Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Eine pathologische Fehlinterpretation

Als ich las, dass im Falle Maaßen ein Weg gefunden worden sei, der die Wahrung des Gesichtes aller Beteiligten ermöglichte, musste ich, wie immer, wenn die Formulierung hierzulande benutzt wird, an die Verhältnisse in Indonesien denken. Dort, vor allem auf der Insel Java, dem kulturellen Zentrum des riesigen Inselstaates, spielt das Kehilangan Muka, das Verschwinden-Machen des Gesichtes, eine zentrale Rolle. Und Verlust oder Wahrung des Gesichtes sind Synonyme für die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft oder den sozialen Tod.

Gerade dort, in Asien, wo doch aus der alles erklärenden Sicht des Westens die Gemeinschaft alles, und das Individuum nichts bestimmt, geht es nicht ganz so zu, wie vermutet. Die Gemeinschaft und das Kollektiv spielen selbstredend eine größere Rolle als das Individuum, aber ohne die Arbeit und die Leistung der Individuen kann aus dem Kollektiv nichts werden.

Das Gesicht ist die Fassade und der Fokus, mit der und in dem das Individuum vor die Gemeinschaft tritt. Dieses Gesicht ist die Referenz, die das einzelne Individuum vorweisen kann und muss, um als Glied des Ganzen akzeptiert zu werden. In einem Punkt liegen die Vorstellungen, die im Westen gehegt werden, richtig. Gesichtslose finden keinen Eingang mehr in das Kollektiv. Und eine Existenz ohne das Kollektiv ist gleichbedeutend mit dem sozialen Tod. Nichts wird in diesem Teil der Welt mehr gefürchtet, als der Verlust des Gesichtes.

Die Entscheidung, ob ein Individuum sein Gesicht verliert, liegt nicht bei einzelnen Individuen, sondern beim Kollektiv. Wer die Regeln des Kollektivs verletzt und ruiniert, der bekommt es mit dem Kollektiv zu tun. Regeln und Sinn machen den gesellschaftlichen Konsens aus, nach dem gehandelt wird. Dort, in Südostasien, sind es vor allem Werte wie Harmonie, nach denen das Kollektiv strebt. Und so widersprüchlich es sich auch anhören mag: Wer die Harmonie des Kollektivs zerstört, der bekommt eine alles andere als Harmonie fördernde Reaktion seitens des Kollektivs zu spüren. Das kann dazu führen, dass gestörte Harmonie tatsächlich zum Tod führt. Ja, keine Metapher, ja, schlicht und physisch.

So profan das in diesem Kontext auch klingen mag. Von den Überlegungen des Kehilangan Muka hin zu der Beförderung des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten  Maaßen ist es ein nur sehr kurzer Weg. Und obwohl wir hier nicht in Asien leben, so soll die Metapher dennoch diskutiert werden.

Die Lösung des Falles Maaßen ist eine system-immanente und sie verkörpert etwas, was in diesen Tagen gerne als eine Win-Win-Situation bezeichnet wird. Maaßen ist aus seinem Amt entfernt und seine Kritiker bekommen Recht, Maaßen wir befördert und sein Vorgesetzter  bekommt Recht, Maaßen behält Zugriff auf den Apparat und die AFD bekommt Recht und Maaßen wurde bewegt und die Kanzlerin bleibt im Amt.

Das hört sich alles sehr gut an, jedoch nur system-immanent, also dort, wo die Rochade stattfand. Dieses Milieu gleichzusetzen mit dem entscheidenden Kollektiv wäre jedoch eine pathologische Fehlinterpretation. So etwas unterläuft Menschen, die den Bezug zum allgemein vorherrschenden Leben verloren haben. Das Gesicht verloren haben diejenigen, die sich diese Lösung ausgedacht haben. Da gibt es nichts mehr zu vermitteln. Da hat die Existenz des Kollektivs nichts mehr mit der Existenz der handelnden Individuen gemein. Das führt in Asien zum Bruch. Das führt in Europa zur Revolution.

