Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Spieglein, Spieglein, an der Wand!

In Zeiten der existenziellen Polarisierung ist es schwer, ehrlich zu sein. Ständig fühlt man sich von Kontrahenten beobachtet. Und immer soll es vermieden werden, den eigenen Standpunkt zu verwässern. Es existiert, abgesehen von therapeutisch eskortierten Methoden, nur eine Möglichkeit, um ganz in sich zu gehen und die eigenen Züge zu studieren. Wir haben in unserem kollektiven Gedächtnis eine Erzählung, die dem nahe kommt, auch wenn die Geschichte dort ganz anders verläuft als es hier gewollt ist. Es ist die Befragung des Spiegels. Stellen wir uns vor den Spiegel, alleine, ohne Störung, und sehen uns an. Und fragen wir das tote Ding mit einer schlichten physikalischen Wirkung bitte nicht, wer der oder die Schönste, Schlaueste oder Vernünftigste im ganzen Land ist.

Nein, sehen wir uns in die Augen. Betrachten wird die Falten und Narben, entschlüsseln wir, ob wir gezeichnet sind von einem großen Lebenswillen, vom Hang zur Zuversicht oder sind wir Zeugen von Trauer und Melancholie? Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann können wir das lesen. Und fragen wir uns dann bitte nicht, wer dafür verantwortlich ist, dass wir vielleicht nicht so sind, wie wir es uns wünschen. Und suchen wir nach Indizien, ob wir, als Individuen, alles das tun, was wir im Austausch von allen anderen, mit denen wir interagieren, getan haben oder tun. Im Jubiläumsjahr des großen, kleinen Immanuel Kant dürfen wir uns diese Art der Libertinage durchaus einmal gönnen. Alles, was wir in uns sehen, ist eine Muster dessen, wie es auch den anderen ergeht, wenn sie sich dieser Probe unterziehen. Es muss heißen, Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Ehrlichste im ganzen Land? 

Und die Ergebnisse, diese Nachricht kann leider nicht der Zensur zum Opfer fallen, sind verheerend. Wir befinden uns im Zustand der allgemeinen und allseitigen Schuldzuweisung. Alle sind Opfer der Verhältnisse und niemand steht zu dem, was er oder sie verursacht hat. Ja, es wird schmerzen, aber das einzige, was uns noch retten kann, ist die bedingungslose Analyse unserer Selbst und das absolute Bekenntnis zur Wahrheit. Und jede Form der Erregung steht dieser Suche im Weg. Wahrscheinlich wird sie deshalb so zelebriert. 

Denn, wenn die Idee der Demokratie überhaupt noch einen Sinn vermittelt, dann ist es die Offenlegung der Ziele und Wünsche aller und die Sezierung der Motive. Wer jetzt sein Handeln nur noch im Fehlverhalten anderer begründet, erweist sich im demokratischen System als untauglich. Es muss ein konsensuales Grundmuster vorliegen und erarbeitet werden. Wollen wir in Frieden leben? Wollen wir selbstbestimmt unsere Geschicke bestimmen können? Auf welchen Niveau der Zivilisation wollen wir uns bewegen? Darum geht es, nicht um mehr, aber auch nicht um weniger.

Und wir stehen immer noch vor dem Spiegel und müssen uns fragen, ob wir es sind, die das Debakel mitverursachen, dass wir nicht mehr aufeinander hören, dass wir virtuos sind in der Verurteilung anderer, dass wir so uns selbst als Opfer alles Schlechten exkulpieren? Das legendäre Spieglein hilft nicht nur, das eigene Ich mit der Wahrheit zu konfrontieren, sondern auch, alle zu identifizieren, die der Wahrheit die Treue geschworen haben. Und, niemand solle bei der Übung verzweifeln: Jedes Alter hat seine Schönheit! Und für die Wahrheit ist es nie zu spät! 

Feiger Mord und politische Courage?

