Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Krise VIII: Die Rückkehr des proletarischen Machiavelli

„Gerade als ich dabei war auszusteigen, ziehen sie dich wieder rein!“ Der viel zitierte, persiflierte und verwendete Satz aus Corleone/Coppolas „Paten“ ist vielleicht die beste Umschreibung dessen, was als die zyklische Krisenhaftigkeit des freien, chronisch beschleunigten und immer spekulativer werdenden Marktes beschreibt. Eigentlich hört die Krise nie auf. Man spürt sie nur nicht überall gleichzeitig. Es ist wie mit der im Paten geschilderten organisierten Kriminalität. Sie funktioniert, solange die Terrains abgesteckt und respektiert sind. Dann herrscht Frieden und Wohlstand und die Granden spenden für karitative Zwecke. Sobald aber Konkurrenz auftaucht, wird Machiavellis Fürst zum Drehbuch und es gilt nur noch das Gesetz der kalten Macht. Der Pate ist der proletarische Machiavelli. Immer, wenn die Akteure denken, sie seien raus, werden sie wieder hereingezogen in das Spiel, das mehr zerstört, als dass es schafft. 

Der Trugschluss, es ginge doch alles sehr friedlich zu, hat dort Konjunktur, wo die direkten Kämpfe um Rohstoffe, Ressourcen und billige Arbeitskräfte gerade nicht toben. In Deutschland lässt sich besser von den Segnungen der Produktionsweise und des freien Marktes schwärmen als im Kongo oder in Afghanistan. Denn irgendwo herrscht immer Krieg, auf die eine oder andere Weise, mal wirtschaftlich, mal mir glühenden Waffen. Und die Orte, wo er herrscht, haben sich explosionsartig vermehrt. Die Handels- und die heißen Kriege sind das Ergebnis von Krisen, die entstehen, wenn zu viel produziert wurde und es nicht verkauft werden konnte, wenn spekuliert wurde und der erwartete Wert nicht erzielt wurde oder wenn die Bedingungen von Produktion und Distribution massiv beeinträchtigt werden. 

Auf die Krise, die wir momentan erleben, treffen alle Faktoren zu. Produzenten wie Produktionsbedingungen und Distribution sind durch die Pandemie massiv beeinträchtigt und die Märkte stehen still. Wer da glaubt, das Spiel sei aus und nach der Genesung ginge alles so weiter wie gewohnt, wird eines besseren belehrt werden. Die Messer werden bereits gewetzt für die Verteilungs- und Neuaufteilungskämpfe danach. Und vieles, was sich andeutet, spricht dafür, dass sowohl der Kongo als auch der Hindukusch gar nicht mehr benötigt werden für das Gefühl der direkten Bedrohung. Der Kampf wird näher kommen und die Beschaulichkeit wird weichen. 

Nichts wird mit dem korrespondieren, was jetzt als die überall beobachtet Vernunft gehuldigt wird. Ja, viele Menschen sind vernünftig, was die Hinweise zur Vermeidung einer Infektion anbetrifft. Und ja, sie zeigen sich solidarisch, wenn es um die Hilfe für Mitmenschen geht, die es hart trifft. Aber, ob diese Fähigkeit der Bevölkerung, sich als soziale Wesen im positiven Sinne zu profilieren, umgewandelt werden kann in eine Akzeptanz für die Großmachtpläne der wirtschaftsliberalen Raubtiere, lässt sich bezweifeln. Wie sich diese Teile der Gesellschaft, denen jetzt die Schwärmerei gilt, zur Wehr setzen werden, wird sich noch zeigen. Auch ihnen sei jedoch das Zitat aus dem Paten noch einmal modifiziert vorgesprochen: Denkt nicht, dass ihr raus seid. Sie ziehen euch wieder rein!

je mehr sich die pandemische Krise dem Ende neigen wird, desto stärker wird die zum Teil daraus entstandene, zum Teil bereits virulente wirtschaftliche Krise in den Vordergrund treten. Dann geht es um das, was historisch einmal so treffend als Kriegsgewinne bezeichnet wurde. Es gilt, sich auf diese Zeit gut vorzubereiten. Und vielleicht noch ein Rat aus dem Paten: „Hüte dich, deine Feinde zu hassen. Es trübt dein Urteilsvermögen.“

