Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Krise II: Solidarität statt Voyeurismus

Es sind ungewöhnliche Einblick in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in diesen Tagen bieten. Die Reduktion des allgemeinen Verkehrs auf das Wesentliche, um Leben zu erhalten, nährt plötzlich die Erkenntnis, dass die Arbeit nicht unbedingt die zentrale Sphäre dessen ist, was uns existieren lässt. Es erklärt sich von selbst, dass die Produktion bestimmter Güter notwendig ist, um uns existieren zu lassen. Nun wird jedoch klar, dass die Grundbedürfnisse zählen und die künstlich erzeugten, die normalerweise als lebensnotwendig erscheinenden Gelüste in den Hintergrund treten. Vieles, so könnte die zynische Schlussfolgerung lauten, was wir als lebensnotwendig erachten, ist virtuell. Uns wird immer wieder suggeriert, und an diesem Prozess nehmen wir allzu gerne teil, dass wir das alles brauchen, was uns der immer vom Wachstum abhängige Markt so offeriert. Und jetzt stehen wir da und merken, so ist es nicht. 

Es hat sich schnell herumgesprochen, ohne dass eine amtliche Anordnung erforderlich gewesen wäre, dass es zwei Dinge sind, die unser Wesen bestimmen. Dies ist die Reproduktion und die soziale Interaktion. Ohne Nahrung und Kleidung wird es uns nicht lange geben. Ebenso ist es mit dem sozialen Kontakt. Wird der auf ein Minimum reduziert, dann bäumt sich die Gattung Mensch verzweifelt dagegen auf. Die Krise berührt beides. Und solange die basalen Bedürfnisse befriedigt werden können, ist mit Ruhe zu rechnen. Heikel wird es mit der Notwendigkeit des sozialen Austauschs. Wird der weiter herunter gefahren und sogar untersagt, dann wird das für eine gewisse Zeit, aber nicht lange, halten. Und allen, die jetzt an die Vernunft appellieren, sei gesagt, es hat mit Vernunft nichts zu tun. Menschen müssen kommunizieren und sie wollen kooperieren. Wenn sie das nicht mehr dürfen, dann gehen sie ein. Die Fähigkeit, sich mit sich selbst für eine gewisse Zeit zu arrangieren, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche begrüßen die nun mögliche Eremitage, andere sind bereits nach wenigen Tagen mit den Nerven am Ende.

Trotz aller Kulturkritik und trotz vieler, ja so gerne publizierter Erscheinungen, die zu einer heftigen Dystopie einladen, der Blick auf das Geschen der letzten Tage im ganz profanen Kontext erlaubt es, der Hoffnung wieder einen größeren Stellenwert zu geben. Direkt vor der eigenen Haustür findet ein Leben statt, das ganz unaufgeregt der eigenen Bestimmung folgt. Da werden aus den täglichen, zumeist unter großem Zeitdruck abgearbeiteten Routinen kleine Feste der sozialen Interaktion. Da ist die Zeit und der Wille vorhanden, nicht nur seiner eigenen Agenda zu folgen, sondern da wird aufgepasst, was die anderen um einen herum so treiben. Nicht im voyeuristischen, sondern im solidarischen Sinn. Plötzlich ist überall der Wille zu verspüren, denen zu helfen, die der Hilfe bedürfen. 

Und es geht auch ohne institutionelle Organisation. Spontan, auf den Wiesen am Fluss, tauchen Akrobaten auf, die ihre Kunststückchen aufführen und dabei aus der Ferne geherzt werden, oder da sind die Musiker, die schon immer da waren und für Geld gespielt haben, die sich für ihre Beiträge zu einem Imbiss einladen lassen. Es ist keine Glorifizierung von Mangelwirtschaft, zu der eingeladen wird, sondern es ist ein Verweis auf Möglichkeiten, die in der sozialen Anlage immer noch bestehen, trotz eines immer wieder medial gepushten Krieges auf die sozialen Sinne, die in der Gattung schlummern. Und die Typen, die ansonsten die öffentliche Aufmerksamkeit geniessen, weil sie den Hals nicht vollkriegen, die wären, in der momentanen Situation des Ausnahmezustands, sehr schnell am Pranger. Dort, wo das Leben noch stattfindet, im Laden, auf der Straße, im Park. Und wir stellen fest, es geht auch ohne sie, und niemand scheint sie zu vermissen. Schleicht euch!

