Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Zur Psychopathologie des Nicht-Entscheidens

Entscheidungen zu treffen gehört zu der menschlichen Existenz wie das Atmen. Sicherlich gibt es wissenschaftlich basierte Zahlen darüber, wie oft ein Mensch täglich Entscheidungen trifft. Es ist anzunehmen, dass dieser Akt in die Hunderte und Tausende geht. Das geschieht oft nicht bewusst, sondern unterhalb der direkten Wahrnehmung, aber der Akt selbst findet statt. Daher ist es eine Fehlannahme zu behaupten, bestimmte Menschen seien entscheidungsschwach. Auch sie treffen diese große Anzahl von Entscheidungen täglich. Diese Menschen, die gemeint sind, tun sich in der Regel mit einer bestimmten Art von Entscheidung schwer. Es handelt sich dabei um diejenige, die erstens bewusst geschieht und zweitens eine gewisse Öffentlichkeit mit sich bringt. Diese Öffentlichkeit erzeugt einen Druck auf das entscheidende Individuum. Dieser Druck kann am besten mit dem Terminus der Verantwortung beschrieben werden.

Entscheidungen in der Öffentlichkeit zu treffen bergen ein größeres Risiko. Und die riskantesten Entscheidungen werden auf dem Feld der Politik getroffen. Dort geht es schließlich um die Sache der Allgemeinheit. Wenn dort Entscheidungen getroffen werden, die sich als falsch oder wenig vorteilhaft herausstellen, dann ist das besonders folgenreich für diejenigen, die die Entscheidung zu verantworten haben. Deshalb nehmen viele Prozesse, deren Verlauf von schnellen Entscheidungen profitieren würde, großen Schaden, weil gerade dort das Ganze ins Stocken gerät. Um den möglichen Schaden zu begrenzen, geschieht das, was allgemein den Zauderern zugeschrieben wird. Es wird abgewartet, ob nicht doch noch etwas geschieht, was die Rahmenbedingungen verändern könnte, es werden zusätzliche Informationen eingeholt, die die Grundlage vielleicht bereichern könnten und es werden Meinungen eruiert, die besagen, was von den Entscheidern erwartet wird.

Die Beschreibung der Krise des Tempos bei Entscheidungen im politischen Raum erinnert daran, worin die Kritik im Allgemeinen besteht. Sie besteht an der völlig menschlichen Regung, sich abzusichern, bevor man ein Risiko eingeht. Dennoch ist die Kritik berechtigt, weil eine Politik der zeitraubenden Entscheidungen oder gar der Nicht-Entscheidungen das Gemeinwesen nachhaltig schaden kann. Es wäre einzuwerfen, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient. Und auch daran ist etwas, das erschrecken sollte. In den letzten 34 Jahren regierten Kohl und Merkel zusammen 27 Jahre, unterbrochen von Schröder zwischen 1998 bis 2005. In diesem gewaltigen Zeitraum dominierte das extrem langsame, meistens sogar das Nicht-Entscheiden. Zu konstatieren bleibt da nur, dass alle der genannten Regierungen frei gewählt waren und nicht Folge irgendeiner Machtergreifung And Ruder kamen.

Es besteht also ein sehr enges Band zwischen der im politischen Alltag verbreiteten Skepsis, weitreichende Entscheidungen zu treffen und dem allgemeinen Willen, dieses auch gut zu heißen. Dennoch wäre anzumerken, dass zwischen der im Deutschen verbreiteten Vorstellung, dass Gutding Weile will, was eine vernünftige Einstellung ist, und der akzelerativen Prozesse des technokratischen Zeitalters eine Diskrepanz besteht. Und die Antwort, die besagen würde, wir nehmen uns jetzt Zeit, weil uns das alles sehr wichtig ist, die wird zumeist so nicht artikuliert. Das Problem besteht eher darin, die Dinge ohne eine solche Äußerung laufen zu lassen. Das aber, und es ist täglich zu beobachten, schafft harte Fakten, die unabhängig vom bewussten Entscheidungsprozess das Leben zu beherrschen beginnen.