Wenn ein Menschenleben durch fremde Gewalt vernichtet wird, greifen Politiker, sollte es in das eigene politische Portfolio passen, gerne zu der Formulierung, es handele sich um einen feigen, brutalen und/oder hinterhältigen Mord. Wie gesagt, wenn es passt! Ich habe mich in solchen Situationen immer gefragt, ob es mutige Morde überhaupt geben kann? Lange habe ich diese Frage verneint, bis mir der Tyrannenmord in den Sinn kam. Dieses Gedankenspiel ist sogar im Grundgesetz beschrieben. Ja, darüber kann man streiten. Aber ansonsten? Zumindest kommt niemand auf die Idee, bei einem gewöhnlichen Mord von einer mutigen Tat zu sprechen.

Aber, wie es so ist, vieles hat sich in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen, das unsinnig ist und trotzdem gerne benutzt wird. Nähme man das alles ernst,  dann würde vieles anders verlaufen. Und, wenn wir schon dabei sind, von Mut zu sprechen, wie verhält es sich mit einer Bundesregierung, die miterlebt, dass eine wesentliche Ader der kritischen Infrastruktur wie die Nord Stream Pipeline, vernichtet wird, und man alles daran setzt, um die Ursache im Verborgenen zu lassen? Man erinnere sich: der Angriff auf das World Trade Center im Jahr 2001 wurde nicht nur als ein Angriff auf die kritische Infrastruktur der USA angesehen, sondern es führte sogar zur Ausrufung des NATO-Bündnisfalls und zu einem 20 Jahre dauernden Krieg in Afghanistan, der nebenbei, völkerrechtlich nicht legitimiert war. 

Nähme man dieses Handlungsmuster, das, rückblickend betrachtet, an Absurdität nicht zu überbieten ist, und wendete es auf Nord Stream an, dann ist nicht auszudenken, was passieren müsste. Der NATO-Bündnisfall müsste ausgerufen werden, weil tatsächlich ein massiver, verheerender Angriff auf die kritische Infrastruktur stattgefunden hat. Und, vieles spricht dafür, es käme zu einem Bündnisfall innerhalb des Bündnisses. Da tanzt der Teufel natürlich auf dem Tisch und singt mit galliger Stimme zynische Lieder. Was für ein Irrsinn.

In diesem Zusammenhang sollte Vorsicht geboten sein, die Kategorie „Mut“ in diesem Kontext gegenüber der Bundesregierung zu bemühen. Die Verantwortlichen werden wissen, wie prekär die Lage ist, wenn öffentlich wird,  wie innerhalb des eigenen Bündnisses agiert wird.  Dass in diesem Kontext das Gebrüll gegenüber Russland besonders laut ist, muss, dieses Urteil liegt auf der Hand, als eine Übersprungshandlung gewertet werden. Das wissen die Beteiligten. Und deshalb halten sie auch an dem Narrativ fest, das sie täglich, ununterbrochen und bis zum Erbrechen verbreiten. Dass die so geheiligte NATO als verlängerter Arm einer zunehmend aggressiver werdenden USA (sofern eine Steigerung im Hinblick auf die Zeit nach dem II. Weltkrieg überhaupt noch möglich ist) im Wissen um Russlands rote Linien den Krieg mit verursacht haben und seitdem immer weiter eskaliert, gehört ebenso zu den Wahrheiten, die in Bezug auf die Selbstverortung existenziell sind.

Vielleicht ist das Schweigen im Hinblick auf diese Faktenlage sogar so etwas wie eine mutige Aktion. Die Akteure wähnen sich vielleicht sogar als politisch couragiert. Allerdings mit dem Risiko, dass, sollte endlich herauskommen, wer in diesem Spiel welche Rolle spielt und gespielt hat, es zu einer Entladung kommt, die sich niemand vorzustellen vermag. Wenn herauskommt, dass die Bundesrepublik Deutschland nichts anderes ist als ein Protektorat der USA, das als Einsatz im Spiel um die Weltherrschaft auf dem Tisch liegt und das mental komplett auf den Hund gekommen ist? Selbstachtung? Selbstbewusstsein? Mut? Behauptungswille? Das wäre ja alles nicht auszudenken! Wohin würde das führen?  

