Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

High Noon an der Börse: Leichen und volle Geldsäcke

Alles, aber auch alles, was die Sportreporter der Börsengeschehens den gemeinen Bürgerinnen und Bürgern als große Chancen der Partizipation immer wieder erzählen, hat sich in den letzten zehn Tagen als Schimäre erwiesen. Wer dem Rat der schicken Parkettmiezen oder den Vorschlägen eines Friedrich Merz gefolgt ist, hat vielleicht, niemandem ist es zu wünschen, die eigene Altersvorsorge in den Sand gesetzt. Wer glaubte, durch den Besitz von Aktien eine gewisse Sicherheit für die eigene, bescheidene Lebensplanung herzustellen, sieht sich nun bitter enttäuscht und vielleicht nicht nur das, sondern auch ruiniert.

Nicht, dass der Erwerb von Aktien etwas Frevelhaftes wäre, nein manchmal ist es klüger, bei der Investition in kluge Technologien, Produkte und Dienstleistungen zu investieren, als das eigene, mit Mühen erwirtschaftete Geld den Banken für ihre Geschäftsfelder blanko zu überlassen. Nur, und diese Warnung geht nicht an die Leute, für die ein Geldschein nichts weiter ist als ein Zigarettenanzünder, sondern an diejenigen, für die durch geregelte, unaufhörliche und anstrengende Arbeit die Sicherung des eigenen Lebens auf dem Spiel steht, für diejenigen muss es heißen: die Börse ist der falsche Ort, um die durch eigene Arbeit erwirtschaftete Existenz in Sicherheit zu bringen. 

Wertschöpfung ist substanziell, Börsenwerte sind in hohem Maße virtuell. Es ist zu hoffen, dass bei den nächsten Runden der politischen Auseinandersetzung die Vision vom Tisch ist, die bereits in Frankreich seit Wochen die Menschen massenweise auf die Straße treibt, nämlich die Verwandlung des staatlichen Rentensystems in ein börsennotiertes Investitionsmonstrum. Es mögen diejenigen Zeugnis ablegen, die jetzt vor dem Nichts stehen und die, aufgrund ihres Alters, nicht mehr die eventuelle Erholung der Aktienwerte von der momentanen Baisse erleben werden.

Einer aus dem inneren Kreis, der sich dadurch einen gutes Ruf erwarb, weil er nicht das heute im Neoliberalsimus geflügelte Wort von den Segnungen der Börse unreflektiert zum besten gab, sondern immer wieder an den ursprünglichen Sinn dieser Institution erinnerte, in dem er auf Zeit und tatsächliche vorhandene Werte verwies, war der aus Ungarn stammende US-Bürger André Kostolany. Er gehörte zu den Wenigen der Branche, die ausdrücklich davor warnten, sich an die Börse zu begeben, wenn es um die Füllung des eigenen Kühlschranks ging:

„Wer viel Geld hat, kann spekulieren; wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren; wer kein Geld hat, muß spekulieren. Wenn alle Spieler auf eine angeblich todsichere Sache spekulieren, geht es fast immer schief.“

Es mutet schon verwegen an, in Zeiten der kollektiven Sinnentleerung noch einmal darauf zu verweisen, dass gehandelte Beteiligungen, die aus einer soliden Wertschöpfung stammen, eine gute Idee sind, dass derartige Werte aber auch, genauso wie die fiktiven, virtuellen, von dem wuchtigen Hammer der Rezession zerstört werden können. Das ist Teil der Anarchie, die dem Kapitalismus innewohnt, von der er einerseits lebt, die jedoch immer wieder Protagonisten, und seien sie noch so klug und erfolgreich, zum Tode verurteilt. Die Vernichtung von Werten gehört der gleichen Gesetzmäßigkeit an wie deren Schaffung. Einerseits werden Produktivkräfte freigesetzt, die das menschliche Vorstellungsvermögen sehr oft übersteigen, andererseits werden Vernichtungspotenziale mobilisiert, die eine traumatisch verunstaltete Welt hinterlassen. Wenn da keine Legislative, keine Judikative und keine Exekutive intervenieren, dann herrscht dort immer High Noon, in dessen Folge volle Geldsäcke mit Leichen aufgewogen werden. 

Es ist, behalten wir uns auf jeden Fall unseren Humor, schon eigentümlich, dass in Zeiten, in denen kein Satz ohne den Terminus der Nachhaltigkeit verwendet zu haben enden darf, meistens der Verweis auf die Börse unterbleibt. Und das macht Sinn!  Was, liebe Freunde, ist nachhaltiger als die Börse? Nur der Tod. 

