Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die einfachen Prinzipien des Dean Mott

Relativ klar sind die Bilder von einem Journalismus, wie er sein sollte. Es ist merkwürdig. Vieles, was heutigen Verwerfungen unterliegt, resultiert aus einer Verletzung von Grundsätzen, die irgendwann, in früheren Zeiten, geprägt oder übernommen wurden und die als unangefochtenes Grundgesetz in der Hall of Fame der Demokratie standen. Bei der Vorstellung der wesentlichen, positiven Merkmale eines für die Demokratie adäquaten Journalismus ist es genauso.

Zu bedenken dabei ist die Tatsache, dass der Übernahme guter journalistischer Prinzipien zunächst die Barbarei vorausging. Die Vorstellung von Radio, Rundfunk und Presse, die in Deutschland und im benachbarten Ausland während Diktatur und Krieg herrschte, war geprägt von Organen wie dem Stürmer und Protagonisten wie Joseph Goebbels. Da war aus Journalismus Propaganda geworden und diese Art der Massenbeeinflussung ist eine der tragenden Säulen des deutschen Desasters gewesen. Dass heute viele Menschen die Entwicklung in der deutschen Medienlandschaft nicht nur so kritisch, sondern auch so emotional hochgeladen verfolgen, hat sehr mit dieser Geschichte zu tun..

Bei der Lektüre der Biographien derer, die das Bild des guten Journalismus in der frühen Republik nicht durch ihre politische Haltung, sondern durch exzellentes Handwerk und einen Berufsethos geprägt haben, fällt auf, dass diese allesamt von den Siegermächten zu Hospitationen in ihre Länder geholt wurden. Und für den Journalismus, der heute so vermisst wird, übrigens auch dort, standen England und die USA. Ganze Schiffsladungen und Flugzeuge voller junger Journalisten führen über Kanal oder Teich, um zu lernen.

Eine der bis heute wohl bekanntesten Schulen für den Journalismus in den USA war die School of Journalism unter dem damaligen Dekan Dean Mott in Columbia, Missouri. Nach Angaben des österreichischen Journalisten Hugo Portisch, der auch dort hospitierte, waren es folgende, einfache Prinzipien, die Dean Mott den jungen Presseleuten mit auf den Weg gab:

„Nummer eins: Das Wichtigste für jeden von euch muss die persönliche Unabhängigkeit sein, keine Verbrüderung mit Politikern! Nummer zwei: ihr habt immer der Wahrheit verpflichtet zu sein, check, er-check, double-check – also überprüfen, nochmals überprüfen und selbst dann nochmals überprüfen – nämlich auf den Wahrheitsgehalt dessen, was ihr berichtet und kommentiert. Zusatz: Und wenn ihr euch irrt oder falsch informiert würdet, dann habt ihr dies so rasch wie möglich im gleichen Medium richtigzustellen. (…) Zur Wahrheitsfindung aber habt ihr zwei weitere Grundsätze zu beachten (…) immer auch die andere Seite anhören und (…) im Zweifel für den Angeklagten.“

Laut Portisch saßen diese Botschaften tief, weil sie für die aus Deutschland und Österreich angereisten Journalisten völliges Neuland waren. Jedenfalls wurden sie hierzulande adaptiert und waren lange Zeit die Essentials der Journalistenausbildung. Es gehört nicht viel dazu, sich ein Bild davon zu machen, inwieweit die heutigen Nachrichtenorgane sich diesem Codex des Journalismus verpflichtet fühlen. Bemerkenswert ist, dass die aus einem Zwangsmonopol zur Sicherung der Demokratie heraus finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sich extrem weit von diesen journalistischen Grundsätzen entfernt und einen großen Schritt hin zu den Prinzipien von Propaganda, Vereinfachung und Emotionalisierung, gemacht haben.

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln und anderswo waren wieder einmal auch aus der Perspektive des Journalismus ein herausragendes Beispiel für die grausame Qualität, in der sich die Berichterstattung befindet. Verzögerung von Meldungen, parteiische Darstellungen, das Heranziehen windiger Zeugen, die Fraternisierung mit Politikern etc., all dies wurde bestens illustriert. Die schlimmsten Propagandisten verdienen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten 50.000 Euro und mehr pro Monat. Das kommt nicht von ungefähr, hinter der Etablierung von Propaganda steht ein politisches Design.

