Archiv der Kategorie: comment

Der Rat eines wohlmeinenden Chronisten

Wenn die närrischen Katholiken sich das Aschekreuz auf die Stirn zeichnen lassen und an diesem Mittwoch die Zeit des Fastens beginnt, holen die Politiker in tradierten Aschermittwochsveranstaltungen noch einmal so richtig aus uns vertreten ihre Positionen in polemischer Weise. Dagegen sei nichts einzuwenden, denn wo Polemik ist, da ist auch Leben. Das ist deshalb wichtig, weil die Form des politischen Diskurses in diesem Land seit langem einen Tiefpunkt erreicht hat. Das Interesse an einer öffentlichen Auseinandersetzung um unterschiedliche politische Zielsetzungen ist  erschreckend erloschen, unter anderem die Folge bräsig agierender großer Koalitionen und einer systematischen Domestizierung des Nachrichten- und Pressewesens. Deshalb, so der Rat eines wohlmeinenden Chronisten, streitet euch tüchtig, dann lebt die Demokratie.

Das Einzige, was diesem Wunsch im Wege stehen könnte, sind einerseits die Lethargie, die ein ebenso zielgerichteter wie einschläfernder Prozess der Entmündigung hervorgebracht hat sowie die genial inszenierte Irreleitung der Aufmerksamkeit auf Dinge, die politisch keine Wirkungsmacht haben. Der ganze Zinnober, der im Felde einer politischen Korrektheit veranstaltet wird, lenkt von den Fragen ab, die politisch tatsächlich wichtig und existenziell sind. Gerade die hinter uns liegenden Tage des Karnevals und der Fastnacht haben gezeigt, mit welchem abseitigen Unsinn sich die Republik tatsächlich beschäftigt und was dagegen tatsächlich eine Rolle spielen müsste.

Welcher Hahn, bitte schön, kräht heute noch nach dem Sound von Doppelnamen, oder mit der souveränen Entscheidung der sexuellen Orientierung oder der gewählten Option von Vegetarismus, des Nicht-Rauchens oder der extremen Körperertüchtigung. Alles ist geregelt, alles kann von souveränen Individuen entschieden werden und nichts davon dürfte  den politischen Diskurs durch seine tendenzielle Belanglosigkeit kontaminieren.

Aber gerade durch die praktische Irrelevanz im Diskurs erhitzter individueller Entscheidungen wird das Augenmerk von dem abgelenkt, um das es tatsächlich gehen muss. Es hat sich eine Art Symbolismus etabliert, der alle positiven Kräfte der Veränderung absorbiert und somit den gesellschaftlichen Stillstand, der mit zunehmender Beschleunigung auf den Status einer saturierten Dekadenz zustrebt, konserviert.

Solange es wichtiger ist, sich über die Helmpflicht für Radfahrer mehr zu echauffieren als über die Stationierung von atomaren Sprengköpfen an der russischen Grenze, solange es wichtiger ist, beim Kaffee mehr auf Fair Trade zu achten als bei der Herstellung von Smartphones aus Kinderarbeit, solange die EU-Zeitumstellung wichtiger ist als die zu erwartenden Folgen der Digitalisierung bei traditionellen Beschäftigungsformen und solange der Streit über eine immer noch hängende Reklame für den Sarotti Mohren die Gemüter mehr erregt als der Drohnenbeschuss einer Hochzeitsgesellschaft im Irak kann dieser Gesellschaft nur eines attestiert werden: Sie hat das Gespür für das Wesentliche längst verloren und sich zu jenen Zivilisationen gesellt, die die Blüte längst hinter sich haben.

Wollen wir zuversichtlich bleiben, dann müssen wir diesem Spiel der kollektiven Camouflage ein Ende bereiten. Das versaut zwar die Stimmung, aber es ist die einzige Möglichkeit, zumindest die aufzuwecken, die noch nicht dem Zerebralschwund durch Fake News und Propaganda erlegen sind und in ihrem innersten den Glauben an eine fortschreitende Zivilisation bewahrt haben. Es geht, wie bei vielem, um alles. Wer jetzt nicht stört, bereitet sich auf die ewige Ruhe vor.