Die Lehrstunden über das Destruktive der Globalisierung haben stattgefunden

Die Wahrnehmung der Pandemie ist äußerst unterschiedlich. Das hängt zum einen vom lokalen Betroffenheitsgrad ab, zum anderen mit der jeweiligen psycho-kulturellen Disposition. Es fällt auf, dass in manchen Ländern relativ wenig geredet, dafür aber rasch und konsequent gehandelt wird, während in anderen Ländern ein regelrechter Karneval der Berichterstattung herrscht, ohne dass es Auswirkungen auf den Grad der Verbreitung und Maßnahmen dagegen hätte. Zynisch könnte daraus geschlossen werden, dass die beklagte Nivellierung der Welt durch die Globalisierung doch nicht so fortgeschritten ist, wie behauptet. 

Die Globalisierung, verstanden als der unbegrenzte Austausch von Waren, als interkontinentale Vernetzung von Produktion und grenzenlose Mobilität hat unter dem Signum des Corona-Virus einen schweren mentalen Schlag bekommen. Das, was so gerne als Segnung der Globalisierung angepriesen wurde, erweist sich plötzlich als problematisch, ja lebensbedrohlich. 

Da wird plötzlich bemerkt, dass die Produktion lebenswichtiger Medikamente, wie Antibiotika, Blutdruck- und Cholesterinsenker, Beta-Blocker etc. nahezu ausschließlich noch in China produziert werden. Der Produktionsstopp dort kann zu Massensterben in Europa führen. Wiederum könnte auch hier der zynische Zeitgenosse fragen: Warum noch Kriege führen? Es würde reichen, wenn China keine Antibiotika mehr ausliefert, um dem freien Westen einen Schlag zu versetzen, den es mit ballistischen Mitteln gar nicht erreichen könnte.

Ein anderer Aspekt ist die Diversifikation der Produktion, etwas, das in guten Tagen die Wirtschaftsliberalen in Feierlaune versetzt, in schlechten Tagen wie diesen allerdings alles verdirbt. Bis nach Deutschland hat sich die Erkenntnis zwar noch nicht durchgesetzt, aber das Ausmaß der Epidemie in Italien ist auf den massenhaften Einsatz illegaler chinesischer Arbeiterinnen und Arbeiter in der italienischen Textilindustrie zurückzuführen. Es ist ein heikles Thema, aber es zeigt, wenn der maximale Profit winkt, dann können die Möglichkeiten der Globalisierung zu verheerenden Entwicklungen führen. 

Es liegt nahe, aber es wäre wieder einmal falsch, wenn nun eine hysterische Debatte über die einzelnen Erscheinungen stattfände. Es wäre jedoch geraten, eine nüchterne Analyse dessen zu der Kritik hinzuzufügen, die bereits heute dem Hype um die Globalisierung eine schlechte Bilanz beschert. Ja, internationale Mobilität ist ein hohes Gut, ja, auch der freie Handel kann ein hohes Gute sein. Aber, es drängen sich immer mehr Verneinungen auf, wenn es um die Grenzenlosigkeit geht. Nein, die komplette Aufgabe der Autonomie kann auch in Selbstzerstörung enden, nein, grundlose Mobilität kann große Kollateralschäden hervorbringen, nein, der Zugriff auf menschliche wie natürliche Ressourcen aus bloßem Gewinninteresse kann ganze Gesellschaften und Kulturen existenziell bedrohen. Und nein, der Konnex von tatsächlicher wirtschaftlicher Entwicklung und Börsenpsychologie ist eine Dimension, die das Vernichtungspotenzial von Weltkriegen entfalten kann.

Es ist ein Gassenhauer, zu behaupten, dass jede Krise auch Chancen beinhaltet. Aber kaum ein Gassenhauer hatte jemals eine solche Attraktion wie dieser in Anbetracht dessen, was sich momentan vor unseren Augen abspielt. Es ist nicht übertrieben, darauf hinzuweisen, dass es keiner krisenhaften Steigerung mehr bedarf, um auf die Unhaltbarkeit von Verhältnissen hinzuweisen, die sich zunehmend frontal gegen die Existenzbedingungen der menschlichen Gattung schlechthin wenden. Von der globalen Umweltvernichtung bis zur pandemischen Heimsuchung ganzer Länder – die Lehrstunden über das Destruktive der wirtschaftsliberalen Globalisierung haben stattgefunden. Wer noch länger warten will, um sich noch einmal anhand anderer Beispiele zu vergewissern, dem kann es passieren, dass er es nicht mehr erlebt. Keine Panik! Aber ändern muss sich etwas!