Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Nexus von Macht und sexueller Unterwerfung

Mit Bombshell. Das Ende des Schweigens hat Regisseur Jay Roach einen Film ins Kino gebracht, der die Sprengkraft, die das Thema der sexuellen Belästigung und Erniedrigung in der amerikanischen Gesellschaft entfaltet hat, noch einmal zurück zu ihrer Initialzündung verfolgt. Es geht um die Skandale, die während des amerikanischen Präsidentenwahlkampf 2016 im rechtskonservativen Nachrichtensender Fox News ans Licht kamen. Roger Ailes, der Tycoon, der den Sender aufgebaut und zu dem rechten Sprachrohr gemacht hat, als das es heute bekannt ist, hatte der Redakteurin, die den Präsidentschaftskandidaten Trump in einem Interview sehr hartnäckig nach seinem Verhältnis zu Frauen befragt hatte, bekam von ihrem Chef keine Unterstützung, als sie von Trump-Anhängern zur Zielscheibe zahlreicher, verletzender Angriffe wurde. Ailes war mit Trump befreundet und wollte ihn mit ins Amt hieven.

In diesem Kontext kommen die Frauen zu Wort. Diejenigen, die trotz riskanter Konsequenzen damit beginnen, das System Ailes zu enthüllen und ihn dastehen zu lassen, als das, was er ist: Als ein Mann mit Macht, der Loyalität von den Frauen einfordert, die er protegiert. Unter Loyalität versteht er sexuelle Gefälligkeiten. Bei Einstellung lässt er sie vor ihm posen und begründet das damit, Fox News sei ein visuelles Medium.

Dramatisch ist die Aufteilung der Frauen in verschiedene Lager zu beobachten. Diejenigen, die aus Angst lieber schweigen, diejenigen, die die an die Öffentlichkeit tretenden Frauen ihrerseits als Verräterinnen anklagen und diejenigen, die einfach das Weite suchen, ohne sich an der Auseinandersetzung zu beteiligen. In den unterschiedlichen Lagern kommen nicht nur die Zweifel zum Vorschein, sondern auch die harten Wahrheiten. Es gibt auch Frauen, die sich weigern und die Grenzen ziehen. Sie opfern die schnelle Karriere für ihre Würde und Selbstbestimmung. Auch diese Option findet in dem Film Gehör und macht ihn deshalb so wertvoll.

Der Film verdeutlicht, ohne plakativ zu sein, die Brisanz des Themas für die tatsächlich betroffenen Frauen. Und er zeigt, wie die Marionettenspieler im Hintergrund, in diesem Fall der Medienmogul Murdoch, dem Fox News gehört, mit den Figuren umgehen, die da im News-Geschäft unterwegs sind.

Übrigens ist der Film eine Nacherzählung dokumentierter Ereignisse. Obwohl die Versuchung groß ist, hat Regisseur Jay Roach nicht mit Klischees gearbeitet. Selbst die Opfer haben Fehler und die Täter menschliche Züge. Das macht alles sehr glaubhaft. Auf Enthüllungen dieser Art warten wir noch in unseren Breitengraden. Wer glaubt, es gäbe den Nexus von Macht und sexueller Unterwerfung hierzulande nicht, der möge weiter träumen. Allen anderen sei der Film dringend empfohlen.  

Thüringen: In Erwägung eurer Schwäche übernehmen wir die Regierung selbst!

Kennen Sie das? Da ist irgendwo ein Spiel im Gange, von dem alle denken und wissen, dass es in die falsche Richtung führt, aber es geht weiter und weiter. Die Konstellation der Beteiligten ist fatal, das Misstrauen herrscht vor und die Versuche, aus dem verhängnisvollen Zirkel der Verwerfung herauszubrechen, schlagen fehl. Alle sind im Recht und niemand sieht sich genötigt, die eigene Position zu verlassen. Also geht die ganze Sache einem Desaster entgegen. Selbst dann, wenn einzelne Teile des Ensembles beginnen, sich zu besinnen, um doch noch die komplette Handlungsunfähigkeit abzuwenden, führt es zu nichts, weil neben den Akteuren, die im inneren Kreis des Geschehens Verantwortung tragen, auch noch Dirigenten hinzukommen, die von außen jeden Versuch, so etwas wie Vernunft oder Gemeinwohl walten zu lassen, mit den verhängnisvollen Dogmen der eigenen Hausideologie sabotieren. 

Was in solchen Situationen eigentlich bleibt, ist der Aufstand derer, in deren Namen dort gehandelt wird. Sie sollten nicht einfach nur rebellieren und Mülltonnen in Brand stecken, nein, sie sollten demonstrativ selbst, vielleicht anfangs auch nur symbolisch, die Regierungsgeschäfte übernehmen und damit dokumentieren, dass die politische Handlungsfähigkeit der waltenden Akteure nicht mehr gegeben ist. Natürlich ist die Rede von Thüringen und natürlich muss hier noch etwas gesagt werden zu der sektiererischen Haltung der CDU. Aber stellen Sie sich vor, ein Komitee zur Geschäftsführung Thüringens würde am Montag die Presse rufen und darüber berichten, wie es weitergehen soll. Die direkte Demokratie würde aktiviert, Betriebsräte, Kommunalparlamente und die Assoziationen von Unternehmern wie Verbrauchern setzten sich zusammen und berieten, wie es weiter ginge. Das wäre wesentlich konkreter wie das Lamento über das furchtbare Stück, das da im Landtag aufgeführt wird.

Wahrscheinlich wäre das die konstruktivste Art, um den Unwillen zur Schau zu stellen, der durch das Handeln vor allem von FDP und CDU entstanden ist. Während sich die FDP öffentlich entschuldigt hat, was sie allerdings nicht glaubwürdiger macht, legt die CDU momentan ein Schauspiel hin, das sie in hohem Maße als das erscheinen lässt, was sie schon immer war. Ein Sammelbecken für sehr unterschiedliche politische Positionen und Akteure: für Konservative aus Bürgertum und Kleinbürgertum, für Christlich-Klerikale, für mittelständische Unternehmer, für Altnazis und für offene und verdeckte frühere SED-Mitglieder. Das ist ein Punch, der, steht er einmal zu lange auf dem Herd, explodiert und das ganze Interieur versaut. Der Augenblick ist jetzt und alle haben es bemerkt, nur die Chefideologen im Berliner Hauptquartier noch nicht. Welche Tragik, dass die sich immer selbst als Volkspartei Begreifende nicht in Schönheit, sondern als hässliche Fratze dahinstirbt. Das Schicksal kann brutal sein. Aber, wie hieß einer der Erziehungsleitsätze der Nachkriegspädagogik? Richtig, wer nicht hören will muss fühlen. 

Doch, so schrecklich der Blick auf das Tagesgeschehen auch immer sein mag, wer nach vorne blickt, kann sich die Welt neu modellieren und dabei Hoffnung schöpfen. Natürlich gibt es auch Dystopien, aber das Geschäft sollte den politisch Depressiven überlassen bleiben. Also stellt sich, ganz konkret, nun die Frage, von wem in Thüringen die Initiative ausgehen könnte, um keine, wie immer auch das Wahlrecht aushebende „Expertenregierung“ installieren zu lassen, sondern die Wählerinnen und Wähler selbst in die Geschäftsführung des Landes zu bringen. Gewerkschaften, Verbände und Kommunen haben eine einmalige Chance, ein Zeichen zu setzen, das in die Zukunft weist!