Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Genug der Worte!

Krisen sind Chancen. Krisen sind keine Katastrophe. Dazu kommen sie zu häufig vor. Etwas, das häufig vorkommt zu einer Besonderheit zu erklären, macht aus dem Dasein einen Sonderzustand. Das ist absurd und es ist nicht klug. Der Zustand allgemeiner Zufriedenheit ist kein allgemeiner Zustand, der von Krisen unterbrochen wird. Bei Betrachtung dessen, was den Individuen wie der Gesellschaft widerfährt, ist der Zustand allgemeiner Zufriedenheit eher eine der selteneren Ausnahmen und Krisen das Normale. Dass der Wunsch ein anderer ist, kann als menschliches Bedürfnis angesehen werden. Das Bedürfnis ist verständlich, denn wer strebte nicht nach Freiheit von Not und Glück. Insofern sind all jene, die sich immer so sehr von den Slogans der Krisenpropaganda verführen lassen, Menschen, die ein verständliches Streben vereint.

Die Wahrnehmung derer, die die Politik der Krisenpropaganda im destruktiven Sinne betreiben, setzt bei dem Wunsch nach allgemeiner Sorgenlosigkeit an. Das ist klug, aber in Situationen großer gesellschaftlicher Anspannung unverantwortlich. Die gestörte Emotion reagiert und arbeitet anders als der herausgeforderte Verstand. Störungen der Harmonie, auch wenn sie nur unterstellt werden, führen zu einer disharmonischen Reaktion. Die Beschreibungen möglicher Lösungen und besserer Zustände aus der Lage, wie sie heute ist, verlangt ein hohes Maß an Anstrengung und Inspiration. Pläne, wie man es anders machen könnte, haben etwas Humaneres als brennende Kinderbetten. So sieht es aus.

Das Phänomen der gestörten Harmonie ist nicht zu unterschätzen, auch wenn es sich um eine illusionäre Wahrnehmung handelt. Tatsächliche Strapazen, die die gewohnten Grenzen jeden Tag überschreiten, können nur diejenigen abtun, die selbst nicht in der Lage sind. Um dieser Krise, ja, es ist eine ausgewachsene Krise, produktiv und vernünftig begegnen zu können, bedarf es nicht nur eines semantischen Modells. Es ist erforderlich, es ist notwendig, aber es reicht nicht aus. Um aus der Krise eine Lösungsgeschichte machen zu können, bedarf es einer guten Lebensführung. Die Maximen dieser Lebensführung sind alt, aber kommen selten zur Anwendung: Gehe mit gutem Beispiel voran, gewähre Freiheiten und fordere Verantwortung, verlange von andren nicht Dinge, die du selbst nicht akzeptieren könntest. Wer das nicht gewillt ist zu leben, der sollte sich nicht am Design der Lösung verschwenden. Hic Rhodus, hic salta! Es ist wie bei dem Athleten, der überall prahlte, was er in Rhodus einst geleistet hatte. Bis man ihm immer wieder zurief, hier ist Rhodus, hier musst du springen! Für alle, die ein besseres Leben erreichen wollen, gilt dieser Satz. Rhodus ist überall.

Und diejenigen, die so tun, als sei ein Zwischenzustand der wahre Dauerzustand, sie brauchen keinen Rat, denn sie gleichen dem Inferno Dantes. Wer sie erblickt, der lässt alle Hoffnung fahren. Denn wer sonst außer dem leibhaftigen Teufel könnte fordern, zugunsten des Friedens und des Glückes das Unglück und Leiden der anderen zu fordern. Das ist die Logik von Inquisitoren, die alle eines gemein haben, egal für welchen Glauben und welche Ideologie sie zu Felde ziehen: Sie glauben selbst nicht an Gott und sind selbst die besten Freunde des Teufels.

Doch genug der sphärischen Figuren. Das Hier und Jetzt fordert Taten. An ihnen werden wir alle gemessen werden. Und an ihnen werden wir sehen, ob wir es Wert waren, uns selbst in so günstigem Lichte zusehen. Das Wort geht der Tat voraus. Jetzt ist Tat-Zeit! Ohne Wenn und Aber!

