Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Von Moralisten und Komplizen

Jetzt, kurz vor den amerikanischen Wahlen, taucht das Phänomen wieder in voller Blüte auf. Da baden sich die Beobachter und Kommentatoren in einer Orgie von Entrüstung über die Kandidaten. Zugegeben, sowohl Clinton wie Trump sind Exemplare einer Spezies von Politikern, wie wir sie hier noch nicht kennen, aber bestimmte Grundwesenszüge sehen wir auch hier. Doch darum geht es nicht. Entscheidend scheint zu sein, dass es zu großer Erholung führt, Politikern einen Berufs- wie Lebensstil nachzuweisen, der weit von dem entfernt ist, was der legendäre kleine Mann sich so vorstellen kann. Und es führt dann auch folglich zu zwei Reaktionen, die sehr logisch sind.

Die eine Reaktion konzentriert sich auf die moralische Entrüstung. Da überwiegt der Tenor, dass man mal wieder sieht, wie verkommen die Profession doch ist und, da ist man sich bereits seit Urzeiten einig, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist. Die zweite Reaktion, die ebenso logisch ist, gibt sich etwas selbstkritischer und geht davon aus, dass jeder Mensch, der in die Position eines Politikers käme, sich so verhalten würde. Die Gelegenheiten, die sich für Politiker aufmachen, sind zu nutzen, und wer das nicht mache, sei dumm. Da treffen Moralismus auf Finesse, der Moralismus tritt in der Regel wesentlich lauter auf, aber die andere Position ist genauso häufig vertreten.

Gemein ist den beiden Analysen nur, dass sie die Umstände, in denen sich die Politik treibenden Menschen befinden, als eine beschreiben, in der in der Regel Dinge möglich sind und häufig passieren, die das normale Leben nicht eröffnet. Der Zugang zu den Opportunitäten wird gewährleistet über den Schlüssel zur Macht. Dort, wo Macht im Spiel ist, sind auch die Mittel, zu verführen, zu bestechen und zu verfallen. Da alles, was mit diesen Stimuli in Verbindung steht, durchaus menschlich ist, stellt sich die Frage, wie damit vernünftig umzugehen ist, ohne mit dem moralischen Zeigefinger oder als Komplize dazustehen.

Zurück zum Wahlkampf in den USA: Das, was tatsächlich erzürnt, sind die Verhältnisse, in denen sich die älteste Demokratie der Neuzeit befindet. Wie sind Verhältnisse zu beschreiben, in denen Figuren avancieren, die sich nicht ihrem Metier der Gestaltung sozialer Verhältnisse widmen, sondern sich exklusiv den Interessen partikularer Nutznießer widmen? Dass, vor allem angesichts der jüngsten sozialen Kahlschläge in der amerikanischen Gesellschaft, sich immer schillerndere Gestalten zu diesem Spiel hergeben, liegt doch eigentlich auf der Hand. Da die politische Programmatik verwässert ist bis zur Unkenntlichkeit, können sich diese Unholde, über die sich medial momentan so aufgeregt wird, so entwickeln und halten. Eine Hillary Clinton ist ebenso eine Ohrfeige ins Gesicht der amerikanischen Gesellschaft wie ein Donald Trump. Programmatisch ist das, was beide von sich geben, gleich chaotisch. Das Perverse ist, dass es darauf gar nicht mehr ankommt.

Auch die europäische Politik unterscheidet sich von dieser amerikanischen Tendenz nicht. Die Lobby in der City of London schickt analog ihre Kandidaten ins Spiel und die Lobbyisten der Deutschland AG suchen die am schlechtest sitzenden Anzüge, um mit ihnen das Gleiche zu machen. Es geht seit langem nicht mehr um das, was Politik erreichen soll, sondern um die Figuren, die sich für das Spiel mit den Leckereien am empfänglichsten zeigen. Und solange keine Fragen nach den tatsächlichen politischen Plänen gestellt werden, wird das Spiel so weiter gehen.

