Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Sisyphos im Paradies

Vor nicht allzu langer Zeit war ein Bericht über ein Kongress zum Thema Emanzipation zu lesen, der von seiner Quintessenz nicht hätte kurioser sein können. Eine links-alternative Zeitung hatte zur Erörterung der Situation des Verhältnisses von Mann und Frau in unseren Tagen eingeladen. Neben profilierten Figuren im Kampf um die Frauenrechte waren auch Menschen beiderlei Geschlechts aus der Arbeits- wie Vereinswelt eingeladen. Um den Diskussionen eine bestimmte Dramaturgie zu geben, hatten sich die Veranstalter bestimmte Dinge einfallen lassen. Da war bei einem besonders sensiblen Frauenthema ein männlicher Immigrant aus der Türkei eingeladen, dessen Ruf in Berlin nicht unbedingt mit der Emanzipation der Frau assoziiert war. Und, wie es manchmal so ist, besonders diese Regieanweisung geriet zum Fiasko.

Denn trotz der Skepsis vieler Beteiligter moderierte der Mann die Diskussion zunächst sehr professionell, d.h. er erteilte das Wort nach Reihenfolge, fasste die Beiträge neutral zusammen und bat vor allem das Publikum, die Vorgänge zu bewerten. Als jedoch alles gut lief, da schlichen sich einige Bemerkungen ein, die aus der Macho-Diktion stammen mochten. Das löste bei den Galionsfiguren des Kampfes um Gleichstellung zunehmend Empörung aus, was das Vorpreschen des Moderators allerdings nur noch beflügelte. Als dann die ersten Frauen aufstanden, um unter Protest den Saal zu verlassen, hatte auch der Moderator sich nicht mehr im Griff und schrie ihnen nach: Dann geht doch Bügeln! Es versteht sich von selbst, dass dieser Event im Tumult unterging.

Was sich anhört wie eine eher zum Schmunzeln anregende Episode über die Unterschiedlichkeit wie Missverständlichkeit der Welt, könnte bald zu einer Realität geraten, die nie so geplant war. Die Aufmischung der hiesigen Gesellschaft durch Menschen, die aus anderen Kulturkreisen kommen, wird dazu führen, dass besondere Spezifika, der die uns beherrschende Öffentlichkeit ausgesetzt sind, nicht von den neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern honoriert werden. Das Faktum einer vor allem maskulinen und aus arabischen Ländern stammenden Population wird dazu führen, dass archaische, patriarchalische und weitaus gewaltaffinere Bilder über das Zusammenleben Fuß fassen werden, als das aus der heilen Welt akademischer und subkultureller Perspektiven möglich erscheint.

Das muss nicht heißen, dass der geschätzte zivilisatorische Standard unserer Tage demnächst zweifelsohne passé sein wird, aber ohne Kampf wird das wahrscheinlich nicht von statten gehen. Verbündete werden die neu hier angekommenen Frauen sein. Diese glauben, so erste Beichte, in einer Art Paradies Platz genommen zu haben, wenn sie hören, dass Gewalt gegen Ehefrau und Kinder in dieser Gesellschaft nicht nur Tabu sind, sondern sogar gesetzlich geahndet werden. Nur werden diese Frau noch einige Zeit brauchen, um sich in einer Welt der neuen Rechte zu Recht zu finden.

Derweilen wird sich die Frage stellen, ob die gerade in den letzten Jahren so gepriesene Zivilgesellschaft in der Lage ist, die hier gewürdigten Lebenswelten auch als Grundlage der Gemeinsamkeit durchzusetzen. Momentan, so der Befund, glaubt ein Großteil der hiesigen Gesellschaft, mit gesellschaftlichen Institutionen wie Schule und Polizei sei das erreichbar. Es wird die erste Illusion sein, die einstürzt. Zivilisationen und Kulturen überleben, wenn sie in der Lebenspraxis dominieren. Das erreichen zu wollen, kann zum Schicksal eines Sisyphos führen. Und Erfolg ist nur möglich, wenn sich alle verantwortlich für das fühlen, was ihnen wichtig ist. Das ist zwar alles andere als einfach. Aber es ist auch gut so. Denn wieviel wert wäre eine Kultur, die nur mit Polizeigewalt durchgesetzt werden könnte?

