Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 105. Dankbar, wenn auch manches schwer fiel…

Wie oft habe ich sie vernommen! Die Stimmen aus dem eigenen Ich wie aus meinem sozialen Umfeld. Die mir rieten, mich doch mit anderen Kräften und Mächten zu vereinigen. Um meinen Wirkungsgrad zu vergrößern. Um meinen Einfluss in einem ganz anderem Ausmaß zu steigern. Um meine eigene Position zu festigen und auszubauen. Ich habe es nie gemacht. Ich weiß nicht, welches Erlebnis es war. Ich weiß nicht, wer mir den Rat gegeben hat. Und ich weiß nicht, wann ich selbst zu dieser Erkenntnis gekommen bin. Aber irgend etwas in mir, das stark war und jeder Versuchung widerstand, hat mir gesagt, dass es besser sei, den steinigen Weg zu gehen, zu verharren, wo ich bin und das Brot zu essen, das auf dem Tisch lag, als mich auf Allianzen einzulassen, die mich dazu gezwungen hätten, meine Unabhängigkeit als Währung in die Zahlschale zu werfen. 

Nicht, dass ich Allianzen per se für etwas Falsches halte! Ganz im Gegenteil. Wenn sich Interessen treffen und alle, die diese vertreten nach eigenem Ermessen für einen bestimmten Zweck bereit sind, einen Tribut zu entrichten, dann bin ich dabei. Aber es gibt auch falsche Allianzen. Sie zwingen dich, irgendwann Dinge zu machen und zu vertreten, die deiner Überzeugung widersprechen. So etwas läßt sich schnell identifizieren. Und wer sich auf so etwas einlässt, ohne lange zu überlegen, um eines Vorteils Willen, der hat diese Gunst mit einer sehr hohen Rendite irgendwann zu bezahlen. 

Ich habe mir diese Menschen zur Genüge ansehen können. Sie reüssierten schnell und viele, die das sahen, raunten mir zu, ich sei ein Dummkopf, weil ich es nicht genauso machte. Aber irgendwann kam der Zahltag. Dann mussten sie Dinge tun oder vertreten, die ihnen peinlich waren. Dann konnten sie dir nicht mehr in die Augen schauen und gingen dir aus dem Weg. Und zum Schluss, wenn die große Kurve der Entwicklung ihrem Ende zuging, dann sah ich zumeist unglückliche Menschen. In einem unglücklichen Umfeld. Und alles Geld und aller Status verhalf zu keinem Trost mehr. 

Deshalb bin ich heute dankbar. Sehr dankbar, dass ich ein Sturkopf war und meiner Unabhängigkeit mehr Wert beimaß als allem Tand der Welt. Wie heißt es so schön im Invictus? Mein Kopf ist blutig, aber ungebeugt. Und wenn ich heute sehe, was viele Menschen, die ich über lange Jahre habe beobachten können und die sehr viel konnten und wollten, wenn ich sehe, was sie heute alles erzählen müssen, um im Geschäft des Lebens zu bleiben, dann erfüllt mich große Trauer. Aber Mitleid, Mitleid habe ich nicht. Oder wie pflegte mein Freund vom Indischen Ozean, der die Welt ohne einen Cent in der Tasche bereist hatte und alle Höhen und Tiefen des Lebens als direkter Zeuge gesehen hatte? Wer mit dem Teufel ins Bett geht, pflegte er zu sagen, darf sich nicht wundern, wenn er die Hölle auf Erden erlebt! 

Dankbar, auch wenn manches schwer fiel…
Decadent fat pigs in parliament limousines luxury trains

Animal Farm pur!

Manche Entwicklungen muten absurd an. Dennoch sind sie bei näherem Hinsehen völlig normal. Quasi so etwas wie der Lauf der Dinge. Worum es geht? Um die Vorstellung, wie etwas sehr Sinnvolles, aber dennoch Abstraktes gedeutet wird. Die Rede ist von der Demokratie. Momentan ist sie immer wieder Thema. Vor allem im Kontext ihrer Bedrohung. Ob die meisten Menschen, die glauben oder glaubten, in einer Demokratie zu leben, tatsächlich eine elaborierte Vorstellung davon haben, was Demokratie tatsächlich heißt, sei einmal dahin gestellt. Denn eines ist sicher: Dinge oder Zustände, die man selbst weder durch Leistung, Kampf oder Kreativität erworben hat und die einem quasi in den Schoß gefallen sind, werden, je länger man über sie verfügt, immer geringer in ihrem Wert geschätzt.

