Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Matthias M. und der Blick von außen

Um Zustände beschreiben zu können, ist es gut, so viele Perspektiven wie möglich zu erhalten. Diejenigen, die in ihrem eigenen Land leben, sind immer behaftet mit dem, was so treffend als Stallgeruch bezeichnet werden kann. Alles, was geschieht, hat eine bestimmte Aura, in der manches erlaubt und vieles verboten ist. Ich erinnere mich an einen Briten, der mir beschrieb, immer, wenn er nach Deutschland komme und das Radio anschalte, bekäme er so eigenartige Begriffe wie Dosenpfand, Atomausstieg oder Nachhaltigkeit zu hören, die er erst nachschlagen müsse. Und diese Begriffe seien es, über die auf dem politischen Feld hitzig diskutiert werde, aber nicht um Politik selbst. Damit meinte er strategische Linien, die in Richtung und Haltung beschrieben werden können.

Die Deutschen, die im Ausland leben, sind zum Beispiel eine sehr wichtige Gruppe, die nur selten zu Wort kommt und die im Inland leider immer wieder auf das Bild ewig gestriger Traditionalisten, die gerne in der Wüste von Nevada das Oktoberfest oder in Indonesiens Tropen das Weihnachtsfest feiern, ansonsten aber nichts zu sagen haben. Das ist falsch und wie so vieles, was in diesem Land an Bildern produziert wird, qualitativ schlecht und als Information irreführend. Wichtig und richtig ist hingegen, dass unter den Auslandsdeutschen sowohl Konservative wie Rebellische anzutreffen sind. Beiden Lagern gemeinsam ist, und das ist das Bereichernde, sie haben eine Erfahrung, über die diejenigen, die das Land nie verlassen haben, um woanders zu leben und zu arbeiten, nicht verfügen.

Wer in der Fremde lebt, der muss zunächst die Bedingungen des neuen Landes kennenlernen und sich in ihnen bewegen lernen. Wenn es sich gar um einen fremden Kulturkreis handelt, kann das Jahre dauern. Die Deutschen, die dass hinter sich haben, haben eine hohe Kompetenz in dem, was so gerne und so oft als interkulturelle Kommunikation bezeichnet wird. Der Unterschied ist der, dass sie am eigenen Leibe erfahren haben, was das heißt. Und aufgrund einer zweiten, großen und wichtigen Erfahrung sollten wir ihr Urteil einholen und schätzen. Weil sie vergleichen können mit dem, was sie in dem neuen Land erlebt haben, sind sie mit der eigenen alten Heimat strenger. Denn vieles, was innerhalb Deutschland die Gemüter erhitzt, ist unter bBetrachtung anderer Lebensumstände nichtig oder trivial.

Kürzlich kreuzten sich, im medialen Sinne, meine Wege mit Matthias M.. Ich kannte ihn aus Jakarta und sah in Facebook, dass er sich mehrere Wochen in Deutschland aufhielt und viele Städte besuchte. Fest lebt Matthias M. Seit 1986 ohne Unterbrechung in Jakarta. Ich kontaktierte ihn und fragte, ob er nach den vielen Jahren nach Deutschland zurückkehren wolle. Die Antwort überraschte mich nicht, sie ist als Perspektive vielleicht auch nicht repräsentativ, aber sie erweitert auf jeden Fall den Horizont.

Matthias schrieb, Er käme nicht auf die Idee, nach Deutschland zurückzukehren. Obwohl die Luft sauber sei, hätte er kaum atmen können. Das Land sei bis ins Letzte reguliert und amerikanophil bis zur Unerträglichkeit. Von Freiheit sei nirgendwo die Rede und von Sicherheit überall. Und die Art, wie an Feindbildern gearbeitet werde, sei erschreckend. Er habe es erst nicht wahrhaben wollen, aber er befürchte, hier in Europa strebe alles auf einen furchtbaren Krieg zu. Er freue sich, wieder nach Jakarta zurückkehren zu können.

Die Antwort, die ihm sicherlich viele Hiergebliebene geben würden, wäre, er hätte keinen Sinn mehr für die hiesigen Verhältnisse. Darin hätten Sie Recht: Wer in Jakarta über Jahrzehnte lebt, der kennt weit mehr Probleme dieser Welt, als die meisten in der hiesigen gemäßigten Zone ahnen.

