Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Absturz des Individualismus

Die pädagogischen Konzepte ganzer Kulturkreise offenbaren die jeweilige Einstellung zum Leben. In den heroischen Zeiten der Nationalstaaten war bzw. gehört die Orientierung des zu erziehenden Nachwuchses auf den Schutz und den Erhalt des Gemeinwesens. Da wird der Staat, um den es geht, als zentraler Wert vermittelt und das Glück des Individuums mit dem Großen und Ganzen als Identität gesehen. Beim Blick aus unserer, d.h. der zentraleuropäischen und dort besonders der deutschen Perspektive gilt diese Auffassung als längst überholt und veraltet, obwohl die zentralen Mächte dieser Welt noch so funktionieren. Nicht nur China und Russland, sondern auch die USA sind so konzipiert. In China ist es der Sozialismus, in Russland das Mütterchen Russland und in den USA die amerikanische Verfassung, auf die sich die Intention der kollektiven Pädagogik ausrichten. Es geht um die Identität von Individuum und Nation.

Wie die Lebenswelten und Realitäten in diesen Ländern aussehen, ist eine andere Sache. Aber die Bemühungen, über die Erziehungsinstitutionen einen Sinn zu vermitteln, der sich aus einem Heroismus speist, ist bemerkenswert. Denn in der Tat hört sich das, was als deutsches Erziehungsideal in diesem Kontext andeutet als etwas ganz andres an. Ob es besser ist, sei dahingestellt. Erstaunlich und bei der Geschichte dieses Landes alles andere als selbstverständlich ist nämlich der Umstand, dass die persönliche, individuelle Befindlichkeit und Entwicklung den höchsten Stellenwert einnimmt. Selbst im benachbarten Frankreich, wo die Revolution für die individuelle Freiheit die gewaltigsten Feste feierte, existieren noch Verweise auf die Grande Nation, der die Jugend des Landes verpflichtet ist. Insofern scheint die Bundesrepublik Deutschland das synthetisch reine Produkt des Post-Heroismus zu sein.

Um Missverständnissen vorzubeugen, es geht um die großen Tendenzen, nicht um Nuancen. Selbst bei der Beschreibung des Individuums, in den gedachten großen pädagogischen Konzepten, existieren je nach Kulturkreis Unterschiede. Während noch in der Verfassung (!) der USA nicht nur von dem Recht, sondern von der Pflicht des Individuums auf der Jagd nach dem Glück die Rede ist, ist in Deutschland nur von Rechten die Rede. Rechte wiederum werden in Anspruch genommen oder auch nicht. Die Paradoxie, auf man im Falle Deutschlands stößt, ist einerseits die überproportionale Existenz des Individuums gegenüber dem Gemeinwesen und andererseits ein Vakuum, weil die individuelle Sphäre gar nicht in dem außergewöhnlichen Maße in Anspruch genommen wird. Ursache mag ein langer, aus Trägheit akzeptierter Prozess der systematischen Entmündigung sein. Statt des Kraft strotzenden Individuums steht dort eine Bürokratie, die beansprucht, als Agentur des Individuums das Glück für alle an Land zu ziehen.

Der Individualismus hierzulande scheint zu einer bloßen Phrase verkommen, weil die Akteure dazu fehlen. Grundlage eines agierenden Individuums sind Können und Erfolg, denn der Erfolg ist die Mutter der Motivation, die ihrerseits den Prozess der wachsenden Befähigung auslöst. Die Pädagogik dieses Landes ist jedoch weder auf die Tat des Einzelnen noch auf dessen Erfolg ausgerichtet, sondern sie entstammt nahezu komplett aus Ansätzen der therapeutischen Behandlung. Alles, was als pathologisches Resultat der Entmündigung zu erwarten ist, säumt die Alleen der pädagogischen Weisheit. Es sind Forderungen nach Zu- Und Hinwendung, nach Wertschätzung und Achtsamkeit, die allesamt im therapeutischen Rahmen ihren Sinn haben, aber für das Individuum, um nicht zu sagen das historische Subjekt zu wenig, viel zu wenig hermachen, um erfolgreich zu sein.

