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Julian Assange: Führte Francis Ford Coppola Regie?

Wie oft wurde es bereits formuliert? Immer wieder ist zu hören, in den schwierigen Zeiten wie diesen ginge es um Werte und um die Institutionen, die aus diesen Werten heraus geschaffen wurden. Nicht, dass das nicht stimmen würde. Das Triviale dieser Aussage besteht darin, dass das immer so ist. Bei jeder Tat, bei jeder Aktion, bei jeder Maßnahme ist darauf zu achten, ob es dem Selbstverständnis derer entspricht, die das alles veranlasst haben und ob die Organe, die dazu verhelfen, etwas umzusetzen, den Zweck erfüllen, zu dem sie erdacht wurden. Das, womit wir uns auseinanderzusetzen haben, ist nicht nur trivial, sondern auch brisant. Denn es sei die These formuliert, dass sowohl die viel zitierten Werte von Humanismus und Demokratie schon lange gekapert wurden von Akteuren, die mitten in den Institutionen sitzen, die ursprünglich den Zweck hatten, die Welt vor der Barbarei zu retten. Der Fehler, der sich nun aufdrängt, wäre, alles, was die bürgerliche Revolution hervorgebracht hat, zu verramschen, weil gewissenlose Hasardeure sich in die Machtzentren eingeschlichen haben. 

Das Organ The Last American Vagabond, welch schöner Titel, berichtete, der Festnahme des WikiLeaks-Gründers Julian Assange seien Aktivitäten von Weltbank wie dem Internationalen Währungsfonds vorausgegangen. Seitens der Weltbank seien ca. 6, seitens des IWF 4,2 Milliarden Dollar nach Ecuador geflossen. Dass, so wissen wir alle, diese Organisationen nichts ohne Zustimmung der USA unternehmen können, lässt die Vermutung zu, dass mit der Zusage an das schwächelnde Ecuador die Forderung ins Land schwappte, den Stinkstiefel Assange an das Land mit der Todesstrafe auszuliefern. Sollte das passieren, so ist klar, wird der Mann gebrochen und vernichtet werden. Es ist, als führte Francis Ford Coppola Regie!

Dass den monopolisierten Werte-Sendern hierzulande die Festnahme innerhalb einer Botschaft, die als Terrain des repräsentierten Landes gilt, durch britische Polizei nur eine Randnotiz wert war  und dass Big Mouth Maas sich gar nicht zu Wort meldete, lieferte wieder einmal den Beweis, dass die Werte von den Kaperern nur dann bemüht werden, wenn eigene Militäreinsätze argumentativ vorbereitet oder gerechtfertigt werden sollen. Und was hier gilt, betrifft selbstverständlich die internationalen Institutionen wie den IWF. Frau Lagarde als Verteidigerin der demokratischen Werte? Angela Merkel als Ikone des Humanismus? Macron als Fackel der Freiheit? Trump als Bollwerk der Demokratie? 

Die Diskussion um die Zukunft muss anders geführt werden. Sie muss sich konzentrieren auf neue Formen der demokratischen Organisation des Gemeinwesens, ja, aber sich muss auch endlich die Kehrtwende schaffen in Bezug auf das Bestehende. Diejenigen, die in den demokratischen Institutionen ihr Unwesen treiben, müssen aus diesen entfernt werden. Es kann nicht sein, dass die Geiselnehmer ungestört daher schwafeln können von der Demokratie und ihren Werten und gleichzeitig durch ihr Handeln das gesamte System pervertieren. 

Gegenwärtig erscheint es vielen so, als dass irgendwelche Verschwörungstheoretiker sich vorgenommen hätten, die verschiedenen Modelle der Demokratie zu zerstören. Die Erkenntnis muss allerdings lauten, dass die Zerstörer der Demokratie einen Großteil der demokratischen Institutionen bereits erobert hat und sie sie instrumentalisieren, um die Interessen derer zu vertreten, die mit welcher Demokratie auch immer nichts am Hut haben. Wer Putschisten Hoffnungsträger nennt, entlarvt sich selbst. Und wer so redet, hat in den demokratischen Institutionen nichts zu suchen. 

