Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Bündnis Jo-jo

Eskalationsstufen können in einem wohl kalkulierten Szenario durchaus ihren Sinn haben. Sie sind meistens sogar erforderlich, wenn deutlich wird, dass eine Seite in einer Interaktion oder einem Spiel die Befindlichkeit oder die Interessen einer anderen partout nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will. Dann muss eine Seite noch etwas drauf legen, um zu einem Hoppla-Effekt zu kommen. Gefährlich hingegen wird es, wenn eine der beteiligten Seiten immer wieder eskaliert, und sich dessen nur zum Teil bewusst ist. Der Volksmund hat dafür eine sehr betreffende Formulierung mit dem Satz Da spielt das Kind mit dem Feuer.

Letzteres trifft nur zum Teil zu, denn die eine oder andere Provokation ist anscheinend eine Maßnahme, die tiefer Überzeugung entspringt und in direkte Verbindung zum eigenen Weltbild gebracht wird. Das Schlimme bei der wachsenden Eskalation zwischen vor allem dem europäischen Westen, dort wiederum Deutschland an der Spitze, und Russland, ist die Tatsache, dass bei beiden Kontrahenten keine ausreichenden Gründe vorliegen, um von Gut hier und Böse dort zu sprechen.

Die Informationssysteme beider Parteien arbeiten zwar fleißig an Feindbildern und Russland ist ein Imperium mit allen Konvokationen ungerechter Herrschaft, aber der Westen eben auch, und zudem in den letzten 25 Jahren auf dem europäischen Kontinent der Aggressor. Die Destabilisierung und Privatisierung aller Republiken um die alte Sowjetunion herum war kein Appeasement, sondern Wirtschafts- und Militäraggression. Die spirituellen Früchte können derweilen in Polen und Ungarn bereits geerntet werden und keine der russischen Prophezeiungen hinsichtlich der Entwicklung dieser Länder war drastisch genug, um diese beschämende Bilanz vorwegnehmen zu können.

Und es ist nicht nur Eskalation, sondern auch Inkonsistenz. Vor wenigen Monaten noch bekannte sich eine Bundesverteidigungsministerin völlig enthusiasmiert zur kurdischen Peschmerga. Sie befürwortete deren Ausbildung und Aufrüstung durch die Bundeswehr ausdrücklich und bezeichnete sie als die Boten der Freiheit im Syrien-Konflikt. Heute lässt das Verteidigungsministerium verlauten, dass AWACS-Einsätze der Bundeswehr geplant sind und zum NATO-Bündnisfall gehören, um den Partner Türkei zu unterstützen. Das ist in vielerlei Hinsicht starker Tobak. Zum einen war davon in der Bundestagsdebatte um den Einsatz in Syrien, der übrigens, und es kann nicht oft genug wiederholt werden, ohne jegliches internationales Mandat stattfindet und somit nicht dem Völkerrecht entspricht, nicht die Rede, was der Absicht entspricht, das Parlament zu täuschen. Zum anderen ist nach dem Zwischenfall zwischen der Türkei und Russland ein Backing der türkischen Luftwaffe durch die deutsche eine neue Eskalationsstufe gegenüber Russland vorprogrammiert. Und letztendlich ist es ein Fakt, dass die Türkei den Syrienkonflikt nutzt, um sich des Kurdenproblems zu entledigen.

Das alles geschieht in einer an Diffusion kaum zu überbietenden Öffentlichkeit in der Bundesrepublik. Kritik an den halsbrecherischen, lebensgefährlichen Schlingerstrategien der Bundesregierung ist, wenn überhaupt, von der Linken zu hören. Die Grünen haben den Teil der Friedensbewegung, der absolut war, längst aus ihren Reihen verbannt und benutzen nur noch die moralische Keule, um Aggressionen zu rechtfertigen. Die Sozialdemokraten machen alles mit, nach dem altbekannten Prinzip, das Schlimmste verhindern zu wollen. Sollten allerdings mehr und mehr Menschen zu dem Gefühl vordringen, dass es schlimmer nicht mehr kommen kann, dann ist die Prognose nicht zu gewagt, dass in nicht allzu weiter Ferne die Linke, einst Derivat der SPD, den Mutterstamm überragt. Aber das sind Nebenwirkungen. Die einzige Instanz, die das zunehmend ramponierte Bild der deutschen Außen- und Wirtschaftspolitik wieder richten kann, ist massiver Widerstand im eigenen Land.

