Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Group of officials gathered around a table with a map, discussing a security breach and urgent updates

NATO: Auch der Führer kann lachen!

Eine Formulierung ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Im Elternhaus eines frühen Freundes  war oben, unterm Dach, ein Bücherschrank mit so genannten alten Schinken. Einer davon stammte aus der Zeit des Dritten Reiches. Es war ein Bildband, der die ganze Propaganda des Nationalsozialismus illustrierte. Auf einem Bild war Adolf Hitler zu sehen, wie er strahlend in seine Umgebung blickte. Die Unterschrift lautete: Auch der Führer kann lachen! Wahrscheinlich blieb mir dieser Satz im Gedächtnis, weil er an Absurdität nicht zu überbieten ist, oder anders herum, er stellte die Frage, wie es um Menschen bestellt sein musste, die man mit derartig sinnfreien Sprüchen erreichen konnte?

Als ich heute Morgen in der Zeitung las, dass der türkische Ministerpräsident Erdogan als Ausrichter des jüngsten NATO-Treffens in Ankara den Teilnehmern zum Abschied jeweils einen Revolver mit eingraviertem Namen des Empfängers samt einer Schachtel Patronen geschenkt hat, fiel mir der Satz wieder ein: Auch der Führer kann lachen! Diesmal war es ein türkischer Autokrat, der bekanntlich solange im Bus der Demokratie mitgefahren ist, bis er an seinem Ziel wieder aussteigen konnte. Er hatte sich einen deftigen Scherz erlaubt.

Denn, man verzeihe mir meine sehr individuell eingefärbte Assoziation, wenn ich schon im Dritten Reich weilte, das bekanntlich sage und schreibe 12 Jahre dauerte, stellte ich mir vor, wie die Herren Merz oder Starmer, einmal in ihr immer mehr ramponiertes Zuhause angekommen, am Ende in einem Bunker sitzen, weil sie ihre Bevölkerungen gegen sich aufgebracht und den russischen Bären zu einer finalen Wuttatze provoziert hatten, mit ihren Liebsten, d.h. ihren Leibärzten, Talkmastern, Kabarettisten, Advokaten, Artisten, Huren und Ideologen in einem Bunker sitzen und sich den schönen Revolver des Herrn Erdogan an die Schläfe setzen und abdrücken.

Das, was so aberwitzig und wie der Hitzetraum eines Eremiten klingt, hat durchaus Anteile von prognostischer Wahrheit. Der Verlauf dieser NATO-Tagung brachte nämlich vieles mit sich, das desaströses Potenzial hatte. Zum Beispiel die Ruinierung der Volkswirtschaften der Teilnehmer durch exklusive Waffenproduktion bis ins Krankhafte, um dem transatlantischen Narzissten die Laune zu verbessern. Dessen Replik, die darin bestand, dass ihm das alles längst nicht reiche. Und dessen Aufforderung, Spanien, einem Land, dass seinen Völkerrechtsbruch thematisiert hatte, generell mit einem Embargo zu belegen. Ganz zu schweigen von dem Gastgeber,  der nach dem obligatorischen Morgengebet dem Völkerrecht durch Militäroperationen in Syrien nahezu täglich einen Klaps gibt. Und dann noch ein Kanzler, der es als Erfolg verbucht, jetzt in den USA Tomahawk-Raketen kaufen und in Deutschland stationieren zu dürfen.

Das gesamte Szenario lässt viele Assoziationen zu. Jedoch keine, die etwas mit Verteidigung oder internationalem Recht zu tun hat. Da tagte ein Kriegsbündnis, getriggert von einer kollektiven Stimulans namens Todestrieb. Aus diesem Kreis wird es keinen Vorschlag geben, der  auch nur in irgend einer Weise die Hoffnung zuließe, den allenthalben schwelenden und heißen Krieg einzudämmen. Ganz im Gegenteil. Die Herrschaften setzen auf Eskalation und Ausdehnung. Und hoffen, dass sie selbst verschont bleiben. 

Und die Ironie? Vielleicht ist der Osmane mit seinem Abschiedsgeschenk doch ein sehr weiser Mann. Der sieht das Konsortium, jeden für sich, in einem Bunker sitzen. Und der Letzte Gedanke wird sein, wenn sie den Revolver aus der Schublade holen, dass der Recep Tayyip doch ein weitsichtiger Mann war. Ja, auch der Führer kann lachen!  

