Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die Zukunft begraben?

Geduld ist eine Größe, die von Individuum zu Individuum und von Gesellschaft zu Gesellschaft variiert. Und Geduld ist eine Qualität, die sich direkt aus dem Verhältnis der Handelnden zur Zeit bestimmen lässt. Wer keine Zeit hat, ist auch nicht geduldig und wer geduldig ist, der ist bereit, von seinem Zeitkontingent etwas herzugeben. Das Verhältnis von Geduld und Zeit hat sich mit dem, was allgemein das Entwicklungstempo genannt wird, dramatisch verändert. Gesellschaften, um genauer zu sein Ihre Geschäftsprozesse, sind schneller geworden. Heute existieren routinemäßige Untersuchungen über die Geschwindigkeiten von Gesellschaften. Genommen werden die wesentlichen Prozesse, die das Funktionieren einer Gesellschaft bestimmen und es wird gemessen, wie lange die jeweiligen Organe durchschnittlich brauchen, um deinen solchen Prozess abzuschließen. Das reicht von der Reisedauer zwischen Städten mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die Herstellung und Verteilung von Grundnahrungsmitteln bis zu einem Gesetzgebungsverfahren.

Der Westen hat mit der Aufklärung für sich und den Rest der Welt eine Bewegung ins Leben gerufen, die vieles verändert hat, deren letztendliche Konsequenz aber noch nicht abzusehen ist. Die bürgerliche Revolution hat unter dem hier zu betrachtenden Aspekt zwei wesentliche Resultate gezeitigt. Sie hat mit der Öffnung der Gesellschaft für die Resultate der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung die Tür zu Industrialisierung und Konkurrenz geöffnet und sie hat durch die Individualisierung die Entwicklungsdimension einer Gesellschaft auf die Lebenszeitbetrachtung einzelner Generationen reduziert. Beides trug zur Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse wie zu einer Reduzierung der Geduld bei.

Das westliche Individuum ist aufgrund dieser Entwicklung zu Überzeugungen gekommen, die nicht überall in der Welt und in anderen Kulturkreisen gegriffen haben. Die Erwartung, Freiheit und Glück in der eigenen Biographie erreichen zu können, hat in Anbetracht des eigenen Anteils zu einer Jagd geführt, die als Formulierung, dem Recht auf die Jagd nach Glück, sogar expressis verbis Eingang in die amerikanische Verfassung gefunden hat. Die Folge ist für die allgemeine, längere Perspektive der Gesellschaft fatal: aus Heroismus, der Bereitschaft des Individuums, sich für die Sache der Allgemeinheit aufzuopfern, wurde Hedonismus, in seiner heutigen Form Konsum und Luxus des Einzelnen im Jetzt. Auch für die Politik hat das Konsequenzen. Mit Zielrichtungen wie Nation oder Gerechtigkeit sind keine Wahlen mehr zu gewinnen. Es geht um Wohlstand und Sicherung.

In den so genannten kollektivistischen Gesellschaften, die mehrheitlich in Asien leben und allen voran China, hat diese Individualisierung nicht stattgefunden und dort spielt sie auch keine Rolle. Dort heißt es auch nicht Freiheit und Glück, sondern Reichtum und Glück. Wobei der Reichtum durchaus immaterieller Natur sein kann. Insgesamt weist der Kollektivismus ein anderes Verhältnis zu Zeit und Geduld auf. Der zeitliche wie geographische Horizont der Betrachtung ist weiter gefasst und die Bedeutung der einzelnen Teile bei der Betrachtung des Ganzen ist weitaus geringer als im Westen.

Als im Dezember 1997 das Handover von Hongkong zurück an China stattfand, hatten sich die Briten vorher vertraglich den Sonderstatus von Hongkong als Freihandels- und Rechtsraum von der Volksrepublik China für einen Zeitraum von 50 Jahren vertraglich zusichern lassen. Für westliche Verhältnisse schien das ein großer Zeitraum zu sein. Kürzlich erzählte mir ein Honkong-Chinese, 19 Jahre seien bereits verstrichen. Schauen wir mal, räsonierte er lächelnd und entspannt, was 2047 passieren wird. Eine Betrachtungsweise, die so im Westen gar nicht mehr stattfindet. Die Zukunft scheint begraben zu sein.