Welterklärung all-inclusive

Schlechte Nachrichten für alle, die sich im warmen Bett der Gewissheiten wähnten, die mit einbetoniertem Kompass an ihren Tischen saßen, die mit einem Anflug von Arroganz in Talkshows und Hörsälen dem staunenden Auditorium die Welt erklärten. Nichts von dem, was ihre kleinformatigen Erklärungsansätze zu erfassen suchten, stimmt mit der Welt, so wie sie draußen ist, noch überein. Ob am Rednerpult in den Parlamenten, an der Tafel vor der Klasse, im Plüschsessel vor der Kamera oder im Fokus des Auditorium Maximum: Die großen Gesten der Welterklärung haben den Weg in Dunkelheit und Verwirrung eröffnet und das Licht der Erkenntnis in weite Ferne gerückt.

Es ist zu reden über ein Phänomen, das besonders im Lande der Dichter und Denker, in welchem die intellektuelle Kapriziosität des einzelnen Individuums so außergewöhnliche Leistungen zu zeitigen in der Lage ist, das kollektive Arrangement sich umgekehrt proportional aber so schwer tut. Die großen Werke des deutschen Idealismus wie der deutschen Klassik, die kosmischen Figuren einer einzigartigen, voluminösen Musik wie die erhellenden Texte radikaler Philosophie konnten nichts bewirken in Bezug auf das staatliche Zusammenwirken. Das war angesichts der kulturellen Potenziale ein beschämender Exkurs quasi ins Paläolithikum.

Vielleicht ist es der aus der intellektuellen Extravaganz entstandene Übermut, der dazu trieb, die Dimension sozialer Konstrukte zu unterschätzen und sie zu behandeln wie einen Schülertext. Und dieser Übermut, er gehörte zu den wenigen Dingen, die je in der Geschichte der Deutschen demokratisiert wurde. Diesen Übermut beherrschen alle und ihnen ist gemein, dass sie schnell zu Herren einer Analyse werden, die den Namen nicht verdient. Besser als eine Episode, die sich zu wiederholen scheint, lässt es sich nicht beschreiben:

Ein weitgereister, in allen Teilen Welt aktiv gewesener Berater in Politik und Wirtschaft, einer der zu den wenigen gehört, die im Felde der internationalen Deutung aus diesem Land geschätzt werden, klagte einst sein Leid, gefragt, wie es ihm gehe, wenn er nach Deutschland zurückkehre. Ja, seufzte er, es sei schön, nach Hause zu kommen, die Ordnung, das geregelte Leben, die sachliche Verfügbarkeit und all die Genüsse goutieren zu können. Nur mit den Sozialkontakten, das sei so eine Sache. Er ginge zum Bespiel auf keine Party mehr, weil dort die erste Frage immer sei, was man so mache. Und wenn er zum Beispiel sage, dass er derweilen in Kuba lebe, ohne auf die Inhalte seiner Tätigkeit konkret einzugehen, meldeten sich schon Experten, die bereits einmal für 14 Tage dort gewesen seien, all-inclusive versteht sich, die ihm in epischer Breite und mit profunden Blick dieses Land erklärten. Das ertrage er nicht mehr, seufzte der Kosmopolit. Und wäre er kein Rheinländer gewesen, so hätte er sicherlich sogar geweint.

Beschrieben ist damit ein Phänomen, dem sie nahezu alle aufsitzen, die Spezialisten aus den Disziplinen, ob es Ökonomen sind, deren Format in diesen Tagen besonders aufgeblasen ist, oder Historiker, die sich an die Propagandafonds heranschleichen oder gar Politologen, die illustrieren, dass sie nichts von Politik verstehen. Deshalb implodiert gerade das deutsche Gebäude der Welterklärung und man ist so überrascht über gewaltige Bewegungen, die scheinbar überraschend über uns hereinbrechen. Das war vor 25 Jahren übrigens auch so, niemand war überraschter als die damalige Bundesregierung, als die DDR in sich zusammenfiel. Eine kritische Revision über die Konstituenten der eigenen, fatalen Prognostik? Nein, warum auch, wir sind doch Meister auf den Gebieten der Angst wie des Größenwahns, da bleibt kein Platz für Bescheidenheit und Demut.

