Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Silberhochzeit

Die Feiern, so wie sie abgehalten werden, machen deutlich, dass die Kernfrage, um die es geht, nicht angekommen ist. Sich in Reminiszenzen zu wälzen ist nett, den Fortschritt zu preisen ist schön, aber die Frage nach dem Sinn zu stellen ist schwierig. Der größte Irrtum in Bezug auf die deutsche Einheit ist denn auch heute, zur Silberhochzeit, das zentrale Thema. Die Unterschiede zwischen Ost und West. Es wird immer beklagt, sie existierten noch, womit nur die Einkommensverhältnisse gemeint sein können, aber, so die Hoffnung, bald sei das Vergangenheit. Gut, aber dann? Die Eigenheiten und Unterschiede der einzelnen Teile sind der Reichtum, das sollte festgehalten werden, auch wenn es erstaunt, dass es bemerkt werden muss. Eine Vorstellung über Wesen und Charakter eines geeinten Deutschlands herrscht nicht. Schlimmer, diese Frage wagt niemand zu stellen, weil die zeitgenössische absolutistische Ideologie diejenigen, die das täten, gleich in eine extremistische Ecke stellten.

Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten folgte der westdeutschen Regie. Westdeutschland, oder die alte BRD, hatte keine Vorstellung von der Rolle eines geeinten Deutschland im internationalen Kontext. Ostdeutschland noch weniger. Die westdeutsche Regie führte zu einer sehr schnellen Herstellung eines gemeinsamen, funktionierenden Staates, der sich vor allem um die ökonomische Entwicklung kümmern konnte. Die damaligen Akteure wussten, wie riskant ein eigenes nationales Profil gewesen wäre, waren doch die Bedenken in Sachen Wiedervereinigung in der westlichen Hemisphäre größer als im Osten. Dass sie es deshalb unterließen, an einem Prozess an einer nationalen Vision arbeiten zu lassen, hatte verschiedene Gründe, war aber kein Verdienst.

Eine Nation ist mehr als ein Staat. Eine Nation hat zwei Dinge, die weit über die staatliche Funktionalität hinaus gehen, die Sprache wie die Geschichte. Aus ihnen heraus leitet sich ein kollektives Gedächtnis ab, das aus schmerzhaften Lernprozessen und besonderen Fähigkeiten eine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft generieren kann. Nur muss diese Frage gestellt werden. Da allerdings das oft zitierte gemeinsame Haus im Westen stand, war es schwer, die Frage zu stellen, ohne sofortige Reibung in den eigenen Bündnissen zu erzeugen. Das aus den USA angekündigte Zeitalter vom Ende der Geschichte wie der Taumel, in dem sich die Europäische Union aufgrund wirtschaftlicher Erfolge befand, führten zu der Wunschvorstellung, die sich als Illusion herausstellte, das Stadium nationaler Selbstbestimmung sei im Zeitalter der Globalisierung längt überwunden. Ideologisch eskortiert wurde dieser Trugschluss von den Zirkusnummern eines neuen Mittelstandes, der an Feiertagen an den Rechauds eines multikulturellen Büffets anstand und glaubte, es handele sich um ein reales Abbild der Welt.

Die gegenwärtige Krise der EU führt zu unterschiedlichen Schlüssen. Seltsamerweise bestärken die meisten dieser Schlüsse nur die Ursachen der Krise. Weder wird von der wirtschaftsliberalistischen, privatistischen Ideologie, die den Einfluss der Politik zurückdrängt, Abstand genommen noch die Forderung fallen gelassen, die Organe der EU zu stärken, anstatt die nationalen Verfassungsorgane zu stärken. Dass das bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Land Europas, die Bundesrepublik Deutschland, diese riskante und destruktive Politik maßgeblich inszeniert, ist das Dramatische, ja Monströse an dieser Entwicklung. Und dass die Bevölkerung dieser Inszenierung individueller Bereicherung und der Übergabe nationaler Souveränität an ein Netzwerk kaum noch identifizierbarer Bürokratien zusieht, liegt nicht nur, aber in starkem Maße auch daran, dass sie keine Vorstellung darüber entwickelt hat, was das Land, in dem sie lebt, für einen Charakter haben soll. Diese Vorstellung muss entwickelt werden, und jede Stunde, die verstreicht, spielt denen in die Hände, die jetzt schon Antworten haben, die uns nicht gefallen werden.

