Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Was ist der Preis für meine Welt?

Über das Falsche zu reden kann richtig sein. Immer über das Falsche zu reden isoliert. Und das zu Recht. Denn wer immer weiß, was falsch ist, aber nicht sagt, was richtig ist, verdient im besten Fall noch die Bezeichnung als Kassandra. Die schlechte Prophezeiung, gekoppelt an die falsche Welt, kann, je nach Kulturkreis, auch immer einmal wieder sogar Lust und Spaß bereiten, aber sie kann auch alle Lebensnerven töten. Dass wir in Deutschland in einer Soziosphäre leben, in der das Negative immer wieder goutiert wird, ist kein Geheimnis. Dass die Reflexion über das Falsche stets den Hauptfokus beansprucht, ebenso wenig. Dass allerdings die Suche nach dem Richtigen quasi unter den Tisch fällt, ist eine neue Qualität. Anscheinend, so könnte festgestellt werden, ist die Lösung von Problemen im gesellschaftlichen Diskurs nicht mehr vorgesehen. Stattdessen erreichen die Probleme nicht nur das Zentrum aller Aufmerksamkeit, sondern auch deren tatsächliche oder vermeintlichen Verursacher. Es gilt das Motto, nachdem das Finden der Schuldigen erfolgreich war, ist das Problem eigentlich gelöst. Ein solches Szenario ist das der Inquisition. Wir wanken in die Dunkelheit der Inquisition und kaum jemand merkt es.

Über das Richtige zu reden ist schwer. Wer behauptet, zu wissen, wie alle Probleme gelöst werden, wartet in der Regel mit Rezepten auf. Rezepte bergen die Gefahr, unabhängig von den gegebenen Bedingungen nach einem Schema vorzugehen und alles Spezifische zu ignorieren. Historische Beispiele für diesen Irrweg existieren en masse. Dennoch versprühen sie in einem Umfeld, in dem die Dunkelheit des Falschen vorherrscht, große Attraktivität. Doch jenseits des trügerischen Scheins, das Richtige bereits in der Tasche zu haben, existiert ein Weg, der in das Richtige führen kann. Es ist ein indirekter Weg, der über eine Brücke führt, die da heißt, die richtigen Fragen zu stellen.

Die richtigen Fragen stellte auch Bertolt Brecht in den Fragen eines lesenden Arbeiters, der sich mit den Klischees der Geschichtsschreibung konfrontiert sah. Und, analog zu den dortigen Fragen, könnten in diesen Tagen auch Fragen gestellt werden, die das Falsche nicht huldigten und den Weg in eine richtige Realität weisen könnten:

Was sind die Ursachen für die gegenwärtige Massenmigration? Welche Rolle spielt Deutschland bei den Ursachen, die dazu führten? Was kann Deutschland tun, um die Ursachen ungewollter Flucht mit zu beenden? Was machen wir mit denen, die hier angekommen sind? Schicken wir sie zurück? Wer würde das machen und wie viele wären es? Was ist erforderlich, um die, die hier bleiben, in die Mitte der Gesellschaft zu bringen? Was machen wir mit allen, die keine Arbeit finden, unabhängig von ihrer Herkunft? Was müssen wir unternehmen, um ein Bild von dieser Welt zu erhalten, wie sie ist? Was ist erforderlich, um zu begreifen, welche Konsequenzen jeder tragen muss, wenn die Welt geändert werden soll? Was ist der tatsächliche Wille eines jeden? Und was ist der Preis dafür, dass mein Wille umgesetzt wird? Sind diejenigen, die für viele der Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht werden, tatsächlich verantwortlich, wenn alle, die sie kontrollieren könnten, den apathischen Weg vorziehen und sich enthalten? Welchen Stellenwert hat die Selbstkritik, wenn der Fokus vom Falschen auf das Richtige gerichtet wird?

Es wäre hilfreich, an solchen Fragekatalogen zu arbeiten und sich mit ihnen redlich auseinanderzusetzen. Es führt weiter, als die heißblütige Teilnahme an Etüden inquisitorischer Logik.