Die kurze Formel der Selbstzerstörung

Kurze Formeln sind dazu geeignet, Dynamik ins Spiel zu bringen. In der Regel werden sie der tatsächlich angetroffenen Komplexität nicht gerecht. Diejenigen, die die tatsächliche und umfassende Darstellung eines Zusammenhangs bevorzugen, werden sich immer gegen eine kurze Formel wehren. Letztere wiederum besticht dadurch, dass sie das Gros der Erscheinungen knackig auf den Punkt bringt. Das schätzen in der Regel diejenigen, die weiter handeln und schnell verändern wollen. So, wie es aussieht, sind durchaus Allianzen feststellbar. Konsolidierer, Tüftler und Statiker verbünden sich mit der umfassenden und detaillierten Darstellung. Innovatoren, Veränderer und Dynamiker bevorzugen die kurze Formel. 

Als die DDR noch existierte und ich dort den Verwandten einer Freundin besuchte, fiel mir einiges auf, was zwar funktionierte, aber so gar nicht der offiziellen Lesart der Verhältnisse entsprach. Es handelte sich in der Regel um praktischen Tausch und allerlei inoffizielle Hilfskonstruktionen, teils in realer Valuta, teils durch archaischen Handel vergolten. Als ich meine Frage stellte, wie das wirtschaftliche System denn nun funktionierte, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: Wenn jeder jedem was klaut, kommt keinem was weg. Als Freund der Formel war ich begeistert, brachte sie doch vieles, was ich gesehen hatte, auf einen Nenner und erklärte zudem gleich die – zugegeben etwas zynische – Begründung, warum dieses funktionierte.

Die DDR ist Geschichte und vieles, was über sie geschrieben wurde und wird hat immer noch das Stigma dessen, was im Kalten Krieg Revanchismus genannt wurde. Die Ideologie, auch und gerade nach 1990 die des Westens, sitzt der Geschichte noch zu sehr im Nacken, als dass sich Erkenntnisse Raum verschaffen könnten, die nach vorne wiesen. Die Formel des Freundes jedoch blieb mir immer positiv in Erinnerung. Seitdem versuche ich immer wieder, Formeln zu finden, die aktuelle Phänomene beschreiben und ähnlich genial sind. Es ist nicht einfach, aber die Übung alleine hat einen epistemologischen Wert!

Und bezogen auf das aktuelle Kommunikationszeitalter, mit seinen Identitäts- und Vertrauenskrisen, fiel mir gleich eine Formel ein, die zumindest so ähnlich klang. Ob sie das Problem tatsächlich annähernd trifft, mag die Leserschaft beurteilen: Wenn jeder jedem misstraut, haben alle recht.

Es geht bei der Formel nicht um die alles triggernde Ökonomie, sondern um das Ergebnis derselben in der technischen Sphäre der Kommunikation. Der allgegenwärtige Schrei nach der absoluten Transparenz ist das Indiz für ein nicht mehr vorhandenes Vertrauen. Das wurde zerstört in Institutionen wie in handelnde Personen, es ist das Ausmaß der kulturellen Krise schlechthin. Jede Meldung, die gesendet wird, ob aus einem Medienhaus, aus dem Munde eines Politikers oder einem oppositionellen Organ, wird auf ihren intentionalen Doppelcharakter untersucht. Erstens: Was ist die Botschaft und was soll sie bewirken. Zweitens, wenn es eine Falschbotschaft ist, was sagt sie aus und was soll sie bezwecken.

Der allgegenwärtige Vertrauensverlust hat dazu geführt, dass das Misstrauen die alles beherrschende Regung ist und lediglich das Vertrauen in das eigene Handeln noch Bestand hat. Folglich haben alle recht, wenn sie ihr eigenes Handeln begutachten, kommen aber zu dem Schluss, dass alle anderen falsch liegen oder Böses im Schilde führen. 

Wenn jeder jedem misstraut, haben alle recht. Ja, es ist eine Formel. Und ja, es ist ein Symptom der Selbstzerstörung.