Schlimmer als im alten Rom

Irgendwann, so ist es immer wieder in den Geschichtsbüchern zu finden, irgendwann schlägt Quantität in Qualität um und mit rasender Geschwindigkeit entsteht etwas Neues. Das können neue Reiche sein, die eine neue Ära einläuten, oder es können Untergänge sein, von denen heute Morgen noch niemand geträumt hat. Je nachdem, wohin die Reise geht, sind es entweder die Geschichten von Himmelsstürmern oder die von Höllenfahrern. Und egal, auf welchem Pfad die Geschichte verfolgt wird, es läuft einem heute einfach kalt über den Rücken, auch wenn die Begebenheiten tausend und mehr Jahre zurück liegen. Eigenartigerweise sind es die Erzählungen, die hängen bleiben, die vom rasanten Niedergang berichten. Vielleicht ist es das existenzielle Frösteln, das in der menschlichen Gattung wohnt, vielleicht ist es auch nur die Missgunst an sich, die niemand leugnen kann.

Dass die Römerinnen reines Terpentin tranken, damit ihr Urin nach Veilchen roch und dass bei den Gelagen im Badehaus der Federkiel die Möglichkeit eröffnete, mehr zu essen, als der humane Magen erfasste, ist jeweils als Alleinstellungsmerkmal eine arme Geschichte, als Hinweis auf das, was gerne die spät-römische Dekadenz genannt wird, reicht es aus. Schnell kann assoziiert werden, was so alles geschah, als die Gesellschaft da verloren hatte, was heute so treffend Kohärenz genannt wird. Der sittliche und emotionale Konsens war nicht mehr gegeben, weil die Zentrifugalkräfte von Herrschaft, Macht und strategischer Überdehnung die Lebenswelten der einzelnen Sozialmilieus so weit auseinander getrieben hatten, dass es im wahrsten Sinne des Wortes kein Halten mehr gab.

Und immer dann, wenn das Räsonieren über die Vergangenheit in vollem Gange ist, schleicht sich die subversive Frage ins Hirn, ob das, was wir heute erleben, nicht auch Symptome aufweist, die die Deutung von Dekadenz durchaus zuließen. Schießen nicht auch hier die Sozialmilieus auseinander wie die Elementarteilchen? Wieviel haben diejenigen, die als Global Player gelten, ihre Leben im Überfluss und ohne die Anwendung von sichtbaren Zahlungsmitteln bestreiten, noch gemein mit denen, die zwar Bildung, aber keine Perspektive haben? Oder denen, die zwar Arbeit, aber kein Auskommen finden? Oder denen, die das alles nicht mehr verstehen?

Die Dekadenz der Nachkommen derer, die in Rom noch das Terpentin soffen oder ins Bassin kotzten, besteht in einer für sie unmerklichen Tatsache. Sie zerstören den Planeten, obwohl sie sich für ihn engagieren. Obwohl sie alle natürlichen Ressourcen systematisch zerstören, glauben sie in ihrer dekadenten Vorstellungswelt, dieses mit dem Konsum fairer Produkte in ihren privaten Haushalten kompensieren zu können. Wie klug und therapeutisch wäre da doch das Zitat eines Buddy Guy: If you want to fuck nature, nature will fuck you! Aber das nur nebenbei.

Abgesehen von den Global Playern, die mit den Pappgeschossen ihrer alternativen Kaffees ganze Kontinentalküsten verseuchen, wie äußert sich die Dekadenz im ganzen Gemeinwesen? Auch nicht so spektakulär wie in Rom. Denn Dekadenz hin oder her, Rom war auch im Untergang noch eine heroische Gesellschaft. Nein, so unspektakulär die Dekadenz der Reichen in Form einer Bewusstseinsspaltung, so ist der Rest der Gesellschaft geprägt durch die mangelnde Fähigkeit, das Ganze zu sehen. Die Individualisierung frisst ihre Kinder. In Zeiten, in denen die Bestellung eines Allerweltsgerichtes in einem Allerweltslokal viel wertvolle Lebenszeit kostet, weil ein Standard nicht mehr durchsetzbar ist, in dieser Zeit ist die Diffusion des Gemeinwesens die eigentliche Logik, die noch greift. Hand aufs Herz: Es ist viel schlimmer als im alten Rom!