Divide et impera!

Rassistische Hetze hier und Gewaltexzesse dort, im Fokus immer das, was Aufmerksamkeit erregt. Alle Seiten haben Recht, niemand muss seine Positionen überdenken. Nicht das, was gelingt, steht im Mittelpunkt, sondern das, was erregt und spaltet. Das Absurde, das sich hinter diesem Erregungsspiel verbirgt, ist das systematische Ausblenden der tatsächlichen Ursachen. Die meisten Formen von Massenmigration sind zurückzuführen auf Kriege. Nicht, dass im weltweit vernetzten Zeitalter nicht auch attraktive Lebensformen zu einer weiten, beschwerlichen und zuweilen lebensgefährlichen Reise verleiteten. Aber zumeist ist es der Verlust der eigenen Lebensgrundlagen, die Traumatisierung durch Gewalt, die Angst um die eigene Existenz. Kriege haben das Zeug, alles das zu bewirken.

Sieht man sich die Migrationsbewegungen nach Europa an, dann muss man keinem Geheimzirkel mit besonderen Kenntnissen angehören, um einen Konnex herzustellen zwischen kriegerischen Handlungen und Flucht. In den letzten zehn Jahren waren es vor allem Menschen aus Syrien und aus Afghanistan, die sich auf die Flucht begaben. Ohne Vorbereitung, ohne Mittel, ohne interkulturelles Training, ohne Kenntnis der Sprache, die gesprochen wird, wohin es sie verschlug. Wer da leugnet, dass die militärischen Interventionen des Westens dazu beigetragen haben, setzt auf die Dummheit und Ahnungslosigkeit des Publikums. Und man höre auf, die Märchen zu erzählen, man hätte das alles nur getan, damit Mädchen in die Schule gehen können, um böse Diktatoren zu stürzen oder dem einfachen Straßenhändler die Freiheit zu bringen. Immer, immer ging es um geostrategische Vorteile und den Zugriff auf Ressourcen. Im Irak, in Libyen, in Syrien, in Afghanistan. Und, warten Sie es ab, bis sich die aus Gaza vertriebenen Palästinenser auf den Weg machen. 

Der imperialistische Krieg kommt auch ohne Bösewichter aus. Da reicht schon, dass sich ein Land samt Regierung schwertut mit der Einreihung in ein aggressives Bündnis. Da hört der Spaß dann ganz schnell auf. Sehen Sie einmal nach in den Journalen, hierzulande, in denen ein Assad und seine Gattin bis in die Regenbogenpresse gefeiert wurden, bis sie Nein sagten zu einer Gas-Pipeline, die durch ihr Land führen sollte. Da wurde aus einem Hoffnungsschimmer der Demokratie in Syrien über Nacht eine schlimme Diktatur. Und das Exerzitium erstreckt sich nicht nur auf vermeintlich entlegene Regionen, im ehemaligen Jugoslawien hat man es auch schon durchgeführt und in weiteren Ländern Europas ist diese Übung gar nicht unwahrscheinlich. 

Momentan kristallisiert sich eine Konstellation heraus, die historisch ihresgleichen sucht. Da sind auf der einen Seite die Opfer der imperialistischen Kriege, die ihr Heil in den Ländern suchen, von denen die Gewalt ausging und da sind die Opfer in den Ländern selbst, denen die Kosten, die Lasten und die eigene Verschlechterung der Lage präsentiert wird als das Werk der anderen Opfer. Da stehen sich zwei Typen von Opfern gegenüber. Und man setzt alles daran, sie für das Elend der anderen Seite verantwortlich zu machen. Divide et impera! Da offenbart sich ein uraltes Prinzip von Herrschaft als durchaus noch probat. Und es scheint zu funktionieren. 

Die absurdeste Form der Irritation ist dabei jedoch die Position vermeintlich Aufgeklärter, die sich als gut und human definieren, die den einen Opfern vorwerfen, sie befänden sich auf der falschen Seite. Und den imperialistischen Krieg dabei ausblenden. Es ist die armseligste Position in diesem Spiel.