So nicht!

De Maizière, der Sprechautomat, hat das Rennen für die kommende Bundestagswahl eröffnet. Es geht um keine politische Perspektive, die den Namen verdient hätte, sondern es geht um die Reaktion auf emotionale Unsicherheiten in der Bevölkerung. Letztere resultieren vor allem aus einem Hype, den das mediale Sommerloch verursacht hat. Einzeltäter, ihrerseits wiederum medial inspirierte Irrläufer, mutierten zu einem wohl geplanten, strategischen Angriff auf die Republik. Im Zentrum der Berichterstattung über die Folgen stand das gewünschte Resultat. Niemand fühlt sich mehr sicher, das Land ist kurz vor der Hysterie.

Da ist es, vor allem im Kopf vor allem juristisch sozialisierter Systemimmanenz, nur folgerichtig, die Sicherheitsgesetze zu verschärfen. Das ist ein alt bewährtes Rezept, das mit der Realität nichts gemein hat. Denn wer genau hinschaut, sieht die Diskrepanz zwischen allem, was gesetzlich möglich ist und der exekutiven Potenz. Was nützen Gesetze, wenn der Apparat, der sie umsetzen soll, durch Sparmaßnahmen immer weiter ausgehöhlt worden ist. De Maizières Rhetorik ist ein alt bekanntes Placebo, das die Deutschen immer wieder beruhigt und eines verdeckt: Die mangelnde strategische Ausrichtung der Politik.

Ob es die Immigrationsbewegungen des letzten Jahres ist, oder der so genannte Deal mit der Türkei, ob es die Politik gegenüber der Türkei wegen dieses Deals ist, ob es die Waffenexporte an kriegstreibende Parteien im Nahen Osten sind, ob es die Demontage und Instrumentalisierung der Ukraine ist, oder ob es die Austeritätspolitik innerhalb der EU ist, nichts spricht für eine Konzeption, die mit einer konstruktiven Perspektive verbunden wäre. Es scheint nur einen Konsens zu geben. Und das ist der Konsens über eine immer weiter führende Reglementierung in allen Lebensbereichen. Wer in dieser Regierung noch von Freiheit spricht, der leidet unter Amnesie. Unter ihrer Verantwortung existiert keine einzige Maßnahme, die die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger vergrößert hätte. Nehmen wir sie beim Wort, es sind die Meister in der Restriktion, die nicht einmal eine Ahnung davon haben, wie ein Leben in Frieden und Freiheit aussehen könnte.

Fragen wir uns also, was vonnöten wäre, um eine Regierung zu finden, die das beantworten würde, was das Leben und Überleben in den nächsten Jahren gewährleisten könnte. Es wäre ein klarer Standpunkt, wieviel Freiheit eine EU, die den Namen verdiente, den einzelnen Gliedern garantierte. Es wäre die Frage, wieviel Friedenssicherung der NATO ins Pflichtenheft und wieviel Kriegstreiberei ihr verboten würde. Es wäre die Frage, wieviel Freiheit innerhalb der eigenen Grenzen denen gewähren wollte, die sie missbrauchen, um autoritäre Regimes zu unterstützen. Und es wäre die Frage, wer die Courage hätte, den USA, der schlimmsten kriegstreibenden Fraktion der letzten Jahrzehnte, die Stirn zu bieten.

Das sind nur wenige, aber essenzielle Punkte, die eine Bundesregierung der Zukunft beantworten müsste, würde sie von einem Souverän gewählt, der seinerseits noch den Willen hätte, sich zu verweigern und auf die Straße zu gehen. Die Welt, in der wir leben, bietet schon lange nicht mehr das Privileg, dem Müßiggang des Konsumismus zu frönen und bei jeder Frage, von der Menschenleben und Menschenwürde zur Disposition stehen, Fünf gerade sein zu lassen. Wenn von der Unfähigkeit einer Regierung die Rede ist und dennoch diese eine große Zustimmung genießt, dann muss auch von einer wie auch immer gearteten Verwahrlosung der Massen die Rede sein. Das zu benennen und zum Gegenstand der Diskussion zu machen, ist die Aufgabe einer Politik, die diesen Namen verdient.

