Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Schon riecht es überall nach Schwefel

Wie ist eine Situation zu bewerten, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: Gruppen unterschiedlicher Meinung gehen in einer zunehmend gewaltsamen Atmosphäre aufeinander los. Die zu beklagenden Schäden werden immer empfindlicher. Man hat das Gefühl, dass alle Beteiligten von Voraussetzungen ausgehen, die mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht unbedingt zu erklären sind. Vielmehr handelt es sich um Ursachen, die systematisch, langfristig und nachhaltig in ihrer Darstellung geleugnet oder verschleiert wurden. Stattdessen werden Wirkungen beschrieben, die allenfalls vermittelt etwas mit einem tatsächlichen Krisenzustand zu tun haben. Und, je größer der Konflikt ist und je gewaltsamer er ausgetragen wird, nichts führt zu einer Klärung der Verhältnisse. Jede der beteiligten Parteien fühlt sich sowohl in ihrer Einschätzung bestätigt, alle sehen in den anderen die Hauptgefahr und kein Schaden, so groß er auch sein mag, führt zu einer kritischen Reflexion der eigenen Annahmen und der eigenen Handlungsweise?

Das beschriebene Szenario breitet sich täglich vor uns aus. Eine Veränderung ist nicht in Sicht. Alle scheinen zu wissen, worum es geht (zumeist schlicht um Gut und Böse, aus subjektiver Sicht, versteht sich!) und niemand kommt auf die Idee, das eigene Handeln in Frage zu stellen und die Vorstellungen der anderen Seite zumindest einmal in eine sachliche Darstellung zu übersetzen. 

Wer glaubt, dieses sich laufend wiederholende Geschehen, das strukturellen Charakter hat, löste sich von selbst auf, liegt falsch. Entweder es eskaliert bis zu einer kolossalen Explosion mit nicht absehbaren Folgen, oder es wird beendet durch einen analog wirkenden Gewaltakt. Zumindest diese Erkenntnis sollte vermittelt und verbreitet werden. Sektiererische Rechthaberei, Wahrheiten, die auf gezielten Mystifikationen basieren und Starrköpfigkeit, die nur aus einer charakterlichen Kalamität erklärt werden können, führen zu einer Art profaner Selbstbefriedigung, die in keiner Lösung endet. 

Das selige Hinübergleiten in den eigenen Untergang ist zumeist nur Sekten vorbehalten. Sollte es tatsächlich so sein, dass eine Gesellschaft, die aus der Aufklärung entstanden ist, bereit ist, wie eine Moon-Sekte kollektiv ins Wasser zu gehen, als Folge einer Inszenierung von skrupellosen Plutokraten, die fern ab vom Geschehen der jeweiligen Zerstörung in ihren glitzernden Bunkern sitzen und sich an den numerischen Protokollen ihrer Gewinne ergötzen? Wie armselig, wie billig, wie absurd wäre dieses Projekt der Emanzipation dann gewesen? Als außenstehender Betrachter, quasi als Engel der Geschichte, müsste man sich schämen für ein solches unwürdiges, profanes und letztendlich frivoles Ende.

Wenn nichts übrig bleibt als die Scham, zumindest bei denen, die einmal guten Mutes waren, was ist es dann? Zu welchem Fazit könnte es kommen? War das alles dann nur Hokuspokus? Ein Zaubertrick imperialer Phantasien? Das Hütchenspiel egomanischer Teufel? Schon riecht es überall nach Schwefel. Das große Feuerwerk ist vorbereitet. Manege frei für die Irrationalität! 

Wut im Bauch allein reicht nicht!

Immer mehr Menschen laufen verzweifelt durch die Straßen und rufen nach einer Räson, die sie nicht finden. Räson ja, aber nicht die, die sie suchen. Sie sehnen sich nach dem, was ihr Leben geprägt hat. Nach der Überzeugung, dass man sich trotz unterschiedlicher Interessen auf einen Modus Vivendi einigen kann. Dass man in der Lage ist, andere Lebenskonzepte zu tolerieren, ohne sein eigenes dafür aufgeben zu müssen. Dass gerade die Fusion unterschiedlicher Perspektiven etwas Neues, Besseres erschaffen kann. Aber sie laufen immer noch herum, verzweifelt, hilflos, mit wachsender Wut im Bauch.

So langsam macht sich bei ihnen die Erkenntnis breit, dass sie ganz naive Illusionisten waren. Denn der Kapitalismus, in seiner vollen Blüte, diese Fleisch fressende Pflanze, hat sich mit dem Neoliberalismus ein Umfeld geschaffen, das nichts erschafft als Zerstörung. Und es wundert nicht mehr, dass die Guten geflüchtet sind. In die Gemächer der inneren Emigration, in die Keller der Vergänglichkeit und in die Stollen der Konspiration. 

Denn wer wollte es ihnen verdenken? Wenn sie das Gefühl hatten, von gekauften und bestochenen Chargen regiert zu werden? Wenn sich Vertreter einer militaristischen Sekte ohne Gegenwehr auf die Türme der Gesellschaft setzen konnten? Die jede Verletzung der eigenen Souveränität gut hießen, die sich erlaubten, die vitalen Strukturen der Gesellschaft zu zerstören, die alle Freunde vergällten und alle Wohlgesonnenen vergraulten? Wer kann sie dafür tadeln, dass sie sich so ekelten, dass sie für eine Weile wie gelähmt waren? Dass sie es nicht mehr ertrugen, wie alles, was sie mit erschaffen hatten, wie Sperrmüll vor die Tür gestellt wurde? Und dass sie, bei dem Wissen, das sie hatten, ahnten, dass danach nichts Besseres kommen würde.

Sie fühlten sich zurück versetzt in die Zeiten, als sie begonnen hatten, sich gegen die zivilisatorischen Trümmer eines Desasters zu stellen, die aus einem Schauspiel resultierten,  das jetzt von neuem aufgeführt wurde. In dem das Elend nicht an seiner Wurzel gepackt wurde, sondern auf Feindbilder projiziert wurde, die mit dem Grad der eigenen Verelendung nichts zu tun hatten. Und es hatte funktioniert, bis alles im Trümmern lag.

Und jetzt wiederholt sich das Spiel. Die Orgien der Zerstörung sollen als das normalste der Welt angesehen werden. In aller Frivolität werden die Verbrechen, an denen man sich beteiligt, auch noch als eine Verteidigung glorreicher Werte tituliert. Sehen Sie sich doch die Schergen an, die da im Licht der Öffentlichkeit gehandelt werden: Würden Sie mit denen ein Projekt beginnen? Würden Sie solche Figuren einstellen, wenn Sie jemanden suchten, der etwas Positives bewirken sollte? Würden Sie Ihnen Ihre persönlichen Angelegenheiten anvertrauen? Würden Sie sie Ihren besten Freunden empfehlen, wenn diese in Not wären?

Wir brauchen nicht  über diese miserable Auswahl diskutieren. Sie spielen nach besten Möglichkeiten ein Spiel, das von Grund auf falsch ist. Für alle, die in Frieden leben wollen. Für alle, die souverän über ihr Leben entscheiden wollen. Und für alle, die ohne existenzielle Not ihr Dasein gestalten wollen. Mit dem Ensemble, das momentan auf dem Podest steht, ist das nicht zu machen. Und es hilft nichts, fluchend durch die Straßen zu laufen. Wie formulierte es Bert Brecht noch?

Wut im Bauch allein reicht nicht! So etwas muss praktische Folgen haben!