Thrill und Existenzphilosophie

James Ellroy. Clandestine

Die menschliche Existenz ist ein Panoptikum. Alles, was aus ihr resultiert und alles, was in sie hineinleuchtet, erzeugt ein großes Bedürfnis nach Deutung. Philosophische und erkenntnistheoretische Abhandlungen nehmen Position zum Wesen des Menschen und nicht selten kommen sie zu Schlüssen, die von denen, die im Hier und Jetzt leben, nicht geteilt werden. Denn die Realität zeigt immer noch ein anderes Gesicht der menschlichen Existenz als der gelehrte Diskurs. Und die höchste Form der Herausforderung für diese Verfremdung von Wahrnehmung liefern Kriminalberichte und Kriminalstatistiken. Da erfahren wir, zu was Menschen nicht nur potenziell, sondern tatsächlich in der Lage sind und nichts von dem, was wir uns als Superlativ des Grauens denken, ist schlimm genug, um dieser Art von Realität zu entsprechen.

James Ellroy, der mit seinen Tetralogien über Los Angeles und deren Verfilmungen zu pikantem Weltruhm gelangt ist, liefert in seinen frühen Romanen geradezu eine lupenreine Dokumentation der oben aufgestellten Thesen. Während er eine immer in Schuld verstrickte, aber vom Wesen unschuldige Person, die stark autobiographische Züge trägt, als Protagonisten fungieren lässt, versammeln sich um diese Figur herum die Prototypen von Dekadenz, Gewalt, Perfidie und Geschmacklosigkeit. In der Stadt des Traumtheaters, denn Los Angeles ist und bleibt die Bühne dieses großartigen Schriftstellers, verführen sich ständig alle zu einem Leben ohne Halt. Das ist in seinem Debütroman Brown´s Reqiem genauso wie in seinem zweiten Werk, Clandestine.

Von der Konstruktion her ist Clandestine wesentlich elaborierter als Brown´s Requiem. Es geht um einen ehrgeizigen Cop, der durch Zufall ein Mordopfer kennt. Aus Empathie wendet er sich dem Fall zu, beginnt Wirkungszusammenhänge zu konstruieren und den Täter heraus zu deuten. In der Folge werden die Leserinnen und Leser Zeugen einer rasenden Geschichte, die um die Karriere- und Machtkämpfe im Polizeiapparat geht, um menschliche Abhängigkeiten und kriminelle Organisationsformen dessen, was gerne als Zivilgesellschaft beschrieben und für schlechthin gut gehalten wird, um Drogenhandel und Prostitution und um Liebe, die immer wieder scheitert, in ihrer bürgerlichen Formalisierung wie schäbiger Illegalität. Aber, bei all dem Wahnsinn, der sich ausbreitet, sind neben den Abgründen, an denen immer alle entlanglaufen und in die immer wieder welche hinabstürzen, Liebe und Sympathie die einzigen Regungen, die zumindest etappenweise zum Überleben verhelfen können.

Clandestine spielt im Zeitraum 1951 – 1955, es ist, wie gesagt, der zweite Roman Ellroys, aber er schildert eine Welt, die sich bis heute in Los Angeles und anderswo nicht besänftigt hat. Die Lektüre auch dieses Romans ist neben dem Thrill, den Ellroy-Werke übertragen, eine sehr geeignete Lektion für alle, die die Welt und ihre Veränderung zum Besseren mit einer normativen moralischen Position zu erreichen suchen. Der heutige Kanon der political correctness versinkt in der reißenden Strömung menschlicher Realität, die sich dem Triebhaften verschrieben hat. Und die Triebe, um die es geht, streben sowohl nach nacktem Überleben als auch nach Macht, sie zielen auf Eitelkeit und Herrschsucht, auf Gerechtigkeit, wie Verständnis. Die Dominanz des Triebes, egal ob als gut oder schlecht eingestuft, zeitigt immer etwas Barbarisches, das dann als typisch menschlich erscheint.

James Ellroy, und gerade der junge Schriftsteller, ist ein phänomenaler Dokumentar dieser Triebwelt, in der er immer besser Regie zu führen in der Lage ist. Clandestine ist ein Kriminalroman mit einem genialen Plot und ein immenses Reservoir für Reflexionen zur menschlichen Existenz.