Das Netz und das wirkliche Leben

Der Kabarettist Georg Schramm in seiner Rolle als Militärkopp war es, der in einem Sketch über die vermeintliche Verweichlichung unserer Tage das Bonmot ins Publikum rief, mit den junge Leuten heute sei nicht mehr viel los, sie vertrügen nicht einmal mehr Tabletten. Es handelte sich um eine Anspielung auf den mysteriösen Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel, der leblos in einer Badewanne eines Schweitzer Nobelhotels gelegen hatte und dessen Todesursache die Mischung von Barbituraten und Alkohol gewesen schien. Natürlich hatte Schramm die Lacher auf seiner Seite. Aber wie es so ist, gutes Kabarett übertreibt skurril, um auf beobachtbare Zustände hinzuweisen.

Die Bilder der heute so gerne diskriminierten alten weißen Männer liegen noch ein bisschen in der Luft. Herbert Wehner sprach von Politikern, die gerne lau baden, Fußballer, die gerade ihr gegenüber mit den Stollen aufgeschlitzt haben, sprechen davon, es handele sich eben nicht um einen Mädchensport und Gastronomen berichten darüber, wie sich Männer echauffieren, wenn sie Unisex-Toiletten aufsuchen sollen. Und selbst der homosexuelle und gar nicht alte Außenminister Westerwelle zeterte zu Lebzeiten über spätrömische Dekadenz.

Aber das sind Randerscheinungen, die Öffentlichkeit wird beherrscht von allen Schattierungen der Diversität, von Appellen an die Toleranz und von der Proklamierung humanistischer Werte. Gegen all dieses ist nichts einzuwenden, es ist der Ausdruck eines Zivilisationsgrades, der allerdings zunehmend unter Zugzwang gerät. Die Frage, die sich sowohl den Hardlinern verglommener Ideale wie den Befürwortern eins neuen Humanismus stellt, ist die, was denn nun tatsächlich gilt?

Klappt man die Displays nach unten, schaltet sein Smartphone aus und geht vom virtuellen ins reale Leben, so lässt sich feststellen, dass alle beschriebene Phänomene anzutreffen sind. Ich rate dazu, sich in die letzten Bastionen der Dart werfenden, rauchenden Machos zu begeben und den Dialogen in den noch vorhandenen Eckkneipen zu lauschen. Ich rate dazu, sich in eine Bahnlinie in die Banlieues der Republik zu setzen und sich die Befindlichkeit derer genau vor Augen zu führen, die gesellschaftlich eigentlich gar nicht mehr stattfinden. Ich rate dazu, in den gediegeneren Stadtteilen in eine Metzgerei zu gehen, in so eine, in der mit Kreditkarte bezahlt wird und die Kundinnen im Pelzmantel über Handy das Aussehen des Tatars beschreiben. Und ich rate dazu, sich in eines der kuscheligen Szene Cafés zu setzen, in denen auf den Tischen das Apple-Logo neben einem Kuchen nach Omas Rezept aufleuchtet und sich anzuhören, wie die Star-ups laufen. Und vielleicht ist es auch noch klug, sich auf dem Wochenmarkt die mögliche und nicht mehr mögliche Mischung der sozialen Klassen genau anzuschauen.

Die Quintessenz eines Exkurses ins so genannte richtige Leben wird sein, dass alles, was auf einer sprachlichen und politischen Meta-Ebene im Netz diskutiert wird, in realiter wirklich vorhanden ist und dass es zwecklos ist, den Diskurs ohne den Sauerstoff der Realität weiter zu führen. Es kommt darauf an, sich mit dem vor Ort auseinanderzusetzen, was existiert. Alles andere ist die Ermutigung zu Übertreibung und Mutlosigkeit. Denn wer die tatsächliche, physische Resonanz auf seine eigenen Äußerungen nicht wahrnehmen muss, mutiert nur virtuell zum Helden. Egal, welcher Prototypus auch angestrebt wird. Das gilt so für den richtigen Mann wie für die zivilisierte Frau. Und glauben Sie mir, diesen lupenreinen Gegensatz werden Sie – glücklicherweise – auf ihrer Exkursion nicht finden!