Digital-bürokratische Zeitkiller

Keine Zeit zu haben, heißt, sich für etwas anderes zu entscheiden. Dieser Satz, der als Weisheit den Chinesen zugeschrieben wird, scheint vielen, die übervolle Terminkalender haben, manchmal wie ein Hohn in den Ohren. Denn vieles, womit wir uns beschäftigen müssen, entspricht den Funktionen, die wir wahrnehmen. Und letzteres ist kein Schicksal, das uns gegen unseren Willen ereilt. Auf der anderen Seite haben wir das Recht und die Pflicht, uns das, wofür wir uns engagieren oder engagieren lassen, sehr genau anzusehen. Denn vieles, was traditionell mit diesen Funktionen verbunden wird, bedarf einer radikalen Revision, wenn nicht gar einer Neuerfindung. Die digital-zivilisatorische Crux, der wir unterliegen, hat viele Funktionen und Berufsbilder ihrerseits radikal verändert und ihnen nicht selten die Wurzeln geraubt.

Vieles, was durch den Einsatz der Informationstechnologien möglich geworden ist, hat dazu beigetragen, dass immenses Fachwissen vor Ort existiert. Die Eruierung dieses Wissens und die damit verbundene notwendige Protokollierung, die ihrerseits aus einer Verrechtlichung vieler Prozesse resultiert, hat dazu geführt, dass sich viele Funktionen von ihrem eigentlichen Fokus abwenden. Es geht um die Dokumentation all dessen, was getan wird und nicht um die Untersuchung und Betreuung derer, um die es geht. Ein Besuch beim Arzt ist das beste Beispiel. Welcher Mediziner hat noch die Muße, sich einem Patienten zu widmen, ihn anzusehen, ihm in die Augen zu blicken und herauszufinden, worüber er sich eigentlich beklagt. Sie schauen auf den Bildschirm und bedienen die Routine. Und so ergeht es vielen Berufen, und besonders schlimm denen, die eigentlich von der Interaktion leben.

Auch das, was generell mit Management bezeichnet wird, unterliegt derartigen Prozessen. Die IT-Routinen sind besonders für jene, deren einziges Mittel die Kommunikation ist, zu einem regelrechten Fluch geworden. Das sich wie eine Seuche vermehrende Schriftgut, das weder gut noch Schrift ist, sondern ein Konvolut aus bürokratischem Analphabetismus und Alliteratentums, vermehrt sich wie die schwarze Pest im Mittelalter und überflutet die Accounts, Postfächer und Plattformen, auf denen die Informationen liegen müssten, um die es geht. Das Absurde dabei ist, dass die entscheidenden Informationen bzw. die Informationen, die notwendig sind, um gute Entscheidungen zu treffen, bei diesen Datenmassen gar nicht liegen. Sie zu finden, ist die eigentliche Qualität, die ein vernünftiges Management erfordert. Und die These sei hinzugefügt, auch die anderen Berufs- und Funktionsgruppen finden in den dokumentierten, leblosen Routinen nicht das, was sie brauchen, um gute Arbeit zu leisten.

Der Wahn, alles zu dokumentieren, um nach innen zu reglementieren und gegen Rechtsansprüche von außen gewappnet zu sein, hat zu einer gleichzeitigen De-Qualifizierung der eigentlichen Professionalität geführt. Eskortiert wird dieser Prozess von dem, was eingangs beschrieben wurde, vom konsequenten und unersättlichen Raub der Zeit. Und wenn es eine Wahrheit gibt, die in dem chinesischen Sprichwort liegt, dann ist es die, dass anderes, für wen auch immer Relevantes das ist, was es den meisten Menschen verwehrt, das zu machen, was ihre eigentliche Professionalität oder Berufung ist. Daher ist die einzig logische Konsequenz die, sich seinerseits im Rahmen der existenziellen Möglichkeiten für das zu entscheiden, was tatsächlich wichtig ist. Auch wenn die allgemeine digitale Reglementierung sehr harte Rahmen setzt, es ist mehr, als viele denken. Die Grenzen finden aber nur die, die es versuchen. Die Freiheit der Entscheidung ist eine praktische Übung, sie läßt sich nicht theoretisch erörtern.