Die große Drehtür des Lebens

Vicki Baum. Menschen im Hotel

Hedwig Baum wurde 1888 als Tochter jüdischer Eltern in Wien geboren. Nach erfolgreichem Schulbesuch ließ sie sich als Harfenistin ausbilden. In ihrem Beruf als Musikerin hatte sie vor allem Kontrakte in Deutschland. Seit den frühen 1920iger Jahren macht sie unter dem Pseudonym Vicki Baum als Schriftstellerin von sich reden. Sie wird bis zu ihrem Tod, der sie 1960 in ihrer neuen Heimat Hollywood ereilt, zahlreiche Romane schreiben. Ihr größter Erfolg wird Menschen im Hotel werden, der 1929 in Deutschland erscheint und kurze Zeit später erst am Broadway aufgeführt und dann in Hollywood als Grand Hotel unter der Regie von Edmund Goulding mit Greta Garbo verfilmt wird. Vicki Baum wurde zu den Dreharbeiten eingeladen und siedelte auch aus politischen Gründen in die USA über. 1933 sind ihre Werke bei den verbrannten Büchern.

Menschen im Hotel ist ein Roman, der in den 1920iger Jahren in einem Nobelhotel in Berlin spielt. Vicki Baum gelingt es, ein Sittengemälde dieser berüchtigten Zwanziger Jahre mit einer beeindruckenden Präzision zu entwerfen. Indem sie einen kleinen Kreis von Menschen herausgreift, die sich aus unterschiedlichen Anlässen und mit unterschiedlichen Motiven in dem Hotel aufhält, schafft sie einen Mikrokosmos der Weimarer Republik. Die Themen, die sie durch die von ihr getroffene Auswahl an Personen zur Reflexion freigibt, sind reichhaltig und brisant. Die Psychogramme und die soziologischen Studien, die entstehen, könnten in vielem bis heute bestehen. Und, ohne es expressis verbis zu thematisieren, gelingt es Baum, soziale Existenzformen der Frau mit ihrer einhergehenden Dramatik zu platzieren.

Thematisch geht es um die in der Weimarer Republik letztendlich tödlich wirkende soziale Brisanz derer, die aus dem I. Weltkrieg zurückgekommen waren, aber nie mehr in das zivile Leben re-integriert werden konnten. Entweder handelte es sich um alte, physisch und psychisch traumatisierte Zeitgenossen, oder es waren die jungen Offiziere, die den Befehlston gewohnt waren und sich nicht mit einer Subordination im Wirtschaftsleben abfinden wollten. Dann geht es um die Progression finanzkapitalistischer Tendenzen, die sich festmacht an Unternehmensfusionen und der damit beginnenden Kartellisierung wirtschaftlichen Handelns. Ebenso erscheint eine juvenile, hübsche und begabte junge Sekretärin, die die Entfesselung der Weimarer Zeit in Bezug auf die festgeschriebenen und tradierten Rollen am signifikantesten unterstreicht. Und auf der anderen Seite geht es um den allmählichen Abstieg einer großen Ballerina, die zusammen mit ihrer gesamten Entourage die allmähliche Bedeutungslosigkeit mit Phasen der psychischen wie medikamentösen Sedierung zu kaschieren sucht.

Die große Metapher, die mehrmals in dem Roman auftaucht, ist die große Drehtür des Hotels. Sie nimmt aus Sicht der Autorin die Gewissheit aus dem Leben und seinen Erscheinungsformen. Mehrmals betont sie, dass diejenigen, die mit einer vermeintlich klären Form der sozialen Existenz durch die Drehtür das Foyer betreten, in den geschilderten Fällen sie als eine andere, gestörte oder geläutertere, vernichtete oder neu erschaffene entlarvte oder bestätigte Form des Daseins wieder verlassen.

So kann Menschen im Hotel als eine Illustration des Unberechenbaren im Leben gelesen werden, was, wie sollte es wundern, auch die Verfilmung suggeriert hat. Oder, und das ist die interessantere Variante, der Roman kann als Schauspiel der Möglichkeiten gesehen werden, in dem es mehr Verlierer als Gewinner gibt.

Der Roman ist exzellent geschrieben, scharf in der Perspektive und facettenreich in den Themen. Noch ein Stück deutscher Literatur, das sich, was den Bekanntheitsgrad anbetrifft, nie wieder von der Bücherverbrennung erholt hat.