Das harte Brot des Wandels

Es ist mal wieder Zeit für Prinzipielles. Ein Umstand, der tatsächliche oder gefühlte Krisen so unschätzbar wertvoll macht. Denn liefe alles so, wie gewünscht, dann fiele der Stachel der Erkenntnis einfach so zu Boden und eine gewisse Mentalität führte zu einer allenfalls außergewöhnlichen Wurstigkeit. Ein Geist, der seine Unruhe verloren hat, verliert seine Seele und tendiert zur Beliebigkeit. Ob die Krisen unserer Tage tatsächlich neue Ideen hervorbringen, sei dahingestellt. Aber sie veranlassen zumindest die staatlich wirkenden Pädagogen, grundsätzlich alles noch einmal zu erklären.

Und so wurden wir im Falle Griechenlands darüber unterrichtet, dass Schuldenmachen schlecht sei, ein Staat relativ überflüssig und der Markt eigentlich alles regele. Nicht hier, versteht sich, im Kombinat der Guten Hoffnung, aber im Rest der Welt. Da ist die Lehre des Wirtschaftsliberalismus und des Monetarismus, die erfunden wurde an der Chicago School of Economics, namentlich von deren Mentor Milton Friedman. Aufgrund dieser Genese wird alles, was aus diesem Dunstfeld kommt, etwas verniedlichend den Chicago Boys zugeschrieben, obwohl es sich um Vernichtungsfeldzüge gegen die Armen dieser Welt handelt.

Der wohl schlimmste Verfechter dieser Lehre in den USA selbst war George W. Bush, der über zwei Legislaturperioden nicht nur diverse Kriege in Übersee, sondern auch einen Krieg gegen das eigene Volk geführt hat. Dann wurden er und seine Partei in den Wald geschickt, weil die Zeichen auf Wandel standen. Und dann, mit einer Regelmäßigkeit, die phänomenal ist, mit der bekannten Verzögerung von einer Dekade, hat die Lehre in Europa und vor allem in Deutschland Fuß gefasst und wird bis zum Exzess gelebt. Kann es da beruhigen, dass in den USA längst wieder ein Keynesianismus herrscht, der auf soziale Abmilderung des ewigen Kapitalismus setzt? Wann kommt das Umdenken hier an, und wie schizophren und tautologisch kann die hiesige Sozialdemokratie noch werden, beim Tauschen von Prinzipien, die gar keine mehr sind, zumindest nicht für sie?

Und im Falle der Flüchtlinge, da hat das Prinzipielle fast schon den Charakter einer Daseinsfrage. Sein oder Nicht-Sein, so stellt sie sich, wenn zu bedenken ist, ob eine alternde, müde, besitzorientierte Gesellschaft noch die Kraft aufbringt, eine Verjüngungskur durchzustehen, die vieles von ihr abverlangen wird oder ob sich die durchsetzen, die mit einer künstlichen Hüfte und dritten Zähnen auf einer Geldkassette sitzen und bis zur letzten Kugel die schreckliche Tapete in ihrem Wohnzimmer verteidigen wollen? Da helfen keine altruistischen Gesten, wie so sanft empfohlen, sondern nur noch Alternativfragen: Ja oder Nein, willst du sein im Land der Zukunft, dann kämpfe für etwas Neues, und willst du mit dem belanglosen Wohlstand, in dem du schwelgst, in das Land des Tantalus fahren, dann tue das, aber ohne den Namen des Landes, dessen du nicht würdig bist.

Denn alles, womit diejenigen, die sich mit der Reflexion der Möglichkeiten, und nicht der der Gefahren, beschäftigen, hat etwas damit zu tun, dass es erfordert, wie man in der angelsächsischen Welt so schön formuliert, dass die eigene Komfortzone verlassen werden muss. Leben heißt kämpfen, ja, das haben schon so mancher Opa und manche Oma gesagt, aber genau das war das Erbe, das nicht vergessen werden sollte. Denn sie konnten nicht so nonchalant formulieren, dass sie sind, weil sie erkennen. Für sie galt eine härtere Regel: Ich verspüre Schmerzen, also bin ich!