Aus dem Bauch heraus lässt sich Demokratie beschreiben als ein definierter Rechts- wie Pflichtzustand, als ein Mehrheitsprinzip mit festgelegten Vertretungsregeln. Wer Verfassungsmäßigkeit, Gewaltenteilung, das Mehrheitsprinzip und die Vertretungsmodalitäten negiert, vergeht sich bereits an diesem Gedanken einer bürgerlich-konstitutionellen Demokratie. Das sei betont, weil es sich dabei nicht um eine global geteilte Vorstellung von zeitgemäßer wie guter Regierungsführung handelt. Auch wenn die zeitgenössischen Kreuzfahrer dieses unentwegt behaupten und damit ihre Eroberungskriege zu legitimieren suchen.

Nun geistert das Gespenst seit einiger Zeit durch die größer werdenden Ritzen unserer Gesellschaft, dass die Demokratie bedroht sei. Das ist nicht von der Hand zu weisen, es handelt sich bei diesem Phänomen allerdings um eine chronische Schwäche. Sieht man sich die Effektivität und Legitimität staatlichen Handelns an, so blicken wir auf eine lange Geschichte der Demontage des demokratischen Gedankens zurück. Bei jeder Krise, bei jeder unvorhergesehenen Erscheinung, bei jedem fatalen Fehler politischen Handelns war die Reaktion immer dieselbe: Die Einschränkung demokratischer Rechte, die Reduktion staatlicher und kommunaler Leistungen bei gleichzeitiger Erhöhung von Steuer und Gebühr. Und, ebenfalls gleichzeitig, beim Verprassen kollektiv erwirtschafteter Mittel zugunsten von Menschen oder Gruppierungen, die mit der Vorstellung von Allgemeingut nichts gemein haben. Dass eine derartige Entwicklung Verdruss erzeugt, ist menschlich. So einfach lässt sich die Gemütslage erklären.

Dass nun diejenigen, die für diesen Prozess durch ihr eigenes Handeln maßgeblich verantwortlich sind, „unsere Demokratie“ in Gefahr sehen, wäre nichts anderes als eine provokante, ja dreiste Bemerkung, wenn man ihnen nicht den Trugschluss konzedieren müsste, dass sie das abstrakte Konstrukt einer Demokratie mit ihrer eigenen Vergütung, mit der ihnen zur Verfügung gestellten Infrastruktur, mit ihren Privilegien und mit ihrer Immunität und ihren eigenen Freiheiten verwechseln würden. Das ist natürlich dumm. Und es ist gefährlich. Weil sie glauben, wenn sie an sich denken, dächten sie gleichzeitig an die Demokratie.

Es ist zu raten, die Differenzierung zwischen den Privilegien von Mandatsträgern und der Demokratie sehr wohl zu unterscheiden. Und man könnte sogar der Formulierung folgen, dass von dem schönen Gedanken der Demokratie lediglich noch der Status derer übrig geblieben ist, die sukzessive alles unterminiert haben, was den Charme von allgemein gültigen Rechtszuständen, einem definierten Gemeinwohl und einem tatsächlichen Mehrheitsprinzip entspricht. Dann allerdings, und dieses dann ist gar nicht mehr hypothetisch, haben die Verhältnisse eine Qualität erreicht, die Revolutionen, welcher Couleur auch immer, nahezu folgerichtig auf die Tagesordnung rufen. Ein solcher Zustand ist Animal Farm pur!

Insistieren Sie immer, wenn von „unserer Demokratie“ die Rede ist, was genau damit gemeint ist! 

Animal Farm pur!
Person standing on rooftop overlooking futuristic city with neon symbols floating overhead

Holen Sie sich Ihr Urteil zurück!