Machterhalt als kollektives Ziel

Die Bundespressekonferenz hätte als Groteske nicht besser inszeniert werden können. In der Mitte saß der Sprecher des Kanzleramts, Steffen Seibert, gereizt und unausgeschlafen, links neben ihm ein Vertreter des Innenministerium, der wie im ministeriellen Geschäftsmodus wirkte und zu seiner Rechten eine Dame aus dem Auswärtigen Amt, die auftrat wie ein indignierter Chief of Staff aus dem Club Med, in einer maritim wirkenden Gardeuniform. Während der Vertreter des Innenministeriums betonte, es sei Aufgabe seines Ministeriums, Fragen von Bundestagsabgeordneten nach Wissenstand seines Hauses zu beantworten, graunte Seibert, der Flüchtlingspakt mit der Türkei sei aber nicht davon betroffen, und die Vertreterin des Auswärtigen Amtes wiederum betonte in einem sehr verärgerten Ton, ihr Haus wiederum teile die Erkenntnisse und die daraus resultierenden Aussagen des Bundesinnenministeriums nicht. Letzteres stützte sich auf Informationen des Bundesnachrichtendienstes, der die Türkei als eine Drehscheibe der Unterstützung des islamistischen Terrors einstufte.

Jeder, der sich ein wenig jenseits des „Leute, die Welt ist prima-Journalismus“ zu informieren weiß, konnte in den letzten Monaten Dutzende von Berichten in CNN, BBC oder auch deutschen Zeitungen wie dem Freitag darüber informieren, wie türkische Bus- und Taxifahrer freiwillig und auskunftsfreudig darüber berichteten, dass sie täglich Hunderte von IS-Kämpfern aus der Türkei an die syrische Grenze transportierten, wo diese dann zum Kampfeinsatz gelangten. Und es ist ebenfalls schon lange kein Geheimnis mehr, dass Erdogan die ägyptischen Muslimbrüder wie die HAMAS als Bündnispartner hofiert. Das, was der Bundesregierung an den Erkenntnissen nicht passt, ist, dass sie Einfluß auf das so genannte Flüchtlingsabkommen mit der Türkei haben könnten. Denn nichts ist wichtiger, als die Flüchtlinge irgendwo, nur nicht in Europa zu halten, sonst könnten die nächsten Wahlen mächtig aus dem Ruder laufen. Dass allerdings eine konsequent durchgepaukte Unglaubwürdigkeit die beste Referenz ist, um bei den nächsten Wahlen richtig auf die Schnauze zu fallen, scheint nicht im Bewusstsein angekommen zu sein. Die Krise der groß-koalitionären Politik ist jedoch eine Krise der Glaubwürdigkeit.

In Bezug auf die Aussage, die Türkei sei eine Drehscheibe der Unterstützung des islamistischen Terrors, seien drei Aspekte angesprochen. Erstens: inwieweit ist ein Vertrag mit der Türkei, der die Folge islamistischer Terrorinterventionen in Syrien zum Thema hat, nicht umgehend nichtig, wenn die Ursachen für Tod und Flucht von einem der Vertragspartner weiterhin aktiv genährt werden? Zweitens: wie ernst nimmt sich die Bundesregierung, wenn sie trotz dieser Erkenntnisse an dem Vertrag festhalten will und gleichzeitig dafür wirbt, die Ursachen für die Flucht zu bekämpfen? nähme sie diese Aussage ernst, dann müsste sie die türkische Regierung bekämpfen. Und drittens: welchen Einfluss hat das Verhalten der Türkei auf seine NATO-Mitgliedschaft? Nicht, dass nicht lange bekannt wäre, dass es mit der Wert Gemeinschaft gar nichts auf sich hat, allerdings die Toleranz soweit gehen zu lassen, dass Mitglieder gegen die operationalen Ziele des Bündnisses in einem Konflikt direkt und aktiv sabotieren dürfen, spricht für ein baldiges und tragisches Ende dieses immer schriller wirkenden Bündnisses.

Der Sketch, der in Berlin aufgeführt wurde, war ein weiteres Zeichen für die zunehmende Verwahrlosung der Bundesregierung. Es stellt sich heraus, dass als Maxime nur noch der Wunsch nach dem Machterhalt existiert. Wer derartig abgewirtschaftet hat, der kann gewiss sein: es dauert nicht mehr lange, und die Tage sind gezählt.