Nichts als Leere

Auch Rituale entkommen nicht der Doppeldeutigkeit. Aus der Ferne betrachtet, womöglich aus einer anderen Kulturepoche, erscheinen sie meistens primitiv und barbarisch. Aus nächster Nähe spenden Sie vor allem Sinn. Ob dieser Sinn immer von allen Beteiligten erkannt wird, ist dabei unerheblich. Es hat sich etwas entwickelt, das den Notwendigkeiten des kollektiven Bewusstseins genüge leistet. Dass derlei Rituale oft etwas sehr Einfaches, Spielerisches haben, liegt nicht an der mangelnden Phantasie der Beteiligten, sondern an der Notwendigkeit des Rituals: es muss für alle zugänglich sein, sonst generiert es nicht den Sinn, der von ihm verlangt wird.

Das abendländische Ritual zur Jahreswende senkt sich zur Neige. Um in der missionarisch-kolonialistischen Terminologie zu verweilen, sind die Festtage, die beginnen hinter uns zu liegen, ein heidnischer Ritus. Er trägt der Frage Rechnung, wie das kosmische Reset zu deuten ist. Das Jahr geht zu Ende, die längste Nacht ist passé, alles fängt von vorne an, ganz langsam, schleichend, kaum merklich. Hinter den Handelnden liegt ein Jahr der Mühsal und Plage, des Irrtums und des Überdrusses, der Verwerfung oder der emotionalen Hausse. Dass es noch besser werden kann, hoffen die Jungen, dass es schlechter werden könnte, befürchten die Alten. Es liegt nahe, dass das sich Wiederholende irgendwann ermüdet, es sei denn, dass der Zeitpunkt, an dem die Wiederholung Gewissheit wird, mit einem Ritus belohnt wird, mit dem das Wohlergehen assoziiert werden kann. Dergleichen existiert auch in anderen Kulturräumen, aber das exzessiv Konsumistische triumphiert vor allem in der westlichen Hemisphäre.

In den Phasen der Geschichte, die sich mit aufstrebenden gesellschaftlichen Klassen zu befassen hatten, herrschte vor allem das Prinzip der Demokratisierung. Immer mehr Menschen bekamen eine Ahnung davon, dass bei der nächsten Runde auch sie dabei sein könnten, wenn es an die Verteilung von Wohlstand, Reichtum und Macht ginge. Und immer noch gab es genug Ausgeschlossene, deren Not Gewissheit blieb. Das Ritual war das gleiche, aber sein vermittelter Sinn erfasste lange die Maximierung der Teilhabe bis zu dem Punkt, an dem deutlich wurde, dass der formale Prozess der Demokratisierung abgeschlossen war und dennoch etwas übrig ließ, was das kollektive Bewusstsein der Gegenwart nicht mehr goutiert: die Existenz von Klassen, die unterschiedlichen Zugang zu Reichtum und Macht garantieren.

Schlafwandlerisch disponierte das Ritual um. Es wandte sich in der Sinnstiftung ab von der Möglichkeit der Teilhabe hin zu einer situativen Völlerei, die den Geschmack des alten Sinnes noch einmal vermittelt, die aber den Stimulus zum Fortstreben nicht mehr verkaufen kann. Was bleibt ist eine Orgie des Hedonismus, die im Augenblick ihrer Realisierung bereits das Fade der Vergänglichkeit in sich trägt. Es handelt sich dabei um das, was im Allgemeinen als der Verlust der Freude bei diesem Ritual beklagt wird. Um deutlich zu werden: dieses Ritual vermittelt keinen kollektiven Sinn mehr und lebt noch eine gewisse Zeit als leerer Habitus fort, der irgendwann als eine gesundheitsschädliche Veranstaltung diskreditiert werden kann, weil die spirituelle Erbauung fehlt.

Die Gesetzmäßigkeit von Vergänglichkeit und Wiederholung hingegen wird bleiben. Sie wird wie immer in der Geschichte der Menschheit Zweifel zutage fördern, die in einem kollektiven Erklärungsmuster durch Sinn getilgt werden müssen. Ob es neue Modelle der Teilhabe suggeriert, sei dahin gestellt. Der Zustand der Dekadenz alleine jedoch vermittelt keinen Sinn. Deshalb liegen diejenigen, die im Augenblick nichts als Leere fühlen, sehr nah an der Wahrheit.