NATO: Auch der Führer kann lachen!

Ostenmauer – 101. Das Exil und die Demütigung der Seele

Nun rufen sie bei mir an! Bodenständige wie Intellektuelle, Handwerker, Psychoanalytiker, Studenten. Und sie fragen mich, welches Land wohl das richtige wäre. Ja, wir sprechen über den um sich greifenden, immer dringender werdenden Wunsch, das Land zu verlassen. Eigenartigerweise unterscheidet sich ihre Analyse von dem öffentlich gezeichneten Bild, das suggeriert, alles sei in Ordnung. Und bis heute, einmal abgesehen davon, dass ich keinen einzigen Menschen kenne, dem ich gravierenden Realitätsverlust oder den Glauben an verworrene Theorien unterstellen würde, sind die Analysen derer, die sich da melden, fundiert. Sie sehen, was alles aus dem Ruder gelaufen ist in den letzten Jahren und sie glauben nicht, dass eine Kurskorrektur noch möglich ist. Warum? Zumeist weil sie in der existierenden politischen Konstellation keine Kraft sehen, die in der Lage wäre, einen selbstbewussten, an den Interessen des Landes ausgerichteten Weg zu gehen und dabei in Kauf zu nehmen, dass es gewaltige Konflikte geben wird.

Hinzu kommt, dass das, was hier pausenlos den russischen Verhältnissen unterstellt wird, nämlich eine exzellent funktionierende Propaganda, im eigenen Bereich genauso wirkt. Kurz, das, was Menschen in ihrem Land hält, nämlich der Glaube, dass es von sich aus in der Lage wäre, Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen und eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln, wird nicht mehr gesehen. Es winkt das Exil als letzte Möglichkeit, der anbahnenden Katastrophe zu entkommen. Lieber unversehrt in der Fremde sterben als hier von Wahnsinnigen pulverisiert zu werden. 

Analysen über den Zustand des Landes existieren zuhauf. Sie reichen von der einer übermächtigen, aber nicht leistungsfähigen Bürokratie über eine politische Klasse, die mehr an ihren Diäten klebt als an einer der Gemeinschaft verpflichteten Ratio. Sie reicht von der außenpolitischen Abhängigkeit von einem Akteur, der exklusiv mittels von Kriegen die imperiale Dominanz erhalten zu können glaubt und der damit begonnen hat, planvoll die kritische Infrastruktur hierzulande zu zerstören. Und es hat etwas damit zu tun, dass man sich schämt für das, was an Rassismus und Feindseligkeit nicht nur an Salonfähigkeit gewonnen hat, sondern zum Ton derer gehört, die vorgeben, im Interesse des Landes zu handeln.

Einer der Anrufer brachte es aus meiner Sicht gut auf den Punkt: Er sagte, wenn ich vom Ende her denke, d.h. wenn ich mir vorstelle, dass diese Figuren, von denen ich mich täglich durch ihre grenzenlose Dummheit, ihren autoritären Charakter und ihr Sektierertum belästigt fühle, wenn die sich durchsetzen, dann ist das hier nicht mehr mein Land. Und wenn sie auch scheitern, dann werden sie nichts hinterlassen, was an dieses Land, das einmal eine gute Reputation nach innen und außen hatte, erinnert. 

Anhand der praktischen Fragen, um die es eigentlich bei den Gesprächen geht, ist klar, dass es sich nicht mehr um eine ferne Option handelt. Nein, viele haben sich bereits für das Exil entschieden. Sie erkundigen sich nach Klima, Sprache, Rechtssicherheit und, auch das spricht Bände, einer möglichst großen Entfernung von Europa und den USA. Wir reden von Uruguay, von Costa Rica oder von Indonesien. Dort werden deutsche Kolonien entstehen, die es in sich haben werden. Und noch einen Tipp an diejenigen, die nichts mehr registrieren als ihre eigenen Sprechzettel: Seht euch an, wer und wieviele auswandern. Das, was heute bereits statistisch erfasst ist, kompensiert keine wie auch immer geartete Immigration. Die deutsche Seele geht auf Wanderschaft. Bei aller kritischen Distanz: Soviel Demütigung hat auch sie nicht verdient!  