Die Wirkungsmacht der kollektiven urbanen Identität

Die Bevölkerung von Sankt Petersburg und dem zwischenzeitlich identischen Leningrad hat wahrlich einiges erlebt, was weltgeschichtlichen Rang hat. Von der Oktoberrevolution und dem sie besiegelenden Sturm auf das Winterpalais bis hin zu der Belagerung im II. Weltkrieg durch die deutsche Wehrmacht. Bei dem erst erwähnten Ereignis ging es der Zarenfamilie an den Kragen, bei dem zweiten verhungerten mehr als eine Million Bürger der Stadt. Wenn etwas anhand der Geschichte dieser Stadt dokumentiert wird, dann, wie teuer der Preis für die historische Dimension sein kann. Es zeigt aber auch noch etwas anderes: Es gibt Orte, an denen verschiedene Welten aufeinanderprallen, an denen die Widersprüche zum Tanzen gebracht werden und immer wieder etwas Neues entsteht. Einmal zum Entsetzen aller, einmal als Hoffnungssymbol am Horizont einer düsteren Welt.

Sankt Petersburg/ Leningrad gehört dazu, denn hier war nicht nur der Bolschewismus siegreich, sondern auch die Literatur, hier spielt Dostojewskis Verbrechen und Strafe und Schostakowitschs 7. Sinfonie. „Ich widme meine Siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt…“  Die Uraufführung der Siebenten Sinfonie fiel in die Zeit der Belagerung der Stadt und der schlimmen Hungersnot. Die Uraufführung konnte keine dramatischeren Umstände finden als sie es tat und die sterbende, aber lebenswillige Bevölkerung lauschte den Klängen.

Wenn man so will, so wurde in Sankt Petersburg ein neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen, als die Matrosen sich mit den revolutionären Fabrikarbeitern vereinigten und Lenin auf dem finnischen Bahnhof aus dem Schweizer Exil zurückkam und die bedingungslose Revolution forderte. Und, gute zwanzig Jahre später, wurde ein anderes Kapitel der modernen Geschichte auch wieder beendet. Die Blockade Leningrads, die vom September 1941 bis zum Januar 1944 andauerte, war die letzte große kannibalische Handlung des deutschen Faschismus. Der Untergang der 6. Armee der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad war die eine, militärische Komponente, die zum Untergang des deutschen Faschismus in der Sowjetunion führte. Das Durchhaltevermögen der Bewohner Leningrads war die andere, moralische Bezwingung des Monsters.

Was passiert mit dem kollektiven Bewusstsein einer Stadt, die auf derartige Ereignisse zurückblicken kann? Haben Revolution, Hunger, Massensterben und Überleben eine Auswirkung auf das Denken und Fühlen in der heutigen Zeit? Wer diese Fragen stellt, wird sie schnell beantwortet sehen, denn die Antwort lautet Ja. Jede Stadt hat ihre Geschichte, und Städte, in denen Geschichte intensiv gelebt wurde, haben eine besondere Mentalität entwickelt, die über große historische Zeiträume wirken. Noch heute vollbringen Römer die Vereinigung von großer Geste und Improvisation, noch heute betrachten die Pariser ihre Stadt asl das eigentliche Zuhause von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, noch heute wähnen sich die Londoner als die Broker der ganzen Welt, noch heute feiert sich New York als gemeinsame Lebenselite. Die Liste kann unbegrenzt fortgesetzt werden, die Metropolen haben Geschichte und Charakter und beides wird gespeist durch ein kollektives Gedächtnis wie Bewusstsein.

Wer da glaubt, durch zeitgebundene Interpretationen die Kraft dieses kollektiven Bewusstseins durchbrechen zu können, der ist gewaltig auf dem Holzweg. Und wer dieses aus einer Distanz erlebt, die weit entfernt ist von dem, was diese Städte geprägt hat, der wird so manchen Unsinn glauben, aber kaum in der Lage sein, die Wirkungsmacht der kollektiven urbanen Identität zu begreifen. Letzteres wiederum ist ungemein gefährlich, weil es Naivität gegen Identität mobilisiert.

