Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ein Plädoyer für die Polemik

Nichts geht über die hohe Schule der Polemik. Eine Kunst, die in den Zeiten der medialen Einschwörung eines so genannten Mainstreams auf den politischen Konsens, den die jeweils Regierenden für angebracht halten, in der Vergessenheit schlummert. Da wird in den diversen Talk Shows, inszeniert von Beschäftigten des öffentlich-rechtlichen Sektors oder von extrem gut bezahlten Freelancern, ein Konsortium von Gästen geladen, das dafür sorgt, dass das Spektrum der dort vertretenen Meinungen eingeschränkt ist und die anwesende Gesellschaft sich mit Bedacht im Kreise dreht. So mancher Beobachter soll da nicht an den auf dem Tisch stehenden Nüssen, sondern am Überdruss erstickt sein.

Diese Inszenierung geht seit Jahren so, eine neue politische Qualität hat sie nicht hervorgebracht, es sei denn, man zählte die Illusion, in der Politik sei alles verhandelbar, würde als eine solche angesehen. Zudem sind die Themen, die in den medialen Arenen der Ideologiebildung  vermeintlich verhandelt werden, von ihrem Charakter her immer sehr gut geeignet, von dem abzulenken, was tatsächlich wichtig ist und Wirkung zeigt. Es geht nicht um Politik, es geht um Symbolpolitik. Ein essenzieller Unterschied!

Der Umgang, der an diesen Stätten der Nebelbildung gepflegt wird, ist der des gegenseitigen Wohlverhaltens, entlehnt aus der alten Weisheit des „Weltmannes“ aus den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges:

„Was ist politisch sein?

Versteckt im Strauche liegen,

Fein zierlich führen um,

Und höflich dann betrügen.“

Dass sich aus dieser charakterlich nicht sonderlich leuchtenden, die Debattenkultur wenig befördernden, aber den formalen Ansprüchen genügenden Verhaltensweise ein Muster für das eines aufrechten Demokraten ableiten ließe, ist eine weitere Illusion aus der Ideologiebildung derer, die streng im Auftrag der Verdunkelung, der Mystifikation und der Irreleitung unterwegs sind. Sie haben gute Arbeit geleistet, weil der Streit, der notwendig ist, um Interessen durchzusetzen, großflächig paralysiert ist. 

Neben vielem anderen, was sich ändern muss, ist das Medium des Streits um politische Positionen, die Polemik, etwas, das wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden muss. Die Front gegen die gute, scharfe und stechende Polemik steht. Dort wird sie verleumdet als etwas nicht den Tischsitten Entsprechendes, als ein barbarischer Akt. Auch das ist eine frivole Entgleisung der Meinungsbildung. Die Hetze, die zunehmend verbreitet wird, ist gerade ein Resultat einer systematisch abgewürgten Diskussion um die eigentlichen Themen der Politik. Der vermeintliche Streit um die Petitessen der Sachbearbeitung lenkt nur ab von dem, was Richtung weist. Das Einzige, was dabei wächst, sind die Zorndepots. 

Immer, wenn eine Akteurin oder ein Akteur in der Öffentlichkeit auf die hohe Kunst der Polemik zurückgreift, springen die faltigen Gouvernanten des befriedeten Mainstreams aus ihren Mottenboxen und beginnen ein großes Gezeter um den Verlust der politischen Sitten. Ja, die politischen Sitten sind seit langem verfallen, unter anderem, weil die Tischdamen der Vernebelung die Polemik aus dem Lokal verbannt haben. 

Hugo Ball, einer der Vertreter der historischen Avantgarde, sprach von den Schwertern der flammenden Sapienz, die es gelte, hervorzuholen, um das Verstaubte, Alte, Überkommende herauszufordern und ihm die Choreographie des Fortschritts aufzuzwingen und zu zeigen, dass die Eleganz der Zukunftsperspektive dem rostigen, ungelenken Geklirre der alten Interessen weit überlegen ist. 

Ein Plädoyer für die Polemik ist ein Appell an eine neue, impulsive, entfesselte geistige Offensive, die erforderlich ist, um den inszenierten Tiefschlaf zu beenden. Denn wer jetzt weiterschläft, der wacht nie mehr auf! Ca ira!

