Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Living in the Past

Das mit der Modernität ist so eine Sache. Unzählige Definitionen konkurrieren miteinander und es könnte gegensätzlicher nicht zugehen. Fest steht, dass mit der Moderne die Bewertung derselben einherging. Diejenigen, die von der rasanten Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der Allzugänglichkeit von Wissen und der Gewerbefreiheit profitierten, interpretierten die Moderne als das Endziel der Gattung, und diejenigen, die Privilegien verloren oder der messerscharfen Konkurrenz nicht standhalten konnten, verfluchten sie von Anfang an. Seit langem, spätestens seit dem, was Adorno und Horkheimer in ihrer Schrift „Die Dialektik der Aufklärung“ benannt hatten, gilt die Moderne als eine bereits historische Epoche, die potenziell Grausames wie Befreiendes hervorbringen konnte und die vorbei ist. Was wir heute durchleben, ist zwar noch umstritten, aber die Moderne mit ihrer großen Erlösungsbotschaft ist es nicht mehr, aber modern, so das gemeinsame Urteil aller, modern sind die Zeiten immer noch.

Ja, es ist widersprüchlich, und ja, an dem Begriff der Modernität scheiden sich immer noch die Geister. Für die einen ist es eher eine Denkweise, die sich in den radikalen, aber toleranten Kategorien der Aufklärung bewegt. Für die andern ist es die sich ständig revolutionierende Technik, die mit ihren Halbwertzeiten atemberaubende Erneuerungen mit sich bringt. Fest steht, dass zu viel polarisiert wird, und das Maß zwischen technischer Machbarkeit und Vernunft eine zu geringe Rolle spielt. Der Mensch in der Moderne an sich ist ein überfordertes Rudiment aus dem Dreißigjährigen Krieg, das sich anmaßt, mit elaborierter Technik Prozesse steuern zu können, deren Ende offen ist. Die Offenheit wiederum hält es nicht aus, deshalb wird aus der Steuerung noch ein besonderes Desaster.

Aber die Aporien der Moderne sind bekannt, und es wird noch vieler Erfahrungen und glücklicher Umstände bedürfen, um sie und ihre Folgeperioden vernünftig beurteilen zu können. Was jedoch heute bereits gelingt, sind bestimmte diagnostische Versuche auf bestimmte konkrete Erscheinungen. So schnell, wie die Technik entwickelt wird und diese auf die konkreten Lebens- und Arbeitsumstände wirkt, genauso schnell werden Theorien geboren, die die Menschen auf die konkreten Existenzbedingungen einschwören sollen. Vor allem die Managementtheorien sind ein unerschöpflicher Fundus für Erkenntnisse über das Verhältnis von Produktionsbedingungen zu den in ihnen zu beobachtenden menschlichen Unzulänglichkeiten.

Als versucht wurde, durch Regulierung und Bürokratisierung der Dynamik Herr zu werden, kam der Zeigefinger mit der Propagierung des Lean Management, als zu sehen war, dass die wachsende Komplexität der Prozesse dazu führte, die partikularen Interessen in den Vordergrund zu schieben und eine Eigendynamik zu entwickeln, wurde mit dem Management By Objectives daran gemahnt, die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Ein ganzer Wald von Theorien durchzieht die jüngere Geschichte, und alle beschreiben eher die Defizite, an denen die Entwicklung leidet, als dass sie analytisch eine Lösung böten. Sie wirken eher wie Appelle an die Vernunft, als Konzepte für ein anderes Vorgehen.

Der Appell, der momentan als jüngste Theorie durch die Werkshallen, Büros und Labors hallt, ist der der Agilität. Und wenn ein Theorem diagnostischen Charakter hat, dann ist es dieses. Es appelliert an die Beteiligten, durch Aktivität und Impulsivität die Arbeit zu bereichern und die Prozesse voran zu treiben. Wenn so etwas gefordert wird, dann scheint es nicht mehr präsent zu sein. Das ist der eigentliche Befund. Produktive Prozesse erfordern prinzipiell agile Subjekte, sonst sind sie nicht produktiv. Aber die zur Theorie erhobene Tautologie macht deutlich, dass die Konstellationen eher so sind, dass die Subjekte zu sehr dominiert werden von Faktoren, die menschliche Kreativität unmöglich machen. Und das wäre alarmierend.