Cargo aus Kunduz

Vielleicht ist es auch ganz normal. Die wirtschaftlichen Krisen um uns herum, die immer tiefere Spaltung zwischen Arm und Reich im eigenen Land, die Massenflucht in unser Land, der Verlust an Vertrauen in die Politik und die daraus resultierende, erodierende Wahlbeteiligung, die esoterischen Subkulturen und die dekadenten Eliten, die kasernierte Arbeiterklasse, für die es keine Arbeit mehr gibt und die Drückerkolonnen, für die außer schlechten Zigaretten und schlechtem Essen nichts mehr bleibt. Vielleicht ist das ganz normal für eine imperiale Macht. Denn die großen Player unserer Tage, die haben eine solche Bilanz in ihren Ländern. Weder die amerikanische, noch die russische oder chinesische Bevölkerung finden Verhältnisse vor, die sich deutlich von denen unterscheiden, die wir hier beklagen. Ja, denen geht es noch schlechter, da kann man sogar auf dem elektrischen Stuhl oder in einem Strafgefangenenlager landen, wenn es dumm läuft. Nur, weil die beiden deutschen Staaten, aber vor allem Westdeutschland unter dem temporären militärischen Schutz einer Supermacht waren, kann der Zustand der Befreiung der Kosten eines imperialistischen Krieges auf dem Markt und im Feld nicht ohne Kosten vonstatten gehen.

Wieviele Vietnamesen, die einst mit den USA kollaborierten, kamen danach in das Land? Wie viele Afghanen waren es? Wie viele Südamerikaner machten sich auf ins Zentrum der Aggression, als eine Militärdiktatur nach der anderen auf dem Subkontinent installiert wurden? Wir sollten uns umschauen in der Welt, bevor wir Zustände beklagen, die normal sind für ein Verhalten und Vorgehen von Bundesregierungen, die frei gewählt wurden. Alle lieferten Waffen in die arabische Welt, sie beteiligten sich am Sturz vieler Regime, ohne die Herstellung akzeptabler Verhältnisse danach ernsthaft zu unterstützen, sie unterstützten militärisch einzelne Parteien des syrischen Bürgerkrieges, sie beteiligten sich an der Polizeiausbildung im Irak und sie waren mit militärischen Einheiten über Jahre als Kriegspartei in Afghanistan. Die Demokratie, so hieß es, wurde auch am Hindukusch verteidigt. Dass es dort um Rohstoffe ging, erwähnte nur ein Bundespräsident, aber der musste dann schnellstens gehen.

Nach Abzug der Truppen zeigte sich schnell, dass die dort etablierte Ordnung nicht die Güte hatte, um lange zu bestehen. Längst haben die Taliban Teile des Landes erobert. Kunduz, die Region, in der die Bundeswehr stationiert war, ist längst in ihrer Hand. Und nun, wen wundert es, sind diejenigen, die als die Kollaborateure der Deutschen gelten, mit Leib und Leben bedroht. Bis dato liegen sogar Fälle vor, in denen deutsche Behörden deren Anträge auf Asyl als unbegründet abgelehnt hatten, ein Verhalten, das weitaus düsterer ist als das der USA, die immer ihre Kollaborateure mit einem Visum belohnten. Aber nun, da wir uns als Land mit einer Willkommenskultur geoutet haben, werden sicherlich auch die armen Seelen aus der afghanischen Region Kunduz bei uns landen, die einmal an die Zuverlässigkeit der Deutschen geglaubt haben.

Alles, was wir momentan erleben, ist normal für ein Land, das sich entschieden hat, sich am Kampf um Märkte und Ressourcen zu beteiligen. Der Preiskampf kann schon sehr heiß werden und die Sicherung von Arbeitsplätzen in einer Waffenfabrik dazu führen, dass in Mexiko Studenten von einer korrupten Junta abgeknallt werden die Hasen bei einer Jagd des französischen Sonnenkönigs. Da geht es nicht um Gut und Böse, da geht es um Interessen. Bei jedem Afghanen, der es geschafft hat und den ihr in Zukunft trefft, denkt daran, der ist jetzt hier, weil wir Seltene Erden brauchten, damit das Smartphone in deiner Hand gebaut werden konnte.