In einer Welt der Verschwörungstheorien, die anfänglich von denen produziert wurden, die heute andere als deren Opfer bezichtigen, ist es ungemein schwer geworden, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden. Das Manöver der gezielten Verwirrungsstiftung ist dermaßen weit gediehen, dass die Verwendung von Begriffen wie Lüge und Wahrheit bereits zu einer heiklen Angelegenheit gediehen ist. Wer mit ihnen operiert, ist sehr schnell im Lager besagter Verschwörungstheoretiker. Was, wenn man den Verstand behalten hat, ein Widerspruch in sich ist. Aber genau das ist das Wesen von Mystifikation, Propaganda und Manipulation.

Die auch in diesem Zusammenhang bereits schwer verdächtigen Formulierungen wie „man darf ja nicht mehr sagen“ drücken genau den Status der bereits geglückten Verwirrung aus. Sagen darf man alles. Und diejenigen, die den Aussagenden bereits schlecht beleumunden, weil er Worte wie Lüge oder Wahrheit benutzt, sind bereits überführt als Bestandteil der Verwirrungsstrategie. Mit dieser Kohorte sollte man sich allerdings nicht zu lange aufhalten. Erstens, weil ihre Vertreter entweder bewusste Agenten der Täuschung oder selbst hoffnungslos verstrahlte Opfer derselben sind.

Die wesentlich wichtigere Frage ist die nach der eigenen Orientierung. Und da empfiehlt es sich, auf die eigenen Erfahrungen zurückzugreifen, die geprägt sind von der Notwendigkeit, als Bestandteil eines sozialen Gefüges sich einerseits behaupten zu müssen und andererseits von gelungener Kooperation und einem prägenden Gemeinschaftssinn zu profitieren. Wie es ein heute nicht mehr oft gebräuchliches, aber aufgrund perverser Entwicklungen doch aktuelles Wort erklären würde, ist es kein Hexenwerk, für sich den richtigen Weg der Erkenntnis wie des Urteils zu finden. Auch wenn, und das selbst ist wiederum ein Indiz für die mystifikatorische Absicht, der Hinweis als zu profan und naiv weil die Komplexität ignorierender Rat ist. Machen sie sich nichts daraus. Getroffene Hunde bellen.

Stellen Sie sich einfach bei allem vor, womit sie konfrontiert werden, an Figuren, an Plänen, an Methoden, an Verhalten, was passieren würde, wenn es sich in ihrer Familie, in ihrem Freundeskreis, in ihrem Betrieb oder in ihrem Verein ereignen würde. Dann wissen sie alles. Welche Rolle würden die Figuren in ihrem vertrauten Ensemble spielen? Oder wären sie gar nicht dabei? Aufgrund welcher Eigenschaften oder Defizite?  Wie realistisch wären vergleichbare Pläne in ihrem Umfeld? Wie würde Ihr Kreis darauf reagieren? Wie vertretbar sind die Methoden in Ihrer Welt? Oder stießen diese auf massiven Widerstand? Und was wäre, wenn Sie sich verhielten wie die, die die großen Geschicke des Landes leiten sollen? In ihrer Familie, in ihrem Betrieb oder in ihrem Verein? Wie lange wären Sie wohl noch in einem dieser sozialen Verbände gern gesehen? 

Wie es so ist im Leben. Der Weg beginnt zumeist mit einer einfachen Idee. Sie geht einen sehr komplizierten Pfad, bis sie das Stadium erreicht, wo ihre Schlichtheit im unbestechlichen Licht der Sonne in ihrer Einfachheit offenbar wird. 

Fangen Sie ganz einfach an! Mit den Figuren! Wen würden Sie gerne adoptieren, aufnehmen oder einstellen? Wenn Sie die Übung hinter sich haben, wird bereits vieles klarer sein als vorher. Und lassen Sie sich nicht davon abbringen, mit dem Argument, in Wirklichkeit sei alles viel komplizierter. Wenn das Geprüfte nicht in Ihre einfache Wirklichkeit passt, wie sollte es sich dann eignen für eine viel kompliziertere Welt? Das ist plumpe Demagogie! Holen Sie sich Ihr Urteil zurück!

Holen Sie sich Ihr Urteil zurück!