Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

In der Sphäre rauchender Colts

Ich erinnere mich an eine Situation, wo mich mein in der westlichen Hemisphäre geprägtes Weltbild nicht mehr weiterbrachte. Es war im Indonesien um die Jahrtausendwende. Das Land hatte sich von dem eisernen Griff des Diktators befreit, aber viele Kräfte des alten Regimes wirkten noch hinter und vor den Kulissen. Vieles war lebensgefährlich für diejenigen, die den Neuanfang gewagt hatten und niemand hätte vorhersagen können, wie der Machtkampf letztendlich ausgeht. Es ist erst Mitternacht, so sagten viele in der Metapher des Schattenspiels, und das bedeutete, dass noch bis zum Sonnenaufgang einiges geschehen konnte. 

In dieser Lage bot sich die Möglichkeit, durch schnelles Handeln einen taktischen Vorteil bei der neuen Regierungsbildung zu erhalten. Nur die Person, die hätte handeln müssen, tat es nicht. Sie blieb in dieser Phase zu lange passiv, sodass der Vorteil nicht mehr gegeben war. Ich war zugegen, als die Frage mit der Person von sehr enttäuschten Mitstreitern angesprochen wurde. Zum Teil wütend wurde der Mann konfrontiert, und es handelte sich um jemanden, der durchaus als ein Profi im Spiel der Macht bezeichnet werden konnte. 

Er begründete sein Nicht-Handeln mit den schlichten Worten, er habe Angst gehabt. Was in mir Verblüffung auslöste, widersprach es doch allem, was sich ein Mann, im Spiel der Macht, in unseren Breitengraden, leisten konnte, so war es für seine Mitstreiter die einzige Erklärung, die sie akzeptierten. Wenn das so ist, so die erleichterte Reaktion der anderen, dann hast du richtig gehandelt. Denn Angst, Angst haben wir alle, aber wenn sie zu stark im Spiel ist, dann wird es zu gefährlich. Dann können Dinge passieren, die man nicht mehr kontrollieren kann. Weder faktisch noch emotional.

Wie so oft in dieser Zeit unterzog ich mich der Übung, das Ereignis in meinen Kulturkreis zu übertragen. Ich stellte mir vor, ein erfahrener und versierter Politiker bliebe in einer Lage, in der er sich profilieren und seiner Sache dienen könnte, einfach passiv und er er erklärte hinterher den enttäuschten Beobachtern und der lauernden Presse, er habe schlichtweg Angst gehabt. Die Reaktion wäre eine andere gewesen als in Indonesien. Man hätte sich über diesen Menschen empört, man hätte an seiner Männlichkeit gezweifelt, man hätte ihm die Eignung für die Politik abgesprochen und die Witze, die über ihn gerissen worden wären, hätten kein Ende genommen.

Bei der Betrachtung dieses Ereignisses geht es nicht um die Konfrontation von Weltbildern. Das wäre vielleicht westlich, sondern es geht um die Reflexion von Menschen, Rollen und Zuständen, vielleicht eher östlich, wenn diese Kategorien nicht zu unscharf sind.

Denn der Mann, um den es ging, hatte ja nicht sein Recht auf Angst eingefordert und eine große Toleranz gegenüber seinem Verhalten, das durch Passivität gekennzeichnet gewesen war, verlangt, sondern er hatte eingestanden, dass sein persönlicher Zustand kein guter gewesen war, um in einer bestimmten historischen Situation einem Handlungsmuster zu folgen, das plausibel erschien. Das ist hohe Reflexion, scharfer Verstand und Empathie zugleich. 

Es geht darum, diese Form von Zivilisation besser kennenzulernen und von ihr zu lernen. Jeder Tag, der vergeht, ist ein Lehrstück, wie barbarisch und brachial die Umgangsformen sind, die aus dem Westen gegenüber anderen Kulturen, die reflektiert handeln, an den Tag gelegt werden. Da bewegt man sich in der Sphäre rauchender Colts und denkt nicht darüber nach, wie das auf die Zukunft wirkt. Dabei ist Angst natürlich Tabu. Aber sie existiert, überall.  

Alles Lüge?