Viele Fakten und ein Hufeisen

Heinrich August Winkler. Weimar 1918 – 1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie

Weimar ist wichtig. Weimar ist aktuell. In Zeiten, in denen das, was als demokratisch gesetzt gilt, den Anschein vermittelt, ins Wanken geraten zu sein, fällt sofort das Wort der ersten parlamentarischen Demokratie, die unter dem Namen der Weimarer Republik in die Geschichte einging. Sie selbst entstand unter dramatischen Umständen, sie nahm einen dramatischen Verlauf und sie scheiterte dramatisch. So ist es nicht verwunderlich, dass bei jeder Krise der Name Weimar aufblitzt wie ein schlechtes Omen. Oft ist es nur so ein Gefühl, mal als Warnung gemeint, mal nur das Zeichen von Hilflosigkeit. Da ist es vonnöten, sich mit der Materie gewissenhaft auseinanderzusetzen. 

Der Historiker und zum Festredner im Bundestag avancierte Heinrich August Winkler hat das bereits im Jahr 1993 mit einer Publikation gemacht, die aufgrund seines gewachsenen Bekanntheitsgrades nun in den Auslagen der Buchhandlungen liegt. Sie trägt den Titel: „Weimar 1918 – 1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie“. Das Buch umfasst 700 Seiten und ist, was die Aufführung der recherchierte Fakten, die dichte der Darstellung und die chronologische Konsequenz anbelangt, eines Historikers würdig und lässt nichts zu wünschen übrig. Wer sich die tatsächlichen Begebenheiten in ihrer Abfolge vor Augen führen möchte, der ist mit diesem Buch gut bedient.

Was mich bei der Lektüre zunächst irritierte, mit weiterem Fortschreiten zunehmend störte und irgendwann regelrecht unwillig machte, waren die Einlassungen des Historikers. Nicht, dass es einem Historiker nicht zustünde, sich selbst mit einem Standpunkt zu positionieren. Das ist hilfreicher als eine ostentativ zur Schau gestellte Neutralität, die, um ehrlich zu sein, eine Fiktion bleiben muss. Winkler macht aber in dieser Publikation genau dies. Er enthält sich einer expliziten Erklärung zu seinem eigenen Standpunkt, operiert aber mit beeinflussenden sprachlichen Mitteln.

Zumeist sind es kurze Bewertungen von historischen Fehlern, die bestimmte Akteure gemacht haben oder es sind eingeworfene Adjektive, die bei der Leserschaft eine bestimmte Stimmungen  erzeugen sollen. Da werden Akteure mal als irrational, mal als verbohrt und mal als gesteuert dargestellt, was zutreffen mag, jedoch in einer Schrift mit dem Anspruch als einer historischen Darstellung nichts verloren haben. Dass diese Wertungen zufällig sind und alle Akteure dieses aufwühlenden Weimars beträfen, ist jedoch eine Annahme, die nicht zutrifft.

Was auffällt, ist auf der einen Seite eine sehr sachliche Darstellung der Ereignisse, die sich aus dem Agieren der radikalen Rechten ergaben, dem zumeist eine innere Logik bescheinigt wird. Wogegen alle Aktionen von der SPD, der USPD und der KPD als verhängnisvoll beschrieben und gewürdigt werden. Damit nimmt Winkler eindeutig einen Standpunkt ein, der sich konsistent durch die gesamte Arbeit hält und der auf das Theorem des Hufeisens oder auch dem des Totalitarismus verweist. Folglich verlässt die Leserschaft den Parcours nicht mit der Erkenntnis, aber mit dem Gefühl, die Linke habe die erste demokratische Republik auf dem Gewissen.  Angesichts der vor allem aktuellen politischen Entwicklungen handelt es sich dabei um eine problematische Darstellung und man könnte zu dem Schluss kommen, dass der ideologische Unfug, der aus der Betrachtung von der Mitte und den Rändern regelmäßig formuliert wird, bis in die Sozialdemokratische Partei hineinreicht, deren Mitglied Winkler ist. 

Wer die Fakten dieser verhängnisvollen Republik noch einmal Revue passieren lassen will, mag das Buch lesen. Wer nach einer politisch verwertbaren Analyse sucht, wäre damit nicht gut beraten. 