Von Klassen und Optionen

Manchmal ist festzustellen, dass Begriffe, die längst nicht mehr zeitgemäß galten, von einer neuen Entwicklung wieder eine Dynamik und Aktualität erhalten. Der Begriff der sozialen Klasse ist so ein Beispiel. So, wie unsere Gesellschaft sich auf eine zunehmende Polarisierung zubewegt, hat sie ihre Entsprechung in der Fokussierung auf die Menschengruppen, die dabei eine Rolle spielen. Es gibt diejenigen, deren Reichtum kaum noch mit bloßem Auge zählbar ist und diejenigen, die, um sich den Luxus einer zusätzlichen Tube Senf leisten zu können, für einen Lohn von einem Euro in der Stunde zur Arbeit gehen. Oder da sind auf der einen Seite diejenigen, und es sind durchaus viele, die von der Globalisierung profitiert haben, die mehrere Sprachen sprechen, häufig reisen, einen entsprechenden Horizont vorweisen und in vielerlei Hinsicht als Spezialisten gelten. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, die nie ihr nahes Umfeld verlassen haben und die jede Veränderung zeitgleich mit einer weiteren Einschränkung erleben.

Im klassischen Sinne haben die beschriebenen Gruppen nichts mit der sozialen Klasse zu tun, die vor allem von Marx definiert worden ist. Aber ihre Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen Lager hängt in starkem Maße mit den sozialen Ausgangsbedingungen zusammen. Der Klassenbegriff passt dennoch sehr gut, weil er die Verwerfung beinhaltet, die mit der Zugehörigkeit zur einen oder anderen Gruppe vermittelt wird. Zu den Klassen gehört Kampf, weil sie sich in ihrer Erfahrungswelt wie in ihrem Interesse diametral entgegenstehen. Und dass sich diametral gegenüber stehende Klassen gegenseitig diffamieren, ist so alt wie die Klassen selbst. Auch das ist gegenwärtig zu erleben, die in vielerlei Hinsicht begüterten schreiben den Verlierern den entsprechenden Horizont ab, und letztere wiederum werfen den Gewinnern vor, sie hätten auch die letzte Ahnung vom Leben verloren. Das Tragische, das sich hinter diesen gegenseitigen Vorwürfen verbirgt, ist, dass beide Seiten Recht haben. Da wird wohl kein Konsens mehr gefunden werden. Die Zeichen stehen auf Sturm.

Zur Beobachtung der gesellschaftlichen Spaltung gehört noch eine andere Kategorie, die zumindest mental eine große Rolle spielen wird. Es ist die der Wahl, der Option. Auf der einen Seite hat die Individualisierung dazu geführt, dass es unzählige Optionen für diejenigen gibt, die es sich leisten können. Ein Besuch in einem Restaurant macht es deutlich: wer es bezahlen kann, muss ein regelrechtes Bio-Interview führen, bis seine Bestellung die individualisierte Note bekommt, die ihm der Gastronom, der sich an dem Grundbedürfnis der Spezifizierung ausrichtet, anbietet. Auf der anderen Seite wird eine Frikadelle immer eine Frikadelle bleiben. Ein Teil der Gesellschaft durchlebt eine regelrechte Orgie der Optionen, während der andere sich auf die monotone Ausrichtung des Notdürftigen beschränken muss. Es versteht sich, dass sich das Verständnis für das Varianzbedürfnis der anderen, der Gewinner, in Grenzen hält und als Gespreiztheit erlebt wird. Auch da sieht es finster aus, wenn noch jemand auf Versöhnung spekulieren sollte.

Bleibt noch eines: In Zeiten der zunehmenden Optionen, quasi auf einem historischen Hoch der Möglichkeit individualisierter Entscheidung in der Politik mit einem Begriff wie „alternativlos“ zu arbeiten, hat die gleiche Qualität wie die berühmten Worte der letzten französischen Königin Marie Antoinette, die den nach Brot rufenden, hungernden Aufständischen riet, im Falle des mangelnden Brotes doch Kuchen zu essen. Wenn der Zynismus nicht mehr bemerkt wird, ist es längst zu spät.