Narrenspiel

Das, was den britischen Meinungsmachern mit dem Brexit gelungen ist, wird, wenn sich die Krise auch in Deutschland zuspitzen wird, noch so manch ein Verfechter des Wirtschaftsliberalismus neidisch betrachten. Denn dort ist gelungen, die EU für alles verantwortlich zu machen, was das Land seit der unseligen Margaret Thatcher erleiden musste. Die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts bildeten den Auftakt für eine europäische Sanierung nach dem Muster der so genannten Chicago Boys, einer amerikanischen Schule der Ökonomie, die alles, was ein Staat leistete, haarfein monetarisierte und dann skandalisierte. Jede staatliche Ausgabe war ein Problem, und alles, was die Menschen brauchten, konnte auch der freie Markt liefern. Es begann eine systematische Privatisierung staatlicher und öffentlicher Leistungen und gleichzeitig wurde ebenso systematisch alles, was an Wertschöpfung auf der Insel noch stattfand, liquidiert. So entstand ein relativ beständiges Heer von vier Millionen potenziellen Proletariern, die niemand mehr brauchte und es begann ein allgemeiner Trend der Verarmung, der in Europa seinesgleichen sucht.

Was die konservative Thatcher begann, setzte der Sozialist Blair fort. Es begann der Umbau der Insel, genauer gesagt Londons, in eines der Hochzentren des internationalen Börsenhandels und der Finanzspekulation bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Regionen mit allem, was dazu gehört: die Verrottung der Infrastruktur, die Verschlechterung von Bildung und vom Gesundheitswesen und ein immer drastischer und reglementierend vorgehendes Sozialwesen. London selbst wurde zu einem Ort artifizieller Existenz. Die Stammbewohner wurden immer mehr aus dem Zentrum heraus gedrängt und dort wohnen, wenn überhaupt, internationale Spekulanten, die sich vor Reichtum nicht mehr retten können. Täglich pendeln ca. Eine halbe Millionen Menschen von nah und fern in die City of London, dort zu wohnen kann sich von diesen niemand mehr leisten.

Die dem Milliardär Murdoch gehörende Presse hetzte in den letzten Jahren gegen alles, was aus Brüssel kam, wenn es um die Beschneidung der Freiheiten ging, von denen seinesgleichen so herrlich profitierten. Sowohl die europäische Initiative gegen Steueroasen wie die Cayman Inseln oder die Isle of Man als auch die Aktivitäten, die von Brüssel gegen die Monopolisierung des Pressewesens ausgingen, veranlassten die Meinungsmacher zu regelrechten propagandistischen Feldzügen gegen die EU. Und darin liegt das Paradoxe, die EU, ihrerseits in den letzten fünfzehn Jahren allzuoft vor allem durch deutsche Interessen zu einem Mittel zur Durchsetzung wirtschaftsliberalistischer Vorstellungen instrumentalisiert, hatte gerade in Großbritannien den Versuch unternommen, die Auswirkungen derselben zu mäßigen. Und dafür wurde sie angegriffen und geschickt für das verantwortlich gemacht, was besonders in Großbritannien durch die systematische Zerstörung des Gemeinwesens als Ergebnis zu erleiden war.

Der Brexit, wie er nun hier in Deutschland kolportiert wird, als ein Akt Verblendeter, war der Wunsch eines großen Teils der Bevölkerung, den sozialen Generalangriff gegen die in Jahrzehnten erkämpften Existenzstandards zu beenden. Stattdessen saßen die meisten denen auf, die ihn betrieben hatten. Und ausgerechnet in diesem Fall stand die EU auf der richtigen Seite, obwohl es schwer fällt, das zu glauben. Die Koinzidenz, die jedoch in die meisten Länder der EU wirkt, ist das gemeinsame Leiden unter den Auswirkungen des Wirtschaftsliberalismus. Was in Großbritannien an Ablenkung gelang, wirkte bei den seit Monaten anhaltenden landesweiten Protesten der Gelbwesten in Frankreich gerade einmal zwei Wochen. Um es einmal sehr wohlwollend auszudrücken: die Bevölkerungen Europas wie die europäischen Institutionen sind derweil das Opfer der selben Ideologie. 

