Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Gut organisiert und eitel?

Nun, in der Diskussion um Flucht und Asyl und die Rolle, die dieser Staat in der europäischen Gemengelage einnehmen soll, da tauchen die Fragen wieder auf, mit denen sich Deutschland nicht beschäftigen mag und die oft dazu führen, dass sich Unberufene mit ihnen beschäftigen und politisches Schindluder treiben. Jacob Augstein sprach in seiner Kolumne im Spiegel von der Notwendigkeit einer deutschen Leitkultur. Das ist beachtlich, weil ein Konservativer, der das in der Vergangenheit forderte, von einer damals noch existenten Linken gehörig auf die Finger geschlagen bekam. Aber natürlich nicht nur besagter Kolumnist, überall wird nun wieder die Frage gestellt, wer die Deutschen sind und wohin sie wollen.Quasi als Randnotiz, aber dennoch ein sehr kluger Einwurf war ein Kommentar zu diesem Blog, in dem es hieß, die Deutschen definierten sich nicht über sich selbst, sondern sie suchten anderen zu gefallen.

Was erst einmal banal daherkommt, birgt einen scharfen Blick. Nehmen wir die Berichterstattung dieser Tage. In nahezu keiner Publikation fehlt eine internationale Presseschau zu dem Thema, wie besonders und einzigartig Deutschland doch ist bei der Aufnahme und Bewirtung anrollender Flüchtlingszüge. Und in Analoge zur Fußballweltmeisterschaft 2006 wird von einem weiteren Sommermärchen in Deutschland gesprochen. Es sind Eitelkeiten, die da publiziert und immer wieder zitiert werden, die nichts aussagen über ein Selbstverständnis, das diesem handelnden Staate zugrunde läge. Das Verlangen, zu gefallen, scheint eine nicht zu unterschätzende Triebfeder zu sein bei vielem, was vor allem in internationaler Hinsicht realisiert wird.

Und wieder beginnt die Suche nach Werten, die dann sehr kontrovers diskutiert werden und die alles bewirken, bloß keine Einigung. Ein Konsens über die Werte Deutschlands ist nicht zu erlangen. Daher existiert auch keine Strategie oder zumindest eine Diskussion darüber, wohin sich dieses Land in der Zukunft entwickeln müsse, um eine Rolle spielen zu können, die diesen Werten entspräche. Und, lassen wir uns nicht einlullen von vielen Jahren relativer Ruhe, ein solch kolossales Schiff wie Deutschland mit seiner Wirtschaftskraft ohne Kurs in internationalen Gewässern, und nicht umsonst wurde in der Weltfinanzkrise immer wieder vor allem von Schäuble das Bild bemüht, man führe auf Sicht, ein solcher Koloss hat unbegrenzte Möglichkeiten der Havarie mit an Bord.

Wenn die These stimmt, dass die Deutschen gefallen wollen und dieses ein definiertes, auf Werten basierendes Selbstbild ersetzt, und wenn es stimmt, dass das wesentliche Muster des deutschen Kulturkreises die Organisation an sich ist, dann ließe sich vieles auch historisch anders deuten. Nicht, dass es dadurch besser würde, sondern gerade das Gegenteil. Aber es erklärte, wieso diese immer wieder destruktiven Potenziale derartig freien Lauf bekamen und ein tief empfundenes politisches Regulativ schlichtweg nicht stattfand oder genauso kalt und technisch liquidiert werden konnte wie alles andere auch. Die Organisation, also das, was die Deutschen tatsächlich von so vielen anderen Ländern unterscheidet, die Fähigkeit, komplexe Abläufe zu bündeln und zu koordinieren, diese Organisation als Geist, als Inspiration, als Spirit für eine Nation zu nehmen, das wagten bis dato nur die Hasardeure. Und wie armselig sähe es auch aus, neben der Wucht von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit oder der verpflichtenden Jagd nach dem Glück? Dennoch, das Muster der Organisation scheint das Bindende, mehr noch als die Sprache, zu sein, das das alles hier zusammenhält. Kombiniert mit der Eitelkeit, den anderen zu gefallen. Reicht das? Für eine Nation?