Wohlstandsnationalismus

Seit dem sich in den Nüstern der EU-Politiker die Ahnung verbreitete, dass nicht alles so vereinigend verlaufen würde wie geplant, wurde der Slogan vom Europa der Regionen ins Leben gerufen. Damit war eine stärkere kulturelle Autonomisierung gemeint, d.h. mehr Folklore in den Regionen und mehr Fiskus und Exekutive in Brüssel. Doch es verlief anders. Aus guten Gründen weigerten sich die Nationalstaaten, generell Hoheitsrechte abzugeben in einem Tausch gegen unverbindliche Kulturfestivals. Was mit dem Europa der Regionen bewusst nicht gemeint war, war die Anerkennung von Regionen, die sich von einzelnen Mitgliedstaaten vereinnahmt fühlten, zu eigenen Staatsgebilden. Beispiele dafür gab und gibt es, aber genau dort setzte eine Diskussion ein, die weit über das Ressentiment hinaus so viel Klugheit besaß, dass sie als unrealistisch wahrgenommen wird.

Etwas anderes sind separatistische Bewegungen in einzelnen Nationalstaaten, die vordergründig auf eine kulturelle Autonomie pochen und sehr verklausuliert auf eine Entsolidarisierung abzielen. Die markantesten Beispiele hierfür sind die Lega Nord in Italien und die Bewegung für ein unabhängiges Katalonien in Spanien. Letztere ist die wohl radikalste und besitzt eine Art Vorreiterrolle für eine Entwicklung, die dann endgültig für die Abwicklung der EU stehen wird.

Nicht, dass die Katalanen nicht etwas hätten, was sie von den Menschen in Kastilien, Andalusien, im Baskenland, in Galizien, oder Exremadura unterschiede, zumindest ihr vulgärlateinischer Dialekt, der in vielen Häfen des Mittelmeeres als lingua franca verbreitet ist. Das größte Alleinstellungsmerkmal ist wirtschaftlicher Erfolg, der mit Handel und Industrie zusammenhängt und historisch bedingt ist. Eine Vereinbarung, die allen Nationen mit unterschiedlichen Regionen zugrunde liegt, dass nämlich mit einer Art Lastenausgleich operiert wird, ist auch im Fall Kataloniens der zentrale Streitpunkt. Oder wie es einer der separatistischen Botschafter Kataloniens, Pep Guardiola, kürzlich zum Besten gab: Es ist gut, dass es guten Menschen gut geht. Da ist es dann gar kein Wunder mehr, dass dieser Vertreter einer sozialen Sezessionstheorie in den Staatsverein Bayerns nach München geholt wurde, weil dort ein solches Gedankengut ebenfalls gepflegt wird.

Dem Zerfall von Bündnissen und Staaten liegen in der Regel innere wie äußere Faktoren zugrunde. Ungleichheit im eigenen Haus ist etwas, das zu Spannungen führt, aber nicht unbedingt zum Bruch führen muss. Statt Absonderung kann auch Synergie stehen, statt Konkurrenz eine gemeinsame Identifikation. Das, was eine Gemeinschaft ausmacht und im Englischen so treffend als common sense, als gemeinsamer Sinn übersetzt wird, ist die Grundbedingung für Zusammenhalt. Und Zusammenhalt ist die Basis eines jedes Gemeinwesens.

Wird diese Basis verlassen, dann geht das Gemeinwesen vor die Hunde. Das war auch im Falle Jugoslawiens so, das von außen zwar mächtig gezogen wurde, aber innen vor allem durch kroatische und serbische Kräfte an einem dortigen Länderfinanzausgleich gemäkelt wurde, in den die höher entwickelten Regionen nicht mehr zahlen wollten. Es war der Anfang vom Ende. Analoge Bewegungen in Spanien wären ebenfalls der Anfang vom Ende, ähnlich wie in Italien oder Deutschland. Das Entscheidende an dem Wohlstandsnationalismus ist die dekadente, weil politisch destruktive Haltung, die sich dahinter verbirgt. Dass sie, wie im Falle Kataloniens, nicht durch kritische Medien identifiziert wird, spricht dafür, dass die Voraussetzungen für eine kritische Reflexion von Politik in großen Teilen der Öffentlichkeit nicht mehr gegeben sind. Da werden die korruptesten Politiker Spaniens, die zum wiederholten Mal mit ihrer Sezessionsphantasie in Städten wie Barcelona scheiterten, als nette Menschen in lustigen Trachten dargestellt, die ihre Heimat lieben. Das Grauen hat tatsächlich einen Namen!