Und noch ein Gedicht

Die demoskopischen Institute und Meinungstransporteure hierzulande haben nun genug bewiesen, wie vertrauensvoll ihre Prognosen sind. Jeder ist gut beraten, ihre Aussagen kritisch zu sehen und noch besser beraten, sich sein eigenes Bild zu machen. Nichts ist derzeit getrübter als die öffentliche Betrachtung. Und so verwundert es nicht, dass das, was zum Beispiel das Politbarometer turnusgemäß veröffentlicht, nämlich die Spitzensympathiewerte für Bundesaußenminister Steinmeier im Kontext der Absprachen zur bevorstehenden Bundespräsidentenwahl keinen Bestand haben. Die spontanen Reaktionen vieler, denen ich begegnet bin, war eine andere.

Zur Person beziehungsweise zu der Politik, für die er steht, gab es unterschiedliche Kritikpunkte, was normal ist. Sie reichten von seiner maßgeblichen Beteiligung an der Agenda 2010, die für die Verschärfung des Arbeitslosenmanagements steht, über seine Rolle im Ukraine-Konflikt, die laue Haltung gegenüber dem türkischen Präsidenten Erdogan bis hin zu seiner Weigerung, dem neu gewählten Präsidenten der USA als deutscher Amtsträger zu gratulieren. Es handelt sich also um eine durchaus gemischte Beurteilungslage, die allerdings sofort zum Vorschein kam, anstatt spontaner Begeisterungsstürme.

Was allerdings die Diskussionen überwog, war die Unterminierung der demokratischen Gepflogenheiten. Angesichts der jetzt entstandenen Lage, so die Kritik, sei es grotesk, eine Bundesversammlung einzuberufen und eine Wahl zu zelebrieren, die keine ist. Dieses Argument bildete den Kern der Kritik um den aus der Bundesregierung nominierten Steinmeier und dieser Sachverhalt belegt, dass durchaus eine Vorstellung darüber herrscht, wie die Dinge verlaufen sollten. Zumindest auf Seiten großer Teile der Bevölkerung.

Die Unterstellung scheint nicht für die Mitglieder der Bundesregierung zu gelten, die zwar auf das Heftigste gegen den Populismus und den amerikanischen Präsidenten Trump wettert, auf der anderen Seite sich aber gebärdet wie das politische Personal einer moralisch alles andere als überlegenen Formation. Dass diese Bundesregierung mit doppelten Standards arbeitet, übrigens etwas, das die mittlerweile liquidierte Friedensbewegung historisch immer den USA vorgeworfen hat, gilt als nicht mehr aufregende Feststellung. Die Bedingungen, die Kanzlerin Merkel dem amerikanischen Präsidenten als Voraussetzung für eine Zusammenarbeit genannt hat, würden sowohl im Falle der Ukraine als auch angewendet auf die Türkei zu regelrechtem Hohngelächter führen. Einen Kompass, der verlässliche Orientierung für das Handlungsmuster dieser Regierung geben würde, ist nicht vorhanden. Die einzige Konstante ist der Wirtschaftsliberalismus und ungezügelter Warenexport. Das sind die Werte, auf die der aufmerksame Beobachter allerdings zuverlässig bauen kann.

Angesichts des sich weiter im Aufwind befindlichen und tatsächlich beklagenswerten Populismus mit dem Argument zu kommen, in der momentanen politischen Lage Stabilität. Oder gar Vernunft zeigen zu müssen, dokumentiert allerdings eines: Weder Kanzlerin Merkel noch SPD-Chef Gabriel scheinen die Zeichen der Zeit noch lesen zu können: Dem allgemeinen Vorwurf, die herrschende Politik mache sowieso, was sie wolle, und schere sich weder um Form noch Geist der Demokratie, mit einer Aushöhlung demokratischer Prozeduren zu begegnen und sich dabei auf die demoskopisch ermittelte Beliebtheit des Kandidaten zu berufen, ist entweder Ausdruck gemeingefährlicher Naivität oder von abgrundtiefem Zynismus. Populismus wird nicht dadurch bekämpft, dass seine Ursachen verstärkt werden. Dass bei dem ganzen Schauspiel gleich auch noch Manfred Schulz auf einem Stuhl saß wie ein Stellenbewerber, liefert auch noch die richtigen Bilder zur Legende des Selbstbedienungsladens.

Nur wenige Tage nach der Wahl Donald Trumps hat die Bundesregierung mit den Vorschlägen der Privatisierung der Autobahnen und zur Wahl des Bundespräsidenten zwei profunde Beispiele dafür geliefert, dass mit ihr der Populismus nicht in den Griff zu bekommen sein wird.