Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Was für ein Tag!

Manchmal reicht die Rekonstruktion eines Tages aus, um die Lage, auch die komplexere, so zu beschreiben, wie sie ist. Und mit etwas Glück kommt dabei auch so etwas wie eine logische Schlussfolgerung heraus. Das Gute und Entlastende dabei ist, sich die Mühe sparen zu können, die unternommen werden muss, um eine bestimmte Botschaft zu suggerieren. Letztendlich kommt es immer auf den Versuch an:

Gestern, am frühen Morgen, als die Nachrichten über die Geschehnisse in Hanau noch sehr nebulös waren, beschäftigte mich der Gedanke an Thüringen. Ich musste zurückdenken an die mühseligen Versuche, im Jahr 2017, nach der Bundestagswahl, eine Koalition zustande zu bringen, die Frau Merkel das Schicksal ersparte, mit einer Minderheitsregierung regieren zu müssen. Nach den gescheiterten Verhandlungen zu einer so genannten Jamaika-Koalition, die den Ruf den Landes in der Karibik nachhaltig beschädigt hätte und wahrscheinlich als Coffee-Shop-Coalition in die Geschichte eingegangen wäre, ließ sich die SPD, die sich ihrerseits bereits für die Opposition entschieden hatte, von einem Bundespräsidenten aus ihren eigenen Reihen dazu erpressen, es noch einmal Frau Merkel und ihrer Partei bequem zu machen. Verkauft wurde das als Staatsräson.  Dieselbe Partei, die damals den Gedanken der Staatsräson vom Präsidenten dankend aufnahm, eben diese CDU, sagt bei einem modifizierten Umstand, wo eine Regierung die Bürde eines Minderheitsmandats auf sich nehmen würde, bei der Mahnung an die Staatsräson schlicht: Nö!

Und so war die Überleitung gegeben für die Meldungen aus Hanau. Der Kontext wie das Setting ist immer dasselbe. Alle sind entsetzt, und es wird von feigem Mord gesprochen, was mich immer zu der Frage veranlasst, ob es mutige Morde gibt. Vielleicht der an Sulejmani? Wer weiß. Seit den 1990iger Jahren des letzten Jahrhunderts kommen rassistisch motivierte Morde vor. Wer zündelt, ist immer bekannt. Und diejenigen, die jetzt aus der CDU auf die AFD zeigen, sehnen sich nach Leuten wie Roland Koch? (Sein Slogan: Kinder statt Inder!). Oder hat hier irgend jemand etwas gelernt? Wie wäre es mit einem zeitgemäßen Staatsbürgerrecht? Jus Solis. Schon einmal gehört? Dann könnte man sich auch den kaum noch zu ertragenden Unsinn sparen, und in einer Sprache, die alles verrät, von einem mutmaßlichen Täter, der scheinbar geistig verwirrt war und von Opfern mit Migrationshintergrund zu sprechen. Die in den Jahrzehnten vorgenommene Modifikation in der Sprache der Verlautbarung haben nichts geändert. Es sind Faschisten und Rassisten, die die Taten begehen und es sind Bürgerinnen und Bürger, die ihre Opfer sind. Und der Eid der Verantwortlichen, Schaden vom deutschen Volk abzuhalten, trifft immer noch nicht auf sie zu. Gebt endlich allen einen Pass, die hier zur Welt kommen!

Dann traf ich einen langjährigen Kollegen, seinerseits Sozialdemokrat, der bei unserem Spaziergang traurig auf den Fluss blickte und darüber räsonierte, dass man an all dem nicht unschuldig sei, weil man sich von den Menschen und ihren konkreten Lebensbedingungen zu sehr entfernt habe. Ich wusste, was er meinte, und wir mussten uns nicht streiten. Einig waren wir uns auch in der Einschätzung, das harte Zeiten kommen werden, die auch jede Menge Chancen mit sich bringen werden,  um den Kurs zu ändern.

Am Abend, in einem anderen Kreis, zeigte ein Filmemacher sein neuestes Werk. Es war die Betrachtung der Welt aus der kosmischen Perspektive und illustrierte die Nichtigkeit der menschlichen Existenz im großen, interstellaren Kontext. Aber es wurde auch verwiesen auf die Zufälligkeiten der vermeintlichen Unterschiede in der Gattung Mensch. Und es wurde deutlich, wie hirnrissig der Verweis auf den Unterschied ist, im Verhältnis der Existenz in Summe.

