Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die Jeunesse dorée und ihr Ablaufdatum

Ja, alles hat seine historische Vorlage. Von der Form weicht es so manches Mal ab, aber der Kern kommt wieder. So, wie einstige Kampf- und Heldentage, die sich aus Kriegen, Kämpfen und Revolutionen speisten, irgendwann zu blutleeren Zeremonien wurden, die nur noch der Anlass für einen vollen Bauch und zu viel Wein waren, ging es auch ganzen Klassen und Perioden. Heute, am 1. Mai, wo immer wieder Menschen gesichtet werden, die irgendwo am Wegesrand besoffen im Gras liegen und an die Vergänglichkeit des Anlasses erinnern, tauchen aktuell ganze Gruppen von Menschen auf, die politisch eine Rolle spielen. Wie gesagt, in einer bestimmten Periode. Dann geht auch für sie das Licht wieder für ein Jahrhundert oder länger aus.

So hat die Französische Revolution, nachdem sie die Machtverhältnisse geklärt hatte, sich danach konsolidierte und mit der Hinrichtung Robespierres den Grande Terreur beendet hat, verschiedene Phasen durchlaufen, die teils vorantreibenden, aber auch restaurativen Charakter hatten. Die Gruppe, die sich bei der Restauration einen Namen machte, wurde schnell von allen Beobachtern die Jeunesse dorée genannt. Die vergoldete Jugend rekrutierte sich vor allem aus dem unterlegenen Adel und den Neureichen, die gute Geschäfte mit der Armee gemacht hatten. Die Bewegung hatte zum Ziel, die Französische Revolution als Episode zurück in die Geschichtsbücher zu verweisen. So romantisch die Bezeichnung einer vergoldeten Jugend auch klingen mochte, es handelte sich dabei um handfeste Reaktionäre, die auch mit Knüppeln bewaffnet nächtens auf den Straßen lauerten und so manchen Sansculotten oder Jakobiner zusammenschlugen.

Obwohl Kinder der revolutionären Epoche, übertrafen sie alles, was sich die alte Generation der Monarchisten noch gewagt hätte. Sie kaschierten ihre Rückständigkeit durch pittoreskes, den Moden die Fratze zeigendes Auftreten und erweckten so zunächst bei vielen Zeitgenossen den Eindruck einer rebellischen Jugendbewegung. Die sie nicht waren. Die Jeunesse dorée war ein Ausbund der Reaktion und eine Stoßbrigade des Monarchismus. Mit der neuen Zeit, die ein ganzes Volk ausgerufen hatte, hatten sie ihrerseits nichts zu tun. Ihr Handwerk war die Gewalt, immer schön kaschiert, aber immer mit dem Ziel, die alten Besitz- und Einflussverhältnisse, für die die Monarchie stand, wiederherzustellen und zu sichern.

Nun stellt sich die Frage, warum mir die Geschichte dieser Jeunesse dorée gerade jetzt wieder einfällt? Warum drängen sich mir beim Anblick vieler, die heute eine aktive Rolle im politischen Spektrum dieses Landes spielen, die Bilder des historischen Originals auf? Ja, die Fragen sind natürlich suggestiv. Wir sind Zeugen einer historisch etwas gewandelten Jeunesse dorée, die aus gesicherten Verhältnissen stammt, die die Rechte des gemeinen Volkes nicht schätzt und die sich an allem beteiligen, was die Demontage von Demokratie und Recht verspricht. 

Das Licht historischer Akteure erlischt in der Regel dann, wenn die Einschätzung ihrer historischen Rolle zum Allgemeingut wird. Dieser Prozess wird erleichtert, wenn den Akteuren ein Freiraum zur ungezügelten Gestaltung zugestanden wird. Das ist bei dem heute und hier existierenden historischen Ableger der Jeunesse dorée der Fall. Die Erkenntnis über ihre historische Rolle verbreitet sich derzeit wie ein Lauffeuer. Es läuft!!!  

