie die heutige im Spiegel gefallen lässt und sie als alltägliche Nachlässigkeit durchwinkt, der braucht den Kamm gegen die AFD nicht zu stellen. Seine Glaubwürdigkeit ist dahin.

 

 

Zentrifugalkräfte von Solidarität und Toleranz

Nun fliegen sie wieder hoch, die romantischen Traumschiffe des Regionalismus. Während in Katalonien eine korrupte Clique von Zockern auf die Abspaltung einer kulturell identifizierbaren Region von Spanien spekuliert und durch die Aktivierung der romantischen Kategorie bestimmte Sympathien für sich gewinnen konnte, sind die norditalienischen Separatisten aus der Paralyse erwacht und reklamieren nun „mehr Autonomie“ für Venetien und die Lombardei. Und wie es so ist, wenn politisch einiges in Bewegung geraten ist, in Deutschland erlebt die restaurative Phantasie des Europas der Nationen eine Renaissance und die Auguren des Springer gestreamten Spiegel besingen das Ende des Nationalstaates.

Vom Ergebnis her ist Europa dort, wo es die globalen Börsianer immer haben wollten: handlungsunfähig, weder legislativ noch exekutiv geeint und nationalstaatlich ziemlich ramponiert. Chapeau! Die Demontage der Nationalstaaten ist in vollem Vollzug und die nostalgisch verbrämte Autonomie bestimmter Regionen führt zu Regression staatlichen Handelns in Gänze. Dass mit Katalonien, Venetien und der Lombardei ausgerechnet die Regionen nach Unabhängigkeit streben, die zu den Gewinnern der Globalisierung zählen, ist die bittere Wahrheit, die alle zur Kenntnis nehmen müssen, die das Ornat von Revolluzzertum so lieben. Ja, Kataloniens Streben nach Autonomie gehört zu den Zentrifugalkräften von Solidarität und Toleranz.

Genau die Journalisten, die momentan mit flotter Feder eben diese Werte bemühen, sollten sich eine kleine Lektion in Sachen Erwerb sozialer Kompetenzen gönnen: Toleranz ist keine Gabe, sondern eine Haltung, deren Tragweite erst dann erlernt wird, wenn sie gegenüber unbequemen Nachbarn geübt werden muss. Und Solidarität wird dann zu etwas Substanziellem, wenn sie praktisch wird, d.h. wenn sie nach mehr verlangt als Lippenbekenntnissen. Nur wer praktisch gibt und hilft, ist solidarisch und nur wer das Recht des Unbequemen verteidigt, ist tolerant.

Die Institution, in der diese Tugenden anhand echter Herausforderungen gelernt und erprobt werden können, sind die Nationalstaaten, die den feisten Couponschneidern der Globalisierung so rückständig und suspekt erscheinen. Genau weil das so ist, wollen die Begünstigten die Nationalstaaten verlassen, weil sie ihre Revenuen ungestört von sozialer Schwäche und politischer Opposition verzehren können. Was da zum Teil als links durch die Feuilletons schwadroniert, ist in realiter das phantasielose Phlegma der gewölbten Bäuche.

Und die Romantiker des Europas der Regionen, in der jeder noch so mediokre Dialekt zur Amtssprache avancieren soll und in der die Stärke der vertretenen Staaten dem Flickenteppich gleichen sollen, der einmal als das Land der Dichter und Denker verspottet wurde, weil es nicht zum Nationalstaat reichte, sie wollen die Filetierung des Kontinentes als einen Akt der Freiheit verkaufen. Was aus Regionen wie Andalusien, Kalabrien, dem Saarland oder Wallonien werden soll, das ist nicht von Interesse. Vielleicht suchen sie ja ihr Heil als Hochburgen der Prostitution oder als Steueroasen. Im Europa der Regionen, in dem die Reste einer gemeinsamen Zivilisation verspeist werden sollen, wird der im Moment so reklamierte Gedanke der Freiheit keine Rolle mehr spielen.

Katalonien, Venetien und die Lombardei. Diese drei Landstriche werden wir uns merken müssen. Bekannt sind sie schon als reich, rassistisch und arrogant. Das sollte reichen, um sich dort nicht mehr hinzubegeben. Und es sollte reichen, um sich zu der Überzeugung durchzuringen, dass eine Zukunft in Europa nur dann eine Chance hat, wenn sie korreliert mit Werten wie Solidarität und Toleranz. Die jetzt dargebotene Programmatik der Autonomie verdient lediglich das Prädikat der Dekadenz.