Es war eine traurige Nacht. In der Straßenbahn, die spärlich besetzt war, saßen junge Menschen, die andere aufgrund ihres Aussehens vielleicht schon wieder anfeinden würden. Sie starrten vor sich hin. Und hinten im Zug stand ein Mann, der plötzlich aufgebracht schrie: Wo bleibt eigentlich der bewaffnete Arm der Demokratie? Die jungen Fahrgäste zollten ihm Beifall. 

Was für ein Tag! 

Machtpoker: Shut your mouth!

Nun sitzen sie am Poker Tisch. Und sie sind hin- und hergerissen. Denn das Spiel findet nicht nur hinter geschlossenen Türen statt. Nein, da sind immer einmal wieder Zwischenberichte zu fertigen, die werden denen präsentiert, die darüber entscheiden, ob und welchen Spielern die Bank weiter Kredit gewähren kann. Das ist das Verzwickte. Und dann sind manche Sachen auch altbekannt. Es ist der Kitzel, der bei jedem Spiel zur Entfaltung kommt, bei dem es um etwas geht und an dem so manch schillernde Person teilnimmt. Zwei sich diametral entgegenstehende Ratschläge sind bei diesem Spiel abzuwägen. Never hesitate too long, so der eine, der dem Akteur nahelegt, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, da sonst alles verloren ist. Und Never make your move too soon, der genau das Gegenteil rät. Bloß nicht zu schnell zu handeln, da man nie weiß, was die Kontrahenten noch in der Hand haben. Was aus der unübersichtlichen Lage erwächst, ist das Erfordernis eines kühlen Kopfes, frei von Angst zu sein und den Willen zu besitzen, auch einmal ohne Sicherung zu springen. Sprich, etwas zu riskieren, das alle anderen mit einer Aktion ins Abseits stellt.

Wo dieses Spiel zur Zeit läuft? In Thüringen zum Beispiel. Da geht es vordergründig um die Installierung einer Regierung, die die Geschäfte weiterführt. Oder in Berlin, da geht es vordergründig um die Kontinuität im Parteivorsitz. In beiden, wie in vielen anderen Fällen, geht es jedoch schlicht um Sieg und die damit verbundene Macht. Das Furiose dabei ist, dass niemand, im Gegensatz zum richtigen Pokerspiel, darüber spricht. Denn beim Poker ist klar, da geht es um den Pott. Und da das alle wissen, ist alles erlaubt innerhalb des Reglements und auch alles, was nicht dazu gehört, es darf nur nicht auffallen! 

In der Politik, bleiben wir konkret bei den genannten Beispielen, ist das Problem eine Doppelagenda in der Darstellung. Etwas, womit sich richtige Pokerspieler nicht abmühen müssen. So etwas ist da nicht vorgesehen, das würde das Spiel sehr schnell außer Mode bringen. Aber hier, ob bei der Partie in Thüringen oder der in Berlin, da wird schön über das Vordergründige geredet, aber natürlich geht es um Sieg und Macht. Es ist heikel, denn alle, auch die Zuschauer, wissen, worum es geht. Und dennoch wird das Vordergründige in einem langen, ermüdenden Diskurs gedreht und gewendet, bis das Spiel allen zum Halse heraushängt. Aber das lästige Regelwerk sieht vor, dass es um Gemeinwohl, Logik und Strategie geht. Das korrespondiert nur nicht immer mit den Regeln der Macht. Darin besteht die Aporie.

Und das macht es für die Spieler so unerquicklich. Denn das Publikum entscheidet über den zukünftigen Kredit. Dabei bleibt es. Vorerst! Insofern ist es kein Spiel mit Karten, sondern ein Spiel mit dem Feuer, wenn beim Bericht über den Stand des Spiels die falschen Worte gewählt werden. Die große Herausforderung nämlich lautet: alles muss logisch und moralisch klingen und darf dennoch den Kampf um die Macht nicht ausschließen. Da geht es nicht mehr darum, ob jemand zu lange zögert oder sich zu früh zu einem Zug entscheidet, sondern darum, ob er in der Lage ist, sein Vorgehen zu erklären, sodass alle zu der Auffassung kommen, dass bei dem Spiel um die Macht auch noch Vernunft und Sitte im Spiel ist. Wer dem nicht gerecht wird, der wird relativ schnell durch die Hintertür in Freie geschickt. Seinesgleichen sei geraten, sofern er sich zwischenzeitlich besinnt, einer weiteren Regel zu folgen. Sie lautet schlicht und einfach: Shut your mouth!