Historische Relativität

Historische Relativität! Noch so ein Begriff, der aus dem Handwerkskasten des Denkens allmählich verschwunden ist. Sein Überdenken wäre in Zeiten gravierender Veränderungen umso wichtiger. Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Nicht nur Mephistopheles in Goethes Faust wusste das, sondern das kritische Denken, das der klassischen Deutschen Philosophie folgte, insgesamt. Alle wussten, dass alles, was existiert, eben auch Gesellschaftsordnungen und ihre Institutionen, nur in bestimmten historischen Kontexten Bestand haben konnten und irgendwann Bedeutung wie Existenz verloren. Ein ganz normaler Vorgang also. Wenn man um die historische Relativität weiß. Kein Grund zur Panik also.

Diese Panik aber ist es, die derzeit viele Diskussionen überstrahlt. Warum? Weil viele Menschen davon ausgehen, dass mit dem Untergang von Ordnungen und Institutionen, so wie wir sie kennen, der Untergang der gesamten Gattung Mensch oder gar des Planeten einherginge. Wer sich ein Bild von der Untergangsphantasien vorheriger, längst überlebter Epochen machen will, möge das tun, große Bibliotheken sind reich gefüllt mit den Horrorszenarien der letzten Tage untergehender Ordnungen. Dass die Zerstörungspotenziale in Bezug auf Menschheit und Planeten in einem nie gekannten Ausmaß vorhanden sind, ist nicht zu bezweifeln. Wie wäre es jedoch, ihre Destruktivität in Verbindung gerade mit dem Funktionieren der bestehenden, wankenden Ordnung in Beziehung zu setzen?

Wenn das Prinzip der Kapitalverwertung und des damit korrelierenden permanenten Wachstums Ursache für die krisenhafte Entwicklung sind, dann kann der Zerfall dieser Ordnung zuversichtlich stimmen. Die Frage ist nur, ob mit dem Zerfall der politisch und gesellschaftlich relevanten Institutionen nicht gerade die alte, destruktiv wirkende Ordnung einen weiteren Versuch startet, ihre eigene, unangefochtene Herrschaft weiter auszubauen? Auch dafür existieren historische Beispiele. Notbremse für historisch überlebte System bildet immer die Diktatur. Auch, wenn eine solche nur herausschiebende Wirkung hat, von den humanen und kulturellen Schäden einmal abgesehen.

Und noch einmal zurück zur historischen Relativität. Das, was momentan zu beobachten ist, dokumentiert nahezu eine klassische Situation eines solchen Falles. Die bestehende Ordnung produziert eine Krise nach der anderen und ihre eigenen politischen Institutionen sind nicht mehr in der Lage, diese Krisen so zu managen, dass die Benachteiligten und Opfer der Ordnung nicht zunehmend zu der Überzeugung kämen, dass sich grundsätzlich etwas ändern müsste. Insofern befinden wir uns in einer komfortablen Situation. Das Nadelöhr, durch das die Erkenntnis von der historischen Relativität der alten Ordnung und dem Versuch von etwas Neuem muss, ist die politische Artikulation des Willens, das auch zu wollen.

Und auch in diesem Kontext stellt sich die Frage nach der historischen Relativität. Sind Mittel wie politische Zusammenschlüsse und Parteien im altbekannten Sinne noch die Instrumente, die dabei helfen, Menschen so zu vereinen, dass sie als politisch organisierter Wille in der Lage wären, Veränderungen zu gestalten? Scheitert es an der Organisationsform solcher Zusammenschlüsse oder sind die Menschen, die heute anzusprechen sind, bereits sozial nicht mehr dazu in der Lage, weil sie durch die exzessive Fortführung des systemimmanenten Individualismus nicht befähigt oder willens sind, ihren alltäglichen Willen einem höheren sozialen Ziel unterzuordnen? 

Die Hitze, die in allen mit den aufgeworfenen Debatten entsteht, führt nicht zu den Ergebnissen, die erforderlich sind, um kühlen Kopfes die notwendigen Veränderungen zu gestalten. Das Phänomen der historischen Relativität dabei im Kopf zu behalten, ist ein empfehlenswertes Mittel, um den Pulsschlag nicht allzu sehr nach oben zu treiben. Was sich überlebt hat, geht auch unter. Und was kommen muss, das kommt. Mit und ohne eigene, innere Erregung.