Die mittlerweile im etablierten Herrschaftsstil der Republik manifeste Psychopathologie des Nicht-Entscheidens ist schon lange keine Garantie mehr auf Verschonung. Wer in der kurzatmiger wedelnden Welt nicht Stellung bezieht, wird überrannt werden. Ob das nun gefällt oder nicht.

Die organisierte Hoffnungslosigkeit

In unterschiedlichen Gesellschaften existieren unterschiedliche Übereinkünfte darüber, wie die allgemeine Befindlichkeit zu definieren ist. Das ist nicht unbedingt identisch mit dem, was momentan als Glücksindex durch die Medien zieht, aber es herrscht sicherlich eine Beziehung zu dem Gefühl, was Glück bedeutet. Bei der eingangs erwähnten Übereinkunft geht es jedoch um mehr. Es geht um die Einstellung gegenüber dem Leben und die Haltung im Leben. Und jede Gesellschaft verharrt nicht in dem einen oder anderen Zustand, sondern sie wandelt sich und mit ihr die psychologischen und mentalen Zustände ihrer Akteure.

In den Gesellschaften des früheren Ostblocks ließ sich mehrheitlich im Zeitraffer ein solcher Wandel beobachten. Nach der Implosion der sozialistischen Staaten begannen die Menschen damit, die neu gewonnen Freiheiten zu genießen und entsprechend zu feiern. Es folgte eine von sehr großer Initiative getragene Bewegung von Gestaltung, die mit den neuen ökonomischen Strukturen an ihre Grenzen stieß und dann zu einer Depression führte, die noch andauert, aber aufgrund der Widerstandskraft, die in Jahrzehnten entwickelt wurde, auch in eine rebellische Phase münden kann. Die beschriebenen Phasen waren geprägt durch die allgemeine Übereinkunft, welche Haltung und welche Einstellung vorherrscht.

In der Bundesrepublik, der alten, sieht und sah das anders aus. Sie war nach dem Krieg geprägt von einer Aufbruchstimmung und einer Zurückerlangung des Selbstwertgefühls nach dem verlorenen Krieg. Letzteres wurde allerdings ausschließlich mit dem wirtschaftlichen Erfolg begründet. Es folgte nach einer Phase der Konsolidierung der Genuss der neu erworbenen Freiheiten und einer Rebellion der Jugend gegen das alte Establishment. Freiheit, Laisser-faire und ein uneingeschränktes Pro für die Individualisierung dominierten. Die gesellschaftlichen Kosten für die insulare Glückseligkeit hatte die eigene Gesellschaft aufgrund der konkreten Konstellation des Kalten Krieges nicht zu tragen, das besorgten für die alte Bundesrepublik, im Gegensatz zur DDR, für die schon in der Stunde Null Zahltag war, die USA. Die rebellische Phase, die einerseits mit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu tun hatte und andererseits die Verhaltensformen einem offenen Weltmarkt anpasste, endete in den 1970iger Jahren, als die ersten ökonomischen Rezessionen eintraten und der Preis für das Dazugehören zur Weltökonomie eingefordert wurde. Es folgte mehr als ein Jahrzehnt, das bleischwer in den Köpfen hing und in der Passivität der Kohl-Ära dem ganzen Westen die Vitalität kostete.

Nach der Vereinigung traf ein euphorischer auf einen depressiven Teil der Bevölkerung. Das hatte Folgen auf die emotionale Wiedervereinigung, die immer mehr abgestumpften und desillusionierten Westler trafen auf die nahezu manischen Ostler, die Bäume ausreißen wollten, wo keine waren. Das hatte Konsequenzen, die bis heute anhalten. Letztendlich ist das Visionäre im Osten liquidiert worden und zu einer belebenden Infusion im Westen geworden. Die politische Entwicklung insgesamt hat dazu geführt, dass auch in der Skepsis der Westen den Osten majorisiert hat. Bis auf die Phase nach Kohl regierten Konservative das Land, manchmal gepaart mit den Liberalen oder den Sozialdemokraten. Was unter der Chiffre der Konsensdemokratie entstand, ist eine müde und verschlafene, mental satte Gesellschaft, die den Spirit der Demokratie hinter sich gelassen hat und für die konsequentes Handeln kaum noch vorstellbar ist. Die Gesellschaft der Bundesrepublik ist endgültig in der postheroischen Phase angekommen. Und das, was sie am besten beschreibt, ist die Formulierung der organisierten Hoffnungslosigkeit. Letzteres ist das große Band, das alle vereint.