Alles Lüge? Alles Propaganda? So einfach ist es nicht! Die Kritik an der Berichterstattung über die Ereignisse und Begebenheiten auf dieser Welt durch staatlich gesicherte Institutionen ist vielseitiger, als viele in ihrer berechtigten Kritik noch wahrnehmen. Immer wieder sind Quellen und Sendungen zu registrieren, die einen durchaus qualifizierten und kritischen Zugang zu den Phänomenen erlauben. Sie sind versteckt, entweder auf Kanälen, die nicht massentauglich sind oder sie werden ausgestrahlt zu Zeiten, während derer viele bereits im Bett liegen.

Ein anderer Aspekt, der tatsächlich durch die Unterstellung der bewussten Unterlassung oder Fehlinformation gut beschrieben ist, ist die politische Manipulation. Auch die findet statt, und zwar zu den Hauptsendezeiten. Ein aktuelles Beispiel ist die Berichterstattung über die Protestbewegung und den Streik gegen Macrons Rentenpläne in Frankreich. Da wird ganz klassisch im Sinne der Propaganda gearbeitet: die Franzosen dürfen schon viel früher aufhören zu arbeiten, ihr Rentensystem ist ein riesiger bürokratischer Apparat und sie streiken halt gerne. Schön gesprochen. Dabei handelt es sich um einen Unsinn, der auch im I. Weltkrieg aus deutschen Schützengräben hätte kommen können. 

Was die vereinigte Gilde der Nachrichtenmacher nicht machen, außer durch das Vorenthalten von Fakten und die Inszenierung bewusster Emotionalisierung, ist zu erklären, was jedermann, der sich mit dem Thema beschäftigt, sofort sieht, ist die Erklärung der Bilder. Auf denen, und zwar nahezu allen, die zahlreich verfügbar sind, führen die Streikenden als große schwarze Ungeheuer dargestellte Figuren und Transparente mit, auf denen Black Rock steht. Dass diese Tatsache darauf schließen lässt, dass es bei diesem heftigen Kampf um die Privatisierung der Rentenkassen geht, diesen Schluss konnte man bis heute nicht hören. Die Qualifizierung dieses Vorgehens als politische Propaganda ist durchaus zulässig.

Und neben der tatsächlich guten Recherche und deren bewusster Unterdrückung kommt zunehmend noch ein Phänomen hinzu, das aus vielleicht am besten als ein Schreiben und Berichten im Trend genannt werden kann. Dabei handelt es sich um die unreflektierte Übernahme bestimmter Erklärungsmuster, die gesellschaftlich en vogue sind. Das beste Beispiel dafür ist die Behauptung, die Waldbrände in Australien seien auf den Klimawandel zurückzuführen. Es hört sich plausibel an, ist als ein Teilaspekt nicht auszuschließen und stösst auf allgemeine Zustimmung. Was es verschleiert, ist die Tatsache, dass die Verheerungen durch die Privatisierung von Wasser ausgelöst werden. 

Der Wasservorrat in Australien stammt aus den immer noch vorhandenen Reservoirs aus dem tropischen Teil. Dort wurden allerdings die unterirdischen Quellen angezapft und das Wasser in privat betriebene Stauseen geleitet. Als Folge blieben alle Flüsse trocken und somit dörrte das Land dort aus, wo es zwar klassisch saisonal brennt, es aber durch eine Grundfeuchtigkeit nicht zu solchen Folgen kam. Übrigens ein analoges Phänomen wie in Kalifornien, wo die Wasserprivatisierung ähnlicher Natur dafür sorgt, dass die Wälder brennen und die Swimmingpools voll sind.

Die Reaktion auf diese aus Unwissenheit resultierenden Berichterstattung sind Debatten über die eigene Verantwortung der hiesigen Bevölkerung in Bezug auf ihr Konsumverhalten. Auch diese Frage ist berechtigt, aber sie lenkt gewaltig ab von den tatsächlichen Ursachen der mehr und mehr um sich greifenden global relevanten Umweltkrisen. Alles ist zulässig, nur nicht die Schlussfolgerung, dass die freie Wirtschaft und die in ihr aktiven Kräfte der rücksichtslosen Gier etwa mit der Zerstörung des Planeten zu tun hätte.

Ja, es ist komplex. Mal ist es Propaganda, mal ist es guter Journalismus und mal ist es grenzenlose Naivität. Die Zeit für eine solche Unterscheidung sollte man sich nehmen, sonst ist man schnell in einem Strudel, in den man einfach nicht gehört.