Teherans Unterwelt

Ramita Navai. City of Lies

Obwohl geographisch gar nicht so fern, hat sich die Millionenmetropole Teheran seit der Rückkehr des Ayatollah Khomeini im Jahr 1978 aus dem Pariser Exil sehr weit von der Wahrnehmung in Europa und der Welt entfernt. Das lag zum einen an der religiös doktrinäreren Revolution und zum anderen auch an der sehr starken Selbstbezogenheit des klassischen Westens. Zwar existierten und existieren immer wieder journalistische Berichte über das Leben in Teheran, aber entweder sind sie sehr restringiert aufgrund der strengen Zensur oder sie leuchten durch das Unwissen und die Ignoranz des Ausländers. Nun, endlich, ist ein Buch einer Perserin erschienen, die zwar im London Exil aufgewachsen ist und dort das journalistische Handwerk gelernt hat und die nach Teheran zurückgekehrt ist. Es handelt sich um die 1973 in Teheran geborene Ramita Navai.

Das Buch, das Ramita Navai 2016 veröffentlichte, trägt den Titel City of Lies. Es ist das Produkt jahrelanger, geduldiger, hoch professioneller und gefährlicher, journalistischer Arbeit. Navai hat dabei die Hauptverkehrsader der Stadt, die von Norden nach Süden Teheran durchschneidet und an der sich die verschiedenen sozialen Milieus wie Perlen an einer Kette aneinanderreihen, zur Orientierung genommen. Sie hat Interviews mit Bewohnen geführt, über Monate, teils verdeckt, um die Geschichten der Befragten zu hören, zu dokumentieren und zu dechiffrieren. Und diese Geschichten, die sie in dem Buch hintereinander aufreiht wie die Milieus an der großen Straße, diese Geschichten haben es in sich und sie erzählen etwas ganz anderes, als Leser aus der Ferne vermuten.

Es sind Geschichten, die alles andere als das verströmen, was ein als autokratisch dargestelltes Regime erwarten lässt. Es sind Geschichten, die unermesslichen Reichtum und unermessliche Armut darstellen und es sind Geschichten, die dokumentieren, zu was die Menschen, egal unter welchen Bedingungen, fähig sind, im ihre Wünsche zu erfüllen oder dem Elend zu entkommen. Zwei Faktoren spielen dabei eine große Rolle, Sex und Drogen. Und in dieser Stadt, die vor Impulsivität strotzt, sind es gerade auch das Sex- wie das Drogengeschäft, obwohl illegal und von der immer wieder praktizierten Todesstrafe flankiert, genau das, in dem sich das Leben der Metropole abspielt. Entlang der großen Straße treffen sich auch die verschiedenen sozialen Milieus immer wieder beim Handel mit Sex und Drogen. Das Geschäft floriert, egal zu welcher Zeit, und das Gefängnis, in dem die Kandidatinnen und Kandidaten des Todes sitzen, hat nie über mangelnde Auslastung zu klagen.

Ramita Navai gelingt es, die einzelnen Lebensgeschichten in ihrer Authentizität brillieren zu lassen. Gleichzeitig, in dem sie sie geschickt aneinanderreiht, gelingt ihr ein Sittengemälde Teherans, das erstaunt, abschreckt und zugleich verzaubert. Die Leserinnen und Leser erhalten zum ersten Mal einen zeitgenössischen Eindruck von der Psyche der Bewohnerinnen und Bewohner Teherans, die alles andere bestätigen als die Klischees, mit denen auf dem Medienmarkt gehandelt werden. Das Buch ist ein grandioser Beitrag zum Verständnis der iranischen Gesellschaft und Politik, obwohl es dies nur am Rande thematisiert. Es sind menschliche Bedürfnisse, die besonders geformt sind durch Jahrzehnte andauernde Diktaturen, die nicht mit Khomeini begannen, aber mit ihm eine andere Richtung annahmen. Das wichtigste ist, dass es gelingt, die dort Lebenden unter einem menschlichen Aspekt zu verstehen.

Und Ramita Navai wäre keine gute Journalistin, wenn den Geschichten nicht ein Glossar folgte, das die verwendeten persischen Begriffe erklärt und eine kleine, tabellarische Geschichte des Irans angebracht wäre. Ein großartiges, unbedingt empfehlenswertes Buch!