Eine Police für das Scheitern

Dass Krisen keine Ausnahmeerscheinungen sind, sondern Bestandteil einer existenziellen Kontinuität, ist die eine Erkenntnis, die die Betrachtung der gegenwärtigen Verhältnisse begleiten sollte. Dass Krisen dennoch ein Verhalten und ein Vorgehen erfordern, das jeweils nicht der täglichen Routinen entspricht, erscheint nur zu logisch. Das wesentliche Erscheinungsbild einer Krise ist eine tiefgehende Wirkung, die die normale Ordnung stört. Auf eine neue Gewalt auf den Alltag mit der alten Ordnung des Alltags antworten zu wollen, wirkt hilflos. Leider, leider scheint genau dieser Reflex in diesen Tagen die Regel zu sein. Diejenigen, die die Macht haben und Verantwortung tragen, reden sehr viel von einer Überforderung, die nicht von der Hand zu weisen ist. Die Erschöpfung, von der sie sprechen, ist allerdings das Resultat des Rezeptes, dass sie sich selbst verschrieben haben: Bemühe die Routine, um das Ungewohnte zu meistern. Fatal, denn es ist eine sichere Police für das Scheitern.

Die deutsche Ordnung und mit ihr die deutsche Bürokratie sind etwas, was auch von außen betrachtet als eine große Errungenschaft erscheint. Aber, gerade im Hinblick auf die gegenwärtige Flüchtlingsbewegung, ist ein Rückgriff auf diese Ordnungsgrößen als Lösung per se zum Scheitern verurteilt, denn es kommen keine Schuhkartons oder Obstkörbe, sondern Menschen. Und diese Menschen sind keine Scharlatane, sondern erfolgreiche Migranten aus Krieg und schwierigen Bedingungen. Und wie begegnet ihnen die deutsche Ordnung? Zunächst kommen sie in Lager, deren Betreibung nach Kurzausschreibungen an Vereine oder Private vergeben werden. Diese machen so etwas nicht aus Nächstenliebe, sondern um Geld zu verdienen. Das Resultat sind oft aggressive oder verzweifelte Flüchtlinge, die nichts machen dürfen, die eingepfercht sind, denen es an vielem fehlt und die an erneute Flucht denken.

Der Vergabe von Lizenzen, bei denen sehr genau auf das Ausschreibungsverfahren, aber weniger genau auf das Leistungsverzeichnis geschaut wird, stünde die Organisation des Ganzen durch die Kommunen entgegen. Sie haben sowohl das Know-how als auch, zumindest partiell, den Willen, folgendes Szenario realisieren zu können: Den Flüchtlingen ist es erlaubt, selbst einzukaufen und zu kochen, die Essensausgabe zu organisieren und den Speiseplan zu diskutieren. Sie organisieren Freizeitaktivitäten für die Kinder und das Lernprogramm für Deutsch. Sie haben einen Sprecherrat, der schon einmal Kontakt aufnimmt zur lokalen Wirtschaft, die ihrerseits Angebote entwickelt, auch innerhalb der Lager mit Tätigkeiten beginnen zu können, die Mindesteinkommen gewährleisten. So werden sowohl Einkommen generiert als auch Geld in die lokale Wirtschaft fließt. Gewinner wären eine schnelle Integration, eine Belebung der lokalen Wirtschaft und eine daraus resultierende positivere Resonanz in der Bevölkerung. Die Krisenstäbe und die Geschäftemacher wären entmachtet, was aber keinem unbedingt schaden würde.

Es ist ein kleines, sehr kleines Denkspiel, das hier ausgebreitet wird, aber es zeigt, dass es sinnvoll ist, nicht systemimmanent mit einer Herausforderung umgehen zu wollen, die mächtiger ist als das gegenwärtig herrschende System, das von einem dichten Regelwerk durchwirkt ist. Und es helfen auch keine grundsätzlichen Debatten darüber, dass das System überfordert ist, weil die, die bereits hier sind, Flüchtlinge wie Stammbevölkerung, jetzt, hier und heute, eine Lösung brauchen, mit der sie leben können. Das werden die beiden Gruppen nur unter sich ausmachen können. Da helfen weder Konkurrenzveranstaltungen noch Verteufelungen. Die Chance, die jede Krise mit sich bringt, kann nur von denen wahrgenommen werden, die Bestandteil der Lösung sind. Die Bürokratie ist damit nicht gemeint, denn die Lösung liegt hinter deren Horizont.