Zwei Phänomene und ein Problem

Die Art und Weise, wie mit Neuartigem umgegangen wird, sagt sehr viel aus über den Zustand eines Gemeinwesens. Momentan liegen zwei unvorhergesehene, gesetzeswidrige und die Öffentlichkeit erregende Vorgehensweisen von zwei unterschiedlichen Interessengruppen vor, die das Gemeinwesen auf eine harte Probe stellen. Einerseits finden, nicht erst, aber seit den starken Immigrationsbewegungen des Jahres 2015, immer wieder gewaltsame Übergriffe auf Immigranten und Brandstiftungen statt, die die Unterkünfte von Immigranten betreffen. Bei den Delinquenten handelt es sich zumeist um so genannte alt eingesessene Deutsche, die aus unterschiedlichen Motivlagen den Terror suchen, um sich wie auch immer Luft zu machen.

Andererseits wurde in der Silvesternacht vor allem in Köln, Hamburg und Stuttgart eine andere Art von Terror ausprobiert. Es handelte sich um hordenmäßige Übergriffe vor allem auf Frauen, die ihrerseits bedroht, sexuell belästigt und bestohlen wurden. Im Gegensatz zu den Brandstiftungen hatten diese Übergriffe bisher keine Tradition. Sie wurden, so die Angaben von Augenzeugen und nach Polizeiberichten, von jungen Männern inszeniert und durchgeführt, die ihrerseits wahrscheinlich nordafrikanischen Ursprungs waren. Die Motivlagen dieser Delinquenten ist relativ basal zu erklären: wahrscheinlich geht es Ihnen um Materielles und sie leiden unter einem Hormonüberschuss.

Die Reaktionen auf die beiden Delikte sind, auch wenn es sich bei letzterem um etwas Neues handelt, bereits rituell eingeübt. Jeweils kocht bei jedem Fall auf einer Seite der Gesellschaft Empörung hoch. Aber nur auf einer Seite. Die einen fühlen sich bestätigt in ihrer These, dass das so genannte rechte Lager gewaltsam sei, die anderen haben schon immer gewusst, dass die Immigranten das eigentliche Problem seien. Auch in diesen Tagen, in denen die Empörung über die misshandelten Frauen überall hochkocht, ist eines zu beobachten: Kaum jemand kommt auf die Idee, dass beide Arten von Terror ein und dasselbe Problem beschreiben, nämlich dass der demokratisch definierte Staat nicht in der Lage ist bzw. bisher nicht in der Lage war, das zu tun, wofür er da ist. Die Staatsorgane versagen vor Delikten, die eine pazifizierte, zivile Gesellschaft nicht kannte und die sich langsam aber sicher zu einem Massenphänomen mausern.

Es ist dringlich, die Brandstiftungen gegen Flüchtlingsheime und die überfallartige Belästigung von Frauen im öffentlichen Raum als ein und dasselbe Problem zu sehen und die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Der Staat und seine Organe müssen ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen und die jeweiligen Delinquenten erfassen und in den dafür vorgesehenen Rechtsverfahren zur Rechenschaft ziehen. Wenn Polizei und Staatsanwaltschaft dazu nicht in der Lage sind, dann wird es höchste Zeit, sie in einen Zustand zu bringen, in dem sie es können. Auch da hilft eine klare Analyse und kein sofortiges Eingehen auf irgendwelche Lobbyisten, wie das gerne gemacht wird in unseren Tagen.

Eine andere Frage ist die, wie die so genannte Zivilgesellschaft und die kommunale Öffentlichkeit damit umgeht. Leider ist zu beobachten, dass eine sehr große Verunsicherung zu einer Hysterie führt, die schädlich ist. Ohne konkrete Anhaltspunkte werden Veranstaltungen abgesagt oder unter absurde Sicherheitsroutinen gestellt und der Bevölkerung Hinweise gegeben, die skurriler nicht sein könnten. Dieses Vorgehen, gepaart mit einer Berichterstattung, die in den letzten Jahren an Qualität sehr verloren hat, führen derzeit nicht zu einer Reaktion, die angemessen wäre. Was diese Gesellschaft braucht, sind Organe, die funktionieren und arbeiten und eine Bevölkerung, die weiß, wofür sie steht.