Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Am Boden

Jetzt hatten wir es wieder. Eine Bückling und ein Kniefall nach dem anderen. Mal real, mal figurativ. Wer sich die Frage stellt, wie eine selbstbewusste Politik aussieht, sollte in diesen Zeiten konsequent wegschauen. Neulich traf ich wieder einen von denen, die ihr ganzes Leben lang für eine andere, aus ihrer Sicht bessere Gesellschaft gekämpft haben und nun, im fortgeschrittenen Alter, auf die Knie sinken, um sich das schüttere Haupt von denen streicheln zu lassen, die sie für lange Zeit als die Vertreter der Interessen ausgemacht hatten, die für die widrigen Umstände verantwortlich zeichneten. Ein Krieg von russischer Seite, den USA und NATO über Jahre vorbereitet hatten, dient ihnen nun,  in den Chor der imperialistischen Claqueure mit einzufallen und von einem Völkerrecht zu schwadronieren, das gerade ihre neuen Patrone immer nur dann geachtet hatten, wenn es in den eigenen Kram passte. Die unzähligen Putsche, Kriege, Bombardements und Sabotageakte, gegen die eine heute seniorisiete und dekadente Linke in vergangenen Zeiten protestiert, demonstriert und gekämpft hatte, sind vergessen und bei der Wiederholung dieser Akte der Aggression ist man ganz vorne dabei. Mit der fragwürdigen Begründung der Rettung des Völkerrechts.

Kann es sein, dass Worte und Bilder im Halse stecken bleiben? Jedenfalls drängt sich der Eindruck auf, wenn man sich die mittlerweile staatlich subventionierten Hetztiraden von Leuten anhört, die sich mal Kommunisten nannten und jetzt, vom Staat und von kriminellen Oligarchen gefördert, in Funk und Fernsehen alle Menschen, die für den Frieden plädieren, bestenfalls als Volltrottel oder als fünfte Kolonne der gegnerischen Kriegspartei diffamieren. Oder wenn sich Abgeordnete vor den schlimmsten Schergen einer autoritären Staatsdoktrin, deren Revers noch von den Überresten enormer Korruption bekleckert ist, auf die Knie werfen, um die Lebensleistung zu preisen. Oder wenn die woken Damen im Pelzmäntelchen ihre Verkommenheit vor den Banderolen glitzernder Monopole grinsend zur Schau stellen. 

Das Beruhigende, auch wenn es im Ruin endet, ist die Prognose, dass dieser Krieg verloren ist. Alle Spekulationen über die Vernichtung des Gegners basieren auf einer Illusion, die fleißig in die Köpfe gehämmert wurde und die zu sitzen scheint. Hört man sich um, so frieren tatsächlich Menschen, die es sich leisten könnten, trotzdem bereits freiwillig für den Endsieg. Diejenigen, die appellieren, das zu tun, machen das sicher nicht und diejenigen, die frieren, obwohl sie es nicht wollen, haben im Moment keine Stimme, die den Unmut und den Willen zur Veränderung zum Ausdruck bringt. Diejenigen, deren Stunde jetzt schlagen würde, haben die Seite gewechselt. Auch wenn sie es nicht merken, ihr Kapitel in den Geschichtsbüchern ist bereits zugeschlagen. An dem, was noch kommen wird, werden sie nicht mehr beteiligt sein. Weil sie keiner mehr will. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wer nicht mehr kämpft, auch.

Und wer von diesen Menschen tatsächlich glaubt, sein Seelenheil durch die Hinwendung zu Onkel Sam in dieser Kontroverse retten zu können, denen sei gesagt, dass sie damit wiederum falsch liegen. Denn bei der amerikanischen Administration verhält es sich so, wie mit Dostojewskis Großinquisitor aus den Brüdern Karamasow: Er glaubt selbst nicht an Gott. Und so ist es mit Trump wie Biden, beide glauben nicht an die amerikanische Demokratie. Dieselben Oligarchen. Anti-Amerikanismus? Ja, dort, bei denen, die den Krieg um Weltherrschaft reklamieren.  