Trump versus Clinton: Zwei Wechsel auf die Vergangenheit

Auch wenn alle so tun, als wäre es ein abscheuliches Spektakel, ich kann mir nicht helfen, irgendwie scheinen sie sich daran zu laben. Der US-Wahlkampf scheint sehr weit weg zu sein und uns hier, im piekfeinen Deutschland nicht zu berühren. Beides ist falsch, skandalös falsch, aber auch daran haben wir uns gewöhnt. Es geht nicht um richtig und falsch, sondern um Verkaufsaussichten oder nicht. Und einen Eklat verkauft man besser als biedere Fakten. Also das Theater um den Kampf zwischen Donald und Hillary scheint alle sehr zu begeistern. Denn eines ist klar: im nächsten Jahr wird auch hier gewählt und es wird auch hier unterirdisch zugehen, aber die Soap Opera, die in den Staaten mit einem solchen Debakel einhergeht, die werden wir nicht bekommen, vor allem wenn Mutti nochmal ins Feld zieht, dann wird es so bieder, dass klein Michel zwischendurch mal wieder einschläft und am Wahltag völlig durcheinander ist.

In den USA , dem Imperium schlechthin, ist in den letzten beiden Jahrzehnten eine Menge schief gelaufen. Nach dem großen Durchbruch, dem Ende des Ost-West-Konfliktes, stellte sich sehr schnell heraus, dass der Konflikt eigentlich besser war als eine neue Welt, die eine neue Ordnung forderte. Bereits Bill Clinton inszenierte die Renaissance des Grundkonfliktes mit der Sowjetunion, in dem er mit der NATO-Osterweiterung vor den Toren des neuen Russlands bereits in den neunziger Jahren des letzten Jahrtausends wieder begann. Da war die Welt noch geblendet von den politisch korrekten Hexenjagden im eigenen Land, aber als die Amerikaner die Nase von diesen Bevormundungsorgien voll hatten, wählten sie George Bush, der das politisch Korrekte durch anglikanischen Dogmatismus ersetzte und den aggressiven Imperialismus in neue Höhen trieb.

Eine militärische Intervention folgte der anderen, ein Regime Change nach dem anderen wurde inszeniert. Was als Resultat festgehalten werden kann ist eine immense Verunsicherung in der Welt, eine Eskalation der Verwerfungen und die Aussicht auf weitere, neue militärische Konflikte, zu denen der zwischen Ost und West wieder hinzugekommen ist. Ob die US-Bevölkerung davon eine Ahnung hat, lässt sich schwer abschätzen. Was sie weiß, ist, dass sich die Zeiten ändern werden, und zwar gewaltig. Ja, die Historiker verweisen immer wieder auf das römische Imperium, das mehrere hundert Jahre gebraucht habe, um unterzugehen. Aber es ändert ja nichts an der Betrachtung, dass die USA sich in einer anderen Welt neu orientieren müssen, genauso wie alle anderen auch. Die Aggressivität gegenüber Russland entspringt genau dieser Einsicht und dem Widerwillen dagegen. Russland steht mit seinen Ansprüchen für eine neue, multipolare Weltordnung, die USA dagegen.

Weder Trump noch Clinton stehen für eine neue Vision der USA. Trump, der Selfmademan mit den schlechten Manieren, steht für die Sehnsucht nach den alten Zeiten, in denen hohe Risikobereitschaft und Schnoddrigkeit reichten, um in diesem Land sein Glück zu machen. Clinton hingegen steht für die Wall Street-Maschinerie und die sie orchestrierenden Ostküsteneliten, die es in den letzten Jahrzehnten vermocht haben, dass Land systematisch zu ent-demokratisieren. Was ist das für eine Wahl? Entweder die Vergangenheit, die für manche schön war, oder die Vergangenheit, die für viele schlecht war? Ziemlich bescheiden. Wahrscheinlich ist die Prognose, dass es die Wahl sein wird, nach der vieles so sein wird, wie es noch nie war.