Massenflucht aus Europa

Anna Seghers. Transit

Gute Romane zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Handlung in einem konkreten historischen Rahmen stattfindet und das Erzählwerk hilft, die konkret beschriebene Zeit in ihrer Vieldeutigkeit zu entschlüsseln. Eine besondere Qualität entsteht allerdings durch ein Phänomen, dem nicht aus Zufall die sehr guten, großen Narrative unterliegen. Sie treffen eine human existenzielle Problematik, die zwar in einer konkreten historischen Situation thematisiert wird, aber sie greifen das Thema so treffend und in seiner Widersprüchlichkeit so akzentuiert auf, dass die konkrete Historie irgendwann unbedeutend wird. Irgendwann, nach dem die konkrete Situation, in der die Handlung stattfand, längst in den Annalen aufbewahrt wird, wird deutlich, dass der Roman immer wieder eine Renaissance erfährt, weil sein Thema und seine Komplexität zu einem Teil der menschlichen und gesellschaftlichen Selbstreflexion geworden ist, die kulturgeschichtlich in einen weitaus größeren Abschnitt gehört als das konkret Erzählte.

Netty Reiling, später Radvanyi, die unter dem Pseudonym Anna Seghers weltbekannt wurde, ist mit dem Roman Transit ein solches Werk gelungen. Eigentümlicherweise war genau dieses Buch nicht geplant und es störte in Konzeption und Niederschrift auch den späteren Welterfolg Das siebte Kreuz, an dem sie bereits arbeitete. Doch ihre konkreten Erfahrungen mit ihrer eigenen Flucht samt Familie vor den Nazis drückte ihr das Thema ins aktuelle Journal. Anna Seghers folgte selbst der im Roman beschriebene Route über Paris in den noch nicht besetzten Süden Frankreichs und in Marseille wartete sie auf ein Schiff, das sie und ihre Familie in Sicherheit bringen sollte. Selbst die beschriebene Route des Schiffes über Martinique nach Mexiko entsprach dem, was ihr glücklicherweise gelang.

Transit ist eine eindringliche Dokumentation über den Kampf zwischen Verzweiflung und Bürokratie. Auf der einen Seite diejenigen, die alles verloren haben auf der Flucht vor einem Todfeind und alles setzen auf die erlösende, endgültige Flucht auf einen anderen Kontinent. Und auf der anderen Seite die komplizierten prozessualen Bedingungen zwischen unterschiedlichen Nationen und deren Behörden, um eine Erlaubnis zu bekommen, das Land Frankreich zu verlassen, andere Länder zu durchreisen und letztendlich Zielländer zu betreten. Zu Tausenden saßen sie in Marseille, warteten, waren depressiv und apathisch oder agil und suchend, hier eine Ausreiseerlaubnis, dort ein Transit, und woanders wieder eine Einreisegenehmigung. Dazu gehörten Herkunftsnachweise, polizeiliche Führungszeugnisse, Testate über politische Verfolgung oder die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen, so ganz nebenbei eine historische Relativität, die Europa jenen bietet, die gerade dorthin flüchten wollen.

Über dieses Setting der Verzweiflung hinaus gelingt Anna Seghers in Transit, die Frage der Flucht vor einem politisch nicht nur missliebigen, sondern lebensgefährlichen System in Bezug auf das einzelne Individuum zu generalisieren. Es ist sicherlich eine bedeutsame Metapher, dass die in der Handlung, die scheinbar Erfolg haben und Marseille auf einem Schiff verlassen können, nicht in einem Zustand der Erlösung enden. Den Ich-Erzähler, übrigens ein Mann mit einer eher verschwommenen Identität, umgibt eine Aura des Beobachters von höherer Warte, weil er die Jagd auf die Schiffspassage zunächst nur als ein Spiel begreift, das ihm nichts bedeutet. Deshalb kann er die Charaktere der Handlung emotional so maßvoll beschreiben: ihre Verzweiflung, ihre Psychosen, ihre Illusionen, ihr Kalkül. Und deshalb sieht er auf der anderen Seite, der Bürokratie, auch ihre Vielfalt: das maschinelle Vorgehen, das Machtbewusstsein und die diskrete menschliche Wärme. Und letztendlich ist es er, der Erzähler, der die Lösung in einer anderen existenziellen Dimension als der Flucht sucht.

Anna Seghers Transit wurde 1941 geschrieben. Er ist brandaktuell!