Krise I: Zeit für eine neue Zeit!

Krisen bieten die Möglichkeit, sich bestimmte Verhaltensmuster, die für das gesellschaftliche Leben relevant sind, auf dem Silbertablett zur Besichtigung an. Unter Stress kommen die Programme zu Tage, die tief im Innern schlummern und dann aktiviert werden, wenn sich das Bewusstsein auf einer Achterbahnfahrt befindet. Das ist die Stunde der Archetypen, der einem jeden Menschen zugrunde liegenden Disposition. In diesem Zusammenhang sind bestimmte dieser Grundtypen aus der Personalentwicklung interessant. Es sei nur an die vier aus einem bestimmten Sortiment erinnert, die unterteilen in Bauern, Jäger, Entertainer und Wissenschaftler. 

Da sind die Bauern diejenigen, die nach Naturgesetzen, Jahreszeiten und Routinen ihren Job machen und ansonsten gerne in Ruhe gelassen werden wollen. Die Jäger hingegen sind die Führungskräfte, die auf Beute aus sind und sie auch nach Hause bringen. Entertainer wiederum sind die Kommunikatoren, die für Stimmung sorgen und alle ein bißchen von der Arbeit abhalten. Und die Wissenschaftler schirmen sich von den äußeren Einflüssen ab und nehmen die Details bis zum mikroskopischen Exzess unter die Lupe. Selbstverständlich haben alle ihre Funktion im Gesamtgefüge und jeder und jede nimmt eine wichtige Rolle wahr. Spielen Sie die Optionen dieses Modells einmal an Ihren eigenen Verhältnissen durch. Da wird Ihnen das eine oder andere Hilfreiche auffallen.

Wenn wir über die momentane Krise reden und das, was sich daraus politisch und gesellschaftlich ergibt, dann wird sehr schnell deutlich, dass es um die Qualität des vorgefundenen Jäger-Typus geht. Die Qualität der Politik wird von Jägern gemacht, deren Aufgabe es ist, Ergebnisse zu bringen. Was bereits lange vor der tiefen Krise sehr deutlich wurde, ist der Umstand, dass wir es zunehmend vor allen Dingen mit Bauern und Entertainern zu tun hatten. Die eine Gruppe ist der Auffassung, dass es ihre Aufgabe ist, sich in konkrete Sachbearbeitung zu begeben, und die andere profiliert sich als Entertainer und kaschiert diese exklusive Betätigung mit dem Argument der vordringlichen Notwendigkeit der Kommunikation. 

Bereits jetzt, in einem frühen Stadium der Krise, wird deutlich, dass die einmalige Gelegenheit, die der Zusammenbruch der Gewissheiten bietet, von dem handelnden Personal noch nicht genutzt wird. Was zu beobachten ist, sind Grundmuster, die vor allem dem Gefühl der Angst und der Hoffnung auf Sicherheit entspringen. Das ist verständlich, bringt jedoch nicht weiter. Wer sich jetzt nicht bewegt, um keine Fehler zu machen, schadet der Zukunft und damit der jungen Generation mehr als alle Ökoverbrecher und Chauvinisten zusammen. Denn jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um eine historische Wende in die Wege zu leiten.

Die Frage könnte auch anders formuliert werden: Was muss der Wirtschaftsliberalismus als geistiges Mantra der börsengesteuerten, geld-akkumulativen globalisierten Wirtschaftsweise noch alles verantworten, bevor sich die Einsicht breitmacht, dass die Zeit für eine neue Zeit gekommen ist? Nahezu die gesamte politische Klasse singt immer noch das Lied der Zerstörung des Gemeinwesens zugunsten des so genannten freien Marktes. Sehen Sie sich die Verhältnisse an, wie sie sich vor unseren Augen ausbreiten und gleichen Sie sie ab mit der Aussage, der Markt regele alles! Nichts wirkt frivoler als diese Aussage! 

Wenn es ein starkes Plädoyer für ein intaktes, aus der Preis-Profit-Spirale entrissenes Gemeinwesen gibt, dann jetzt. Und wenn sich ein Argument gegen die systemimmanente Sachbearbeitung in der Politik mit aller Macht Geltung verschafft, dann in diesem Moment. Es geht um Strategie, und zwar für ein neues Zeitalter.