Kaspar Hausers profane Logik

Vertrauen in unruhigen Zeiten III

„HIC JACET CASPARUS HAUSER AENIGMA SUI TEMPORIS IGNOTA NATIVITAS OCCULTA MORS MDCCCXXXIII“

„Hier liegt Kaspar Hauser, Rätsel seiner Zeit, unbekannt die Herkunft, geheimnisvoll der Tod 1833.“

Etwas Besseres als die obige Beschreibung Kaspar Hausers auf dessen Grabstein kann nicht passieren, um der Legendenbildung Tür und Tor zu öffnen. Es geht nicht darum, zumindest nicht hier an dieser Stelle, was von seinem Leben verifiziert werden und was als phantastische Erzählung eingeordnet werden muss. Der Streit über seine Existenz, vor allem über seine Herkunft, die Deutung seines Todes, die medizinischen Journale, alles das mündet in seriöse historische Quellenarbeit, die wichtig und notwendig ist, wenn es um die historische Figur geht.

Die Legende ist reich. Besagtes Kind, das bei Dunkelheit und karger Nahrung sein ganzes Leben versteckt gehalten worden sein soll, das der Sprache kaum mächtig war und dennoch durch eine brisante Intelligenz sogleich auf sich aufmerksam gemacht hat, dieser Kaspar Hauser wurde selbst zu Beginn des 19. Jahrhunderts über Nacht zur Sensation für Wissenschaftler aller Art, allen voran Mediziner und Philosophen. So ließ es nicht lange auf sich warten, bis das Interesse so weit führte, dass das Phänomen voller Wunder vorgeführt wurde.

Bei einer dieser Gelegenheiten, bei der sich die klugen Köpfe ein Bild machen wollten von den intellektuellen Fähigkeiten Kaspar Hausers, gaben sie ihm eine Aufgabe, die tückischer nicht hätte sein können. „Kaspar, du stehst an einer Weggabelung“, so lautete die Aufgabe, „und du weißt nicht, woher die beiden Wege kommen. Was du weißt, ist, einer kommt aus einem Dorf, in dem alle Menschen immer die Wahrheit sagen. Und der andere Weg kommt aus einem Dorf, in dem alle Menschen immer lügen. Du, Kaspar, stehst an der Kreuzung und du weißt nicht, wo die beiden Dörfer liegen. Und nun kommt dir auf einem der beiden Wege ein Mensch entgegen. Du hast nur eine einzige Frage, um herauszubekommen, aus welchem Dorf dieser kommt, aus dem Dorf der Lüge oder dem der Wahrheit. Was fragst du ihn?“

Die klugen Köpfe des Gremiums hatten lang diskutiert, wie wohl die Antwort lauten müsste. Reichte eine bloße Verneinung, kam man dem Lügner mit der Negation der Negation auf die Schliche, was durfte und konnte ein Mensch aus dem Dorf der Wahrheit alles sagen und was auf keinen Fall? Und war ein Lügner nur mit einer Frage überhaupt überführbar?

Die Spannung war groß, als der etwas ungelenke Jüngling sich mit seiner brüchigen Stimme daran machte, den hohen weisen Herren eine Antwort zu geben. „Verzeiht mir“ so begann er, „aber das, was ihr mir als Frage stellt, ist doch ganz einfach“. Bereits diese Einlassung verursachte bei den Mitgliedern des Gremiums teils überhebliches Lächeln, teils hochgezogene Augenbrauen. „Und“, so zischte der Wortführer zurück, „wie lautet dann die Antwort?“

Darauf Kaspar Hauser: „Hohe Herren, ich würde einfach fragen: Bist du ein Laubfrosch? So wüsste ich gleich, ob er lügt oder die Wahrheit spricht!“

Auch diese Überlieferung möge uns Mut zusprechen in jenen unruhigen Tagen, in denen wir unser Dasein zu führen haben. Wir brauen Mut, um Dinge auszuprobieren (Das Ei des Kolumbus), wir brauchen Entschlossenheit, um Kompliziertes zu lösen (Der gordische Knoten) und wir brauchen eine einfache, uns aus der eigenen Lebenserfahrung lehrende Logik (Kaspar Hausers profane Logik), um die Welt um uns herum zu begreifen und zu gestalten.