„Und träumt im Bett vom Attentat…“

Zuerst tauchten sie nur sporadisch auf. Tastend, etwas schüchtern. Da kam dann mal eine Note, in der ein Zweifel angemeldet wurde an einer These oder einem benutzten Begriff. Das ist legitim und berechtigt und manchmal hat die Leserschaft auch ein Recht darauf zu erfahren, ob die Qualität des veröffentlichten Textes nicht tatsächlich anzuzweifeln wäre. Niemand ist perfekt. Dann wurde es zuweilen etwas mehr. Da klangen in den Fragen oder Andeutungen Vorstellungen an, die vermuten ließen, es mit Zeitgenossen zu tun zu haben, die irgendeine Sequenz in der Geschichte überhaupt nicht wahrgenommen hatten und so sprachen wie Archetypen deutscher Befindlichkeit vor den beiden großen Kriegen. Auch die wurden veröffentlicht, weil auch das eine Information ist, die die Leserinnen und Leser dieses Blogs verdienen, wenn sie sich die Mühe machen, die Artikel zu lesen und zu kommentieren. Letztendlich gesellten sich Nachrichten hinzu, die M 7 dann nicht mehr veröffentlichte, weil sie Vorboten von Gewalt waren und keine Atmosphäre der Angst entstehen soll bei einem Diskurs, der zum Ziel hat, Zustände zu kritisieren, die verbessert werden können. Das ist ein wichtiges Unterfangen, das langen Atem benötigt und so etwas wie ein dickes Fell.

Es ist durchaus verständlich, wenn Akteure in der Bloggerwelt mit Pseudonymen arbeiten. Es kann sogar die Welt von Produktion und Rezeption wunderbar inspirieren, wenn das geschieht. Was irritiert ist etwas anderes. Es ist vorgebrachte Kritik an den Werken anderer, die durchaus über das Gewohnte hinausgeht oder sogar die Person angreift. Auch das ist vollkommen in Ordnung. Es ist sogar anzumerken, dass wir in einer Zeit leben, in der die harte Polemik viel zu kurz kommt. Sowohl die Verfasser bissiger Polemiken scheinen auszusterben als auch Akteure und Institutionen, die dieses auszuhalten imstande sind, wirken wie eine Rarität. Was jedoch nicht geht, ist die Radikalattacke unter dem Schild der Anonymität. Das ist die Nutzung eines bürgerlichen Rechtes ohne bürgerliches Bewusstsein, das ist Hinterhalt, das ist das Wesen von Heckenschützen.

Es existieren genug psychologische Diagnosen über den Affront im Schutz der Anonymität, die alle auf Schwäche und die eigenen Minoritätskomplexe verweisen. Politisch, in seiner Wirkung, beschrieb allerdings der Polemiker und Barde Wolf Biermann, über den wiederum mit gutem Grund trefflich gestritten werden kann, dieses Phänomen nahezu exzellent:

„Der legendäre kleine Mann,
Der immer litt,
Doch nie gewann,
Der sich gewöhnt an letzten Dreck,
Kriegt er nur seinen Schweinespeck,
Und träumt im Bett vom Attentat,
Den hab ich satt.“

Auch wenn Biermanns Tirade sich gegen eine bestimmte soziale Spezies richtete, so traf er auch das Wesen derer, die hier im Netz das unsichtbare Maul weit aufreissen und damit versuchen, Unruhe zu stiften und Angst zu verbreiten. Es wäre unklug, mit der gleichen Methode zu antworten. Das ist leider allzuoft ein Fehler, der diejenigen, die die Verhältnisse besser machen wollen, an den Rost der alten Zeit kettet. Es kann nur die Nachricht geben, dass die Pfeile aus der Dunkelheit eher eine Bestätigung des eigenen Weges sind. Und es muss die Einladung bestehen bleiben, zu diskutieren, auch hart zu diskutieren, dann aber unter Wahrung der Identität. Wer sich dem in Zukunft verweigert, mag im Bett liegen bleiben und von Attentaten träumen, hat aber auch als Kommentator hier nichts mehr verloren. Direkte Kritik wird nur noch mit Namen genehmigt, sonst landet sie im Trash. Und der Streit auf der Suche nach Wahrheit geht weiter. Ich freue mich darauf!

