Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Zur Lage: Es herrschen die Superlative!

Es herrschen die Superlative. In der Beschimpfung. Wenn ich die Begriffe betrachte, mit denen sich derzeit politische Gegner gegenseitig malträtieren, beschleicht mich das ungute Gefühl, dass die Skala nach oben so langsam ausgereizt ist. Der Faschismus lauert überall, der offene, der getarnte, die Stalinisten sind wieder unter uns, die Nationalsozialisten, die Fünften Kolonnen, die Landesverräter, die Saboteure, die Terroristen, die Brunnenvergifter, die Kriegstreiber hier, die versteckten Kriegstreiber dort. Wenn es so ist, wie täglich an vielen Stellen beschrieben, dann kann mit jeder Form von Verständigungsversuchen nichts mehr erreicht werden. Das Klügste wäre dann, sich gegenseitig zu meucheln. Dann blieben vielleicht noch einige wenige Vernünftige übrig, die in der Lage wären, eine sehr rustikale, abgespeckte Zukunft zu gestalten. Aber so?

Die Mechanismen, die zu diesem beklagenswerten Zustand geführt haben, sind hinreichend beschrieben worden. Es hat mit dem brutalen Niedergang des Journalismus zu tun. Es hat etwas mit gezielter Polarisierung in der Politik zu tun, es liegt auf vielen Feldern an eklatantem Unwissen, es liegt an der Erpressbarkeit vieler Existenzen, es liegt an befürchteten Wohlstandsverlusten, es liegt an einer durch einen langen Friedensprozess gewachsenen Lethargie. Es liegt an dem, was Politologen einen post-heroischen Befund nennen. Der Individualismus hat sich, zumindest als Illusion, zu der alles entscheidenden, alleinigen Instanz gemausert. Dass es kollektive Erfordernisse gibt, die die Basis für das Wohlergehen der Einzelnen sind, ist nahezu ausgeblendet. Dass es jedoch die gesellschaftliche Kohäsion, d.h. der Zusammenhalt ist, der eine sozial verträgliche und sogar vorteilhafte Existenz des Individuums erst ermöglicht, wird nicht gesehen. Der Zustand, den wir jeden Tag beklagen und der anfangs beschrieben wurde, ist exakt das Indiz für diese These. Wer nur noch Feinde ringsum sieht und den das Dasein der anderen nicht interessiert, ist ein ideales Museumsstück für den Irrweg des Neoliberalismus. Genau dieser setzt exklusiv auf das Eigeninteresse und er hat, nachweisbar, allen Gesellschaften, wo er sein Unwesen treiben durfte, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstört. Und er ist verantwortlich für den strategischen Absturz des einst so produktiven und mächtigen Westens.

Aus dieser Gasse entkommt man nicht mit Beschimpfung und Diffamierung. Das ganze Gezeter, das seit einigen Jahren zu hören ist, bezeugt die Ratlosigkeit und das Festhalten an alt bewährten Formen, die an sich keinen Wert mehr darstellen. Die alles entscheidende Frage, die die unerträglichen Hassdebatten beenden kann, die im übrigen auch von denen befeuert werden, die sie öffentlich beklagen, ist die nach dem Charakter des Zusammenlebens. Wie wollen wir unsere Gesellschaft gestalten? Sollen essenzielle Voraussetzungen wie Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, Wohnen, Mobilität weiterhin durch Privatisierungen geschreddert werden oder sagen wir, nein, das sind Leistungen, die jedem zustehen und das lassen wir uns etwas kosten? Und komme niemand mit dem Kalauer, das könnten wir uns nicht leisten! Die tausend Schlupflöcher, durch die Steuern verschwinden werden geschlossen, Privilegierung durch Subventionen werden beendet, eine Landesverteidigung wird gesichert, aber die Beteiligung an imperialistischen Kriegen wird ausgeschlossen.