Das Exil und die Demütigung der Seele
Man kneeling on stone floor in dungeon with chains labeled 'LOYALTY' around his wrists

Bis zur Tragödie letztem Akt?

Manchmal entstehen Verbindungen wie aus dem Nichts. Man trifft einen Menschen, oder erblickt eine Organisation oder ein Land, und der erste Eindruck nährt die Sympathie. Bei manchen Begegnungen bleibt es flüchtig, bei anderen dauert es eine Weile, bis sich ein Urteil gebildet hat und bei wieder anderen ist es eine feurige Liaison. Wie lange solche Bindungen bestehen bleiben, weiß man nie. Manchmal kühlt es doch relativ schnell ab, manchmal ist man ganz zufrieden, aber schon lange nicht mehr euphorisch und manchmal ist ziemlich schnell ein heftiger Bruch vonnöten. Und manchmal hält es ein Laben lang.

Das menschliche Verhalten ist unterschiedlich, teils individuell, teils sozial und teils kulturell begründet. Manche Menschen, Organisationen und Länder sind geprägt von einem ausgesprochenen Utilitarismus, d.h. einem Nützlichkeitsdenken, das keine Grauzonen kennt. Wenn eine Bindung Vorteile bringt, unabhängig davon, ob in monetärer, emotionaler oder sozialer Hinsicht, dann halten die Utilitaristen daran fest. Ist der Vorteil nicht mehr gegeben, dann zerschneiden sie ohne Vorbehalte umgehend das Band. Für Sentimentalitäten ist dort kein Raum.

Dann wiederum sind Menschen, Organisationen und Länder zu beobachten, die man zweifelsfrei als dem Loyalismus verpflichtet beschreiben kann. Sie stehen zu der Bindung, für die sie sich einmal entschieden haben, auch wenn sie teils keine Vorteile mehr davon haben, oder, schlimmer noch, wenn sie darunter zu leiden haben. Außenstehende, selbst die, die als emphatisch beschrieben werden können, fragen sich dann, was um alles in der Welt die denn daran hindert, die Verbindung zu lösen und sich nach den eigenen Interessen neu zu orientieren. Im Deutschen wird der Zustand des trotz aller Widrigkeiten an einem Bündnis Festhalten auch gerne mit dem Begriff der Nibelungentreue bezeichnet. Er beschreibt das Phänomen der bedingungslosen, emotionalen und verhängnisvollen Treue.

In einer dritten Kategorie, die quantitativ nicht unterschätzt werden darf, wird die Entscheidung, ob man an einer Bindung festhält, auch wenn sie durch Krisen geschüttelt ist, von Offerten der Heilung abhängig gemacht. Den Partnern werden Angebote gemacht, in denen die andere Seite zeigen kann, wie ernst sie es noch mit der Verbindung meint. Zeigen sich positive Aktionen, hält diese Seite an der Bindung fest, erweisen sich die Offerten als nutzlos, dann wird das eigene Vorgehen und die Reaktion der anderen Seite dokumentiert und die Entscheidung, sich zu lösen, mit guten Argumenten begründet. Dieser Typus kann vielleicht am besten als der einer diplomatischen, die eigenen Emotionen beobachtenden Interessenvertretung bezeichnet werden.

Außerhalb der beschrieben Zustände existiert noch der offene Betrug an einer einmal gemachten Vereinbarung, die der Verbindung zugrunde liegt. Dann ist jeder Mensch, jede Organisation und jeder Staat gut beraten, sofort die Reißleine zu ziehen. Unabhängig davon, ob man sich dem Utilitarismus oder der diplomatischen Interessenvertretung zurechnet. Nur bei der Nibelungentreue hilft kein Rat. In diesem Lager zieht man es vor,  bis zur Tragödie letztem Akt an einer Bindung festzuhalten. Auch wenn der Verrat der anderen Seite allen, die ihrer Sinne mächtig sind, offensichtlich ist.  

Worin diese Form der Abhängigkeit besteht, denn um etwas anders handelt es sich nicht? Mangelndes Selbstbewusstsein, keine eigene Souveränität, keine Würde, psychotische Angst? Wahrscheinlich alles zusammen.    

Bis zur Tragödie letztem Akt?