Diktatorische Freunde, feudale Arroganz und der lässliche Waffenhandel

Ein soeben von Human Rights Watch veröffentlichter Bericht über die Aktivitäten des türkischen Regimes nach dem Putsch findet deutliche Worte. Das Vorgehen der türkischen Polizei sei schlicht als die Anwendung von Foltermethoden zu bezeichnen. Neben psychologischen werden auch physische Quälereien bis hin zur gezielten Vergewaltigung aufgeführt. Gleichzeitig operiert die Türkei seit Wochen ohne irgend ein sie legitimierendes Mandat militärisch auf syrischem Territorium. Das ist völkerrechtlich gesehen eine Aggression. Nicht ohne Risiko für alle anderen NATO-Partner, denn würden die militärischen Verbände der Türkei in Syrien in Bredouille kommen, träte dann der Bündnisfall ein? Allein das Gedankenkonstrukt zeigt, wie es um die NATO und ihre propagierten Werte bestellt ist. Est kürzlich war Generalsekretär Stoltenberg in Ankara und lobte die Türkei für ihre Rolle im Bündnis. So sieht das also aus, das Ausfüllen von Werten in der Gemeinschaft.

In diesen Tagen wird die Öffentlichkeit mit einer Region konfrontiert, die schon seit langem der Industriegeschichte, aber nicht mehr der Jetztzeit anzugehören schien: Die Wallonie. Dabei handelt es sich um den Französisch sprechenden Teil Belgiens, in dem Kohle und Stahl einmal den Nachthimmel erröten ließen, wo aber Massenarbeitslosigkeit und Perspektivarmut seit Jahrzehnten zum Standard gehören. Wer sich ein Bild von dem Europa machen will, das komplett abgehängt und vergessen wurde, der fahre einmal ins gar nicht so weite Lüttich. Und wer sich dann dort nicht ausweint, der hat kein Herz. Und jene Wallonie ist es, die, so die Berichterstatter in den meisten deutschen Medien, die die Zeichnung des Handelsabkommens CETA zwischen EU und Kanada blockiert oder gar sabotiert. Es ist davon die Rede, dass sich Europa lächerlich mache, und das ist O-Ton von Gabriel bis Schulz, wenn es ein abgehängter Zwerg vermöge, ein solches Abkommen scheitern zu lassen. Diese Attitüde bezeugt bestens, was aus den anti-europäischen Reflexen gelernt wurde. Richtig, nichts, aber auch gar nichts. Mit dieser Haltung ist das Projekt sauber zusende gebracht worden. Bis jetzt, Steigerungen sind nie ausgeschlossen.

Ach ja, und ebenfalls ganz aktuell ist der Rüstungsexportbericht. In dem steht unter anderem, dass Deutschland die Ausfuhr von Kleinwaffenmunition verzehnfacht habe. Das Futter für den Bürgerkrieg, den viele als Hauptverursacher für die Massenflucht wohin auch immer sehen. Das Mantra seit der so genannten Welle, man müsse die Fluchtursachen bekämpfen, um die Massenmigration zu verhindern, war gedacht als geschicktes Ablenkungsmanöver, um die nötige Zeit zu haben, mit Werte-Freunden wie der Türkei bestimmte Deals zu machen, wie die Flucht aus Syrien nach Europa verhindert werden kann. Das ist geschehen, die Fluchtursachen bestehen weiter und der Eindruck drängt sich auf, dass die Produktion von Fluchtursachen zum Wesen der immer wieder hinter Floskeln versteckten Politik gehört.

Was bei den kurzen, nur einem Tag entnommenen Notizen deutlich wird, ist die Diskrepanz zwischen der stets beschönigenden Erzählung und den tatsächlichen Fakten. Wie reich und wie armselig zugleich kann die Erkenntnis eines einzigen Tages, bei einer prima vista-Sichtung der Schlagzeilen nur sein: Einer der wichtigsten Bündnis-Partner ist eine Diktatur, die militärisch aggressiv handelt, in Europa tritt man immer noch auf wie ein Großgrundbesitzer aus der feudalen Ära und den Verbrechern dieser Welt liefert man wie eh und je Waffen nach Belieben. Wer, so stellt sich die Frage, außer den direkten Nutznießern, vermag eine solche Politik noch zu unterstützen?