Wer nicht wie ein Kokon in einer hermetisch gesicherten Blase existiert, wird wissen, dass es den meisten Menschen um diese Punkte geht und dass auf dieser Basis eine Einigung erzielt werden könnte, weil die Mehrheit dieses wünscht. Bringen Sie einmal solche Argumente vor und warten Sie auf die Reaktion! Und schnell trennt sich die Spreu vom Weizen. Zur Zeit ist viel Spreu anzutreffen. Aber auch solche Zeiten gehen vorüber.

Einige Gedanken zum Desaster-Management

Auch zum Desaster-Management existieren zahlreiche Publikationen. Sie sind in der Regel für jene gedacht, die sich plötzlich, wie aus heiterem Himmel, einer fatalen Situation ausgesetzt sehen und froh sind, dass sich kluge Leute irgendwann einmal zusammengesetzt und ein Vorgehen beschrieben haben, das rational und folgerichtig ist. Damit wäre allerdings auch schon die Voraussetzung eines effektiven Desaster-Managements beschrieben. Selbst wenn man es vorher nicht einkalkuliert hat, was nachlässig ist, zumindest beim Eintreten eines wie auch immer gearteten Infernos sollte der Kopf kühl bleiben und in der Lage sein, sich des Besteckes der Logik zu bedienen. Wer emotional, hysterisch oder gar halsstarrig reagiert, dem ist selbst durch einen solchen mächtigen Fingerzeig des Schicksals beim besten Willen nicht zu helfen.

Was hingegen immer hilft, sind eine Reihe von Fragen. Sie haben die attraktive Eigenschaft, Gefühlslagen wie Zorn, Wut, Scham oder Ressentiments zumindest für einen gewissen Zeitraum zurückzudrängen. Dieser sollte genutzt werden, um an einer Perspektive zu arbeiten, die in der Lage ist, die fatale Situation möglichst bald hinter sich zu lassen.

War das, was nun zu beklagen ist, voraus zu sehen? Wenn die Frage mit Ja beantwortet wird, aber im Vorfeld nichts geschehen ist, was das Ereignis hätte verhindern können, dann befindet man sich bereits in einer äußerst heiklen Lage. Denn wenn nichts unternommen wurde, was Wirkung hätte zeigen können, was hat man dann getan? Alles auf sich zukommen lassen, nach dem Motto der Rheinischen Verfassung: Et hätt noch emmer joot jejange? Oder hat man sich auf Manöver beschränkt, die zwar zeigen, dass man etwas tut, von denen aber alle wissen, dass sie nichts bewirken. Hat man sich ein Alibi verschaffen wollen? Ohne einen einzigen Versuch der Problemlösung? Oder hat man sich damit begnügt, nach vielen Gründen für das herannahende Unheil zu suchen, die alle außerhalb der eigenen Verantwortung liegen? Lag es an der Durchtriebenheit der Konkurrenz? Lag es an der Begriffsstutzigkeit Dritter? Man sieht, Lösungswege aus dem Desaster müssen sich mit der Entstehungsgeschichte desselben und der eigenen Verantwortung auseinandersetzen. Ist dieses nicht der Fall, dann stehen die Zeichen auf Wiederholung, mit immer schlimmeren Ergebnissen.

Dagegen ist das Aufräumen nach einem Desaster nahezu ein Kinderspiel. Man muss die Situation emotionslos beschreiben, so wie ein Bericht an die Versicherung. Man muss die Teile und Akteuere herausfiltern, die noch zu gebrauchen sind und sich von dem trennen, was irreparabel verwüstet ist. Da sollte man so kalt sein wie eine Hundeschnauze.

Und dann geht es an die Beschreibung dessen, was man unter Berücksichtigung der Schadensbilanz erreichen kann. Und zwar wie, mit wem, in welchem Zeitraum und zu welchen Kosten. Und diese Strategie ist allen zu kommunizieren, die dabei mitmachen und benötigt werden. Zu empfehlen auf dem Weg zu einem neuen Projekt ist immer der Blick in den Rückspiegel und sich dessen bewusst zu sein, was zu dem Debakel geführt hat und in Zukunft auf jeden Fall vermieden werden sollte.