Politik: Kojoten, die kreischend auf die Tische pinkeln

Gestern war wieder so ein Tag. Da tauchen abends, zur besten Sendezeit, die Bewohner der Geisterbahn auf und brüllen, verborgen hinter schrecklichen Masken, ihr Kriegsgeschrei in die Mikrophone. Einhalt bekommen sie nicht geboten. Nein, sie werden präsentiert wie gesellschaftsfähige Exemplare einer heilen Welt. Das ist skurril, das ist pervers. Diese Geisterbahnbewohner präsentieren nun nach zwei Jahren eine Waffengattung nach der anderen, die angeblich den Krieg in der Ukraine durch einen Sieg über Russland bewerkstelligen sollen. Und das, was sie bewirken, ist nicht nur die Eliminierung der Zukunft beider Länder, was nebenbei auch zum Plan gehört, sondern sie verschrotten ihren alten Tötungsmüll im Echtbetrieb. 

Die Kriege der Zukunft, wenn es wirklich um die Dominanz geht, werden anders aussehen. Da rollen dann keine putzigen Panzer durch die Landschaft, sondern da gibt es keinen Strom mehr, die Logistik bricht zusammen, das Trinkwasser geht aus und die Nahrungsketten werden unterbrochen. Und dann, das wissen auch die finsteren Auftraggeber des militärisch-industriellen Komplexes, werden die post-heroischen Gesellschaften das Nachsehen haben. Die Russen sagen heute schon, Kartoffeln und Äpfel hätten sie immer, und die Chinesen machen es mit einer Schüssel Reis. Wie es hier, im elaborierten Westen, mit massenhaft verbreiteten Unverträglichkeiten und Intoleranzen aussieht, kann man sich leicht vorstellen. Dieser Krieg ist bereits verloren, bevor er richtig begonnen hat. 

Wenn die Schranzen, die uns täglich als politisches Fachpersonal präsentiert werden, tatsächlich diejenigen wären, die über Krieg und Frieden entscheiden, dann wäre auch dieses Spiel längst aus. Sie selbst schaffen es nicht bis zum nächsten Graben, und ohne ihre mächtigen Souffleure ginge ihnen schnell der Text aus. Die Antworten, die sie verdienen, sind bereits formuliert und werden bald kommen. Denn wenn das Gros der Bevölkerung davon ausginge, dass diese Schreckgespenster tatsächlich die Herren und Kriegsgöttinnen über ihr Schicksal sind, dann wäre bereits das zu verspüren, was Gesellschaften immer kurz vor ihrem Untergang an den Tag gelegt haben. 

Dann herrschte die allgemeine Zügellosigkeit und Libertinage. Dann würde auf den Straßen längst kopuliert und aus den Fenstern gekotzt. Dann wäre der Rausch der standardisierte Zustand, dann wären die Geschäftsprozesse längst beendet und die Verwahrlosung griffe um sich. Dann sähen alle bereits so aus, wie die uns in unerträglicher Intensität präsentierten Horrorgestalten. Frei von Zivilisation und Humanität, geprägt durch Blutrünstigkeit, Gier und Rücksichtslosigkeit.  

Wer das nicht glaubt, der gehe auf den Rummel, die Mess, die Kirmes oder den Send und setze sich in eine Geisterbahn. Das, was da an den Ecken steht und eigenartige Geräusche abgibt, wirkt nämlich bereits wie das Ensemble dieser Polit-Talkshows, wo die Kojoten  des Krieges unter freundlicher Begleitung der Moderatoren kreischend auf die Tische pinkeln. Und doch: es scheint noch nicht so weit zu sein. Zu viele Menschen, die einem begegnen, gehen noch einer vernünftigen Tätigkeit nach, haben noch soviel Selbstachtung, dass sie auf sich achten und wissen, wie man sich in der Öffentlichkeit zu benehmen hat. Die Zeit der vulgären Libertinage herrscht bislang noch nur in Teilen der politischen Klasse. Das ist der Funke, mit dem die Hoffnung in Verbindung gebracht werden kann. 