Von Herrschern, Professoren, Huren und Balletttänzerinnen

Als Ernst August I., seinerseits Brite, 1837 König von Hannover wurde, gehörte es zu seinen ersten Amtshandlungen, das relativ freiheitliche Staatsgrundgesetz außer Kraft zu setzen. Von so etwas wie Grundrechten und Partizipation hielt er nichts, interpretierte er doch Herrschaft als etwas von Gottes Gnaden. Daraufhin wagten es insgesamt sieben Professoren der Universität Göttingen, sich mit einem Protestschreiben gegen diesen Akt zu wenden. Das Schreiben landete zunächst nur in der Universitätsverwaltung und wurde sorglichst unter Verschluss gehalten. Aber irgendwie gab es doch eine Kopie, die von Studenten, die von dem Schreien begeistert waren, handschriftlich kopiert wurde und so zu einer Vervielfältigung von nahezu tausend Exemplaren geführt hatte. Schnell wurde von den Göttinger Sieben gesprochen, die es gewagt hatten, gegen den Willkürakt des neuen Monarchen zu protestieren. 

Dieser war so verärgert, dass er die sieben Professoren aus dem universitären Dienst entließ und einige von ihnen sogar des Landes verwies. Letztere wiederum wurden an der hessischen Landesgrenze von jubelnden Studenten empfangen. Ernst August I. begründete seine Handlung naturgemäß nicht, sah sich aber dennoch gezwungen, sich zu äußern. Mit der Bemerkung, Professoren, Huren und Balletttänzerinnen könne man überall kaufen, war der Fall allerdings für ihn erledigt.

Wie es so ist, wenn in Zeiten monolithischer Herrschaft Menschen bereit sind, ein Zeichen zu setzen, obwohl sie wissen, dass sie dafür einen hohen Preis bezahlen müssen, so blieb die Wirkung der Göttinger Sieben nicht aus, für die übrigens ein gewisser Günter Grass eine Skulptur entworfen hat, die heute auf einem zentralen Platz in Göttingen steht, der zur Versammlung wie zur Kontemplation einlädt. Zudem sind sie vor dem niedersächsischen Landtag in Hannover  beeindruckend verewigt. Die Zeit war reif für Erneuerung und für die ersten zarten Schritte zu einer bürgerlichen Gesellschaft. Es sollte bis zum magischen wie tragischen Jahr 1848 noch etwas dauern. Doch das Feld für die Einsicht in Verfassung und Grundrechte war bestellt. 

Und es war so gut bestellt, dass selbst der in die göttliche Herrschaft verliebte Brite und König von Hannover ein Zugeständnis nach dem anderen machen musste, um seine Herrschaft vorerst zu sichern. Es begann mit der dem im Volksmund so treffend genannten Angsttaler, der 1848 eingeführt wurde und auf dem nicht mehr das V.G.G., sprich von Gottes Gnaden, zu lesen war. Im Zuge des Sturzes von Louis Philippe in Frankreich im selben Jahr, schwappte die Bewegung auch nach Hannover über und eine immer selbstbewusster auftretende Bürgerschaft nötigte dem in die Defensive geratenen Monarchen immer mehr Zugeständnisse ab. Eine Revolution, wie sie wieder einmal in Frankreich zu beobachten war, fand allerdings nicht statt.

Mit den Rechten, so hatten es bereits die Göttinger Sieben begriffen, verhielt und verhält es sich so wie mit der Unschuld. Man kann sie nicht ein bisschen verlieren. Entweder das Volk hat sie, oder es hat sie nicht. So einfach ist das und so unendlich oft belegbar ist diese Erkenntnis, die im Zeitalter der manipulativen Rhetorik und der doppelmoralischen Relativierung immer wieder versucht wird zu verbergen. Und was die Käuflichkeit von bestimmten Berufsgruppen angeht, da hatte Ernst August I. wohl Recht. In jeder Krise beweist es sich erneut. Allerdings wird es letztendlich brenzlig für die Herrschaft, wenn sich gerade aus diesem Lager auch der Protest erhebt. Deshalb treiben es die mentalen Despoten so derb mit Wissenschaft und Künsten, wenn sie sich der Willkür widersetzen.