Die Motivation erwächst jedoch aus der Perspektive. Wenn es gelingt, glaubhaft einen Plan zu präsentieren, der die Ursachen des Desasters durch eine andere Art des Handelns negiert, dann besteht Hoffnung auf Besserung. Sonst nicht. Dann wiederholt sich genau das, was man vermeiden wollte.

The Bitter End

Eigentlich wollte ich mich gerade an eine Einschätzung dessen machen, was heute bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen zu erwarten ist. Dann dachte ich, lass es lieber. Dazu haben sich bereits viele kluge Köpfe geäußert und zahlreiche Scharlatane abgearbeitet. Widme dich lieber einmal etwas Schönem. Und, so klug ist das Unbewusste, mir fiel spontan etwas ein, das sehr weit weg liegt und doch zum Denken über die aktuelle Situation anregt. Aber eins nach dem anderen.

Im Jahr 1961 gründete Jeff Weintraub in der Bleeker Street in Greenwich Vilage, Manhattan, New York, einen kleinen Club. Er nannte ihn „The Bitter End“. In dem Club wurde Live-Musik gespielt und angeboten. Ob es aus Geldgründen oder aus der genialen Idee von Talentförderung entstand, darüber wird heute spekuliert. Fakt ist, dass an mehreren Abenden in der Woche die Bühne frei war, für Musikerinnen und Musiker, die sich trauten, hier in New York, im Big Apple auf die Bühne zu gehen und zu zeigen, was sie konnten. Die Preise im Bitter End waren gemäßigt und das Publikum durfte entscheiden, ob die, die auf die Bühne gingen, weiter machen dürfen oder nicht. Die Liste derer, deren Weg über das Bitter End in die Berühmtheit führte, ist lang. Stevie Wonder, Bob Dylan, Randy Newman, Lady Gaga, Norah Jones und viele andere mehr.

Einer der New Yorker Bürgermeister, meines Wissens war es Ed Koch, anerkannte die Verdienste dieses kleinen, schäbigen Clubs in der Talentförderung und deklarierte jeweils einen Tag im Jahr, den 23. Juli, als Bitter-End-Day, an dem nicht nur der Club mit diesem Namen geehrt wird, sondern alle jungen Musikerinnen und Musiker aufgefordert sind, ihr Zeug zu schnappen und überall dort aufzutreten, wo es ihnen passt.

Sollten Sie jemals in New York sein, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, ins Bitter End zu gehen und sich anzuhören, wie viele hochkarätige No-Names sich dort auf der Bühne tummeln und was für ein kluges, kenntnisreiches Publikum bei einer Flasche Bier den Daumen nach oben oder nach unten hält. Für manche Musiker ist es dort auch das Bitter End. So grausam kann das Leben sein. Für andere ist es aber auch der Weg zu ganz anderen Höhen. Wer hart an sich arbeitet, wer Niederlagen einsteckt und weitermacht, der kann Großes erreichen. Und ein Publikum, das sich seiner Macht bewusst ist, das viel gesehen und gehört hat und sich ein Urteil zutraut, ist ein wichtiger Faktor auf dem Weg nach oben wie nach unten.

Vor vielen Jahren war ich dort für eine gewisse Zeit Stammgast. Ich habe beeindruckende Musikerinnen und Musiker erlebt. Ich habe aber auch ein Publikum erlebt, das sich nie hat etwas vormachen lassen, das immer sah, wo die Stärken und die Schwächen waren, das aber nie abfällig oder arrogant war. Wer nicht weiterspielen sollte, bekam ein Bier ausgegeben und man nahm ihn in den Arm. Und wer überzeugte, hatte den grandiosesten Abend in seinem noch jungen Leben. The Bitter End – ein überwältigendes Konzept. Dort, in Greenwich Village, Manhattan, New York. Und eigentlich auch überall sonst.