Über die mentale Krise individualistisch ausgerichteter Gesellschaften

Die mentale Krise der extrem individualistisch ausgerichteten Gesellschaften ist offensichtlich. Auf der Wunsch- wie auf der Angebotsseite ist das Bild skurril: Menschen, die nicht ihr Bedürfnis 1:1 behandelt sehen, tendieren dazu, sich komplett zu verweigern. Und die Bestellung eines Produktes mit den entsprechenden individuellen Spezifikationen artet zu regelrechten Biointerviews aus. Das Konsumverhalten führt, zumindest in bestimmten Segmenten, dazu, dass der Stoff für eine gesellschaftliche Diskussion ausgeht. Worüber sich noch unterhalten, wenn jeder sich in seiner sublimierten Blase befindet? Und, wo keine Gemeinschaft, da ist auch kein Konsens mehr darüber, ob es sich lohnt, sich für das Gemeinsame einzusetzen. Ja, der Verlust der Gemeinschaft und der Psychoritt in den Individualismus hat zum Massenphänomen des Post-Heroismus geführt. 

Henry Kissinger pflegte häufig sein Erlebnis mit dem damaligen Außenminister der Volksrepublik China, Zhou Enlai, zu erzählen. Bei ihrem ersten Treffen fragte Kissinger Zhou, von dem er selbstverständlich wusste, dass er sich zu Studienzwecken in Frankreich, England, Belgien und Deutschland aufgehalten hatte und sich in der neueren europäischen Geschichte auskannte, was er von dem Projekt der bürgerlichen Revolution und seinem Konzept des Individualismus halte. Zhou blickte Kissinger irritiert an und antwortete, das könne man doch beim besten Willen nicht sagen, die Französische Revolution sei doch gerade einmal 200 Jahre alt. 

Das Ganze spielte sich vor ziemlich genau 50 Jahren ab und zeigt, wie sehr die Zeiten sich wandeln. Die Frage wäre, hätten wir die Gelegenheit gehabt, vor 50 Jahren wesentlich wohlwollender in Bezug auf das Projekt der bürgerlichen Gesellschaft beantwortet worden als heute. Dazwischen liegen unter anderem dreißig Jahre des Wirtschaftsliberalismus, der den Individualismus wie eine Turbine beschleunigt und die auf Grundlage der individuellen Freiheiten gegründeten Gesellschaften in ein mentales Prekariat geführt hat. 

Trotz aller Polarisierung, vor allem gegenüber offen autoritären oder oder auch kulturell kollektivistischen Gesellschaften, werden vor allem die imperialistischen Staaten, die aus einem wohl verstandenen Individualismus eine Raubtierphilosophie geformt haben, ihrerseits, betrachtet man ihre innere Befindlichkeit, zunehmend autoritärer und totalitärer. Der Blick von außen, aus der Ferne, führt zu dem Urteil, dass das Projekt der bürgerlichen Gesellschaft, welches seine Prinzipien in der Französischen Revolution in Stein gemeißelt hat, sich in der heißen Phase des Scheiterns befindet. Unveräußerliche Rechte werden nach Bedarf interpretiert oder sogar annulliert und der Staat argumentiert auf seinem Weg in der Autoritarismus diese Notwendigkeit mit der Verteidigung der Demokratie. Übrigens der größte Irrtum in der Verteidigung demokratischer Rechte, auf den bereits Benjamin Franklin hingewiesen hatte, als er noch in Paris weilte und im noch monarchistischen Frankreich für Waffenlieferungen für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Englische Krone warb.

So fliegt der Kot historischer Vergehen gegen die Prinzipien der Freiheit und die unverbrüchlichen Rechte, die mit ihr einhergehen, bis in die Gegenwart. Und wir, als Leidtragende wie Zeugen, dürfen uns nicht dem Irrglauben hingeben, dass die Prinzipien, um die es dabei geht, die falschen sind. Eine Flucht in die Autokratie ist mit Abstand der dümmste Schluss, der aus der Krise des beschleunigten und hoch gekoksten Individualismus gezogen werden kann, auch wenn die vermeintlichen Verfechter der Demokratie sich bereits auf diesem Weg befinden. Da einen klaren Kopf behalten, fällt in der Tat schwer. Die Freiheit des Individuums ist eine Voraussetzung einer freien Gesellschaft. Die bleibt aber nur solange frei, sie die Einsicht in das unabdingbar Gemeinsame bewahrt werden kann.