Zum Umgang mit Druck

Es ist ein schleichender Prozess. Zuerst sind es nur Nuancen. Da wird eine Bemerkung gemacht, die ansonsten mit Beifall bedacht wird und plötzlich erscheint die Reaktion etwas frostig. Oder es werden Dinge in den Nachrichten gemeldet, die allein für sich nicht dramatischer sind als sonst, in der Summe aber ein anderes Gefühl hinterlassen. Manchmal sind es nur Gesten, manchmal eine schreckliche Begebenheit, manchmal scheint es aber auch als völlig normal. Egal, was es ist. Es unterscheidet sich nicht in allem von den sonstigen Begebenheiten, aber dennoch wirkt es anders und die Menschen beginnen, sich anders zu verhalten.

Das, wovon die Rede ist, ist das Phänomen ansteigenden des Drucks auf Mensch und Gesellschaft. Nicht, dass es Zeiten gäbe, in denen kein Druck herrschte. Das anzunehmen, ist eine durchaus gängige Illusion, die sich besonders gut verkaufen lässt, solange er weiter steigt. Dennoch gibt es unterschiedliche Druckzustände. Erhöhter Druck geht Richtung Grenze dessen, was die menschliche Seele, soziale Institutionen oder sonstige Organisationen zu ertragen oder auszuhalten in der Lage sind. Erhöhter Druck macht deutlich, dass es Grenzen gibt. Und die Erkenntnis, dass Grenzen überschritten werden könnten, führt zu einer dramatischen Erhöhung des Faktors Stress.

Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem der Druck die Grenzen seiner ihm zugehörigen Systeme erreicht hat. Es wird deutlich, dass etwas passieren wird. Entweder bricht das zu beobachtende System zusammen, oder es wird etwas unternommen, das den Zusammenbruch verhindern soll. Bei letzterem handelt es sich um eine Intervention, die gut durchdacht sein will. Es geht nämlich darum, ob das Einschreiten gegen den Druck, oder besser gesagt der generierte Gegendruck dazu geeignet ist, das betroffene System zu entlasten oder endgültig kollabieren zu lassen. Erzeugter Gegendruck in einem geschlossenen Raum kann zu einer Doppelbelastung der Grenzen und damit zum beschleunigten Zusammenbruch derselben führen. In diesem Fall wäre das Gegenteil von dem erreicht, was Motiv des erzeugten Gegendruckes war: das System zu entlasten.

Aber es existieren auch andere Techniken, mit einer Drucksituation umzugehen. Es besteht z.B. die Möglichkeit, das Phänomen als Erscheinung in eine andere Umwelt zu stellen. Wird das kreativ gehanhabt, kann sogar aus negativ erlebten, destruktiven Druck so etwas wie eine neue Energiezufuhr werden. Die Entwicklung einer Erscheinung in dem alten System kommt als Bedrohung, in einer neuen Umgebung kann sie als das Maß aller Lösungen begriffen werden.

Das, was auch Reframing genannt wird, d.h. eine Erscheinung, die zunächst negativ wirkt, in einen neuen, positiven Rahmen und Zusammenhang zu stellen, ist die produktive Variante des Umganges mit steigendem Druck. Dieser Umgang erfordert ein gewisses Maß an Kreativität und ein besonderes Maß an Toleranz gegenüber Phänomenen, die neu sind, zunächst befremdlich wirken und gegebenenfalls sogar bedrohlich sind in Bezug auf die Fähigkeit der bestehenden Institutionen, mit ihnen umzugehen.

Was sich hinter dem Beschriebenen auch verbirgt ist der Unterschied zwischen Problembeschreibung und der Entwicklung von Lösungsansätzen. Wer in der Problembeschreibung verharrt, dem gelingt es in der Regel nicht, das Phänomen in einen positiven Kontext zu verpflanzen. Wer hingegen in der Lage ist, in Lösungsansätzen zu denken, für den ist Druck sogar etwas, das bis ins Inspirative reicht. Momentan, in einer Situation, in der sich der Druck signifikant erhöht, ist genau zu beobachten, wer in produktiven und wer in destruktiven Kontexten verhaftet ist.