Misanthropen aufs Schafott!

Immer wieder muss ich schmunzelnd an den Priester zurückdenken, der uns in meiner Schulzeit als Religionslehrer zugewiesen wurde. Es war ein damals junger, übergewichtiger Mann, der stets gemessen auftrat, aber durchaus über Humor verfügte. Wir mochten ihn, weil er jede Frage zuließ und keine Tabus akzeptierte. Ab und zu lud er uns zu sich nach Hause ein, wo es immer gutes Essen und auch Bier und Schnaps gab. Es kam nie zu irgendwelchen Vorfällen, sondern die Abende bleiben allen als gelungene Veranstaltungen in Erinnerung. Das einzige, was uns anfänglich überraschte, war die Offenherzigkeit des Mannes hinsichtlich seiner eigenen Schwächen. Gleich bei unserem ersten Treffen und nach dem dritten Bier begann er einen Choral zu anzustimmen, indem er die folgenschweren Zeilen preisgab: Ich neige zu Trunksucht und Völlerei!

Was dieser Mann, der den Weg, den er ging, aus freien Stücken gewählt hatte und der sich dessen bewusst war, mit welchen Einschränkungen die Entscheidung seines freien Willens verbunden waren sich vorbehalten hatte, war das Recht auf eine Kompensationshandlung, die nicht dem Regelwerk seiner Institution entsprach. Weder der Alkoholrausch noch die dauerhafte Einnahme üppiger Speisen gehören zum Kodex der katholischen Kirche. Und, obwohl gerade diese Institution das Urheberrecht auf die Institution der Heiligen Inquisition erheben kann, diese katholische Kirche hat sich hochgearbeitet zu einer Toleranzstufe, indem sie und ihre Vertreter zumindest inoffiziell von lässlichen Sünden spricht.

Warum ich das erzähle? Weil ich glaube, dass wir, die so moderne und aufgeklärte Gesellschaft, es verlernt haben, lässliche Sünden zu akzeptieren. Gerade gestern noch berichtete ein junger Wissenschaftler, der sich an einem renommierten Institut mit dem Prozess der Digitalisierung aller Lebenswelten befasst, dass derzeit in Berlin alles, was zu diesem Thema gedacht werden könne, mit der Ethikkeule erschlagen werde. Nun sind ethische Fragen immer berechtigt, wenn sie jedoch alles dominieren, befinden wir uns jedoch bereits auf dem Vorhof der Doktrin.

Pfarrer Alfons, so hieß der eingangs erwähnte sympathische Mann, rauchte übrigens nicht. Aber allein das Rauchen, das Trinken, das Essen, die Art Fahrrad zu fahren etc., also alles, was ein vernünftiges Wesen in den glorreichen Zeiten des Aufbruchs der Moderne selbst bestimmen konnte, sind einer argwöhnischen und doktrinären Begutachtung unterlegen. Eine Formulierung wie die der „lässlichen Sünde“ findet in der totalitären Sprache der neuzeitlichen Inquisition gar nicht mehr statt. Es hat den Anschein, als wäre die Nation nach 15 Jahren der großen Koalition unter christdemokratischer Führung gesellschaftlich dort angekommen, wo die Kirche schon nicht mehr war. Ein beklemmenderes Resümee lässt sich kaum anstellen.

Es ist, wie immer in Zeiten gesellschaftlicher Erstarrung, nun an der Zeit, dass sich das mutige Individuum wieder zu Wort meldet und dem folgt, was ihm auch Spaß macht und gut tut. Nein, ihr Krähen der argwöhnischen Beobachtung, nicht auf dem Rücken anderer, sondern gerade dort, wo die Souveränität des Individuums liegt: Im Hinblick auf die eigene Sache. Der allgemeine Zustand der Misanthropie, der aus jeder nur erdenklichen Perspektive beobachtet werden kann, muss abgelöst werden durch eine aggressive Verbreitung von Lust und Freude. Die Devise, nach der ein Neuanfang beginnen kann, muss, und natürlich rein metaphorisch, lauten: Misanthropen aufs Schafott!