Krise VII: Mit der schwarzen Mamba zum Gemeinwohl?

Wer kennt sie nicht? Immer unterwegs, in gediegenen Limousinen oder voluminösen SUVs, im Flieger mit Senator-Status oder in der Bahn mit der schwarzen Mamba: die Vielreisenden, die von einem Meeting zum nächsten hetzen, die eine Konferenz nach der anderen besuchen und mit Smalltalk und kurzen Statements am Leben, d.h. im Geschäft bleiben? Irgendwie haben sie sich darauf eingerichtet, die Anzahl der Kilometer, die sie hinter sich lassen, die Sterne der Hotels, in denen sie nächtigen oder die Sprechminuten auf den Events, die sie abspulen, als Zeichen ihrer eigenen Bedeutung zu werten. Unterschätzen wir es nicht. Neben der tatsächlich notwendigen Mobilität, in der Akteure von A nach B müssen oder Waren transportiert werden, sind es der Tourismus und die Tagungs- und Konferenzhaie, die dafür sorgen, dass der Planet unter zu viel Verkehr leidet. 

Die gegenwärtige Krise könnte dazu beitragen, das tatsächlich Notwendige wieder in den Fokus zu nehmen und das Lässliche mit einem anderen Blick zu betrachten. Vor wenigen Tagen telefonierte ich mit einem Berliner Filmproduzenten, der mir erzählte, dass er momentan überhaupt nicht reise und festgestellt habe, das meiste ginge auch anders, z.B. via Videokonferenz oder Skype. Das ist eine Erfahrung, die momentan viele machen und diese Erkenntnis wird sicherlich dazu führen, tatsächlich notwendige Mobilität in einem anderen Licht zu betrachten. Dann reden wir nicht nur über eine erforderlich andere, sondern auch über weniger Mobilität. Eine Erkenntnis, die sich ohne die Krise nicht durchgesetzt hätte. Und eine Erkenntnis, die dieTourismusindustrie gewaltig wird verändern können. Wenn, ja wenn, die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden und nicht ökonomische Einpunktstrahler mit ihrem Lobbyismus die Politik an die Wand drängen.

Doch keine gute Botschaft ohne Skepsis. Was mit der Chance, durch die Digitalisierung notwendige Mobilität einschränken zu können, korreliert, ist der Irrglaube, soziale Interaktion durch Technik ersetzen zu können. Konfliktäre Situationen, die sich auf dem Bildschirm und über Mikrofone entwickeln sind etwas anderes, als wenn sich zwei Tiere, die riechen und schmecken, die wittern und empfinden, gegenüber sitzen. Die Technik, eine drastische Reduktion unmittelbarer Erfahrung, erzeugt Kälte und Gefühllosigkeit. Letzteres  wirkt bei gravierenden Entscheidungen verheerend und muss vermieden werden. Was also für die oben beschriebenen Kohorten gilt, darf zum Beispiel nicht für Politikerinnen und Politiker gelten. Zu ihrer Aufgabe gehört es, zu spüren, was auf der Straße, im Laden, im Büro, in der Fabrikhalle, im Theater und allen anderen Routinen vor sich geht. Bereits heute wird nicht zu Unrecht moniert, dass dieses Gespür einigen aus dem politischen Feld gehörig abhanden gekommen ist. Die Reduktion auf digitale Kommunikationsformen würde diese Tendenz drastisch verstärken.

Wie zu sehen, stellt die Krise eine beträchtliche Chance dar, Fehlentwicklungen zu korrigieren bzw. auch neue Qualitäten zu erzeugen. Es verlangt allerdings Aufmerksamkeit und Differenzierung. Die tatsächlich vorhandene Komplexität verbietet Pauschalisierungen. Wie eigentlich immer, ist es geraten, die Frage nach dem „Warum“ und die nach „In wessen Interesse“ zu stellen. Vieles wird dahin führen, dass das Spannungsfeld von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Notwendigkeit in den Fokus tritt. Die Berichte über China und dessen Vorgehen gegen die Pandemie und der Vergleich mit den hiesigen Verhältnissen deutet auf diese Frage hin. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Jahren genau darum gehen. Individuum versus Kollektiv. Vielflieger hin oder her.