 

 

Lest die deutsche Literatur zum Thema Exil!

Als die Katastrophe hier in Deutschland ausbrach, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, da gingen die Menschen sehr unterschiedlich damit um. Diejenigen, die an den Nationalsozialismus glaubten, waren voller Hoffnung und diejenigen, die nicht daran glaubten, gingen zunächst mehrheitlich davon aus, dass der Spuk sehr bald vorbei sei, angesichts des sehr jungen und zumeist unqualifizierten Personals, mit dem das III. Reich aufgebaut werden sollte. Wir wissen, dass alle falsch lagen bis auf diejenigen, die an diesem Spuk noch verdienten. Diejenigen, die nicht an das Reich der Rasse glaubten, duckten sich irgendwann ab, oder sie verschwanden in Lagern, wo sie irgendwann erschlagen, erschossen oder verbrannt wurden. Andere machten sich noch früh genug auf die Flucht. Wenn sie früh genug gingen, waren sie klug, andere, die erst später auf die Idee kamen, hatten es wesentlich schwerer. Auch wenn sie ihr Leben retteten, stand vor ihnen das beschwerliche Exil.

Das Exil war nichts, was in irgend einer Form romantisiert werden könnte. Die wenigen Stunden in dem berühmt gewordenen Sanary-sur-Mère, an der Code d´Azur, wo einst Thomas Mann eine Villa besass, bezeugen nicht das, was das Exil für viele bedeutete. Sie verloren zumeist alles, ihre bürgerliche Existenz, ihr Hab und Gut, ihre sozialen Beziehungen und, was immer unterschätzt wurde, ihren Beruf. Und es gab sehr unterschiedliche Wege, wohin man sich aufmachte. Die einen zog es nach Amerika, gerne nach Nord, aber auch nach Süd, andere, von denen nicht so gerne berichtet wird, auch nach Osten. Thomas, Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf etc. gingen über New York in die USA, und ihr Geld und Ruhm entschied, wie es weiter ging. Thomas Mann und Lion Feuchtwanger residierten in großen Villen an der kalifornischen Westküste, weil sie schon vor den Nazis weltbekannt und berühmt waren und einen Teil ihre Vermögens retten konnten. Stefan Zweig arbeitete zwischendurch als Tellerwäscher, Oskar Maria Graf wohnte in Manhattans Norden unter Latinos, die einwanderten. Und es gab Betriebsräte und Kommunisten aus Zechen und Stahlwerken, die in die Sowjetunion gingen, um gegen Hitler zu kämpfen. Ihr Exil war irgendwo an der chinesischen Grenze in einer Waffenfabrik.

Diejenigen, die nicht doch irgendwann geschnappt wurden, in der Vergessenheit den Rest ihres Daseins fristeten oder aus Verzweiflung und Schmach Hand an sich legten, die Zeugnis ablegen konnten vom Elend des Exils, von den vielen, verzweifelten, intelligenten wie dummen, extravaganten wie armseligen Versuchen, dem Tod durch die Schergen eines Tyrannen zu entgehen, sie und ihre Zeugnisse, die verfügbar sind, sie sind aktueller denn je. In einer Situation, in der Hunderttausende von Flüchtlingen in unser Land kommen und das historische Wissen um die eigene Vergangenheit dem Konsumrausch und einem Befindlichkeitsdiskurs gewichen sind, sollten diese Bücher schleunigst gelesen werden. Es gibt sehr viele davon und sie sind gut: Exil und der Teufel in Frankreich von Feuchtwanger zum Beispiel, oder Der Vulkan von Klaus Mann, oder Transit von Anna Seghers, oder Der Weg nach unten von Franz Jung, oder Wir müssen weiter von Franz Mehring, oder Die Flucht ins Mittelmäßige von Oskar Maria Graf, oder, oder, oder. Wer einen Eindruck vom Grauen von Flucht und dem Elend des Exils erhalten will, sollte sich dieser Literatur, die unter dem Stichwort Exil in den Regalen der Bibliotheken steht, intensiv widmen. Sie öffnet die Augen für das, was momentan in unserem Land geschieht!