Die gute Fee

Ein erwachsener, weinender Mann, ruft „Ich will zu meiner Mutter“, und dann hält er ein Bild von Angela Merkel hoch und schluchzt laut auf. Es handelt sich um einen Syrer, der der Hölle im eigenen Land entkommen ist, der dort Teile seiner Familie verloren hat und nun eine Odyssee durch verschiedene europäische Länder hinter sich hat. Die Bilder, die sich über die Smartphones in Windeseile verbreiten, sind für viele Menschen, die sein Schicksal teilen, schlicht unglaublich. Ein syrisches Kind auf dem Münchner Hauptbahnhof, das mit der Mütze eines Polizisten herumläuft, und dieser lacht beschwichtigend, als ein entsetzter Vater entschuldigend eingreifen will. Deutschland entpuppt sich momentan als das Land der Erlösung und seine Kanzlerin als die gute Fee.

Die Ursachen für diese Wirkung sind relativ einfach zu erklären. Während die europäischen Staaten unabhängig von der Dringlichkeit, sofort zu reagieren, einen Prinzipienstreit führen über Ursache, Wirkung und vor allem die daraus resultierende Verpflichtung, Flüchtlinge aufzunehmen, sind es lediglich Österreich, die Bundesrepublik und Schweden, die sich in größerem Ausmaß in der Verantwortung sehen. Die britischen Verteidigungsarbeiten am Tunnel von Calais werfen hingegen genau das Licht auf Großbritannien, in dem es bereits seit langer Zeit scheint, nämlich wenig sympathisch für das gemeine Volk schlechthin und nahezu willenlos gegenüber der spekulativen Finanz. Die osteuropäischen Staaten, allen voran Ungarn und dicht gefolgt von Polen, dokumentieren hingegen sehr anschaulich, dass die ökonomische Mitgliedschaft in dem ramponierten Gebilde Europa die politische Reife längst nicht kompensiert, es sei denn, aus geostrategischer Sicht passen die Akteure wieder in das Puzzle.

Und so sind die armen Seelen, die momentan ausgelaugt und traumatisiert die Grenzen Deutschlands erreichen, in einem Zustand der Dankbarkeit und Freude, die ihnen zusteht und die verstärkt wird durch die Initiative der Bevölkerung, die, und das müssen manche erst noch verkraften, zu den heutigen Syrern freundlicher sind als es ihre Vorgänger nach dem großen Krieg gegenüber Ostpreußen, Sudeten oder Schlesiern waren, so genannten Volksdeutschen, obwohl sie vorm bösen Russen flohen. Die Freude erklärt vieles nicht und verdeckt den kritischen Blick vor einem Europa bzw. einer EU, denn, das sei noch einmal bemerkt, EU und Europa sind lange nicht identisch. Die EU und ihr zeitweiliges Junktim mit der NATO hat zu den wirtschaftlichen Ungleichheiten im Bündnis, von denen vor allem die deutschen Konzerne in den letzten Jahrzehnten vornehmlich profitiert haben, zudem eine politische Konstellation geschaffen, die an Abenteuerlichkeit nicht zu überbieten ist.

Genau diejenigen, auch im offiziellen Brüssel, die vor allem dem gegenwärtigen ungarischen Präsidenten Viktor Orban Giftpfeile entgegen schleudern, sollten sich ins Gedächtnis rufen, dass sie es waren, die Staaten in die EU geholt haben, in denen immer noch oder schon wieder ein Geist der Menschenverachtung, des Antisemitismus, des Rassismus und der Reconquista herrscht, der dazu führt, dass die eigenen Bürgerinnen und Bürger bald auf der Flucht sind. Der ungarische Zaun ist nicht nur gegen Flüchtlinge aus anderen Ländern, sondern auch als Zaun vor Ausbruch der eigenen Bevölkerung gedacht.

Der Ukas der Kanzlerin zur Verfügung der Aufnahme syrischer Flüchtlinge ist kalkulatorisch, das eigene Image betreffend, ein großer Coup. Er lenkt ab von dem desolaten Zustand der EU und der Mitverantwortung Deutschlands am jetzigen Zustand der EU. Martin Schulz, der Heckenphilosoph vom Niederrhein, versucht nun, aus dem Elend eine Tugend zu machen. An Ungarn, so der hemmungslose Mann, sähe man, wohin es führe, wenn man die EU entmachten und den Nationalstaaten wieder mehr Souveränität gäbe. Wir sollten das Lachen nicht verlernen!