Die Politik und das kleinere Übel

Bestimmte Entwicklungen sind einfach nur schlecht. Sie lassen keine Interpretationsspielräume, ob nicht doch die eine oder andere Schattierung nicht ganz so schlimm ist wie das Ganze. Auch wenn in Deutschland allgemein immer ein Konsens darüber besteht, dass Politik an sich etwas Anrüchiges an sich hat und als schmutziges Geschäft gerne diskreditiert wird, so wird gerade hier eine eigentümliche Nuancierung vorgenommen. Es ist die Rede von dem kleineren Übel. Diese Wendung hat eine lange Tradition und sie ist vielleicht einer der giftigsten Stachel gegen das Leben der Demokratie überhaupt. Es ist die Hintertür für die Wählerinnen und Wähler, nicht zu dem stehen zu müssen, was sie gewählt haben. Es ist, um es deutlich zu sagen, eine laue Position, die nichts mit einem Standpunkt zu tun hat.

Bei jeder Wahl taucht die Schimäre wieder auf, da wird dann wieder räsoniert über das kleinere Übel, selten ist ein couragierter Standpunkt zu erleben, der die klare Position artikuliert. Gelänge das, so wäre die Gesellschaft einen gewaltigen Schritt weiter. Stellen wir uns vor, die Wählerinnen und Wähler würden die politischen Parteien dafür honorieren, wenn sie deutlich und klar formulierten, was sie erreichen wollen. Protestativ wird das bei der AFD momentan so gemacht, aber eher, um zu verstören, weil die Forderungen dieser Partei nicht Gegenstand der Zustimmung sind. Stellen wir uns vor, es gäbe eine klare Haltung der Parteien zu Einwanderung und Asyl, zu Friedens- oder Kriegspolitik, zu Steuerflucht und deren Ahndung, zu Bildung und deren Ziel. Und stellen wir uns vor, es würde durch Zustimmung zu einem Mandat kommen. Nicht auszudenken, welche Qualität Politik dadurch gewönne.

Stattdessen wird der Diskurs in den meisten Fällen darüber geführt, was auf keinen Fall geschehen darf und nicht gewollt wird. Das führt zu einer Verhinderungsmatrix, die alles mögliche widerspiegelt, aber nicht den politischen Willen einer Gesellschaft. Das Tragische an dieser Konfiguration ist die Unfähigkeit, in Krisensituationen von einem Konsens getragen handeln zu können. Auch und gerade dann zeigt sich, dass die Kollektivsymbolik des kleineren Übels die Gesellschaft tief spaltet und keine Handlungsoption favorisiert. Die jüngsten Beispiele sind der Umgang mit den Schulden im Süden Europas, der Ukraine-Konflikt und die Flüchtlingsbewegungen. Politisch bleibt nichts als verbrannte Erde, das Land, das die gute Organisation so liebt, steht politisch reichlich unorganisiert da und macht gar keinen weltmeisterlichen Eindruck.

Nun, bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA, da taucht die Schimäre wieder auf, die des kleineren Übels. Angesichts des Banausen Donald Trump ergreifen jetzt viele Partei für Hillary Clinton, die als erste Frau das Amt bekleiden könnte. Wer allerdings glaubt, Clinton sei eine Garantin für den Frieden, ist schon Opfer der Mystifikation. Es gibt keine kleineres Übel, sondern nur gute und schlechte Politik. Die amerikanische Politik ist für die Sicherheit in Europa schlecht, egal wer das Präsidentenamt bekleidet. Und die die richtige Politik für Deutschland ist die, dazu entschieden Nein zu sagen.